Stille Tage, strickende Frauen und der letzte Deutsche im Dorf

Die Gruppenreise ist vorbei. Drei Wochen, täglich neue Eindrücke, täglich neue Menschen, täglich neue Erfahrungen — und jetzt plötzlich: Stille.

Wir brauchen das.

Wir stellen uns in den Pfarrhof, schließen die Tür des Wohnmobils und bleiben ein paar Tage einfach da. Die hohen Mauern der Kirchenburg halten die Welt draußen. Im Hof: ein alter Apfelbaum, ein paar Bänke, Vogelsang. Isa und Dan wuseln, wie immer.

Diese Bücher begleiten uns:
Bruckmann

21 Tage Gruppenreise. Wir haben so unglaublich viel gesehen und sind uns einig: Das wäre alleine in dieser Zeit nicht möglich gewesen. Nicht die Stadtführerin in Temeswar, die von der Revolution erzählt hat. Nicht Tibi im Donaudelta. Nicht die Familie mit den Trachten in Sibiel.

Danke, Anca. Danke, Tibi. Danke an alle Stadtführer, die Nonne in Curtea de Argeș, die Nonne in Kloster Kerz, den ehemaligen Pfarrer. Danke an alle Menschen, die uns mit offenen Armen empfangen haben.

Die Stille hier tut gut. Und nach ein paar Tagen sind wir bereit für das nächste Stück.

Viscri — die Frauen, die Socken stricken

In Deutsch-Weißkirch kennen wir uns aus. Aber diesmal nehmen wir uns Zeit.

Vom kleinen Parkplatz am Ortseingang kann man mit Pferd und Wagen zur Kirchenburg fahren lassen. Ein Bauer bietet die traditionelle Kutsche für kleines Geld an. Wir steigen ein. Durch die engen Gassen, vorbei an restaurierten Häusern, die aussehen, als hätte die Zeit hier einfach aufgehört zu ticken.

Einer dieser Häuser gehört dem Prinzen von Wales — jetzt König Charles III. Er hat hier mehrfach Ferien gemacht, hat Häuser gekauft und restaurieren lassen, hat auf ökologische Landwirtschaft gesetzt und eine Ausstellung über Königin Maria ermöglicht. Das Dorf ist dadurch international bekannt geworden. Wer durch Viscri läuft, merkt, warum er sich das ausgesucht hat.

Oben auf dem Hügel am Nordwestende des Dorfes steht die Kirchenburg.

Sie ist nicht groß — eine der kleineren unter Siebenbürgens Kirchenburgen. Aber sie hat alles, was eine Kirchenburg ausmacht: sechs Wehrtürme, dicke Ringmauern, einen Wehrgang. Und eine Geschichte, die erklärt, warum es sie gibt.

Die ersten Siedler hier bauten eine schlichte romanische Saalkirche, noch bevor die deutschen Siedler kamen — die Szekler, ein ungarischsprachiges Volk aus dem Osten Siebenbürgens. Im 13. Jahrhundert bauten die Sachsen sie aus. Dann kamen die Türken.

Ab dem 14. Jahrhundert überfielen osmanische Streifzüge regelmäßig die Dörfer Siebenbürgens. Wer nicht schnell genug floh, wurde verschleppt und versklavt. Zehntausende wurden so weggeführt — aus kleinen Dörfern, über Jahrzehnte hinweg. Die Antwort der Sachsen war pragmatisch: Sie verwandelten ihre Kirchen in Festungen. Ringmauern, Wehrtürme, Vorratsräume, Fluchtkammern. Wenn die Türken kamen, zog die ganze Dorfgemeinschaft hinter die Mauern — Menschen, Tiere, Getreide.

In den Türmen und Mauern von Viscri wurden früher die Vorräte einzelner Familien gelagert, jede Familie hatte ihren zugewiesenen Platz. Wer zu spät kommt und sein Abteil leer vorfindet, weiß: Die Türken sind schon im Dorf.

Die Kirchenburg von Viscri wurde niemals von Feinden eingenommen.

Heute stehen alle Türme offen, der Wehrgang kann abgelaufen werden. Im kleinen Museum in einem der Kampfhäuser: Möbel, Trachten, Geräte, liturgische Bücher. Das alltägliche Leben der Sachsen, konserviert in Holz und Leinen.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Die Kirchenburgen Siebenbürgens

In Siebenbürgen gibt es noch über 160 erhaltene Kirchenburgen — ein in Europa einmaliges Netz von befestigten Dorfkirchen. Entstanden ab dem 14. Jahrhundert als Reaktion auf osmanische Raubzüge, dienten sie als Zufluchtsort für die gesamte Dorfgemeinschaft. Jede Familie hatte ihren festen Platz hinter den Mauern, für Mensch und Vieh und Vorräte. Sieben Kirchenburgen stehen auf der UNESCO-Weltkulturerbelist: Viscri (Deutsch-Weißkirch), Biertan (Birthälm), Prejmer (Tartlau), Câlnic (Kelling), Saschiz (Keisd), Valea Viilor (Wurmloch) und Dârjiu (Dersch). Die Kirchenburg Viscri wurde 1999 gemeinsam mit dem gesamten Dorfkern aufgenommen — eine Seltenheit. Öffnungszeiten und Eintritt direkt vor Ort erfragen. Kirchenburg Viscri auf Google Maps

Aber die eigentliche Geschichte Viscris sind die Frauen.

Alles begann 1993 mit einer Begegnung im Garten. Harald Riese, ein Deutschen der seit Jahren in Viscri lebte, sah eines Morgens, wie Leana — eine Frau aus dem Dorf — nicht wie üblich zum Betteln kam, sondern zum Tauschen. Sie brachte selbst gestrickte Socken aus reiner Schafwolle. Harald und seine Frau Maria Westerveld erkannten das Potenzial: Das Projekt „Viscri-Socken“ war geboren.

Heute stricken die Frauen des Dorfes Socken, Haussocken und Filzschuhe — aus heimischer Schafwolle, nach überlieferten Mustern, von Hand. Die Produkte werden weltweit verkauft. Das Projekt hat internationale Aufmerksamkeit bekommen, Preise gewonnen, ein Buch hervorgebracht. Und es hat Frauen, die vorher kaum eigenes Einkommen hatten, wirtschaftliche Unabhängigkeit gegeben.

Am Nachmittag kommen die Kühe nach Hause.

Nicht, weil jemand sie treibt. Sie laufen einfach durch die Gassen des Dorfes, jede weiß genau, wo ihre Stalltür ist, und biegt dort ab. Allein. Ruhig. Als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Dazwischen: Schafe, Pferde. Das Spektakel dauert eine Stunde. Man kann nicht aufhören hinzuschauen.

 

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Viscri-Socken

Das Projekt „Viscri-Socken“ wurde 1993 von Harald Riese und Maria Westerveld gegründet. Frauen aus Viscri stricken traditionelle Socken und Hausschuhe aus heimischer Schafwolle. Die Produkte sind online und direkt im Dorf erhältlich. Website: viscri-socken.de. Das Dorf Viscri (Deutsch-Weißkirch) liegt im Kreis Brașov. Kirchenburg aus dem 12./13. Jahrhundert, UNESCO-Weltkulturerbe. Pferdekutsche ab Parkplatz, täglich. Viscri auf Google Maps

Breitau — Traian Căldărar und das Leben der Roma

Anca ruft an. Ob wir mit ihr nach Breitau fahren wollen — sie möchte für zukünftige Gruppenreisen etwas Besonderes aufbauen.

Wir fahren mit.

Traian Căldărar empfängt uns in seinem halb fertigen Haus. In der Garage hat er seine Werkstatt. Auf dem Werktisch liegt gerade ein Schnapskessel im Entstehen — Kupferblech, das mit der Hand in Form getrieben wird, Schlag für Schlag. Eine Technik, die so alt ist wie die Roma selbst.

Wir setzen uns zusammen. Anca übersetzt. Traians Frau bringt schwarzen Kaffee, stark und süß, und zieht sich dann zurück. Sagt sonst nichts. Der kleine Sohn vertreibt mit Steinen einen fremden Jungen, der durchs Tor schlüpfen will. Klare Ansagen in diesem Haus.

Traian erzählt. Ruhig, ohne Eile.

Der Sohn kann gut mit
Autos umgehen — also ist er jetzt Automechaniker. Er selbst beherrscht Kupfer.
Ein anderer Mann bau vielleicht gerne. Jeder in der Familie hat seinen Platz, seine Aufgabe,
sein Handwerk. 

Ich frage, ob er die Produkte anderer über seinen großen Instagram-Kanal mitverkauft — er hat tausende Follower, Aufträge kommen aus Australien, England, überall. Er zuckt die Schultern. Nein. Er macht etwas, dann verkauft er es. Wenn er wieder etwas gemacht hat, verkauft er das. Warum sollte er etwas von anderen verkaufen?

Ich frage, warum das Haus so groß ist, aber nur ein Teil bewohnt. Er lächelt: Die Familie wird wachsen. Jetzt reichen vier Zimmer. Wenn die Familie größer wird, werden sie mehr Zimmer fertig machen. Bis dahin stehen die leer.

Und als ich das Gerücht erwähne, dass Häuser absichtlich unfertig gelassen werden, um Steuern zu sparen — er lacht. Wir zahlen unsere Steuern auch auf unfertige Häuser.

Als ich frage, warum Jungs acht Jahre zur Schule gehen, Mädchen aber nur vier — obwohl die Schulpflicht in Rumänien acht Jahre vorschreibt — sagt er ruhig: Das ist bei uns halt so.

Eine andere Welt. Eine klar strukturierte. Eine, die ihre eigenen Regeln hat.

Motis und Wurmloch — stille Tage und eine Sommersächsin

Dann Tage ohne Programm.

Alma Vii

Wir fahren nach Alma Vii — eine stille, sehenswerte Kirchenburg, kaum besucht, gerade das Richtige nach den langen Tagen.

Dann weiter nach Wurmloch, wo uns ein Mann die Kirchenburg zeigt und aus alten Zeiten erzählt. Er ist der letzte Deutsche im Dorf. Die anderen sind alle gegangen — in den 1970ern und 80ern, als das kommunistische Regime Rumäniendeutsche gegen D-Mark nach Westdeutschland verkaufte. Er ist geblieben.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen:

Kirchenburgen Alma Vii und Wurmloch

Alma Vii (deutsch Almen) und Wurmloch (rumänisch Valea Viilor) liegen im Kreis Sibiu. Die Kirchenburg von Wurmloch ist UNESCO-Weltkulturerbe. Beide Dörfer sind weitgehend von der Masse des Tourismus unberührt — ruhige Alternativen zu den bekannteren Kirchenburgen. Kontakt zu Kirchenwächtern oft über die Evangelische Kirche vor Ort oder direkt im Dorf erfragen. Meist steht an der Tür ein Schild mit einer Telefonnummer. Anrufen und wenig später bekommt man Zugang.

Es ist ein Gang in die Vergangenheit, aber es lohnt sich jedes Mal. Und die Menschen habe viel zu erzählen. Über Gemeinschaft und Zusammenhalt. Bis zum Zusammenbruch. Und über die Einsamkeit danach.
Oft hat man viel gewonnen. Reichtum und Häuser, dafür die Freunde verloren.

Wir finden einen Stellplatz am Ende der Landstraße. Nichts dahinter. Stille, Vogelsang, Abendlicht über den Hügeln.

Am nächsten Tag: strahlender Sonnenschein.

Bienenfresser am Wegrand, in der Sonne sitzend, ihr Gesang füllt die Luft. Ein Reh taucht am Waldrand auf, und direkt daneben — wenn man genau hinschaut — sitzt ein Hase, der uns anschaut als würde er warten ob wir ihn erkennen. Auf der nächsten Wanderung: Reh, Hase, Fuchs, Bienenfresser, Schwarzkehlchen, alles innerhalb einer Stunde.

Bienenfresser

Eine Frau kommt vorbei und grüßt auf Deutsch. Sie lacht und nennt sich selbst Sommersächsin: Jedes Jahr kommen sie aus Deutschland zurück, zeigen den Enkeln die alte Heimat, das alte Haus, die alte Sprache. In ein paar Wochen geht es wieder nach Deutschland. Da schlagen zwei Herzen in einer Brust.

Wir freuen uns, dass das Haus erhalten bleibt. Freuen uns, dass die Menschen hier so freundlich sind. Freuen uns über die unglaublich schöne Natur und die Ruhe.
Und bleiben noch eine weitere Nacht.

Tihuta-Pass und Maramureș

Über den Tihuta-Pass nach Norden, in eine andere Welt.

Holzkirchen, dunkelgrau vor Alter. Fuhrwerke auf Landstraßen. Geschnitzte Holztore vor den Höfen — jedes ein Kunstwerk, jedes anders. Diese Tore sind das Wahrzeichen von Maramureș: Sie erzählen von der Familie dahinter, von Beruf und Stand und Wunsch. Leider verschwinden sie zunehmend, wenn alte Häuser abgerissen und durch neue ersetzt werden. In Maramureș hält man länger an dieser Tradition fest als anderswo

Die großen orthodoxen Klöster der Region — Bârsana, Sapânța-Peri, Rohia — sind Pilgerziele und architektonische Wunder aus Holz. Manche haben Türme, die höher sind als alles, was man für möglich hält, wenn man an Holzbauweise denkt.

Die Waldbahn von Vișeu de Sus. Wir waren 2019 schon hier — Rumänien: Alt und Neu in Maramureș. 1932 begann man mit dem Bau der Waldbahn, die das Holz aus den Karpaten ins Tal transportiert. Sie ist die letzte regulär betriebene Waldbahn Rumäniens und seit 2010 als rumänisches Kulturgut unter Schutz gestellt. Gerettet wurde sie durch den Schweizer Verein „Ostgleis“, der im Jahr 2000 gegründet wurde — ausgemusterte Lokomotiven wurden wieder in Betrieb genommen, das Depot und der historische Bahnhof restauriert.

Heute fährt die Mocănița, der Touristendampfzug, durch eines der wildesten Täler der Karpaten. Einmal mitfahren, unbedingt.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Wassertalbahn / Mocănița

Die Waldbahn von Vișeu de Sus (Oberwischau) fährt auf 760mm Spurweite ins Wassertal (Vaser-Tal). Bau: 1932. Heute noch in Betrieb als Holztransportbahn und Touristenzug (Mocănița). Seit 2003 im Besitz des Sägewerks R.G. Holz Company, seit 2010 rumänisches Kulturgut. Touristenzüge täglich April–Oktober, Dampfbetrieb auf Anfrage. Abfahrt am Bahnhof CFF, Nordseite von Vișeu de Sus. Offizielle Website · Google Maps

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Mehr Informationen

Eine der schönsten Nebenstrecken liegt vor uns. Wie fahren nicht auf der Hauptstraße und das lohnt sich. Denn die Natur verwöhnt uns wieder und die Landschaft ist traumhaft schön.

Es ist wieder Heuernte und wie bei uns vor hundert Jahren ist das für viele Menschen hier noch Handarbeit.
Die Menschen grüßen uns fröhlich von den Feldern und winken zurück. Aber auch das wird weniger.
Auch in Rumänien übernehmen zunehmend die Maschinen die Arbeit.

Der Fröhliche Friedhof

Blaue Holzkreuze, jedes handgeschnitzt, jedes mit Bild und Reim. Der Tod, mit Humor betrachtet. Man geht rein und lächelt — und denkt dabei an das Leben. Das ist Maramureș.

 

Wir haben 2019 schon über ihn geschrieben: Rumänien: Der fröhliche Friedhof

Der Wirt des Campingplatzes, auf dem wir vor sechs Jahren das erste Mal standen, erkennt uns wieder. Oder tut zumindest so, als ob. Er schenkt uns zum Abschied eine Flasche Schnaps.

 

Das wird uns noch beschäftigen.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen:

Fröhlicher Friedhof Săpânța

Cimitirul Vesel, Săpânța, Kreis Maramureș. Täglich geöffnet, Eintritt ca. 10 Lei. Google Maps

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Mehr Informationen

Weiter in Folge 12: Die Ukraine, Slowakei, Tschechien — und die Weisheiten einer langen Reise.

Donaudelta – Reisebericht

Inhaltsverzeichnis:

Donaudelta Roadtrip — alle Folgen:

·      Einleitung: Alles was du vorab wissen musst

·      Folge 01: Oradea – der Traum direkt hinter der Grenze

·      Folge 02: Temeswar – wo Geschichte noch lebt

·      Folge 03: Banat, Eisernes Tor und Kloster Horezu

·      Folge 04: Bären, Berge und Königsgräber

·      Folge 05: Bukarest – Ceaușescus Größenwahn hat ein Gesicht

·      Folge 06: Konstanza, Festung Enisala und der Weg ins Delta

·      Folge 07: Das Donaudelta – wenn Natur einen sprachlos macht

·      Folge 08: Donaudelta – Pelikane, Wildpferde und chillen auf dem Hausboot

·      Folge 09: Schlammvulkane, Gipfelwind und freie Hunde

·      Folge 10: Kirchenburgen, Klosterruinen und ein unvergesslicher Abend

·      Folge 11: Stille Tage, strickende Frauen und der letzte Deutsche im Dorf
Deutsche im Dorf

Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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