Bären, Berge und Königsgräber – Rumänien Roadtrip 04

Einer der schönsten Momente dieser Reise: morgens aufwachen, keine Pflichten haben, selbst entscheiden, wohin wir heute fahren.

Das ist der Vorteil dieser Gruppenreise, den wir so nicht erwartet haben. Kein Konvoi. Jeder fährt für sich. Wir haben ein Ziel für den Abend, vielleicht noch eine gemeinsame Sehenswürdigkeit — alles andere gehört uns. Also machen wir heute unsere eigene Schleife: Staudamm, Passstraße, Bären. Und am Nachmittag treffen wir die Gruppe wieder vor einem Kloster, das die rumänische Königsfamilie zur Ruhestätte wählte.

Aufwärts in die Karpaten

Von Horezu geht es nach Norden, in die Berge. Die Straße steigt schnell an, die Vegetation ändert sich, die Luft wird kühler. Was im Banat flach und weit war, wird hier eng und grün und steil.

Die Karpaten sind kein Alpenersatz. Sie sind etwas Eigenes: dunkler, dichter, weniger touristisch erschlossen. Auf den Hängen stehen Nadelwälder, so dicht, dass man nicht hineinschauen kann. Weit entfernt sind die Gipfel noch weiß — Anfang Mai liegt auf den höchsten Lagen noch Schnee. Die Touristenströme des Sommers fehlen, kaum ein anderes Auto ist unterwegs. Man hat das Gefühl, diese Landschaft ganz für sich zu haben.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Die Karpaten

Die Karpaten erstrecken sich in einem großen Bogen durch Rumänien und teilen das Land in drei historische Regionen: Siebenbürgen im Norden, die Walachei im Süden und die Moldau im Osten. Die höchsten Gipfel erreichen über 2.500 Meter. Die bekanntesten Hochgebirgsstraßen – Transfăgărășan (2.042 m), Transalpina (2.145 m), Tihuta-Pass – sind nur zwischen Juli und Oktober geöffnet. Außerhalb dieser Zeit liegen Schnee und Eis auch im Juni noch. Für Wohnmobile gilt: Nichts erzwingen. Besser einen Tag warten als auf eisiger Piste stranden.

Diese Bücher begleiten uns:
Bruckmann

Der Vidraru-Staudamm

Die Straße führt durch immer steileres Gelände, durch Dörfer, die kleiner werden, und irgendwann durch eine schmale Schlucht, die sich tief in die Berge schraubt. Dann ein kurzer Tunnel – und dahinter öffnet sich die Welt.

Der Vidraru-Staudamm. 166 Meter hoch, 305 Meter breit, eine Bogenstaumauer aus den 1960er Jahren, die den Fluss Argeș zu einem tiefblauen See aufgestaut hat. Das haben wir hier nicht erwartet. Ringsum Wald, Berge, Stille. Direkt über dem Staudamm, auf einem Felsen, steht eine überlebensgroße Prometheus-Statue – den Blitz in der Hand, der Staudamm zu seinen Füßen. Als hätte jemand sagen wollen: Ja. Wir haben das gemacht. Wir haben die Natur gebändigt.

Man kann über die Dammkrone laufen. Auf der einen Seite schaut man 166 Meter tief hinunter, auf der anderen Seite liegt der stille See. Es ist schwindelerregend und großartig gleichzeitig.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Vidraru-Staudamm

Der Vidraru-Staudamm liegt am Fuße der Transfăgărășan, rund 30 Kilometer nördlich von Curtea de Argeș. Er wurde zwischen 1961 und 1966 gebaut und erzeugt Strom für die Region. Die Staumauer ist frei zugänglich und kann zu Fuß überquert werden – der Blick auf den See und die Berge ist außergewöhnlich. Vidraru-Staudamm auf Google Maps

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Die Transfăgărășan – wieder gesperrt

Hinter dem Staudamm beginnt die Transfăgărășan.

Wir sind 2019 von der anderen Seite gekommen und haben sie damals nicht überqueren können — Ende Mai lag der Schnee noch meterhoch. Und jetzt, 2025, stehen wir wieder vor der Schranke. Gestern hat es auf dem Pass noch geschneit.

Wir lachen. Was sonst.

Und fahren trotzdem weiter. Mal sehen, wie weit wir kommen.

Aber sogar am Ende des Sees sind wir noch weit von den Berglandschaften entfernt. Die Serpentinen fangen erst viel später an.
Wir parken oberhalb des Sees und blicken über den ganzen See bis zur weit entfernten Staumauer.
Jeremy Clarkson, der englische Moderator, hat die Transfăgărășan in Top Gear zur schönsten Straße der Welt erklärt. Wir können nicht widersprechen, haben aber die Gipfel immer noch nicht gesehen.

Die Bären

 

Arno kommt uns im Kastenwagen entgegen und winkt — irgendetwas wartet da hinten.

Dann sehen wir es selbst. Erst ein einzelner Bär, der sich perfekt als Fotomodel am Straßenrand positioniert hat. Dann, etwas weiter, drei halbwüchsige Bären mit ihrer gewaltigen Mutter, die neben der Straße grasen. Wir stellen das Wohnmobil seitlich in eine Parkbucht und fotografieren von unseren hochliegenden Fenstern aus. Sie fressen Gras, schauen gelegentlich hoch, nehmen uns zur Kenntnis — und wenden sich wieder dem Gras zu.

Eine ruhige, entspannte Begegnung. Und gleichzeitig beunruhigend, wenn man sieht, was um uns herum passiert.

Andere Autos halten, Menschen steigen aus. Einer hält sein Handy so nah wie möglich ran. Eine Familie wirft Brot aus dem Fenster. Kinder zeigen aufgeregt auf die Tiere. Die Bären nehmen das Brot — selbstverständlich, gelassen, als wäre das ihr Job.

 

Das ist das Problem. Und es wird größer.
Nur eine Woche später wird ein Motorradfahrer hier getötet, als er ein Selfie mit Bär machen wollte.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Bären in Rumänien

Rumänien beherbergt die größte Braunbärenpopulation Europas – Schätzungen gehen von 10.000 bis 13.000 Tieren aus, als ökologisch verträglich gelten etwa 4.000. Die Bären an der Transfăgărășan sind keine wilden, scheuen Tiere mehr – sie wurden von Touristen über Jahre angefüttert und haben gelernt, dass der Straßenrand eine einfache Nahrungsquelle ist. Zwischen 2016 und 2021 wurden 14 Menschen in Rumänien von Bären getötet, 158 weitere verletzt. Der Satz, der an allen Hinweisschildern steht, gilt: Ein gefütterter Bär ist ein toter Bär. Wer ihn füttert, verurteilt ihn früher oder später zum Tod – durch Abschuss oder Umsiedlung. Das Füttern von Wildtieren ist gesetzlich verboten und kann mit Bußgeldern bis zu 10.000 Lei bestraft werden. Richtig: Im Auto bleiben, Fenster schließen, im Zweifel hupen.

Wir fahren weiter und kehren in einem dieser Berggasthäuser ein, die hier aus massivem Holz gebaut sind — Zimmer in kleinen Hütten, ein Feuer im Kamin, rundherum der Wald. Bestimmt ein besonderes Erlebnis, wenn man weiß, dass die Bären die Nachbarn sind.

Den Nachmittag verbringen wir am See. Weit kommen wir auf der Straße nicht mehr — sie zieht sich endlos weiter den Berg hinauf. Irgendwann machen wir kehrt und fahren zu unserem nächsten Highlight.

Route tracken und Sicherheit

🔵 Gut zu wissen: Trackiwi
Alle 6.063 Kilometer dieser Reise – jede Übernachtung, jede Höhe, jede Sehenswürdigkeit – haben wir mit Trackiwi aufgezeichnet. Ein kleines Gerät, irgendwo im Wohnmobil versteckt, an 12 Volt angeschlossen. Einmal angeschlossen, läuft es einfach. Per App steuerbar für iOS, Android und Webversion. 10% Rabatt mit dem Code WOMOBLOG auf die Hardware. Und auch als Alarmanlage nutzbar.

Curtea de Argeș – die Königsgräber

 

Am Nachmittag erreichen wir Curtea de Argeș.

Der Name bedeutet auf Deutsch etwa Fürstenhof am Argeș-Fluss — und das war er einmal wörtlich. Im 14. Jahrhundert war diese Stadt die erste Hauptstadt des Fürstentums Walachei. Hier residierte Radu Negru, der nach der Legende die Walachei gründete. Hier bauten seine Nachfolger Kirchen und Klöster. Davon ist heute vor allem die Kathedrale geblieben.

Das Gebäude sieht aus wie nichts sonst. Hellgrauer Kalkstein, gedrehte Türme mit birnenförmigen Knäufen, florale Ornamente, die die gesamte Fassade überziehen. Byzantinisch, osmanisch, orientalisch — ein Stil, der aus keiner einzelnen Quelle stammt, sondern aus allen gleichzeitig. Eingerüstet ist es gerade, eine große Restaurierung. Man erkennt die Schönheit trotzdem.

Die Nonne und die Legende

Anca hat wieder eine perfekte Führerin für uns organisiert. Eine Nonne tritt auf uns zu — jung, ruhig, mit einer Klarheit, die man bei Führungen selten erlebt. Keine auswendig gelernten Formeln. Echtes Wissen. Echte Überzeugung.

Sie erzählt von Fürst Neagoe Basarab, der die Kathedrale zwischen 1512 und 1517 bauen ließ. Und dann erzählt sie die Legende von Meister Manole.

Manole war der Baumeister dieses Klosters. Was er und seine Leute tagsüber bauten, stürzte in der Nacht wieder ein. Immer wieder. Bis Manole einen Traum hatte: Das Bauwerk würde nur bestehen bleiben, wenn man das erste Wesen, das am nächsten Morgen zur Baustelle käme, lebendig in die Mauern einmauerte.

Das erste Wesen, das am nächsten Morgen kam, war seine Frau.

Manole erzählte ihr, es sei Spaß. Ein Spiel. Er mauerte sie ein, Stein für Stein, während sie lachte, dann lächelte, dann bat, dann schrie. Die Mauern hielten.

Das Kloster stand.

Der Fürst, so die Legende weiter, ließ die Gerüste entfernen, damit Manole und seine Männer nicht woanders ein so schönes Gebäude bauen könnten. Die Arbeiter versuchten, mit selbst gebauten Flügeln zu fliegen. Manole überlebte den Sturz nicht. Dort, wo er aufschlug, entsprang eine Quelle.

Die Nonne hält inne. Dann sagt sie: Die Legende ist alt. Niemand weiß, ob sie wahr ist.

Ein bisschen gruselig ist das schon. Aber viel wichtiger ist die Schönheit, die geblieben ist. Wir stehen im Inneren und sind völlig geflasht: Säulen, Ausmalungen, Gold und dunkle Farben, helle Leuchter und große Fenster. Von außen wirkte das Gebäude viel kleiner — hier drinnen fühlt es sich riesig an.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Kloster Curtea de Argeș

Die Kathedrale wurde 1512–1517 von Fürst Neagoe Basarab erbaut und ist die Grabstätte der rumänischen Königsfamilie. Hier ruhen König Carol I. und Königin Elisabeth, König Ferdinand I. und Königin Maria sowie König Michael I. (gestorben 2017). Das Kloster beherbergt außerdem die Reliquien der heiligen Filofteia, eine wichtige orthodoxe Pilgerstätte. Geöffnet täglich, Führungen auf Anfrage. Curtea de Argeș auf Google Maps

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Königin Maria

Wir kennen Königin Maria aus unserer Heimat. Im nahegelegenen Schloss Wolfsgarten gibt es Bilder von ihr, wie sie am Bahnhof ankommt. Diese Verbindung hatten wir bereits bei der letzten Rumänienreise in Burg Bran entdeckt — wer unseren Rumänien-Reisebericht von 2019 kennt, erinnert sich.

 

Und jetzt stehen wir vor ihrem Grab.

Maria von Rumänien, Enkelin von Königin Victoria, Frau von König Ferdinand I., war eine der schillerndsten Herrscherinnen Europas des frühen 20. Jahrhunderts. Sie verhandelte beim Pariser Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg mit, kämpfte für das Großrumänien, das nach 1918 entstand. Die Rumänen verehren sie bis heute.

Ihr Herz — so ihr ausdrücklicher Wunsch — liegt in Schloss Bran. Den Rest ruht hier.

Wir stehen eine Weile still.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen:

Königin Maria von Rumänien

Maria von Rumänien (1875–1938), Enkelin von Königin Victoria und Zar Alexander II., heiratete 1893 den späteren König Ferdinand I. Sie war Mitgestalterin des vereinten Großrumäniens nach dem Ersten Weltkrieg und wird von den Rumänen bis heute als Volksheilige verehrt. Ihr Herz wurde nach ihrem Wunsch in Schloss Bran eingemauert, ihr übriger sterblicher Teil ruht in der Kathedrale von Curtea de Argeș. Und wer mit offenen Augen durch Mitteleuropa reist, findet Spuren von ihr an unerwarteten Orten — auch in unserem kleinen Heimatort in Hessen.

Für uns geht es weiter nach Bukarest. Großstadt mit dem Wohnmobil — kann das gutgehen?

Weiter in Folge 05: Bukarest – Parlamentspalast, ein Stadtführer mit Anekdoten und ein Abend mit Streichorchester.

Donaudelta – Reisebericht

Inhaltsverzeichnis:

Donaudelta Roadtrip — alle Folgen:

·      Einleitung: Alles was du vorab wissen musst

·      Folge 01: Oradea – der Traum direkt hinter der Grenze

·      Folge 02: Temeswar – wo Geschichte noch lebt

·      Folge 03: Banat, Eisernes Tor und Kloster Horezu

·      Folge 04: Bären,
Berge und Königsgräber

·      Folge 05: Bukarest –
Ceaușescus Größenwahn hat ein Gesicht

·      Folge 06: Konstanza,
Festung Enisala und der Weg ins Delta

·      Folge 07: Das
Donaudelta – wenn Natur einen sprachlos macht

·      Folge 08: Donaudelta
– Pelikane, Wildpferde und chillen auf dem Hausboot

·      Folge 09: Schlammvulkane,
Gipfelwind und freie Hunde

·      Folge 10: Kirchenburgen,
Klosterruinen und ein unvergesslicher Abend

·      Folge 11: Stille Tage, strickende Frauen und der letzte Deutsche im Dorf
Deutsche im Dorf

Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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