Resița – die vergessene Industriestadt
Bevor die Donau uns in Beschlag nimmt, führt uns die Route durch Resița. Eine Stadt, die die meisten Rumänen selbst kaum kennen – und die Reisenden schon gar nicht.
Resița war einmal ein Herzstück der österreichisch-ungarischen Schwerindustrie. Hier wurden Lokomotiven gebaut, hier donnerten Hochöfen durch die Nacht, hier arbeiteten Tausende in Stahlwerken, die aussahen wie Kathedralen des 19. Jahrhunderts. Heute stehen viele dieser Anlagen leer. Fensterlose Hallen, rostende Gitterträger, Schornsteine ohne Rauch. Lost Places, die man normalerweise nur in alten Industrieregionen Deutschlands findet.
Wir fliegen kurz mit der Drohne. Was von der Straße kaum zu erahnen ist, öffnet sich von oben: das Ausmaß dieser alten Industrieanlage, die Dimension der Vergangenheit, die Schönheit des Verfalls. Einer aus unserer Gruppe kommt von hier. Er wollte uns eigentlich etwas erzählen – aber irgendwie ist er dann einfach losgelaufen, ohne auf uns zu warten. Wir schauen uns das Ganze selbst an. Von oben ist es ohnehin eindrucksvoller.
🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Resița
Resița liegt im Banat, rund 80 Kilometer südöstlich von Temeswar, und ist bekannt für sein Lokomotivmuseum – eines der wenigen seiner Art in Rumänien. Die alten Industrieanlagen am Stadtrand lassen sich von der Straße aus gut sehen; für Drohnenflüge empfiehlt sich ein kurzer Spaziergang auf die umgebenden Hügel.
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Mehr InformationenDurchs Banat – Hügel, Hirten und herzliche Freude
Die Strecke durch das Banat ist eine der schönsten Rumäniens, und sie ist kaum bekannt.
Grüne Hügel, geschwungene Täler, Dörfer, in denen die Zeit sich anders anfühlt als zu Hause. Wir fahren eine schmale Straße, links eine Weide, rechts ein Bach – und dann taucht aus dem Nichts eine Schafherde auf, die gemächlich die Fahrbahn überquert. Der Hirte auf dem Hügel schaut kurz herüber, winkt uns fröhlich zu. Wir winken zurück. Nadja hat die Kamera in der Hand gehabt, zum Glück.
Das Banat ist das Land der Banater Schwaben, jener deutschen Siedler, die im 18. Jahrhundert hierherkamen, das Sumpfland trockenlegten und eine der fruchtbarsten Regionen Ungarns aus dem Nichts erschufen. Heute sind die meisten ihrer Nachkommen weg – ausgewandert, in den 1970er und 80er Jahren vom kommunistischen Regime gegen D-Mark verkauft. Was bleibt, sind die Häuser, die Straßenformen, die Dorfstrukturen. Und manchmal, an einem Gasthausschild oder einem Familiennamen, ein Echo von früher.
Wir haben die Donau schon gesehen. In Wien. In Budapest. Beide Male ein großer, ernster Fluss zwischen steinernen Ufern, immer beschäftigt mit Schiffen und Städten und sich selbst.
Hier ist sie anders.
Sie hat sich ausgebreitet. Nach 2.000 Kilometern Weg durch Europa ist sie angekommen und hat keine Eile mehr. Die Wasser sind dunkelgrün, die Ufer bewaldet, die Landschaft ruhig. Man steht am Rand und schaut auf die andere Seite – das ist Serbien. EU-Außengrenze, mitten im Fluss.
🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Serbien – Roaming an der Donau
Wer an der Donau entlangfährt, fährt entlang der serbischen Grenze. Das Handy sucht sich dabei gerne das stärkste Netz – und das kann auf dieser Strecke ein serbisches sein. Serbien gehört nicht zur EU, das Roaming-Abkommen gilt hier nicht. Tipp: Im Handy manuell einen rumänischen Netzbetreiber auswählen, solange man in dieser Region unterwegs ist. Das erspart eine unangenehme Überraschung auf der Telefonrechnung.
Das Eiserne Tor – wo die Donau durch den Berg bricht
Irgendwo zwischen Orșova und Drobeta-Turnu Severin hört die Donau auf, breit zu sein, und wird etwas ganz anderes: ein Engpass. Felswände von bis zu 300 Metern Höhe links und rechts, der Fluss dazwischen auf manchmal kaum 150 Meter verengt. Das ist das Eiserne Tor – auf Rumänisch Porțile de Fier, auf Serbisch Đerdap.
Seit Jahrtausenden ist das hier der gefährlichste Abschnitt der Donau. Verborgene Felsbänke, reißende Strömungen, kein Durchkommen ohne ortskundige Lotsen. Kaiser Trajan ließ im Jahr 100 nach Christus eine Straße durch die Schlucht hauen – die Tabula Traiana, eine Gedenkplatte am Fels, zeugt noch heute davon. Wegen des Stausees wurde sie inzwischen weiter oben befestigt, damit sie nicht versinkt.
Versunken ist anderes. Als Rumänien und das damalige Jugoslawien 1972 gemeinsam den Staudamm fertigstellten, stieg der Wasserspiegel um rund 35 Meter. 17 Dörfer und die alte Stadt Orșova versanken im neu entstandenen Stausee. 25.000 Menschen wurden umgesiedelt. Auch eine türkische Insel – Ada Kaleh – verschwand für immer unter dem Wasser. Ihre Bewohner gingen in die Türkei.
Was blieb, ist eine der schönsten Flusslandschaften Europas.
🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Eisernes Tor
Das Eiserne Tor ist Europas größter Donaudurchbruch, gelegen an der Grenze zwischen Rumänien und Serbien. Das Wasserkraftwerk Eisernes Tor 1, 1972 fertiggestellt, war zum Zeitpunkt seiner Eröffnung das größte Flusskraftwerk der Welt und versorgt heute noch Rumänien und Serbien zu einem erheblichen Teil mit Strom. Der Naturpark Eisernes Tor auf rumänischer Seite schützt eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. An der engsten Stelle – den Cazanele, den Kesseln – verengt sich die Donau auf 150 Meter bei einer Tiefe von bis zu 80 Metern.
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Mehr InformationenDecebal – der König im Fels
Kurz vor dem eigentlichen Eisernern Tor, bei Dubova, blickt ein Gesicht von der Felswand herunter.
40 Meter hoch, in den Stein gemeißelt – das Antlitz des Dakerkönigs Decebal, des letzten großen Widersachers der Römer. Decebal kämpfte zweimal gegen Kaiser Trajan, verlor zweimal, und töt sich am Ende selbst lieber, als sich gefangen nehmen zu lassen. In Rumänien ist er ein Nationalheld.
Das Bildnis wurde erst 1994 bis 2004 in Auftrag gegeben – von einem rumänischen Millionär mit nationalistischem Hintergrund, was die Menschen hier zwiespältig stimmt. Das Gesicht aber ist beeindruckend, wie es dort oben aus dem Fels herausschaut, und von keinem Kreuzfahrtschiff, das vorbeifährt, zu übersehen ist.
Direkt daneben, in einer kleinen Bucht: das Kloster Mraconia. Weiße Mauern, eine schmale Kirche, die Donau gleich dahinter. Ein orthodoxes Kloster, ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert, nach dem Stausee 1966 an höherer Stelle neu gebaut. Still und wunderschön.
🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: ODecebal-Statue und Kloster Mraconia
Die Decebal-Statue bei Dubova ist von der Straße aus nicht zu sehen – man braucht ein Boot oder einen Aussichtspunkt am Ufer. Wer die Donaustraße DN57 entlangfährt, hat gelegentlich Lücken im Wald, von denen aus man einen Blick erhaschen kann. Das Kloster Mraconia liegt direkt an der Straße und ist täglich zugänglich.
Route tracken und Sicherheit
🔵 Gut zu wissen: Trackiwi
Alle 6.063 Kilometer dieser Reise – jede Übernachtung, jede Höhe, jede Sehenswürdigkeit – haben wir mit Trackiwi aufgezeichnet. Ein kleines Gerät, irgendwo im Wohnmobil versteckt, an 12 Volt angeschlossen. Einmal angeschlossen, läuft es einfach. Per App steuerbar für iOS, Android und Webversion. 10% Rabatt mit dem Code WOMOBLOG auf die Hardware. Und auch als Alarmanlage nutzbar.
Wandern über der Donau
An einem dieser Tage gehen wir auf die Berge.
Von der Donau aus, steil nach oben, durch einen Wald, der sich über die Schlucht legt. Oben öffnet sich ein Blick, der einen kurz sprachlos macht: die Donau tief unten, die serbischen Berge auf der anderen Seite, der Stausee in beiden Richtungen. Nadja kämpft auf dem Weg nach oben – die Knie sind ihr schwacher Punkt – aber oben auf dem Plateau ist es flach und einfach. Ich gebe einer älteren Frau aus unserer Gruppe meine Wanderstöcke.
Ein Tag, den man nicht vergisst
Kloster Horezu – Ruhe, Fresko und eine Nonne als Lehrerin
Auf dem Weg in Richtung Karpaten liegt Kloster Horezu – und wer es weglässt, bereut es.
Wir besuchen es am frühen Abend, aber am nächsten Morgen bin ich wieder dort. Ganz früh, kurz nach der Öffnung, noch bevor die Tagestouristen kommen. Das Licht fällt schräg über die weiß getünchten Arkaden, die Säulen werfen lange Schatten, irgendwo läuten leise Glocken.
Mit der Gruppenreise kommen wir in den Genuss einer Führung mit einer der Nonnen.
Sie führt uns durch die Anlage – auf Deutsch, mit Geduld und mit einer Begeisterung, die man nur hat, wenn man an etwas wirklich glaubt. Sie erzählt vom Fürsten Constantin Brâncoveanu, der das Kloster 1692 gründete und 1714 in Istanbul von den Osmanen hingerichtet wurde – mitsamt seinen vier Söhnen. Er musste zuschauen, wie seine Kinder starben, bevor er selbst geköpft wurde. Seine Leiche wurde in den Bosporus geworfen.
Hier in Horezu hat er nie geruht, obwohl er es sich so gewünscht hatte. Sein Marmorsarkophag in der Klosterkirche ist leer.
2014 wurden Teile seiner Gebeine hierher gebracht. Jetzt ist der Sarkophag wenigstens nicht mehr ganz leer.
Sie zeigt uns die Fresken in der Klosterkirche. Linienführung, Komposition, Farbe – alles in einem Stil, der Byzanz und Renaissance und osmanische Einflüsse so ineinander verwebt, dass man gar nicht mehr auseinanderhält, was woher kommt. Das ist der Brâncoveanu-Stil, erklärt die Nonne. Ein rumänischer Stil, der weit über die Grenzen dieses Landes gewirkt hat und dessen Echo man noch in Häusern in Bukarest erkennt.
🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Kloster Horezu
Das Kloster Horezu liegt am Fuße der Südkarpaten im Kreis Vâlcea und gehört seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Gegründet 1692 vom walachischen Fürsten Constantin Brâncoveanu, gilt es als das beste erhaltene Beispiel des nach ihm benannten Brâncoveanu-Stils – einer einzigartigen Mischung aus byzantinischer, venezianischer und osmanischer Architektur. Heute leben 48 Nonnen im Kloster, das auch ein kleines Krankenhaus beherbergt. Geöffnet täglich; Führungen auf Anfrage, manchmal auf Deutsch
Die Töpfer von Horezu
Wer vom Kloster zurückfährt, kommt durch das Städtchen Horezu – und wer die Augen offen hat, sieht sie überall: die Töpferwaren.
Teller, Krüge, Schüsseln in einem cremefarbenen Ton mit blau-roten Motiven. Das berühmteste ist der Hahn von Horezu – ein stilisierter Hahn, der die Auferstehung symbolisiert und gleichzeitig das Erkennungszeichen dieser Region ist.
Was hier seit Jahrhunderten handgemacht wird, trägt seit 2012 das UNESCO-Siegel für immaterielles Weltkulturerbe. Die Töpfertradition von Horezu ist nicht nur alt – sie ist lebendig. In den Werkstätten am Straßenrand arbeiten echte Töpfer, und wer möchte, kann zuschauen.
🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen:
Horezu-Keramik
Die Töpferwaren von Horezu sind eines der bekanntesten rumänischen Handwerksprodukte und seit 2012 auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes. Erkennbar am typischen cremefarbenen Ton mit blauen, roten und weißen Mustern, dem Hahn als zentralem Motiv und der charakteristischen Glasurtechnik. Direkt am Straßenrand in Horezu gibt es mehrere Werkstätten, bei denen man kaufen und zuschauen kann. Ein schönes Mitbringsel, das auch beim Transport kaum kaputt geht – wenn man es gut einpackt.
Die Brunnen am Straßenrand
Auf den Straßen zwischen Horezu und den Karpaten fällt uns immer wieder dasselbe auf: kleine Brunnen am Wegrand, oft aus Holz oder Stein, manchmal mit einem Kreuz versehen, oft mit einem Eimer und einem Becher daran.
Das ist kein Zufall und keine Dekoration.
In Rumänien ist es Tradition, an Orten, an denen jemand lange seinen Durst gestillt hat – an einem Brunnen, der einem sein ganzes Leben begleitet hat –, nach dem Tod dieser Person ein Kreuz aufzustellen. Eine Erinnerung. Ein Dank. Eine kleine Brücke zwischen den Lebenden und den Toten, die aus Holz gezimmert am Straßenrand steht.
Man fährt daran vorbei und denkt kurz an die Menschen, die hier standen. Die hier Wasser schöpften, bevor das Leben einfacher wurde.
Als nächstes: die Bären
Von Horezu geht es weiter Richtung Transfăgărășan.
Die Passstraße, die wir so sehr sehen wollen, ist noch gesperrt. Der Schnee liegt noch auf dem Gipfel. Aber die Staumauer können wir sehen – und die Bären, die am Straßenrand auf Touristen warten.
Davon erzählen wir in Folge 04.
Donaudelta – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
Donaudelta Roadtrip — alle Folgen:
· Einleitung: Alles was du vorab wissen musst
· Folge 01: Oradea – der Traum direkt hinter der Grenze
· Folge 02: Temeswar – wo Geschichte noch lebt
· Folge 03: Banat, Eisernes Tor und Kloster Horezu
· Folge 04: Bären, Berge und Königsgräber
· Folge 05: Bukarest – Ceaușescus Größenwahn hat ein Gesicht
· Folge 06: Konstanza, Festung Enisala und der Weg ins Delta
· Folge 07: Das Donaudelta – wenn Natur einen sprachlos macht
· Folge 08: Donaudelta – Pelikane, Wildpferde und chillen auf dem Hausboot
· Folge 09: Schlammvulkane, Gipfelwind und freie Hunde
· Folge 10: Kirchenburgen, Klosterruinen und ein unvergesslicher Abend
· Folge 11: Stille Tage, strickende Frauen und der letzte Deutsche im Dorf
· Folge 12: Durch die Ukraine, eines Aufklebers wegen. Unsinn oder Horizonterweiterung?
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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3 Kommentare
Hallo Jürgen, Du machst mit Deiner Reise neugierig. Vielen Dank!
Toll geschrieben und immer passend zu unserem Tagesprogramm 🙂
Hallo Claus!
Wobei das so gar nicht geplant war.
Euch viel Spaß auf eurer Reise.
Sie wird nicht so sein, wie diese, aber an manchen Stellen wird es sich wieder treffen.