Grenzübergang: Ein anderes Land
Die Grenze ist eine unsichtbare Linie quer durch die Landschaft. Ein Grenzpfahl, ein Schild, keine Kontrolle, und schon ist man in Estland. Und sofort spürt man: hier ist etwas anders.
Die Straßen sind anders. Die Häuser haben einen anderen Charakter. Die Dörfer wirken gepflegt. Und irgendwann sagt Nadja, was ich auch denke: „Das sieht aus wie Schweden.“
Das ist kein Zufall.
Estland und Schweden – eine alte Verbindung
Die Geschichte Estlands ist seit dem 13. Jahrhundert von wechselnder Fremdherrschaft geprägt: zunächst unter Dänen, dann unter dem Deutschen Orden, dann unter Schweden und schließlich unter Russland. 1561 stellte sich Estland unter schwedischen Schutz, als der Deutsche Orden unter dem Druck Iwans des Schrecklichen auseinanderfiel – dieselbe Figur, die wir noch aus Cēsis im Sinn hatten. Die schwedische Periode dauerte bis 1710, als Estland im Großen Nordischen Krieg an Russland fiel.
Was blieb, war mehr als ein historischer Fußabdruck. 1632 gründete der schwedische König Gustav II. Adolf die Universität Tartu – eine der ältesten Nordeuropas, die bis heute das Herz der Stadt ist. Die Schweden brachten lutherische Ordnung, Schulen, Städtebau und eine Verwaltungskultur mit, die sich tief ins Land einschrieb. Spätestens Ende des 13. Jahrhunderts hatten sich Skandinavier an der Westküste und auf den Inseln des heutigen Estland angesiedelt. Manche dieser Küstenschweden lebten hier über Jahrhunderte, bis 1943 und 1944 fast alle mit Hilfe des Roten Kreuzes nach Schweden flüchteten.
Heute ist der schwedische Einfluss subtil, aber spürbar: in der Helligkeit der Häuser, im Ordnungssinn der Orte, in der Tendenz zur Geradlinigkeit. Estland blickt nach Norden, nicht nach Osten. Das merkt man.
Ein Land und seine Bevölkerung
Estland hat rund 1,3 Millionen Einwohner. Die Mehrheit bilden ethnische Esten mit rund 70 Prozent – ein finno-ugrisches Volk, sprachlich näher am Finnischen als an irgendeiner slawischen Sprache. Daneben gibt es eine russische Minderheit von etwa 21,5 Prozent.
Diese russische Minderheit ist kein historisches Erbe, sondern eine sowjetische Hinterlassenschaft. Es kam zur Ansiedlung von knapp 200.000 russischen Arbeitern während der Sowjetzeit, vor allem in Industriestädten im Nordosten des Landes. Erst 1918 endete die 700-jährige Fremdherrschaft mit der Ausrufung der Republik Estland – die dann 1940 erneut annektiert wurde, diesmal von der Sowjetunion. Im März 1990 erklärte sich Estland wieder zur Republik, am 20. August 1991 erfolgte die Unabhängigkeit – erreicht gewaltfrei durch die Singende Revolution: Das Singen estnischer Volkslieder war während der Sowjetzeit verboten worden, und nun zeigten die Menschen singend ihr Bestreben nach Freiheit. 2004 trat Estland der NATO und der EU bei.
Ein beeindruckend schneller Weg von der Sowjetrepublik zum modernsten digitalen Staat Europas.
Tartu – Kulturhauptstadt und Universitätsstadt
Gemeinsam mit Bad Ischl in Österreich und Bodø in Norwegen war Tartu im Jahr 2024 eine von drei europäischen Kulturhauptstädten. Wir kamen genau in diesem Jahr – und merkten es sofort. Kunstinstallationen in den Gassen. Ausstellungen, die sich über Fassaden erstreckten. Eine Stadt, die sich selbst feiert, und das zu Recht.
Tartu ist die zweitgrößte Stadt Estlands und gilt als Herz und Seele und geistiges Zentrum des Landes: eine Wiege für Kreativität und Wissenschaft. Besucher werden durch die Statue zweier sich küssender Studenten auf dem Rathausplatz begrüßt – der Brunnen der Liebenden, wie er auch genannt wird, ist das inoffizielle Wahrzeichen der Stadt. Man fotografiert ihn, man setzt sich daneben, und irgendwie fühlt man sich sofort wohl hier.
Diese Bücher begleiten uns:
Reiseführer
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Baltikum mit dem Wohnmobil: Die schönsten Routen...
17,99 EUR
Der Domberg thront über allem: Die Tartuer Domkirche auf dem Domberg ist eine der ältesten Kirchen Estlands. Was davon noch steht, sind majestätische Ruinen – Mauerreste und Bögen, die der sowjetische Atheismus nicht mehr aufgebaut hat, nachdem die Rote Armee sie 1944 zerstörte. Dazwischen liegen Parkanlagen, Bänke, Studenten. Eine dieser besonderen Stadtlandschaften, in denen Geschichte und Gegenwart beieinander sitzen.
Unser Bedauern: Das Estnische Nationalmuseum
Das Estnische Nationalmuseum in Tartu ist das größte und neueste Museum Estlands, in einem architektonisch beeindruckenden Gebäude mit faszinierenden Einblicken in die estnische Geschichte und Kultur. Wir haben es nicht geschafft. Zu viel Zeit im botanischen Garten, zu viel Bummel durch die Gassen. Andere Reisende, denen wir später begegneten, schwärmten davon. Merkt euch das für euren Besuch – und plant mehr Zeit ein als wir.
Auf dem Domberg steht auch die historische Sternwarte, die zum Zeitpunkt ihrer Einweihung die größte und modernste der Welt war. Sie ist der Nullpunkt des sogenannten Struvebögens – einer fast 3.000 Kilometer langen Kette von Messpunkten von Norwegen bis zum Schwarzen Meer, das damals größte Erdvermessungsprojekt der Welt, 2005 von der UNESCO zum Welterbe erklärt. Das wussten wir vorher nicht. Es beeindruckte uns umso mehr.
Unser Stellplatz: Tartu
Schöner Stellplatz, direkt am Wasser.
Hier kann man auch länger stehen!
Fußläufig in wenigen Minuten in der Innenstadt
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Mehr Informationen
Wieder zeigt sich, dass sogar vier Wochen für unsere Baltikumreise viel zu kurz kalkuliert sind. Um Tartu wirklich zu genießen, braucht man mehrere Tage, vielleicht sogar ein Woche und hat bei weitem nicht alles gesehen.
Am Westufer des Peipussees lebt eine regional bedeutsame Minderheit von Altgläubigen. Ihre Vorfahren kamen im ausgehenden 17. Jahrhundert als Religionsflüchtlinge aus dem russischen Zarenreich ins damals schwedische Estland. Was war passiert? In Russland kam es im 17. Jahrhundert zu Reformationsbestrebungen in der russisch-orthodoxen Kirche – Riten, Texte, die Frage, ob das Kreuz mit zwei oder drei Fingern zu schlagen sei, ob das Halleluja zweimal oder dreimal zu singen sei. Ein Teil der Gläubigen widersetzte sich, hielt am alten Ritus fest. Wegen dieser Überzeugung wurden sie verfolgt, in der Heimat gefoltert, und flohen schließlich hierher. Seit der ersten Unabhängigkeit Estlands 1918 waren für die Altgläubigen die Zeiten der Diskriminierung vorbei.
Die alte Dame, die wir am Straßenrand treffen, gehört zu den sogenannten Zwiebelrussen. Sie leben zu Tausenden seit Mitte des 17. Jahrhunderts in kilometerlangen Straßendörfern am Westufer des Peipussees. Wer direkt am Wasser wohnt, betreibt meist Fischfang. Die Gehöfte dahinter bauen traditionell Gemüse an – neben Zwiebeln, die hier besonders süß und gesund geraten sollen, auch Gurken, Knoblauch, Kürbisse und Kräuter.
Die Reiseführer hatten uns auf ein Bild aus dem 18. Jahrhundert vorbereitet. Was wir sahen, war: moderne Häuser, frisch gestrichen, gepflegte Gärten, ein Supermarkt. Nur wenige Zwiebelfelder noch. Und vor dem Supermarkt bieten Landfrauen ihre Waren an, Eingelegtes, Gemüse, selbst Gebackenes – das ist real und gut.
Die Dörfer sind russisch. Russisch die Kirchlein mit den Zwiebelkuppeln, russisch die Schilder, russisch die Sprache auf der Straße.
Und dann der See. Der Peipussee – der fünftgrößte See Europas, siebenmal so groß wie der Bodensee. Mitten durch ihn hindurch verläuft die estnisch-russische Grenze. Wir saßen am Ufer, schauten hinaus. Ruhig. Fast unwirklich friedlich.
Ein Mann, der dort fischt, wies uns lächelnd darauf hin: nicht zu weit raus mit dem Boot. Die Grenze ist unsichtbar, und auf der anderen Seite passiert es schnell, dass man ungewollt in russische Gewässer paddelt. Die Grenzposten sind real.
Dann begegneten wir einer jungen Frau – sie sprach gut Englisch, war aufgeschlossen, und erzählte uns, was wir uns schon dachten: ihre Vorfahren kamen aus Russland, sie gilt offiziell als Russin, aber sie hat nicht das Geringste mit diesem Land zu tun. Sie fürchte, dass Putin genau solche Menschen als Vorwand nehme – die russische Minderheit im Ausland als Begründung für Einmischung oder Schlimmeres. „Wer hier lebt, hat nichts mit Russland zu tun“, sagt sie. Wir glauben ihr.
Es war das zweite Mal auf dieser Reise, dass die Angst vor dem Osten so direkt und persönlich zu uns sprach.
Gut zu wissen: Rund um Narwa und den Peipussee
Viele Reisende machen von hier einen Abstecher nach Narwa, direkt an der russischen Grenze – eine faszinierende Stadt mit einer Burg, die der russischen Festung Iwangorod auf der anderen Seite des Flusses gegenübersteht. Zwei Burgen, zwei Länder, ein schmaler Grenzfluss dazwischen.
Wer Bären in freier Wildbahn sehen möchte, hat in Estland eine echte Chance: Es gibt spezielle Beobachtungshütten, die man mieten kann, um Bären in der Dämmerung zu erleben. Die Nachfrage ist hoch – frühzeitig buchen ist Pflicht, am besten Monate im Voraus. Wir hatten es nicht rechtzeitig geplant und standen vor ausgebuchten Hütten. Nächstes Mal.
Lahemaa Nationalpark – Stille am Abend
Wir fuhren weiter nach Norden. Der Lahemaa Nationalpark liegt an der Küste des Finnischen Meerbusens und ist Estlands ältester Nationalpark – Wälder, Hochmoore, Flussmündungen, einsame Buchten.
Estland tut viel für seine Besucher. Das merkt man überall: gepflegte Wanderwege, gut ausgestattete Rastplätze, kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten in der Natur, oft betrieben von der staatlichen Forstbehörde RMK. Wir fanden einen wunderbaren Stellplatz mit einer Grillhütte – Holz war gestapelt, die Hütte war sauber, der Wald war still. So übernachtet man gern.
Jetzt beginnt langsam der Traumurlaub. Wir sitzen am Meer. Direkt am Meer.
Die Ostsee ist friedlich und wir genießen die Stille. Nicht weit hinter uns steht das Wohnmobil an einer Grill- und Übernachtungshütte des staatlichen Forstamt. Wir fühlen uns willkommen und auch die anderen Camper sind gechillt – jeder sucht sich seine Ecke.
Wir trinken gerade unseren Kaffee, ich habe das neue Objektiv dabei und beobachte mit 1000mm die Seeschwalben, ein Falke rast vorbei, ich bin glücklich.
Plötzlich schwimmt etwas durchs Wasser. Ein Fisch ist es nicht.
Taucht, taucht auf und hat einen Fisch im Maul.
Was ist das?
Ein Otter!
Nein, das ist kein Otter, sagt Nadja.
Oder doch, nein, doch.
Was ist das?
Gewandt verschwindet er hinter Felsen und wir sehen ihn noch einige Mal, bis ich ihn doch noch auf dem Land erwische.
Gewandt verschwindet das Tier hinter Felsen. Wir sehen es noch einige Male, bis ich es schließlich auf Land erwische. Kleiner als ein Otter. Zierlicher. Die Ohren stehen weiter auseinander, der Körper ist schlanker, fast katzenartig elegant. Das Internet brachte dann die Gewissheit: Es ist ein Mink – ein Amerikanischer Nerz. Im Park lebt auch eine der letzten Populationen der Flussperlmuschel in den baltischen Staaten Wikipedia – und der Mink ist einer der Gründe, warum sie so bedroht ist. Nach der Sowjetzeit aus Pelzfarmen entkommen oder freigelassen, hat er sich in Estland als invasive Art ausgebreitet. Ursprünglich aus Nordamerika, war er hier nie heimisch. Aber er ist da – und er ist flink.
Wir wandern weiter, bis zu den letzten großen Findlingen am Ufer. Meterhoch, ganz rund, glattgeschliffen von Jahrtausenden Ostsee. Die Findlinge kamen mit den eiszeitlichen Gletschern aus Finnland und Schweden und liegen seit Jahrtausenden hier. Man legt die Hand auf den warmen Stein und spürt: hier hat man Verbindung zur Vergangenheit
Am nächsten Tag wandern wir durch den Park, kommen an wunderschönen alten Holzhäusern vorbei, genießen die Stille zwischen den Kiefern. In den alten Fischerdörfern wie Altja stehen bunte Holzhäuser und Fischerkaten mit liebevoll dekorierten Gärten – und am Wasser die alten Netzhäuser, in denen Fischer früher ihre Netze aufbewahrten und zum Trocknen an die Wände hängten. Fast jede Lahemaa-Postkarte zeigt sie.
Auf dem Weg zurück zur Autobahn kommen wir noch zum Lehrpfad des Viru-Hochmoors. Sehr zu empfehlen auch wenn man nicht länger in den Nationalpark fahren möchte und auf dem Weg nach Tallinn ist.
Eine Stunde, man kann auch einen ganzen Tag bleiben. Und es lohnt sich.
Gut zu wissen: Der Lehrpfad des Viru-Hochmoors
Der Lehrpfad im Viru-Moor ist einer der zugänglichsten Moorpfade Estlands. Auf dem Pfad wechseln sich Waldwege, ehemalige Sanddünen, Oser und weite Moorfelder ab. Der 3,5 Kilometer lange Pfad ist markiert und mit Informationstafeln versehen, die die Entstehungsgeschichte des Moores, seine Bedeutung für die Natur und Moorpflanzen wie Sumpfporst und Moltebeere vorstellen.
Durch das Moor führt ein Bohlenweg aus dicken, breiten Planken – trockenen Fußes durch eine Landschaft, die einem sonst die Schuhe ausziehen würde. Die Farben des Moores sind außergewöhnlich: weißes Sphagnum-Moos, rostbraune Gräser, das tiefe Schwarz der Moorseen, dazwischen das Silbergrün der Kiefern. In der Mitte des Pfades steht ein elf Meter hoher Aussichtsturm mit einem herrlichen Blick über das gesamte Moor. Bis zum Turm – rund 1,3 Kilometer – ist der Bohlenweg so breit, dass er auch für Rollstühle und Kinderwagen geeignet ist. Im hinteren Teil des Pfads befindet sich ein ehemaliges Torfabbaugebiet, das inzwischen renaturiert und mit Schautafeln ausgestattet wurde. Der Pfad kann auch als Rundweg begangen werden, die Gesamtlänge beträgt dann 5,5 Kilometer. Kurz hinter dem Aussichtsturm lädt ein kleiner Moorsee sogar zum Schwimmen ein.
Baltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
Baltikum Roadtrip -Alles was du wissen musst
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05 Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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