Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze – Baltikum Roadtrip 05

Nach dem langen, erfüllten Tag in Rumšiškės zog es uns weiter nordwärts. Kaunas lag direkt auf dem Weg – Litauens zweitgrößte Stadt, frühere Hauptstadt, bekannt für ihre Altstadt und ihre Moderne. Wir hatten keine rechte Lust auf die nächste Stadtbesichtigung. Also fuhren wir nur durch, hielten kurz an, sahen das große Wandgemälde an einer Hausfassade – ein alter Mann mit Brille, ruhig und ein bisschen rätselhaft, der über den Parkplatz blickt – und den #KAUNAS-Schriftzug vor der alten Burg am Fluss. Reicht manchmal. Weiter.

Kaunas

Das Herrenhaus, das keiner mehr wollte

Auf der Straße Richtung Norden, kurz vor Šeduva, bogen wir ab. Kein Schild, keine Touristen, nur ein zugewachsener Weg und dahinter: ein Herrenhaus, das aussieht, als hätte die Zeit einfach aufgehört.

Das Gut Raudondvaris bei Šeduva gehörte ab 1798 der Baronfamilie von Ropp – und blieb bis zur Ankunft der Sowjets in ihrem Besitz. Rund 150 Jahre lang war das ein lebendiges Anwesen, mit Feldern, Gesinde, Gesellschaft. Dann kam die Besatzung, die Familie verschwand, das Gut wurde enteignet. Was folgte, ist die immer gleiche Geschichte: kurze Zwecknutzung, dann Vernachlässigung, dann Verfall.

Gut zu wissen: Die Herrenhäuser Litauens

Litauen war über Jahrhunderte von einer polnisch-litauischen Adelselite geprägt, die weitläufige Güter besaß. Nach der Oktoberrevolution, den beiden Weltkriegen und schließlich der sowjetischen Besatzung wurden diese Anwesen enteignet, zweckentfremdet oder einfach vergessen. Heute verfallen viele dieser Herrenhäuser unbeachtet in der Landschaft. Einige wenige werden restauriert – doch für die meisten kommt die Hilfe zu spät.

Heute wachsen Bäume durch das Dach. Der gelbe Putz bröckelt in langen Streifen ab. Die neogotischen Spitzbögen über den Fenstern stehen noch – aber dahinter ist nichts mehr außer Himmel und Gestrüpp. Ich ließ die Drohne steigen, und von oben sah man es am deutlichsten: Das Innere ist längst Natur. Was einmal Ballsäle, Bibliotheken und Repräsentationsräume gewesen sein mögen, ist jetzt ein Wald im Miniaturformat, der sich Etage für Etage durch die Ruine frisst.

Litauen ist voll von solchen Häusern. Hunderte von ihnen stehen so in der Landschaft – manche noch erkennbar, manche schon fast verschwunden. Das Großfürstentum Litauen war über Jahrhunderte von einer polnisch-litauischen Adelselite geprägt, die weitläufige Güter besaß. Nach den beiden Weltkriegen, den Enteignungen und schließlich der sowjetischen Besatzung war das alles weg. Die Familien flohen, starben oder wurden deportiert. Die Gebäude nutzte man nach, bis nichts mehr zu nutzen war. Für Restaurierungen fehlte das Geld – und oft auch der Wille. So stehen sie da, als stumme Zeugen einer Welt, die es nicht mehr gibt.

Ich stand lange vor den drei Spitzbogenfenstern im Inneren, durch die jetzt nur Grün zu sehen war, und dachte: Was für Geschichten diese Wände noch kennen.

Der Berg der Kreuze. Kryžių Kalnas.
Diese Bücher begleiten uns:
Bruckmann

Der Berg der Kreuze

Wir fuhren noch ein Stück weiter nach Norden, bis kurz vor Šiauliai. Und dann sahen wir ihn – von der Straße aus, schon von Weitem: ein Hügel, der sich irgendwie anders anfühlt als die flache Landschaft ringsum. Dichter. Voller. Als würde er atmen.

Der Berg der Kreuze. Kryžių Kalnas.

Gut zu wissen: Berg der Kreuze

Der Berg der Kreuze (Kryžių kalnas) liegt etwa 12 km nördlich von Šiauliai, direkt an der Straße Richtung Riga. Der Eintritt ist frei, der Ort ist jederzeit zugänglich. Gegenüber dem Hügel befindet sich ein Franziskanerkloster, das 2000 eingeweiht wurde. Wer ein eigenes Kreuz mitbringen oder aufstellen möchte, kann das tun – der Ort lebt genau davon.

Wo das alles begann

Der Hügel gilt als mittelalterlicher Burghügel, dessen Burg den Namen Jurgaičiai getragen haben soll – sie wurde 1348 von Kreuzrittern zerstört. Lange stand er kahl. Dann, im 19. Jahrhundert, als Litauen unter zarischer Herrschaft stand, begannen die Menschen, hier Kreuze aufzustellen. Nach der Dritten Polnischen Teilung wurde Litauen Teil des Russischen Reiches. Die Litauer und Polen rebellierten zweimal – im Novemberaufstand 1830/31 und im Januaraufstand 1863/64. Beide wurden blutig niedergeschlagen. Die Bewohner der Umgebung begannen damals, auf dem Hügel Kreuze für ihre bei den Aufständen getöteten Angehörigen aufzustellen – von denen sie nicht wussten, wo sie begraben lagen.

1900 standen 150 Kreuze auf dem Hügel. 1940 bereits 400.

Die Sowjets und der Widerstand

Dann kam die Besatzung. Und mit ihr der Versuch, diesen Ort auszulöschen. Am 5. April 1961 rollten die Bulldozer an. 2.179 Kreuze wurden niedergewalzt. Holzkreuze verbrannte man, eiserne gab man zum Schrott, Stein- und Betonkruzifixe wurden zerschlagen, vergraben oder im nahe liegenden Bach versenkt.

Und in der nächsten Nacht standen wieder Kreuze auf dem Hügel.

Insgesamt fünfmal zerstörten die Sowjets den Ort – und genauso oft wurde er wieder aufgebaut. Während der Sowjetzeit war das Aufstellen von Kreuzen strengstens verboten, Beter wurden verfolgt und bestraft. Es gab Versuche, den Berg zu überfluten. Straßen, die dorthin führten, wurden gesperrt. Alles widersprach den Erwartungen der Regierung: Je mehr der Berg zerstört wurde, desto stärker konnte er sich regenerieren. Die Menschen errichteten nachts Kreuze – trotz Gefahr, Verboten und Verfolgung.

Das ist das Bild, das mich nicht loslässt. Menschen, die nachts heimlich einen Hügel hochsteigen, um ein Kreuz aufzustellen. Nicht als Provokation. Als Aussage. Als: Wir sind noch da.

1990, als Litauen die Unabhängigkeit erklärte, standen bereits 40.000 Kreuze auf dem Hügel. Und als im Januar 1991 sowjetische Spezialtruppen den Fernsehturm in Vilnius stürmten und vierzehn Menschen dabei starben, kamen erneut Hunderte hinzu.

Ein Ort für die ganze Welt

Heute kommen Menschen aus allen Ländern. Polnische Verbände gedenken hier ihrer Gefallenen. Kreuze werden aus Ländern aller Kontinente geschickt. 1993 feierte Papst Johannes Paul II. hier eine Messe unter freiem Himmel, die rund 100.000 Menschen besuchten. Er beauftragte die Franziskaner mit der Betreuung des Ortes, und 1994 wurde am Fuß der Treppe ein großes Kreuz mit Christusfigur aufgestellt – ein Geschenk des Vatikans. Das Herstellen von Kreuzen ist in Litauen heute ein von der UNESCO anerkanntes immaterielles Weltkulturerbe.

Wir saßen noch eine Weile dort, als die Sonne tief stand und das warme Abendlicht die Kreuze in Orange tauchte. 
Hier ist ein ruhiger und stiller Ort, der nachdenklich macht, aber auch Hoffnung gibt!

Die Nacht in Naisiai

Wir übernachteten an einem Park in Naisiai – einem kleinen Dorf, das sich nach absoluter Ruhe anfühlte. Ein Kiosk in der Nähe, ein paar Ausflügler am Nachmittag, der Abend dann völlig still. Schöner hätte der Tag nicht enden können.

Aber da war noch dieses Amphitheater. Riesig. Mitten in der Landschaft, weit und breit keine Großstadt. Wir fragten uns die ganze Zeit: Wofür braucht man hier so etwas?

Die Antwort ist so litauisch, dass man sie sich nicht hätte ausdenken können.

Die Arena der Balten in Naisiai ist so groß wie das römische Kolosseum – sie fasst 25.000 bis 30.000 Besucher. Und sie steht nicht zufällig hier. Naisiai wurde 2015 zur „Kleinen Kulturhauptstadt“ Litauens gekürt. Das Dorf hat ein einzigartiges Museum baltischer Götter mit über 50 Eichenskulpturen, ein Museum für Nistkästen, ein Museum für baltische Heilkräuter – und eben diese Arena.

Das alles ist das Werk eines einzigen Mannes: Ramūnas Karbauskis, Agrarunternehmer, Politiker und Mäzen, der in Naisiai aufgewachsen ist und das Dorf zu einem Kulturzentrum mitten auf dem flachen Land gemacht hat. Seit 2010 organisiert er hier das Festival „Naisių vasara“ – das einzige familienorientierte Festival dieser Größenordnung in Litauen, alkoholfrei, kostenlos, und jedes Jahr kommen Besucher aus dem ganzen Land und aus dem benachbarten Lettland. In der Arena finden tagsüber Workshops, Handwerksmärkte und Kinderprogramme statt, abends Konzerte und Theateraufführungen – das Finale bildet traditionell eine Feuershow.

Man schläft also neben einem der unwahrscheinlichsten Kulturorte Litauens, in einem Dorf mit ein paar hundert Einwohnern, und wundert sich zurecht. Litauen hört einfach nicht auf, einen zu überraschen.

Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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Ein Kommentar

  1. Beeindruckend! (Berg der Kreuze)
    Der Bericht löst in mir die Frage aus, ob ich diesen Sommer ebenfalls mal in der Region Ferien mache !
    Danke

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