Vom Kreuzhügel fuhren wir nur 70 km und kamen bei bestem Wetter am Schloss Rundāle an. Die Ebene von Semgallen liegt flach und weit vor uns, der Himmel war hoch und blau, nur ganz weit am Horizont stand eine schmale dunkle Linie – Wolken, die noch weit weg wirkten. Wir parkten, kauften unsere Tickets und gingen hinein. Was uns drinnen erwartete, ließ uns die Wolken am Horizont erst einmal vergessen.
Das Schloss
Schloss Rundāle wird oft als das Versailles des Baltikums bezeichnet. Das klingt nach Tourismusprospekt – aber wenn man davor steht, versteht man, warum dieser Vergleich sich hartnäckig hält. Die ockergelbe Fassade, die Reihe sorgfältig gestutzter Kugelbäume davor, der weite Himmel dahinter – schon von außen hat das eine Selbstverständlichkeit, die einen einschüchtert. Das dreiflügelige Barockschloss beherbergt auf fast 7.000 Quadratmetern 138 Zimmer und Säle.
⚠️ Eintritt – Achtung beim Ticketkauf
Die Hauptausstellung im Schloss kostet für Erwachsene 12 EUR, der französische Garten separat 6 EUR. Das Kombiticket (Schloss und Garten) kostet 17 EUR pro Erwachsener. Wer beides sehen möchte – und das sollte man unbedingt – kauft das Kombiticket gleich beim Einlass. Wer nur das Schloss bucht und danach in den Garten möchte, zahlt drauf. Am besten vorab online kaufen: 10 % Rabatt gibt es beim Kauf über das E-Ticket-System des Museums.
Gut zu wissen: Wer lebte hier – und was geschah danach
Der Bau wurde von der russischen Zarin Anna Iwanowna veranlasst – als Sommerresidenz für den kurländischen Herzog Ernst Johann Biron. Mit dem Entwurf beauftragte sie den Hofarchitekten Bartolomeo Francesco Rastrelli, der bereits den Winterpalast in St. Petersburg entworfen hatte. Der Grundstein wurde 1735 gelegt. Doch Biron bewohnte sein neues Schloss nur drei Jahre – dann starb seine Gönnerin, die Zarin, und er wurde nach Sibirien verbannt. Erst nach dem Machtantritt von Zarin Katharina II. kehrte er zurück. Die Gestaltung der Innenräume lag in den Händen der italienischen Maler Francesco Martini und Carlo Zucchi sowie des Berliner Bildhauers Johann Michael Graff. Biron starb 1772 – nur vier Jahre nach Fertigstellung. Was folgte, war eine wechselvolle Geschichte: Verwüstung durch Napoleons Truppen 1812, Nutzung als Lazarett im Ersten Weltkrieg, und schließlich – in der Sowjetzeit – als Kornspeicher und Schule. Erst ab 1972 begannen Restaurierungsarbeiten unter dem Kunsthistoriker Imants Lancmanis, der das Schloss über fünf Jahrzehnte wieder zu seiner ursprünglichen Pracht zurückführte – teils mit Originalinventar, das auf internationalen Kunstauktionen wiederentdeckt wurde. Der Wiederaufbau gilt seit 2014 als abgeschlossen.
Man betritt das Schloss über eines der zwei Paradetreppen und begreift sofort: Das hier ist kein Schloss, das man in einer Stunde abhandelt. Jeder Raum ist ein eigenes Thema. Jeder Boden ein Kunstwerk für sich – Parkettböden aus verschiedenen Holzarten, in strengen geometrischen Mustern verlegt, mit Sternmotiven, die man erst beim genauen Hinschauen erkennt. Der Parkettboden im Paradeschlafzimmer wurde 1739 nach einem Entwurf von Rastrelli angefertigt – er gilt als der technisch ausgereifteste Barockparkettboden in ganz Lettland. Man läuft darüber und denkt unwillkürlich: Wie viele Handwerker haben daran wie viele Monate gearbeitet?
Die Prunkräume im Ostflügel sind die großen Auftritte. Der Goldene Saal – Thronsaal und Audienzzimmer in einem – strahlt eine Wucht aus, die man körperlich spürt. Vergoldete Schnitzereien über jede Fläche, ein Deckengemälde als Allegorie auf die Tugenden des Herrschers. Der Weiße Saal, der daneben liegt und für Galadinner und große Empfänge gedacht war, ist sein Gegenstück: hellgetüncht, leicht, voller Licht, mit Kronleuchtern aus Bergkristall und Deckengemälden voller schwebender Figuren. Man sieht den anderen Besuchern an, wie sie unwillkürlich das Tempo drosseln. Genauso geht es einem selbst.
Im Paradeschlafzimmer des Herzogs dann ein anderer Ton: grüne Seidentapeten, ein Himmelbett hinter einem vergoldeten Rundbogen mit rekonstruierten Schnitzereien, und zu beiden Seiten die wohl eindrucksvollsten Kachelöfen, die ich je gesehen habe. Die zwei Kachelöfen wurden 1740 vom Danziger Töpfer Gottfried Kater angefertigt – sie sind die einzigen im Schloss, die nie zerstört oder versetzt wurden. Blau-weiß bemalt, mit holländisch inspirierten Landschaftsszenen auf jeder Kachel – viele Besucher nennen sie „Delfter Kachelöfen“, aber das Museum weist höflich darauf hin, dass das nicht ganz stimmt: Es sind Danziger Öfen mit Hamburger Kacheln nach holländischem Vorbild. Ein kleines Detail – aber genau die Art, die man aus solchen Häusern mitnimmt.
Im sogenannten Herrschersalon hängen großformatige Portraits der damaligen Mächtigen Europas. Im Herrschersalon sind die Portraits der Vertreter des Hauses Biron sowie der damaligen Herrscher Europas zu sehen: die russischen Kaiserinnen Anna Joanowna, Elisabeth Petrowna und Katharina II. Dazu Miniaturen, edle Möbel aus dem 18. Jahrhundert, Porzellanvasen. Geschichte als Bild. Geschichte als Raum.
Im Küchentrakt schließlich ein vollständig anderes Kapitel: der rußgeschwärzte Herdraum mit dem offenen Feuer, Kupferpfannen und Eisenhaken, Ketten und Aufzugsmechanismen – alles genau dort, wo es vor 250 Jahren auch hing. Man versteht in diesem Raum mehr über das Alltagsleben eines Schlosses als in allen Prunkräumen davor.
Gut zu wissen: Wer lebte hier – und was geschah danach
Der Bau wurde von der russischen Zarin Anna Iwanowna veranlasst – als Sommerresidenz für den kurländischen Herzog Ernst Johann Biron. Mit dem Entwurf beauftragte sie den Hofarchitekten Bartolomeo Francesco Rastrelli, der bereits den Winterpalast in St. Petersburg entworfen hatte. Der Grundstein wurde 1735 gelegt. Doch Biron bewohnte sein neues Schloss nur drei Jahre – dann starb seine Gönnerin, die Zarin, und er wurde nach Sibirien verbannt. Erst nach dem Machtantritt von Zarin Katharina II. kehrte er zurück. Die Gestaltung der Innenräume lag in den Händen der italienischen Maler Francesco Martini und Carlo Zucchi sowie des Berliner Bildhauers Johann Michael Graff. Biron starb 1772 – nur vier Jahre nach Fertigstellung. Was folgte, war eine wechselvolle Geschichte: Verwüstung durch Napoleons Truppen 1812, Nutzung als Lazarett im Ersten Weltkrieg, und schließlich – in der Sowjetzeit – als Kornspeicher und Schule. Erst ab 1972 begannen Restaurierungsarbeiten unter dem Kunsthistoriker Imants Lancmanis, der das Schloss über fünf Jahrzehnte wieder zu seiner ursprünglichen Pracht zurückführte – teils mit Originalinventar, das auf internationalen Kunstauktionen wiederentdeckt wurde. Der Wiederaufbau gilt seit 2014 als abgeschlossen.
Gut zu wissen: Wer lebte hier – und was geschah danach
Der Bau wurde von der russischen Zarin Anna Iwanowna veranlasst – als Sommerresidenz für den kurländischen Herzog Ernst Johann Biron. Mit dem Entwurf beauftragte sie den Hofarchitekten Bartolomeo Francesco Rastrelli, der bereits den Winterpalast in St. Petersburg entworfen hatte. Der Grundstein wurde 1735 gelegt. Doch Biron bewohnte sein neues Schloss nur drei Jahre – dann starb seine Gönnerin, die Zarin, und er wurde nach Sibirien verbannt. Erst nach dem Machtantritt von Zarin Katharina II. kehrte er zurück. Die Gestaltung der Innenräume lag in den Händen der italienischen Maler Francesco Martini und Carlo Zucchi sowie des Berliner Bildhauers Johann Michael Graff. Biron starb 1772 – nur vier Jahre nach Fertigstellung. Was folgte, war eine wechselvolle Geschichte: Verwüstung durch Napoleons Truppen 1812, Nutzung als Lazarett im Ersten Weltkrieg, und schließlich – in der Sowjetzeit – als Kornspeicher und Schule. Erst ab 1972 begannen Restaurierungsarbeiten unter dem Kunsthistoriker Imants Lancmanis, der das Schloss über fünf Jahrzehnte wieder zu seiner ursprünglichen Pracht zurückführte – teils mit Originalinventar, das auf internationalen Kunstauktionen wiederentdeckt wurde. Der Wiederaufbau gilt seit 2014 als abgeschlossen.
Der Sturm
Als wir aus dem Schloss traten, war die schmale dunkle Linie am Horizont keine Linie mehr.
Eine schwarze Wolkenwand stand über dem Land, so nah und so hoch, dass man reflexartig stehen blieb. In den Garten schafften wir es nicht mehr – ich hatte die Drohne vorher noch aufsteigen lassen und zumindest von oben gesehen, was uns unten entgangen war: dieser geometrische Teppich aus Hecken und Wegen, der sich hinter dem Schloss in die Ebene erstreckt. Dann brach es los: Sturm, Hagel, Gewitter. Alles auf einmal.
Wir fuhren ab – und sahen im Vorbeifahren umgestürzte Bäume, abgedeckte Hausdächer, Äste quer über der Straße. Was wir da erlebt hatten, war kein lokales Sommergewitter.
Am 11. Juli 2024 richtete ein schwerer Sturm in Zentrallettland erhebliche Schäden an – Bäume wurden entwurzelt, Dächer abgedeckt, der Verkehr auf der Via Baltica bei Bauska kam zum Erliegen. Die höchste Warnstufe Rot galt für die zentralen Regionen des Landes. Allein in Bauska und der Umgebung gingen 26 von insgesamt 45 Notrufen ein. In Bauska wurde das Dach einer Sporthalle abgerissen, in Mūsa wurde das Dach eines Wohnhauses teilweise weggeweht. Rund 8.800 Haushalte verloren vorübergehend den Strom.
Den Garten von Rundāle haben wir nicht gesehen. Das ist ein guter Grund, wiederzukommen.
Wir entschieden uns, direkt nach Riga zu fahren.
Baltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
Baltikum Roadtrip -Alles was du wissen musst
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05 Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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