Norwegen 2016: Flucht nach vorn: Wir brechen ab.

Gestern waren wir noch durch den sagenhaften 360° Tunnel in der Nähe des Voringfossen gefahren. Die Leistung der Ingenieure kann ich gar nicht genug loben. Die Straße verläuft steigend nach oben und beschreibt dabei einen Vollkreis mitten im Berg. Einfach Klasse, was die Jungs drauf haben. Einen Tunnel mit Wendekreisen haben wir in diesem Urlaub gesehen, später dann einen Tunnel mit einem kompletten Kreisel, um genau zu sein, sogar zwei Kreiseln und nun den 360° Tunnel. Als wir diesen vor 25 Jahren das erste Mal fuhren, war es uns vorgekommen wie ein neues Weltwunder.

Die Nacht hatten wir sehr ruhig auf dem sehr großen Parkplatz unweit der Touristenhochburg am Voringsfossen verbracht. Nach und nach waren einige Wohnmobile zu uns gestoßen – wie immer gilt das Motto: Wo einer steht, stehen ganz schnell viele…

In der Nacht regnete es weiter, nach dem Frühstück ließ sich ganz kurz einmal die Sonne blicken. So fuhren wir kurzentschlossen zum Froli-Hotel. Irgendjemand meinte, man müsse dort für den Parkplatz viel Geld bezahlen. Dem war nicht so. Vielleicht liegt es daran, das derzeit eine Besucherterrasse oder Plattform gebaut wird und der Weg zur Wasserfallbeschau nicht gerade einfach ist. Uns hat es gereicht. Der Fluss hat sich in Jahrtausenden tief in das Gebirge hineingeschnitten. Wir wüssten gerne, wie lange es dauert, bis der Wasserfall auch nur einen Meter zurück gewandert ist. 100 Jahre? 1000 Jahre? 10.000 Jahre?


Egal. Die Wassermengen, die sich hier ins Tal stürzen sind so oder so ein Spektakel. Schade, dass das Wetter nicht mitspielt. Wir sitzen im Auto, als es wieder zu regnen beginnt. Wir diskutieren fast eine Stunde, wie es weiter gehen soll. In Odda auf besseres Wetter warten? Denn ein großes Ziel in diesem Jahr war ja die Trolltunga.

Wir haben für diese Wanderung einige Vorbereitungen geleistet.
Inga und ich möchten gerne noch bessere Bilder machen, wie beim letzten Mal:

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Dafür muss ich mich als Fotograf ein Stück abseilen. Die dafür notwendigen Haken haben wir beim letzten Mal schon gesehen und zuhause die ganze Aktion vorbereitet. Ein altes Kletterseil auf 20 Meter gekürzt (um nicht das ganze Seil mitschleppen zu müssen – jeder Meter zuviel wiegt auf der 23 Kilometer-Wandertour doppelt schwer).
Das Abseilen gehört für uns Kletterer zum alltäglichen Tun, aber hier muss man am Ende der Foto-Aktion am fixierten Seil auch wieder aufsteigen. Dazu mit Fotoausrüstung. Das haben wir zuhause im Nußbaum im Garten geübt. Nur für diese Tour einen extra großen Rucksack eingepackt und für die notwendige Übernachtung ein Zelt gekauft.
Das alles nun aufgeben, weil das Wetter nicht mitspielt. Uns stehen Tränen in den Augen, aber es hilft nichts. Auf der norwegischen Wetterseite www.yr.no sind die Aussagen eindeutig:Screenshot_20160727-074434

Mindestens 10 Tage Sauwetter. Wir diskutieren ein dutzend Alternativen: Abstecher nach Stavanger, Versuch im Setesdal klettern zu gehen, in den Westen zurück fahren. Aber überall sind die Vorhersagen entweder vernichtend oder nicht gut genug.
Am Ende entscheiden wir uns für einen Abbruch des Norwegenurlaubs und legen als erstes Ziel den Holmenkollen in Oslo fest, um danach entweder noch ein wenig Oslo zu erkunden oder weiter in Richtung Fjällbacka in Schweden zu fahren.

Somit fahren wir doch nicht noch einmal durch den 360° Tunnel, weswegen meine Einleitung auch den Vortag beinhaltet.

In Richtung Geilo geht es weiter und nach ein paar Kilometern erinnert eine graue Wand aus riesigen Steinen Nadja, dass hier eine Staumauer sein muss. „Und am Rand der Staumauer liegt ein runder Fels. Und auf diesem habe ich vor mehr als 25 Jahren gesessen und du hast ein Bild von mir gemacht. Im Hintergrund war der Gletscher zu sehen! Das Bild hing jahrelang bei mir im Büro.“

Und richtig, ich fahre nach links einen kleinen, sehr steilen Weg hinauf und komme nach 2000 Metern zu einem Parkplatz vor der Staumauer, die, je näher man kommt, immer gewaltiger aussieht. Waren die Kieselsteine, die die Mauer bilden, von der Straße aus betrachtet noch nichts Besonderes, staunt man als Betrachter nicht schlecht, denn je näher man kommt, desto größer wird jeder einzelne Stein. Welcher Riese hat nur all die vielen Kieselsteine hier aufgeschüttet?

Und noch einmal ja: Am Rande der Staumeier liegt tatsächlich der runde Felsbrocken, der als Sitzgelegenheit für das damalige Fotoshooting her gehalten hatte. Erinnerungen werden wach. Verschüttet, aber noch vorhanden, denn als wir über die Hochebene am Rande der Hardangervidda fahren, finden wir sogar noch den kleinen Weg, den wir einst mit dem PKW benutzen, um einsam unser Zelt mitten in die Hochebene zu bauen. Damals war der Weg kaum zu befahren, tiefe Rinnen ließen uns zweifeln, auch wieder zurück zur Straße zu kommen. In der strahlenden Sonne des Tages war es noch warm, als wir unser Zelt aufbauten. Aber kaum war die tiefstehende Sonne hinter einem Hügel verschwunden wurde es bitterkalt in unserem Zelt. In der Nacht fror es sogar und wir waren froh, als die Sonne wieder aufging und uns wärmte.

Heute schüttet es und mit 7 Grad war es schon am Tag nicht angenehm. Die Hardangervidda liegt zur rechten, Jotunheimen zur linken – leider sehen wir von beidem nicht viel.

Erst an der Stabkirche von Torpo hört es auf zu regnen und uns passiert es zum zweiten Mal, dass wir ohne Bargeld nicht weiter kommen: Kein Bezahlen mit Karte möglich. So müssen ein paar Bilder von außen reichen.

In Gol fallen wir dann auf die Stabkirche herein: Eine Reblique der Stabkirche von Burgund steht dort in einem Wikingerpark – beides nicht zu empfehlen. Als wir vor der Kirche stehen, fällt mir die Geschichte wieder ein. Ein paar Minuten früher, hätte sie uns Geld gespart: Die Stabkirche wurde 1996 gebaut und ist, ebenso wie die in Oslo, der Stabkirche in Burgund nachempfunden.

Fairerweise muss man sagen, dass die Kirche solide gebaut ist und der Altarraum auch schöne Schnitzereien vorweist – ein wenig veralbert kamen wir uns aber trotzdem vor. Aber wir wollen nicht meckern, denn wie schon geschrieben: eigentlich hätten wir es besser wissen müssen.

Der Rest der Fahrt nach Oslo ist schnell erzählt: Immer der Hauptstraße entlang und dann den Holmenkollen hinauf, bis es eigentlich nicht mehr weiter geht: Dann den Schildern „Skimuseum“ folgen und sich nicht von der Sprungschanze abschrecken lassen: Ein Tunnel führt unter ihr hindurch und danach kommt ein großer, einladender Parkplatz, der heute wieder einmal unser Nachtquartier werden soll.

Ein Einkaufsbummel im Touristenshop der Schanze ist natürlich Pflicht und ich muss einiges ertragen. So ein Shoppingurlaub ist ja auch ganz schön.

Gerne wollen wir noch einmal ein tolles Bild von der Schanze und unserem Wohnmobil machen.
Aber als es endlich dunkel wird, hat der heftige Regen uns eingeholt: Es schüttet wieder wie aus Eimern. Vielleicht war es doch die weisere Entscheidung, nicht an unseren ursprünglichen Plänen festzuhalten!

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