Viele Jahre schon hatten wir davon geträumt, das Baltikum zu bereisen. Doch erst kam Corona und legte die Welt lahm, dann der russische Überfall auf die Ukraine – und plötzlich erschien es uns wenig verlockend, so nah an die Grenzen eines Krieges zu fahren. Irgendwann aber, nach langem Zögern und noch längerem Abwägen, fassten wir uns ein Herz. Das Baltikum wartete. Und es sollte uns überraschen, von der ersten Stunde an.
Um die lange Fahrt im Wohnmobil zu verkürzen, wollten wir ursprünglich die Fähre von Travemünde nach Klaipėda nehmen – doch wer glaubt, man könne so eine Reise spontan planen, wird eines Besseren belehrt: Schon im März waren alle Überfahrten restlos ausgebucht. Also disponierten wir um und buchten die Fähre von Travemünde nach Liepāja in Lettland. Nicht die günstigste Option, aber eine kluge: Man spart sich die Fahrt quer durch Polen bis an die litauische Grenze, und die Überfahrt selbst – ein halber Tag auf der Ostsee – ist bereits die erste Erholungspause der Reise.
Und auf eben dieser Fähre sollte unser Abenteuer beginnen, noch bevor wir baltischen Boden betreten hatten.
Unsere Reise:
Im Gespräch mit Mitreisenden erfuhren wir, dass in Vilnius gerade das große Dainų Šventė stattfindet – das litauische Lieder- und Tanzfest, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feierte. Ein Ereignis, das alle fünf Jahre die ganze Nation in Bewegung versetzt. Dieses Mal ganz besonders: Über 38.000 Menschen hatten an den Aufführungen teilgenommen, und das Fest trug den Titel „Dainų Šventė 100″ – hundert Jahre Gesang, hundert Jahre kulturelle Kontinuität. Wir wussten sofort: Das müssen wir sehen. Kurzerhand schmissen wir unsere ursprünglichen Reisepläne über Bord und fuhren direkt vom Fährhafen aus los in Richtung Vilnius. Ein wilder Ritt durch die Nacht – und wir kamen mitten in die Stadt, die gerade aus allen Nähten platzte.
Denn es war Samstag, der 6. Juli: Der große Festumzug startete um 16 Uhr am Kathedralenplatz und zog durch die Stadt bis in den Vingis Park Dainusvente, wo abends das große Abschlusskonzert stattfinden sollte. Und als wäre das nicht genug, fiel dieser Tag auch noch mit dem litauischen Nationalfeiertag zusammen – dem Jahrestag der Krönung des Großfürsten Mindaugas, des einzigen Königs Litauens. Die Stadt war im Ausnahmezustand, in der besten aller möglichen Weisen.
Was dann folgte, vergessen wir nie. Auf dem Stellplatz nahe der Burg trafen wir völlig überraschend Freunde – die Welt ist klein, und das Wohnmobilleben noch kleiner. Gemeinsam mischten wir uns unter die Massen und ließen den Umzug an uns vorbeiziehen: hunderte von Chören, jung und alt, Tanzgruppen in prächtigen Trachten, die Frauen mit Blumenkränzen und Bändern im Haar, die Männer aufrecht und stolz. Es war eine lebendige, farbenfrohe Welle der Kultur, die durch die Altstadt floss und uns einfach mitris.
Und dann, um 21 Uhr, im Vingis Park, vor der großen Sängermuschel – geschah etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt. Aus dem Nichts begannen die Zehntausenden Menschen um uns herum – es mögen 70.000, vielleicht 100.000 gewesen sein – die litauische Nationalhymne zu singen. Nicht als organisiertes Signal, nicht auf Kommando. Einfach so. Eine Stimme nach der anderen, bis der ganze Park zu singen schien. Uns liefen die Schauer über den Rücken. In diesem Moment war klar: Jetzt sind wir wirklich angekommen.
Gänsehautfeeling bei der Hymne
Das singende Baltikum – eine Kultur, die Völker rettet
Was wir in Vilnius erlebt haben, ist kein Einzelfall und kein Zufall. Es ist der Ausdruck einer Kulturtradition, die tiefer reicht als jede politische Geschichte dieser Länder.
Die Liederfeste – auf Estnisch laulupidu, auf Lettisch dziesmu svētki und auf Litauisch dainų šventė – finden in allen drei baltischen Republiken statt (Link: Sängerfeste) und sind weit mehr als bloße Kulturveranstaltungen. Die Tradition des Sängerfestes wurde von Deutschbalten Mitte des 19. Jahrhunderts ins Baltikum gebracht, damals noch Teil des russischen Kaiserreichs. In Städten und Dörfern gründeten sich Gesangsvereine, die sich gelegentlich zu gemeinsamen Festen des Gesangs trafen – so begann eine Tradition, die bis heute trägt.
Das erste estnische Liederfest fand 1869 in Tartu statt, 1873 folgte Lettland mit seinem ersten Allgemeinen Liederfest in Riga, und Litauen zog 1924 nach, als das Land nach Jahrhunderten fremder Herrschaft seine staatliche Unabhängigkeit erlangt hatte.
Die Lieder selbst sind das Herzstück dieser Tradition. In Lettland gelten die Volkslieder, die Tautasdziemas oder Dainas, als grundlegender Bestandteil der Kultur – es gibt Lieder für nahezu jede Stimmung und Lebenslage, und in den Dainas finden sich sogar Spuren der alten heidnischen Mythologie. In Litauen nennt man die Volkslieder Dainos – ihre Zahl schätzt man heute auf rund 400.000. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben und unterscheiden sich von Dorf zu Dorf und von Region zu Region. Allen gemeinsam ist eine lyrische Erzählweise mit vielen Diminutiven, die durchweg innig und sanft wirken. Goethe bezeichnete die litauischen Dainos einst als „in Schmerz gehüllt“. Besonders einzigartig sind die Sutartinės aus dem Nordosten Litauens, ein mehrstimmiger Frauengesang, der 2008 als weltweit einmaliges Liedgut ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde.
Zum Herzstück der Sängerfeste gehören überall im Baltikum die großen Sängermuscheln – gewaltige Freilichtbühnen aus Holz und Stein, die eigens für Massenchöre errichtet wurden. In Tallinn fasst das berühmte Sängerfeld mit seiner charakteristischen Muschelschale Zehntausende Sänger auf der Bühne und rund 70.000 Zuschauer im Publikumsbereich
In Riga wurde die Freilichtbühne im Mezaparks grundlegend erneuert: Die neue Anlage kann fast 13.000 Chorsänger auf der Bühne aufnehmen, während über 30.000 Sitzplätze für das Publikum bereitstehen. Diese Sängermuscheln sind keine bloßen Konzerthallen – sie sind nationale Symbole. Wer durch das Baltikum reist, wird feststellen, dass es solche Freiluftbühnen nicht nur in den Hauptstädten gibt. Fast jede Stadt, jede größere Gemeinde hat ihre eigene Muschel, ihren eigenen lauluväljak, ihr eigenes dziesmu laukums – Orte, an denen Chöre öffentlich singen, im Sommer, spontan, als wäre es das Natürlichste der Welt.
In Lettland allein gibt es heute 370 gemischte Chöre, Frauen-, Männer- und Seniorenchöre. Fast in jeder Schule gibt es einen Chor. Das Singen ist kein Hobby, es ist Alltag.
Und es war mehr als das. Im Jahr 1989 bildeten rund zwei Millionen Menschen aus Estland, Lettland und Litauen eine 650 Kilometer lange Menschenkette von Vilnius über Riga bis Tallinn – singend. Diese „Singende Revolution“ führte wesentlich zur Auflösung der Sowjetunion und zur Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten. Das Lied war hier keine Metapher für Freiheit. Es war Freiheit. 2003 erklärte die UNESCO die Tradition der Lieder- und Tanzfeste in Estland, Lettland und Litauen zum Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit – eine Anerkennung, die kaum treffender sein könnte.
Wir haben diese Tradition an einem einzigen Juliabend in Vilnius gespürt – und sie hat uns nicht mehr losgelassen. Die ganze Reise durch das Baltikum sollte danach klingen.
Später saßen wir auf Picknickdecken im Gras, tranken Bier mit den Menschen neben und hinter uns – ein geteiltes Bier genügt manchmal, um einen Fremden zum Freund zu machen – und lauschten den Geschichten, die uns die Litauer stolz von ihrem Land, ihrer Kultur und ihrem Leben erzählten. Gesang, Tanz, Trachten – das ist hier kein Museumsstück, das ist gelebtes Leben.
Was den Abend dann vollends unvergesslich machte: Als das Fest sich langsam auflöste und die Menschen den Park verließen, blieb – nichts zurück. Kein Müll. Keine Dosen. Keine Plastiktüten. Hunderttausend Menschen hatten alles, was sie mitgebracht hatten, auch wieder mitgenommen. Vollständig. Stillschweigend. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Vielleicht ist es das, in Litauen. In Deutschland könnten wir uns da ein Beispiel nehmen.
Das erwartet uns als nächstes: Mitten in Vlinius liegt ein eigener Staat: Užupis
Wir bleiben noch in Vilnius, das zu schön ist, um gleich weiter zu fahren.
Und nun schauen wir uns Užupis an – Lasst euch überrachen!
Baltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
*Die hier verwendeten Links sind Provisions-Links, auch Affiliate-Links genannt. Wenn Sie auf einen solchen Link klicken und auf der Zielseite etwas kaufen, bekommen wir vom betreffenden Anbieter oder Online-Shop i.d.R. eine Vermittlerprovision. Es entstehen für Sie keine Nachteile beim Kauf oder Preis.
Entdecke mehr von Womo.blog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

































2 Kommentare
Ein sehr schöner Reisebericht mit tollen Fotos.
Vielen Dank.
Und es wird noch schöner