Wir überquerten die lettische Grenze und fuhren direkt in die Hauptstadt.
Riga und Lettland – ein paar Worte vorab
Riga ist die Hauptstadt Lettlands und mit rund 590.000 Einwohnern die größte Stadt des Landes – zugleich der größte Ballungsraum im gesamten Baltikum. Die alte Hansestadt ist berühmt für ihre Jugendstilbauten und ihre gut erhaltene Innenstadt.
Lettland hat rund 1,9 Millionen Einwohner. 62 Prozent sind ethnische Letten, 23 Prozent Russen – eine Hinterlassenschaft der Sowjetzeit, als Russland gezielt Arbeitskräfte in die Baltischen Republiken umsiedelte. Amtssprache ist allein das Lettische; Russisch ist aber im Alltag noch weit verbreitet. Wer nach 1940 eingewandert ist und die lettische Staatsbürgerschaft nicht beantragt hat, gilt in Lettland als sogenannter „Nichtbürger“ – eine besondere rechtliche Kategorie, die es in dieser Form kaum woanders gibt.
Lettland ist seit 2004 EU- und NATO-Mitglied, hat den Euro und liegt an der strategisch wichtigen Landbrücke zwischen Mitteleuropa und dem Baltikum – direkt neben Russland und Belarus, was dem Land eine politische Wachheit verleiht, die man hier überall spürt.
Der Tipp von der Fähre
Auf der Fähre nach Lettland hatten wir einen Mann kennengelernt, der ein Kajak auf dem Autodach hatte. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte uns von einer Tour, die wir unbedingt machen sollten: mit dem Kajak durch Riga. Durch den Stadtkanal, an der Oper vorbei, durch die Parkanlagen, am Freiheitsdenkmal entlang, hinaus in die Düna und zurück. Das klang so gut, dass wir es sofort planten.
Wir fanden einen Campingplatz direkt an der Düna – das Riverside Kempings auf einer kleinen Insel im Fluss, ruhig und mit direktem Wasserzugang. Dort blieben wir drei Tage. Von dort fuhren wir mit den Rädern in die Stadt – bequem und schnell. Wer kein Fahrrad dabei hat, kommt mit dem Bus oder dem Fahrdienst Bolt genauso gut hin.
Diese Bücher begleiten uns:
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Unser Stellplatz:
Einfahren und später am Automat bezahlen. Wie fast immer im Baltikum ist Kartenzahlung möglich.
In der Nähe ist eine Disco, unter der Woche war es ruhig und auch in der Nacht war es für einen Platz mitten in einer Großstadt, erstaunlich ruhig.
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Mehr InformationenGut zu wissen: Vom Campingplatz in die Stadt
Vom Riverside Kempings auf der Düna-Insel Ķīpsala fährt die Buslinie 53 direkt in die Altstadt und ans historische Zentrum. Die Fahrt dauert je nach Haltestelle etwa 15–20 Minuten. Alternativ: Bolt ist in Riga günstig und zuverlässig. Mit dem Fahrrad über die Ķīpsala-Brücke dauert es rund 15 Minuten bis zum Freiheitsdenkmal.
Die Altstadt
Riga war eine der bedeutendsten Hansestädte im Nordosten Europas – das merkt man noch heute. Die Altstadt liegt dicht gedrängt, mit engen Gassen, alten Kaufmannshäusern und dem Rathausplatz als Herz. Das Schwarzhäupterhaus – ursprünglich Gildehaus der unverheirateten Kaufleute, im Krieg zerstört und nach der Unabhängigkeit originalgetreu wiederaufgebaut – dominiert den Platz mit seiner rot-weißen Backsteinfassade. Dahinter der Turm der Petrikirche. Davor das Rathaus mit seinen Figurenreliefs und dem Brunnen – Treffpunkt, Fotomotiv und Orientierungspunkt zugleich.
In den Seitengassen gibt es kleine Händler mit Bernsteinketten zu fairen Preisen – Bernstein ist das lettische Nationalmineral, und man bekommt ihn hier noch in echter Handarbeit. Wir kauften auch ein Paar Handschuhe bei einer alten Dame, die sie uns umständlich und stolz erklärte: Es sind eigentlich zwei Handschuhe in einem – ein weicher, warmer innerer und ein äußerer mit aufwendigem traditionellen Muster. Seit dem tragen wir sie jeden Winter.
An der Petrikirche steht eine Skulptur, die man auf den ersten Blick nicht erwartet: die Bremer Stadtmusikanten. Die Skulptur war 1990 ein Geschenk der Stadt Bremen an ihre Partnerstadt Riga. Sie zeigt die bekannten Figuren zwischen zwei massiven Metallbändern – die Lücke, durch die die Tiere schauen, stellt den sich öffnenden Eisernen Vorhang dar. Weil es Glück bringen soll, rubbeln Passanten an den Nasen der Tiere, die von den vielen Berührungen bereits hell glänzen. Der Volksglaube sagt: Je höher man kommt, umso mehr Glück wird einem zuteil. Den Schnabel des Hahns oben zu erreichen ist sportlich – aber viele versuchen es.
Die Markthallen
Der Zentralmarkt von Riga ist eines der seltsamsten und schönsten Gebäude, die wir je in einem Markt gesehen haben. Fünf riesige Hallenbauten aus ehemaligen deutschen Zeppelin-Hangars aus dem Ersten Weltkrieg, umgebaut zu einem Lebensmittelmarkt. Fleisch, Fisch, Gemüse, Milchprodukte – jede Kategorie hat ihre eigene Halle. Draußen weitere Stände. Man kann hier stundenlang schlendern, probieren, staunen.
Das Freiheitsdenkmal und die Wachablösung
Das Freiheitsdenkmal am Ende der Prachtstraße ist das zentrale Symbol der lettischen Unabhängigkeit – eine schlanke Säule, auf deren Spitze eine Frauenfigur drei Sterne hält, einen für jede der drei historischen Regionen Lettlands. Wir erlebten dort die Wachablösung: Zwei Soldaten, die starr und stumm und mit militärischer Präzision ihre Posten tauschen, während Passanten und Touristen schweigend zuschauen. Die Letten sind stolz auf ihre Unabhängigkeit – und sie zeigen, dass sie sie mit allen Mitteln verteidigen werden. Das spürt man hier, an diesem Denkmal, in dieser Stadt, die zweimal besetzt war und beide Male wieder aufgestanden ist.
Das Jugendstilmuseum
Die Albertstraße – Alberta iela – ist das Epizentrum. Man läuft diese nicht sehr lange Straße entlang und schaut einfach nur hoch. Jedes Haus anders. Jede Fassade ein eigenes Programm. Gesichter, die einen anschauen. Frauenköpfe mit Blütenkränzen. Dämonen über dem Eingang. Engel an den Balkons. Pfauenmotive, Schlangenornamente, geschwungene Linien, die nirgendwo enden wollen. Man fragt sich unwillkürlich: Warum baut man heute so langweilig? Warum haben wir aufgehört, Gebäude zu gestalten, als wären sie etwas Besonderes? In der Alberta iela stellt sich diese Frage mit jeder Fassade neu.
Man betritt das Treppenhaus und steht sofort still. Das Treppenhaus gilt als eines der beeindruckendsten in Europa – eine ovale Wendeltreppe, deren Decke mit Jugendstilornamentik bemalt ist: Blüten, geschwungene Linien, florale Muster, die sich nach oben hin spiralförmig verdichten. Man schaut hinauf und vergisst, weiterzugehen.
Die Wohnung selbst ist ein vollständig eingerichtetes Zeitdokument – und wir fühlten uns sofort wohl darin. Das ist vielleicht das Erstaunlichste: Man betritt einen Raum von vor 120 Jahren und möchte sich setzen, bleiben, einziehen. Das Museum zeigt das Wesen des Jugendstils beginnend mit der Raumplanung bis in die kleinsten Details – wie Türklinken und Fenstergriffe. Und genau das macht diese Wohnung so einzigartig: Es sind nicht die großen Gesten, sondern die unzähligen kleinen Schnörkel, Symbole und Ornamente, die jeden Winkel beleben. Der geschwungene Holzrahmen des Durchgangs zum Wintergarten. Die handgefertigten Beschläge. Die Stuckornamente an der Decke, die nie einfach nur Stuckornamente sind, sondern immer auch eine Erzählung.
Im Esszimmer der große Tisch mit Stühlen, die hiesige Meister nach besten europäischen Vorbildern fertigten. Im Kaminzimmer der Ofen, die schweren Stoffe, die gedämpfte Beleuchtung. Im Arbeitszimmer die Gemäldesammlung des Hausherrn. Alles wirkt, als hätte die Familie nur kurz das Haus verlassen.
Gut zu wissen: Jugendstil in Riga – und der Vergleich mit Darmstadt
Wir wohnen in der Nähe von Darmstadt und lieben die Jugendstilhäuser der Mathildenhöhe – das ist eines der schönsten Jugendstilensembles Deutschlands. Aber Riga spielt in einer anderen Dimension. Zwischen 1893 und 1912 entstanden in Riga rund 800 Bauten im Jugendstil – eine Dichte, die weltweit einmalig ist.
Die Hauptprotagonisten dieser Bewegung waren drei Architekten: Michail Eisenstein, Konstantīns Pēkšēns und Eižens Laube. Eisenstein entwarf mehr als 50 Häuser und prägte das Stadtbild der Rigaer Neustadt entscheidend. Er entwarf seine Häuser von der Fassade her – zuerst die ornamentale Außenhaut, dann erst den Rest dahinter. Seine Fassaden sind eine Explosion aus Masken, Frauenköpfen, Dämonen, floralen Ornamenten und mythologischen Figuren – überwältigend, manchmal beunruhigend, immer faszinierend. Noch produktiver war Pēkšēns, der allein 200 der erhaltenen Jugendstilgebäude entwarf, darunter fast alle Bauten der Alberta iela.
Riga hat dabei ganz eigene Ausprägungen des Jugendstils herausgebildet, die sich deutlich vom Wiener Sezessionsstil, dem deutschen Jugendstil oder dem französischen Art Nouveau unterscheiden. Man unterscheidet drei Rigaer Varianten: den dekorativen Jugendstil mit seiner ornamentalen Prachtentfaltung, den lotrechten Jugendstil mit seiner streng vertikalen, symmetrischen Ausrichtung, und den national-romantischen Jugendstil, der Motive aus der lettischen Volkskunst und Holzbautradition aufgreift. Wer die Mathildenhöhe in Darmstadt kennt, wird in Riga staunen – es ist derselbe Zeitgeist, aber eine ganz andere Handschrift und eine ganz andere Größenordnung.
Seit der Unabhängigkeit Lettlands werden die rund 800 Jugendstilgebäude kontinuierlich restauriert. Aber noch immer stehen im gesamten Stadtgebiet Häuser, die auf ihre Sanierung warten – mit verwitterten Fassaden, abgeblättertem Putz, verblasstem Stuck. Das ist kein Makel, sondern ein Versprechen: Riga wird mit jeder restaurierten Fassade schöner. Die Stadt ist noch nicht fertig mit sich selbst – und das ist vielleicht ihr größter Reiz.
Jugendstilmuseum: Alberta iela 12. Eintritt ca. 9 EUR. Täglich außer montags, 10–18 Uhr.
Im Keller gibt es eine weitere Ausstellung – und die Möglichkeit, sich in Kostüme der Zeit zu kleiden. Nadja bekam einen breiten Sommerhut mit Blumendekor und eine grüne Seidenstola, ich einen Bowler. Wir haben uns fotografieren lassen wie damals, vor gemaltem Kulissenhintergrund. Das war sehr lustig – und eines der besten Bilder der ganzen Reise.
Riga Black Balsam – das Nationalgetränk
Bevor wir ins Kajak stiegen, noch ein Pflichtprogramm der anderen Art. In einer engen Seitengasse der Altstadt findet man die Riga Black Magic Bar – eine Bar, deren gesamte Wände aus Flaschen des lettischen Kräuterlikörs Riga Black Balsam gebaut sind. Hunderte Flaschen, raumhoch gestapelt. Ein dunkler, wuchtiger Raum, der riecht wie eine alte Apotheke.
Riga Black Balsam ist so etwas wie das flüssige Gewissen Lettlands. Dunkelbraun, fast schwarz, 45 Prozent Alkohol, aus 24 Kräutern, Wurzeln, Blüten und Beeren gebraut – nach einem Rezept, das seit dem 18. Jahrhundert nicht wesentlich geändert wurde. Der Geschmack ist komplex, bitter, würzig, mit einem langen Abgang, der einen noch eine Weile begleitet. Man trinkt ihn pur, mit Kaffee, mit Schwarzem Johannisbeersaft oder als Cocktail. Wer ihn zum ersten Mal probiert, ist entweder sofort überzeugt – oder braucht einen zweiten Schluck, um es zu werden. Wir haben eine Flasche mitgenommen. Sie hat die Reise nach Hause überlebt. Fast.
Mit dem Kajak durch Riga
Der Tipp vom Fährmann war Gold wert. Ich paddelte vom Campingplatz über die Düna, in den Stadtkanal hinein – und von dort durch eine der schönsten Kulissen, die ich je vom Wasser aus gesehen habe. Vorbei an Springbrunnen in den Parkanlagen, unter Brücken durch, neben der Nationaloper, an kleinen Biergärten und Imbissständen am Ufer, immer wieder zwischen Ausflugsbooten und Tretbooten. Weiter in den Hafen, dann zurück über die Düna zum Campingplatz. Eine Tour, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
Gut zu wissen: Mit dem Boot durch Riga – Kajak oder Touristenboot
Wer selbst paddeln möchte, kann am Kanal Kajaks mieten. Man kann die Route durch den Stadtkanal und die Daugava sowohl mit dem Kajak als auch mit dem SUP-Board zurücklegen. Wer es bequemer mag: Die historischen Kanalschiffe von „Riga by Canal“ fahren vom Kai beim Freiheitsdenkmal ab, etwa 100 Meter vom Denkmal entfernt. Die Rundfahrt dauert eine Stunde und führt am Zentralmarkt, der Nationaloper, der Altstadt und dem Hafen vorbei. Online gebucht kostet das Ticket rund 18 EUR, an Bord 20 EUR pro Person. Die Boote sind historische Holzschiffe – still, langsam und genau richtig für diese Stadt.
Abend auf der Insel
Abends kehrten wir auf unsere Insel zurück. Obwohl mitten in der Stadt gelegen, ist der Campingplatz überraschend ruhig und friedlich – der Fluss dämpft den Lärm, die Bäume schirmen ab, und irgendwie hat man das Gefühl, Riga sei weit weg, obwohl man in zwanzig Minuten mitten drin sein kann. Wir saßen bei einem Glas Wein, grillten, legten die Füße hoch und ließen den Tag sacken. Der Platz ist modern, hat eine gute Ver- und Entsorgung und alles, was das Camperherz braucht. Mehr braucht es nicht.
Als nächstes wollen wir weg von Menschenmassen und Großstädten. Es geht in den Gauja Nationalpark.
Baltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05 Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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Ein Kommentar
Hallo Jürgen,
danke für deine tollen Berichte, vor allem auch über die geschichtlichen Hintergründe.
Wir waren im letzten Jahr für 4 Wochen (Mitte Juni – bis Mitte Juli) im Baltikum, leider auch zu kurz. Viele der bisherigen Bilder wecken Erinnerungen an die Reise.
Unsere Reise haben wir jedoch mit der Überfahrt von Travemünde nach Helsinki bekommen. Nach 3 Tagen Helsinki gings dann mit der Fähre in 2 h nach Tallinn. In Estland und Lettland haben wir vorwiegend tolle einsame Stellplätze an der Ostseeküste genutzt, teilweise keine 40 m zum Wasser, wo wir tolle Sonnenaufgänge und -untergänge erlebt haben. Zum Baden war es uns bei Außentemperaturen um 15 Grad doch etwas zu kalt.
Wir sind überall auf freundlich empfangen worden, gelegentlich sogar auf deutsch. Von der Sauberkeit in den Städten und Ortschaften waren wir auch sehr angetan. Hoffentlich bleibt das so.
Bin auf die weiteren Berichte gespannt.
Viele Grüße
Wolfgang Stöhr