Trakai – die rote Burg und der See – Baltikum Roadtrip 03

Von Vilnius aus sind es nur 28 Kilometer nach Trakai – aber es fühlt sich an wie ein Sprung in eine andere Welt. Keine Großstadt mehr, keine Straßenbahnen, kein Lärm. Stattdessen: Seen, Wälder, und mittendrin eine Burg, die aussieht, als hätte sie ein Märchenbuchillustrator erfunden.

 

Nadja und ich blieben zwei Nächte, also drei Tage. Unser Stellplatz war ein kleiner Parkplatz an einem Bootshafen direkt am Galvė-See – einfach, ruhig, und mit dem schönsten Morgenblick, den man sich vorstellen kann. Das Wohnmobil stand keine zwanzig Meter vom Wasser entfernt, und wenn man morgens die Tür aufmachte, glitzerte der See im frühen Licht. So soll das sein.

Die Burg

Man kommt um sie nicht herum – bildlich und wörtlich. Die Inselburg Trakai liegt mitten im Galvė-See, auf einer Insel, die aus drei zusammengewachsenen kleinen Inseln besteht. Eine hölzerne Brücke führt hinüber, und schon beim ersten Schritt darauf begreift man, warum diese Burg zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten des ganzen Baltikums gehört: Der rote Backsteinbau mit seinen kegelförmigen Türmen spiegelt sich vollständig im Wasser, und egal aus welchem Winkel man schaut – das Bild ist jedes Mal unwirklich schön.

Wir besichtigten die Burg ausführlich, gingen durch alle zugänglichen Räume und Höfe. Im großen Gewölbesaal – Backsteinrippen, Kronleuchter, ein schwarzer Flügel in der Ecke – konnte man sich tatsächlich vorstellen, wie hier Fürsten Hof hielten. Die Sammlungen zeigen alles, was das mittelalterliche Leben auf einer Burg ausmachte: Ritterrüstungen, Waffen, Münzen, Uhren, Porzellanobjekte, alte Landkarten und Jagdtrophäen. Irgendwo zwischen dem dritten Ausstellungsraum und dem Blick durch ein schmales Burgfenster auf den See stellte ich mir vor, wie das hier war, als Ritter ein- und ausgingen, wenn draußen auf dem Wasser Schiffe kreuzten und man nicht wusste, ob sie Freunde oder Feinde mitbrachten.

Und natürlich: Noch während wir dort waren, liefen irgendwo oben Handwerker über Gerüste. Die Restaurierung geht weiter – wie sie es schon seit Jahrzehnten tut.

Unser Stellplatz:

Haben wir zu spät entdeckt: Es gibt einen kleinen Campingplatz direkt Trakai

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Google Maps. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Wissenswertes: Der Wiederaufbau der Burg

Die heutige Burg Trakai ist eine sorgfältige Rekonstruktion. Das Original wurde 1655 im Russisch-Polnischen Krieg zerstört und verfiel über Jahrhunderte zur Ruine. Erst ab 1955 begannen die litauischen Architekten Bronius Kruminis und Stanislovas Mikulionis mit der systematischen Rekonstruktion – angelehnt an historische Dokumente und archäologische Funde. Die Arbeiten dauerten bis 1987 und werden mit EU-Fördermitteln bis heute fortgeführt. Was man sieht, ist kein Disneyland, sondern ein historisch begründeter Wiederaufbau eines der wichtigsten Baudenkmäler Litauens.

Besonders beeindruckt hat mich übrigens ein Detail: Der Wasserstand des Galvė-Sees war beim Bau der Burg fast zwei Meter höher als heute. Was heute trocken gefallene Gräben sind, war damals wassergefülltes Burgverteidigungssystem. Die Burg war damals noch schwerer einzunehmen als sie ohnehin schon aussieht.

Vom Kajak aus

Die beste Perspektive auf die Burg bekommt man nicht von der Brücke, sondern vom Wasser. Nadja und ich paddelten mehrfach mit dem Kajak um die Insel herum – einmal am Morgen, einmal am späten Nachmittag, und einmal abends, als die Sonne tief stand und die Backsteinmauern in warmem Orange leuchteten. Vom Boot aus sieht man die Burg wie aus dem 15. Jahrhundert: das Wasser ringsum, die Türme, kein Auto, kein Parkplatz, kein Souvenirladen. Nur die Burg und der See.

 

Und dann, ich flog gerade mit der Drohne, steigen in der Nähe Heißluftballons auf – einer, zwei, drei. Einer davon zog langsam über die Burg hinweg. Zwei andere hoch in der Luft. Dann begann der eine zu Sinken, bis er fast das Wasser berührte,  dazu die untergehende Sonne – ein Fest der Sinne.

Diese Bücher begleiten uns:
Bruckmann

Wissenswertes: Geschichte und Leben auf der Burg

Mit dem Bau begann Großfürst Kęstutis in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts; sein Sohn Vytautas der Große vollendete sie und machte Trakai ab 1409 zur Hauptstadt des Großfürstentums Litauen. Zu dieser Zeit reichte das litauische Reich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Die Burg war Residenz, Staatskasse und Verhandlungsort – Vytautas starb hier 1430. Militärisch hielt die Burg jedem Angriff stand; gegen Kreuzritter des Deutschen Ordens ebenso wie gegen innerlitauische Machtkämpfe. Kein Feind hat sie je eingenommen. Seit 1962 ist in der wieder aufgebauten Anlage das Historische Museum Trakai untergebracht – mit über 40 Ausstellungsräumen und einer Sammlung von mehr als 400.000 Objekten.

Die Touristengasse und das Essen

Entlang der Uferstraße zieht sich eine gemütliche Reihe von Restaurants und Cafés. Wir aßen litauisch – und das war eine sehr gute Idee.

 

Kibinai – das sind die halbmondförmigen Teigtaschen, goldbraun gebacken, gefüllt mit Lammfleisch und Zwiebeln, es gibt sie aber auch vegtarisch. Man bekommt sie in Trakai an fast jeder Ecke, denn sie kommen aus der Küche der Karaimen, jener kleinen türkischsprachigen Minderheit, die Großfürst Vytautas im 14. Jahrhundert als Leibwache von der Krim nach Trakai holte. Die Männer durften ihre Familien mitbringen und behielten ihre Religionsfreiheit – und ihre Küche. Die Kibinai sind bis heute geblieben.

Cepelinai – der litauische Kartoffelkloß in Zeppelinform, gefüllt mit Hackfleisch, serviert in einer Schüssel mit saurer Sahne, Speckwürfeln und Bratensoße. Der Name kommt tatsächlich von den Luftschiffen der Gebrüder Zeppelin – die Form ist dieselbe. Schwer, sättigend und ausgesprochen gut. Nadja bestellte die kühle rote Bete-Suppe dazu – šaltibarščiai – rosa, cremig, mit hartgekochtem Ei und einem Berg frischen Dills. Beides zusammen: ein perfektes Mittagessen im Sommer.

Der See und das Umland

Trakai ist nicht nur die Burg. Die Stadt liegt eingebettet in über 200 Seen – und man wäre schlecht beraten, das zu ignorieren. Wir machten eine Fahrradtour rund um den See, vorbei an Schilf, Segelbooten, einzelnen Anglern und immer wieder neuen Blicken auf die Burg aus anderen Winkeln. Sehr zu empfehlen – der Weg ist flach, nicht sehr lang, und die Landschaft belohnt einen die ganze Zeit.

Auf dem Weg kamen wir am Gut Užutrakis vorbei – einem leuchtend weißen Palast im Neoklassizismus-Stil, der direkt am Seeufer liegt und auf die Burg Trakai blickt. Gebaut wurde er 1902 von Graf Juozapas Tiškevičius nach Entwurf des polnischen Architekten Józef Huss, der Park dazu vom berühmten französischen Landschaftsarchitekten Édouard François André. Später war das Gut Sanatorium für KGB-Offiziere, dann Pionierlager – heute ist es restauriertes Kulturdenkmal und steht allen offen.

Der Park ist wunderschön, still und etwas verwunschen, mit Skulpturen zwischen alten Bäumen – darunter eine Madonna mit Kind, die dem Besucher die Hand entgegenstreckt, als ob sie ihn willkommen hieße. Und dann war da das Wasser: türkis, spiegelglatt, ganz ruhig. Das Wetter war herrlich, die Sonne stand hoch, es war wundervoll warm und wir waren offenbar die Einzigen weit und breit.

Ich hatte keine Badesachen dabei.

Wir waren allein. Das Wasser war erstaunlich warm. Also ab ins Wasser.

Kaum schwamm ich – sagen wir: in natürlichem Zustand – durch die Seerosen, setzte sich eine junge Frau auf den Steg, von dem ich gerade gesprungen war, und machte es sich gemütlich. Nadja stand am Ufer und hat sich glänzend amüsiert, wie ich mich zwischen Seerosen und Steg um meinen Abgang bemühte und meine Sachen in Windeseile anzog. Die junge Frau auf dem Steg hat uns lächelnd ignoriert. Litauen ist ein entspanntes Land.

Der Abend

 

Wir saßen an unserem kleinen Hafen, als die Sonne unterging. Die Masten der Segelboote zeichneten sich gegen den orangenen Himmel ab, das Wasser war glatt wie ein Spiegel, und irgendwo hinter den Bäumen verschwand das Licht langsam hinter dem Umriss der Burg.
Einfach dasitzen und zuschauen, wir sagten nicht viel. Das reicht vollkommen aus, um dieses schöne Land zu genießen.

Baltikum – Reisebericht

Inhaltsverzeichnis:

01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės

 
 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

*Die hier verwendeten Links sind Provisions-Links, auch Affiliate-Links genannt. Wenn Sie auf einen solchen Link klicken und auf der Zielseite etwas kaufen, bekommen wir vom betreffenden Anbieter oder Online-Shop i.d.R. eine Vermittlerprovision. Es entstehen für Sie keine Nachteile beim Kauf oder Preis.


Entdecke mehr von Womo.blog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Share:

Facebook
Twitter
Pinterest
LinkedIn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Entdecke mehr von Womo.blog

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

LogoWomo-rund-MITTE300
Abonnenten
55000

Immer informiert sein!

Jetzt Womo.blog abonnieren:

Dabei sein: