Rumšiškės – Ganz Litauen in einem Park – Baltikum Roadtrip 04

Von Trakai sind es nur gut 50 Kilometer bis Rumšiškės. Keine große Etappe, aber das war Absicht – denn für das, was uns hier erwartete, wollten wir Zeit haben. Viel Zeit.

Wir übernachteten direkt auf dem Parkplatz vor dem Eingang des Litauischen Freilichtmuseums – praktischer geht es kaum. Morgens aufwachen, Kaffee kochen, Tür auf – und schon steht man vor dem Eingang zu einem der größten Freilichtmuseen Europas. So mag ich das.

Freilichtmuseen haben es uns angetan. Es begann in Norwegen, im Maihaugen bei Lillehammer – dieses Gefühl, durch Jahrhunderte zu spazieren, in echten Häusern zu stehen, die echte Menschen bewohnt haben, mit echten Gegenständen, die noch nach Gebrauch aussehen. Seitdem besuchen Nadja und ich in jedem Land, das wir bereisen, solche Museen. Sie erzählen mehr über ein Volk als jedes Geschichtsbuch.

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Gut zu wissen: Das Litauische Freilichtmuseum

Das Lietuvos liaudies buities muziejus – das Litauische Volkskundemuseum – wurde 1966 gegründet und 1974 eröffnet. Es liegt 24 km östlich von Kaunas, direkt am Ufer des Kaunasser Stausees. Auf 195 Hektar wurden 183 Gebäude aus allen Teilen Litauens sorgfältig abgetragen, Balken für Balken nummeriert, transportiert und am neuen Standort originalgetreu wieder aufgebaut – Bauernhöfe, Scheunen, Windmühlen, Holzkirchen, Schmieden, Mühlen und eine komplette Kleinstadt. Einige Gebäude standen bereits vor der Museumsgründung hier: Als 1959 der Kaunasser Stausee geflutet wurde, rettete man mehrere Häuser und die alte Holzkirche, indem man sie kurzerhand versetzte. Das Museum gliedert sich in die fünf ethnografischen Regionen Litauens: Aukštaitija, Žemaitija, Dzūkija, Suvalkija und Kleinlitauen. Mit über 86.000 Exponaten ist es eines der größten ethnografischen Freilichtmuseen Europas.

Diese Bücher begleiten uns:
Bruckmann

Ein ganzes Land auf 195 Hektar

Man betritt das Gelände und braucht einen Moment, um zu begreifen, wie groß das alles ist. Kein Rundgang, den man in einer Stunde abhakt. Wir holten unsere Fahrräder aus dem Wohnmobil und fuhren los – was sich als goldrichtige Entscheidung herausstellte. Zwischen den einzelnen Gehöften liegen Wege, Felder, Baumgruppen; man fährt durch eine Landschaft, die sich anfühlt wie Litauen vor zweihundert Jahren.

Und dann die Blumen. Überall Blumen. Vor jedem Bauernhaus stehen Bauerngärten in voller Sommerpracht – Stockrosen, Phlox, Tagetes, Ringelblumen, alles bunt durcheinander und dabei so selbstverständlich gepflegt, als würden hier tatsächlich noch Menschen wohnen und jeden Morgen nach ihrem Garten schauen. An fast jedem Fenster steht ein Blumentopf, hängen Geranien, ranken sich Pflanzen um die alten Holzrahmen. Die Zäune sind mit Kletterpflanzen überwachsen. Man läuft an einem Gehöft vorbei und denkt: hier möchte ich wohnen.

Unser Stellplatz:

Parkplatz direkt vor dem Museumseingang, L. Lekavičiaus g. 2, Rumšiškės. Kostenlos, eben, keine Einschränkungen. Morgens steht man direkt vor der Kasse – praktischer geht es nicht. In der Nähe gibt es keine Gastronomie, aber das Café im Museum ist gut.

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Auf den Wiesen weiden Pferde, Schafe und Ziegen, und auch Bienen werden gezüchtet. Die Tiere gehören zum Bild wie die Windmühlen und die Scheunen. Kein Schaukasten, kein Museum im üblichen Sinn – sondern ein Ort, der lebt. In den Häusern und Werkstätten arbeiten Menschen: Töpfer, Weber, Schmiede. Sie zeigen, wie es war, nicht mit Schautafeln, sondern mit den Händen. Man kann zuschauen, manchmal mitmachen, Pfeil und Bogen schießen, alte Handwerkstechniken ausprobieren. Irgendwann hört man auf zu merken, dass man in einem Museum ist.

Gut zu wissen: Eintritt & Öffnungszeiten

Erwachsene zahlen 10 EUR, ermäßigt (Kinder, Studenten, Senioren) 5 EUR. Die Innenausstellungen sind von Mai bis September täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Das Gelände selbst bleibt noch etwa eine Stunde länger zugänglich – die Außenansichten der Häuser, Scheunen und Mühlen lassen sich also auch nach Kassenschluss noch in Ruhe anschauen. (Stand: 2026)

Wir blieben von früh morgens bis zum späten Abend – und trotzdem hatten wir das Gefühl, nicht alles gesehen zu haben. Der offizielle Rundweg ist sieben Kilometer lang. Wenn man aber alle Wege zwischen den Baugruppen, die Abstecher zu den Gehöften und den Weg zum See mitrechnet, kommt man leicht auf elf Kilometer und mehr. Es war ein toller, aber auch richtig anstrengender Tag. Wir bleiben auf dem Parkplatz, sitzen noch am Abend mit einem holländischen Pärchen beisammen, es wird lustig. Man trifft immer so unglaublich interessante Menschen auf so einer Tour!

Die Dame im Herrenhaus

Im großen Herrenhaus des Gutshofs Aristavėlė – einem imposanten Holzpalast aus dem 18. Jahrhundert mit langer Veranda und Blick über die weite, sonnige Ebene – wartete eine ältere Dame, die es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht hatte, uns die Geschichte des Hauses und der Familie zu erzählen. Ausführlich, engagiert, mit viel Gestik – auf Litauisch. Wir sprechen kein Litauisch. Sie sprach weder Englisch noch Deutsch.

Was folgte, war eines der schönsten Gespräche der ganzen Reise.

Mit Händen und Füßen, mit Blicken und Zeigen, mit Nicken und Nachfragen per Mimik – wir verstanden erstaunlich viel. Sie zeigte auf Portraits an der Wand, hielt zwei Finger hoch, schüttelte dann den Kopf und machte eine Geste, die nur eines bedeuten konnte: und dann war das alles vorbei. Geschichte erzählen braucht keine gemeinsame Sprache. Es braucht nur jemanden, der erzählen will, und jemanden, der zuhören will.

Die Kleinstadt – und das Hinterzimmer

Mitten im Museumsgelände liegt eine rekonstruierte Kleinstadt – Kopfsteinpflaster, Holzhäuser, Fachwerk, litauische Flaggen im Wind. Im Zentrum gibt es Werkstätten für Töpferei, Weberei und Bernsteinschmuck, und in einem der Cafés gönnten wir uns einen hervorragenden Cappuccino und frisch gebackenen Kuchen. Selbst gemacht, wie es schien – und gut.

Im Laden gegenüber trafen wir auf eine Deutsche – eine angenehme Überraschung mitten in Litauen –, die dort die Ausstellung betreute. Sie zeigte uns alles, was es zu sehen gab. Und dann: „Erwachsene dürfen auch ins Hinterzimmer.“ Wir durften. Was uns dort erwartete, war eine Ausstellung über Dessous und Verhütungsmethoden von vor hundert Jahren – sachlich aufgemacht, historisch interessant, und ausgesprochen komisch. Was die Menschen damals so alles für eine gute Idee hielten. Wir haben herzlich gelacht.

Am See

Ganz am Rand des Geländes, wo das Museum auf den Kaunasser Stausee trifft, gibt es eine kleine Badestelle. Das Wasser war ruhig, der Nachmittag warm, und wir hatten dieses Mal – anders als in Užutrakis – Badesachen dabei.

Es war ein schöner Abschluss eines langen, reichen Tages.

Baltikum – Reisebericht

Inhaltsverzeichnis:

01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės

 
 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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