Tallinn – Das Mittelalter lebt – Baltikum Roadtrip 10

Wohnmobil direkt am Meer. Einen offiziellen Stellplatz – eigentlich ein Parkplatz mit 24-Stunden-Nutzung – direkt am Wasser, und von dort bis zur Altstadt sind es nur wenige hundert Meter. Manchmal ist Reisen einfach.

Und dann stehen wir vor dem Viru-Tor. Zwei runde Türme, ein Torbogen, Kopfsteinpflaster dahinter. Wir treten hindurch – und sind weg. Weg aus der Gegenwart, weg aus dem 21. Jahrhundert. Die Tallinner Altstadt wurde 1997 als „außergewöhnlich vollständiges und gut erhaltenes Beispiel einer mittelalterlichen nordeuropäischen Handelsstadt“ zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Das ist keine Übertreibung.

Die Hansestadt Reval

Hier liefen die großen Koggen ein. Vollbeladene Hanseschiffe aus Lübeck, Hamburg, Riga, Nowgorod. Auf diesem Marktplatz wurde gehandelt, gefeilscht, gezecht. Kaufleute aus halb Europa standen auf demselben Pflaster, das wir jetzt betreten. Nadja und ich schlendern und stellen uns vor, wie das war – und es fällt nicht schwer. Die Stadt lässt einen in diese Fantasie hinein.

Schon 1285 lassen sich erste Kontakte Tallinns zur Hanse nachweisen. Günstig auf dem Handelsweg ins russische Nowgorod gelegen, gelangte die Stadt als Vorposten der Hanse im Nordosten Europas zu immensem Reichtum. Der dänische König Waldemar II. nahm die Stadt 1219 ein, errichtete auf dem Domberg eine Festung und gab ihr den Namen Tallinn – das im Dänischen so viel wie „Dänische Burg“ bedeutet. Bis 1918 hieß die Stadt übrigens Reval – der alte deutsche Name, der bis heute an vielen Stellen durchscheint.

Gut zu wissen: Tallinn als Hansestadt

Vier Städte in Estland waren einst Teil des Hansebundes: Tallinn, Tartu, Pärnu und Viljandi. Tallinn war dabei die bei weitem bedeutendste. Das Rathaus ist das älteste Rathaus in Nordeuropa. Das gotische Rathaus wurde 1322 erstmals urkundlich erwähnt; das Wahrzeichen der Stadt – die Figur des Stadtknechts „Alter Thomas“ – schmückt seit 1530 die Turmspitze. Das Haus der Schwarzenhäupterbruderschaft vereinte unverheiratete deutschstämmige Kaufleute – die Aufnahme in die Gilde bahnte den Weg für eine erfolgreiche Karriere. Die Fassade ist im Stile der niederländischen Renaissance des 16. Jahrhunderts gehalten; auf Höhe des Erdgeschosses befinden sich die Wappen der Hansekontore Brügge, Nowgorod, London und Bergen.

Das Rathaus – bis unters Dach

 

Wir besichtigen das Rathaus ausgiebig. Der große Ratssaal mit seinen gotischen Gewölbebögen, den schweren Kronleuchtern, dem flämischen Wandteppich mit Wappen – wir sitzen förmlich in der Vergangenheit. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in historischen Kostümen erklären und erläutern. Es ist kein Museum im klassischen Sinne, sondern lebendig.

Und dann der Aufstieg. Treppe für Treppe, immer weiter nach oben, bis unter die Dachziegel. Dort oben, im Dachstuhl selbst, gibt es eine kleine Ausstellung über die Erhaltung des Gebäudes – und ein Seitenfenster, aus dem man hinausschaut auf den Marktplatz. Direkt hinunter auf das Kopfsteinpflaster, auf dem wir gerade noch standen. Ein anderer Blick auf dieselbe Stadt.

Die Ratsapotheke – älteste Apotheke Europas

Gegenüber dem Rathaus: die Ratsapotheke. Sie wurde 1422 erstmals urkundlich erwähnt und ist damit eine der beiden ältesten noch tätigen Apotheken Europas – die andere ist in Dubrovnik. Wir gehen hinein, schauen, staunen. Holzregale voller alter Gefäße, Kräutergeruch, Pergamentschriften. Hier wurden im Mittelalter Tinkturen aus Krötenblut, Gehirn von Gehenkten und gemahlenem Einhorn verkauft – alles bestens dokumentiert. Die Estin hinter dem Tresen lächelt, als wir fragend schauen: Ja, das stimmt. Damals glaubte man das. Heute gibt es Nahrungsergänzungsmittel.

Die Heilig-Geist-Kirche

Wenige Schritte weiter – und wir stehen vor der strahlend weißen Heilig-Geist-Kirche mit einem achteckigen Turm, einem der ältesten und prächtigsten Bauten Tallinns.

 

Schon von außen lohnt sich der Blick: An der nördlichen Außenwand ist die älteste Uhr Tallinns zu sehen. Sie wurde 1684 vom renommierten Holzschnitzer Christian Ackermann hergestellt. Die bunte Bemalung mit Sonnenstrahlen und den vier Evangelisten leuchtet an der alten Mauer – ein Farbtupfer, der nach all dem Kalkstein überrascht.

Drinnen dann der eigentliche Schatz: der gotische Schrankaltar von Bernt Notke aus dem Jahr 1483. Er wurde als Auftragsarbeit des Tallinner Rates nach Lübeck vergeben, mit dem Tallinn über die Hanse enge Beziehungen pflegte. Geöffnet zeigt er das Pfingstwunder, die Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Schnitzkunst ist von einer Feinheit, die wir kaum glauben können – Figuren, Falten, Gesichter, alles aus Holz herausgearbeitet mit einer Geduld und einem Können, das einem den Atem verschlägt. Dazu die allegorischen Holzschnitzereien der Empore vom Meister Elert Thiele aus dem 17. Jahrhundert.

Besonders faszinieren mich die Glasfenster auf der Ostseite – in sattem Blau, Rot und Gold, und dazwischen eingraviert: uralte Jahreszahlen. Geschichte, die buchstäblich durchs Licht fällt.

Im Mittelalter war dies die hauptsächliche Kirche für die einfachen Leute. Nach der Reformation wurden hier die ersten estnischsprachigen Predigten gehalten – und der 1535 veröffentlichte Katechismus gilt als das erste estnischsprachige Buch. Eine kleine Kirche, eine große Geschichte.

Die Nebengassen – und Pierre Chocolaterie

 

Die großen Gassen kennt jeder. Die kleinen Gassen kennen nur die, die sich verirren. Wir verirren uns regelmäßig und absichtlich. Hinter jeder Biegung: ein altes Tor, ein versteckter Hof, ein Laden mit Handwerk, Keramik, Wolle, Leder. Einer dieser Läden ist der Meisterhof – eine überdachte Passage mit kleinen Ateliers, ruhig und ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Und dann: Pierre Chocolaterie. Versteckt in einem Innenhof, fast zu übersehen. Wir gehen hinein und kommen eine Weile nicht mehr heraus. Kaffee – wirklich gut. Kuchen – außergewöhnlich gut. Schokoladenkuchen: der weltbeste, den ich je gegessen habe. Ich sage das nicht leichtfertig. Ich denke noch heute daran. Bitte geht dort hin. Nehmt euch Zeit. Bestellt den Schokoladenkuchen.

Diese Bücher begleiten uns:
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Erster Abend: Peppersack

Das Gebäude, in dem sich das Peppersack befindet, wurde 1370 erstmals urkundlich erwähnt – damals als steinernes Lagerhaus eines Hansekaufmanns. Der Name kommt vom Hausbesitzer Hans Pepersack aus dem frühen 16. Jahrhundert, einem Gewürzhändler, der einen Pfeffersack als Zeichen über dem Eingang hob oder senkte, je nach Art seiner Transaktion. Das Schild hängt noch immer draußen.

Drinnen erwartet uns ein großer, heller Saal mit hohen Kalksteinwänden, dunklen Holzbalkendecken und zwei eleganten Messingkronleuchtern, die warmes Licht über die Tische werfen. Schwere Holzstühle mit eingeschnitzten Wappen, rote Tischläufer, Kerzen. An der Stirnwand eine großformatige Zeichnung – eine historische Karte oder Stadtansicht, direkt in den Putz gearbeitet, kühl und präzise. Eine Galerie mit gedrechseltem Holzgeländer läuft an der Seite entlang, von dort blickt man auf den ganzen Saal.

Das Essen ist Hansekost: ehrlich, bodenständig, gut. Eine klare Suppe, dampfend, mit frischen Kräutern – ich hätte die Schale ausgeleckt. Dazu Brot im Korb, dunkles Bier im Tonkrug. Nadja strahlt. Wir lassen uns Zeit.

Zweiter Abend: Old Hansa

Direkt gegenüber dem Peppersack, ein paar Schritte über das Kopfsteinpflaster – und wir sind in einer anderen Welt. Das Old Hansa ist kein Restaurant, das Mittelalter nachspielt. Es ist eines, das es ernst nimmt.

Die Räume sind niedrig und dunkel, die Deckenbalken aus schwerem Holz, die Tische grob gezimmert. Das Licht kommt ausschließlich von Kerzen – auf den Tischen, an den Wänden, in eisernen Halterungen. Die Wände sind vollständig mit mittelalterlichen Fresken bemalt: Rankenmuster, Stadtwappen, Hansekoggen auf bewegter See, Ritter, Wappentiere. Als hätte jemand die Seiten einer alten Chronik auf Putz übertragen.

Die Bedienungen tragen historische Kostüme – Haube, weißes Leinenhemd, weinrotes Mieder. Und sie schauen so aus, als wäre das für sie vollkommen normal. Kein aufgesetztes Grinsen für Touristen. Einfach: so ist das hier.

Dann, mitten ins Gespräch hinein, erscheinen fahrende Spielleute. Sie spielen Laute, Flöte, tanzen zwischen den Tischen – und ziehen sich dann auf eine hölzerne Empore zurück, die in den Raum hineinragt wie ein mittelalterlicher Söller. Von dort oben spielen sie weiter, während gegessen wird. Das Kerzenlicht, die Musik, der Geruch von Holz und Gewürzen – es ergibt zusammen etwas, das sich schwer beschreiben lässt. Wir vergessen die Zeit.

Für mich der Tipp für Tallinn: Ein gemütlicher Abend in der Old Hansa

Dritter Tag: Hinauf auf den Domberg

 

Am dritten Tag steigen wir hinauf. Auf den Toompea – den Domberg, den Kalksteinhügel, auf dem die Mächtigen seit über 800 Jahren residieren.

Auf dem Domberg befindet sich die Burg Tallinn mit dem Langen Hermann. Die Burg wurde 1219 vom dänischen König Waldemar II. errichtet – heute beherbergt sie das estnische Parlament. Wir stehen also buchstäblich vor dem Parlament, das im Castrum Danorum sitzt – in der alten dänischen Festung. Geschichte als täglich genutzte Kulisse.

Die Mönche erwarten uns:

Direkt daneben: die Alexander-Newski-Kathedrale, zwischen dem estnischen Parlament und der Residenz des deutschen Botschafters. Sie wurde zwischen 1894 und 1900 als Sinnbild der Russifizierung errichtet – am Standort, an dem ursprünglich ein Lutherdenkmal vorgesehen war, dessen Errichtung von den russischen Behörden untersagt wurde. Fünf schwarze Zwiebelkuppeln, vergoldete Kreuze, wuchtig und prächtig. Die schwerste der elf Glocken wiegt 15 Tonnen – die größte Glocke Tallinns.

Auf einem der Fotos, die ich mache: das deutsche Konsulat mit den Flaggen Deutschlands, der EU und der Ukraine nebeneinander. Ein stilles, deutliches Statement in dieser Stadt, die weiß, was Besatzung bedeutet.

Dann die Aussichtsplattform Kohtuotsa. Wir treten hinaus – und halten kurz inne. Unter uns breitet sich die gesamte Unterstadt aus: rote Dächer, Türme, Gassen, dahinter das Meer und die Fähren nach Helsinki. Das ist das Bild von Tallinn, das wir im Kopf hatten, bevor wir kamen – und das wir als unzureichend erkennen, jetzt wo wir wirklich hier stehen.

Am Nachmittag fahren wir durch die Vororte – durch Straßen mit wunderschönen renovierten Holzhäusern aus dem 19. Jahrhundert, großzügige Parks, das Tempo wird langsamer, die Stadt ruhiger. Bis wir vor dem Schloss Katharinental stehen.

Gut zu wissen: Schloss Katharinental (Kadriorg)

Es wurde in den Jahren 1718 bis 1725 nach Entwurf von Nicola Michetti im Auftrag von Peter dem Großen als Geschenk für seine zweite Ehefrau Katharina erbaut. Michetti war derselbe Architekt, der später auch an der Planung von Peterhof bei St. Petersburg beteiligt war. Der Palast mit seinem prunkvollen Hauptsaal – mit Katharinas Initialen, Deckengemälden und reichem Stuckdekor – ist eines der schönsten Beispiele barocker Architektur in Estland und Nordeuropa.

Auch wenn Peter und Katharina die unfertige Residenz einige Male besuchten, verlor Katharina nach dem Tod Peters 1725 das Interesse an dem Besitz. Das Schloss wechselte danach vielfach seine Funktion: Zwischen 1741 und 1917 beherbergte es den Zivilgouverneur des Gouvernements Estland. In den 1930er Jahren war es Residenz des estnischen Staatspräsidenten. Das Gebäude wurde nach 1944 vernachlässigt und war zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit Estlands 1991 eine Ruine. Restaurierungen, mitfinanziert von der schwedischen Regierung, begannen 1991, das restaurierte Schloss wurde im Sommer 2000 wiedereröffnet.

Heute beherbergt das Schloss westeuropäische und russische Kunst des 16. bis 20. Jahrhunderts – darunter Werke von Jacob Jordaens, Angelica Kauffmann und Ilja Repin. Gegenüber dem Schloss liegt der Amtssitz des estnischen Staatspräsidenten; in unmittelbarer Nähe das moderne Kunstmuseum KUMU mit der umfangreichsten Sammlung baltischer Kunst seit dem 18. Jahrhundert. Der weitläufige Park mit Springbrunnen, Blumenbeeten und alten Baumreihen ist kostenlos zugänglich und bei den Tallinnern einer der beliebtesten Spaziergangsorte der Stadt.

Heute beherbergt das Schloss westeuropäische und russische Kunst des 16. bis 20. Jahrhunderts – darunter Werke von Jacob Jordaens, Angelica Kauffmann und Ilja Repin. Gegenüber dem Schloss liegt der Amtssitz des estnischen Staatspräsidenten; in unmittelbarer Nähe das moderne Kunstmuseum KUMU mit der umfangreichsten Sammlung baltischer Kunst seit dem 18. Jahrhundert. 

Der weitläufige Park mit Springbrunnen, Blumenbeeten und alten Baumreihen ist kostenlos zugänglich und bei den Tallinnern einer der beliebtesten Spaziergangsorte der Stadt.

Umgebung von Tallinn

Tallinn lässt sich gut als Basis für Tagesausflüge nutzen. Das Freilichtmuseum Rocca al Mare zeigt historische estnische Bauernhäuser direkt am Waldrand an der Ostsee. Helsinki ist per Fähre in rund zwei Stunden erreichbar – für viele Reisende ein lohnender Tagesausflug. Wir entschieden uns dagegen: zu viel Zeit, zu wenig Gewinn. Die Fähren nach Westestland und auf die großen Inseln lockten uns mehr. So fuhren wir weiter – Richtung Westen, zu den Inseln Hiiumaa und Saaremaa.

Schloss Katharinental (Kadriorg)

Unser Stellplatz:

Erstaunlich ruhig in der Nacht und nur wenige Minuten bis zur Altstadt

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Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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