Freistehen ist verboten! Und gefährlich.

Zumindest sagten uns das die Nachbarn auf dem Campingplatz.
Und dann erzählten sie uns bei fast zwei Flaschen Wein, was irgendwelche Menschen von anderen schon alles erzählt bekommen haben. Echte Erfahrungen mit dem Thema Freistehen hatten sie nicht.

Darf man Freistehen?

Wann ist Freistehen verboten?

Ist  Freistehen gefährlich?

Warum wollen Menschen überhaupt Freistehen? Wo es doch so schöne Campingplätze und Stellplätze gibt?

Kaum ein Thema wird unter Campern so heftig diskutiert, wie das Thema Freistehen.

Unter Freistehen versteht man das Übernachten außerhalb eines Camping- oder Stellplatzes. Das kann einmalig oder mehrfach sein. Aber immer ohne Infrastruktur, ohne Strom, Dusche, Ver- und Entsorgung.

Dementsprechend gut ausgestattet muss das Wohnmobil oder der Caravan sein.  Der Wasservorrat muss genauso passen, wie der Abwassertank. Die Toilettenkassette sollte leer sein, mindestens eine weitere in Petto. Ausreichend Batteriekapazität, sehr sinnvoll dann eine Solaranlage, eine Efoy oder ein benzingetriebenes Stromaggregat – wobei ein sogenannter Moppel (mobil?) einfach in unsere heutige Zeit nicht mehr passt: Es stört die Ruhe, stinkt und ist durch bessere Lösungen ersetzbar.

Was macht den Reiz des Freistehens aus? Warum wollen viele gerne Freistehen? Hat es etwas mit der Zelterfahrung in jungen Jahren zu tun, als man mit dem Fahrrad und dem Zelt los zog und auf irgendeiner Lichtung oder am Fluss sein Lager aufschlug. Gewaschen wurde im Bach, die Notdurft vergraben, die Flasche Wein brachte die Bettschwere.

Oder sind es die TV-Berichte über Familienurlaube im australischen Outback, in Kanada oder Neuseeland, die uns vom freien Stehen träumen lassen?

Und dann  kommt wieder die Caravaning Reklame des  „Caravaning Industrie Verbands“ mit seinen schönen Bildern zum Freistehen im TV: Die Lagerfeuerathmospäre aus der Caravaning-Reklame vor den Hauptnachrichten hat meist nichts mit der Realität zu tun. Die Werbung suggeriert: Einfach mit dem Wohnwagen auf die Wiese vor den Fluss, Lagerfeuer an und nichts und niemand stört sich daran. Das Idealbild wird ständig gepflegt und mit Varianten ergänzt. 

Die Urlaubsrealität der meisten Urlauber sieht hingegen ganz anders aus. Statt freier Wiese am See, überfüllte Campingplätze mit festen, starren Regeln. Statt Freiheit und Ruhe gibt es Enge und Hektik. Man tauscht den Stress von Zuhause mit dem Stress am Urlaubsort. Dabei sehnen sich die meisten Camper einfach nur nach Ruhe und Geborgenheit. 

Warum stehen sie dann nicht frei?
Für ein, zwei Tage könnte fast jedes Wohnmobil oder Wohnwagen freistehen. Und über Nacht schafft das mit Sicherheit jeder.
Doch beim Freistehen schwingen plötzlich Urängste mit: Allein sein. Dunkelheit. Unbekannte Geräusche. Diebesbanden, Einbrecher, Vergewaltiger, Tiere, Wildschweine, Wölfe.
In der Nacht wird alles bedrohlich und größer. Die Sinne schärfen sich, man hört auch leise Geräüsche aus der Ferne, sogar durch Wohnwagenwände hindurch.

 

Ganz allein im Wald oder Feld, mitten in der Nacht. Kein Laternenlicht, kein Mondschein. Es raschelt im Gebüsch.
In der Ferne zeigen sich Autolichter, die langsam näher kommen. Dann geht das Licht aus. Nicht weit entfernt…

Wenn sie nun feuchte Hände bekommen haben, dann können sie sich vorstellen, was einem beim Freistehen durch den Kopf gehen kann.
Wenn dann am nächsten Morgen der dunkle Schatten eines Mannes sich als Holunderbusch entpuppt, die Sonne über den Horizont lugt und die Welt in zarte Farben taucht, der Frühstückstisch direkt am Waldrand mit gigantischer Fernsicht steht, sind die Schrecken der Nacht vergessen.

Doch wenn dann der Bauer vor der Tür steht, der Jagdpächter, Förster oder Polizist, kann der Spaß schnell zu Ende sein.

Was ist erlaubt, was ist verboten.
Und vielleicht wichtiger: Was sollte man tunlichst vermeiden, auch wenn es erlaubt ist.

Zuerst einmal: In fast allen Ländern ist das übernachten nicht verboten. Meist wenn es dem „Wiederherstellen der Fahrtüchtigkeit“ dient.
Man fährt spät abends noch durch die Lande und will nur einige Stunden schlafen, um anschließend weiter zu fahren. Dafür hat man vollstes Verständnis.

Stehen Tisch und Stuhl vor die Tür, hängt die Hängematte auf und richtet sich wohnlich ein, wird es schon spannender: Geregelt ist es nicht einheitlich, sogar einzelne Kommunen können unterschiedliche Regeln aufstellen.
Im Ausland geht es von Absoluten Verbot bis total frei.
Wie es aber richtig machen?

Wir machen es so:
Wenn auch nur der leiseste Zweifel besteht, fahren wir weiter. Der gesunde Menschenverstand hilft ebenfalls: In einem Naturschutzgebiet geht gar nichts. In Sichtweite von Camping- oder Stellplatz gehört es sich einfach nicht. Soviel Anstand sollte man haben.
Daher auch immer schon frühzeitig einen Platz suchen, am besten im hellen, um sich einen Eindruck von der Umgebung zu machen.
Wann immer es möglich ist fragen wir Anwohner direkt. Können wir hier stehen bleiben, auch mehr als einen Tag?
Oder: Kennen sie einen schönen Platz in der Nähe, wo wir stehen können.
Oft ist die Antwort überraschend positiv: „Da gibt es einen viel schöneren Platz“ oder “ Fahren sie mal an den Waldrand, da ist ein Parkplatz“
Bis hin zu dem Bauern, der uns neben dem Hof einen Platz zeigt und am Abend noch zu einem Schwätzchen vorbei schaute.

Natürlich gehören auch negative Erfahrungen dazu. Menschen, die uns schon bei der Ankunft beäugen und zu verstehen geben, dass wir nicht willkommen sind.
Dann ziehen wir weiter. Es gibt genügend schöne Plätze.
Vom Wanderparkplatz bis zur Bergkuppe, vom Badesee bis zum Sportplatz direkt am Feldrand. Da bleiben wir dann gerne auch einen Tag länger.
Für eine Nacht reicht oft der Parkplatz an einer Schule (in den Ferien), an der Sportanlage, der Sporthalle oder auch einmal mitten im Wohngebiet. Am nächsten Morgen geht es dann nach dem Frühstück weiter.
Oberste Devise: Nie jemanden stören!

Wenn es ausdrücklich verboten ist, übernachten wir niemals.
An Touristenzentren, Kurorten oder Sehenswürdigkeiten suchen wir den Stellplatz oder Campingplatz auf. Freistehen hat nichts mit „Billig-Übernachten“ zu tun, sondern mit Lebensphilosophie und -gefühl. Gerade in Frankreich standen wir gerne auf Farm-Campings, die mehr wie Freistehen auf der fast leeren Wiese wirkten und spottbillig waren – inklusive Familienanschluss. Der Bauer war enttäuscht, dass ich zur Mittagszeit keinen Schnaps mit ihm trinken wollte. Und das in der Hauptsaison, wo alle Campingplätze völlig überfüllt waren

In Schweden oder Norwegen, eigentlich in jedem Land, wo es viel Platz und wenig Menschen gibt, kann man sich freistehend eher verwirklichen, als nahe eines Ballungszentrums oder Metropole. 
Da braucht es ein wenig Fingerspitzengefühl. Aber aufgepasst:

In der Hauptsaison neigen Freisteher zur Rudelbildung: Steht einer, stehen viele! 
Kaum hat man ein nettes Plätzchen entdeckt, vielleicht sogar an einem Hang, an einem See oder Fjord, wird man rasch von anderen Wohnmobilen entdeckt. Kuschelcamper nennen wir diese, die sich dann durchaus auch auf einer großen freien Fläche direkt neben einen stellen. Wie am Camping- oder Stellplatz. Im nu ist ein Dritter dabei. Das ist für uns meist der Anfang vom Ende. Regelmäßig verlassen wir dann den Platz. Auch im toleranten Skandinavien haben dann die Einheimischen schnell die Nase voll und im nächsten Jahr hängt ein Verbotsschild dort.

Wir halten es eher so: Wenn schon jemand anders auf einem schönen Platz steht, versuchen wir so weit entfernt, wie möglich zu bleiben.
Überhaupt ist es uns am liebsten, wenn wir gar nicht auffallen. Dann haben wir unsere Ruhe und niemand fühlt sich durch uns gestört.

Ein Wanderparkplatz unter der Woche am Waldrand oder mitten drin. Spätestens wenn es dunkel wird, ist man allein. Auf die Idee ein Lagerfeuer zu machen, kämen wir erst gar nicht, außer es gibt – wie einmal in Schweden – eine vorbereitete Stelle dafür.

Wichtig: Den Platz am immer so verlassen, wie man ihn vorgefunden hat. Am besten sogar noch ordentlicher!
Denn man möchte vielleicht einmal wieder kommen.

Ob Freistehen gefährlich ist?
Wenn man sich an einige Regeln hält sicher nicht.
Eher wird man auf einer Autobahnraststätte überfallen, als irgendwo in Wald und Flur. (Mehr zum Thema: Risiko Wohnmobil)
Problematisch dürfte es eher werden, wenn man sein Fahrzeug auf eine Wiese stellt oder durch eine Wald- oder Feldweg zum Lieblingsplatz fährt. Dann sollte man gerüstet sein. Schnell versinken die Reifen in der feuchten Wiese oder der Weg hat tiefe Löcher, Äste ragen in den Weg. Man kommt vielleicht noch in den Wald, aber ohne Wendeplatz nicht mehr hinaus.

Auf solche Dinge kann man sich einstellen: Unterlagen für die Reifen, Sandbleche oder eine handliche Säge helfen dann sehr.

Überhaupt sollte man gerüstet sein, wenn man nicht auf dem Campingplatz seine Zeit verbringen will. Ein Zusatzkanister Wasser für den Notfall, eine zusätzliche Batterie und ganz wichtig eine zusätzliche Toilettenkassette gehören dazu. Nichts halten wir von der Praxis, seine Fäkalien zu vergraben. Oberflächlich vielleicht nicht mehr zu sehen, aber aus Umweltgesichtspunkten sehr bedenklich.

Freistehen ist eine Philosophie, nicht immer erlaubt und gern gesehen. Trotzdem tun auch wir es immer einmal gerne. Meist fragen wir höflich die Anwohner und bekommen dann positive Rückmeldungen. Ohne schlechtes Gewissen lässt sich dann auch Stuhl und Tisch hinaus stellen und die Freiheit genießen.

Weiter gehts mit: Wichtig fürs Freistehen:  Batterie austauschen und aufrüsten: Wie viel Strom braucht man im Wohnmobil?

Und mehr zum Thema: Risiko Wohnmobil

 

Dieser Artikel enthält Affiliate Links / Werbelinks zu verschiedenen Produkten

Ein Gedanke zu „Freistehen ist verboten! Und gefährlich.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.