Timișoara– wo Geschichte noch lebt – Rumänien Roadtrip 02

Wir kennen uns noch nicht. Stehen auf einem kleinen Campingplatz in der Nähe von Temeswar, zwanzig Menschen, zehn Wohnmobile, und schauen uns vorsichtig an. Jeder fragt sich insgeheim dasselbe: Wird das gut gehen?

Anca hat einen Tisch gedeckt. Rumänische Kleinigkeiten, die sie mitgebracht hat – Käse, Speck, eingelegtes Gemüse, frisches Brot. Dazu erklärt sie, was wir da essen. Woher es kommt. Wie man es hier isst. Das Gespräch beginnt von selbst.

Ich sitze neben Arno. Wir verstehen uns auf Anhieb. Und dann ist da noch Erich – ein begnadeter Sänger mit Gitarre, der Abende mit Liedern füllt, als wäre er ein Barde aus einer anderen Zeit. Nach und nach lernt man die anderen kennen. Jeder trägt etwas mit sich, das neugierig macht. Ich werde davon noch erzählen, nach und nach.

Was Anca an diesem ersten Abend schon klar macht: Sie wird uns nicht nur durch Rumänien fahren. Sie wird uns in ihre Heimat entführen!

Eine Stadt, drei Namen – kein Problem

Am nächsten Morgen sammelt uns ein Bus ein und fährt uns in die Innenstadt. Temeswar – so sagen wir. Auf Rumänisch heißt die Stadt Timișoara, auf Ungarisch Temesvár. Drei Namen, eine Stadt. Das ist kein Kuriosum, das ist hier gelebte Normalität.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Drei Namen für jede Stadt

In Rumänien hat jede Stadt mindestens zwei, oft drei Namen: einen rumänischen, einen ungarischen, einen deutschen. Temeswar heißt auf Rumänisch Timișoara, auf Ungarisch Temesvár. Hermannstadt heißt Sibiu und Nagyszeben. Kronstadt heißt Brașov und Brassó. Keiner dieser Namen ist falsch, keiner ist offizieller als der andere – alle werden benutzt, von Einheimischen wie von Reisenden, ohne dass sich jemand daran stört. Das allein sagt viel über dieses Land aus.

In Temeswar hört man auf den Straßen Rumänisch und Ungarisch, im Dom wird die Sonntagsmesse in drei Sprachen gelesen – auf Rumänisch, Deutsch und Ungarisch. Es gibt ein Deutsches Nationaltheater, einen deutschsprachigen Radiosender, rumänische Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache. Die Deutschen stellen heute nur noch etwa zwei Prozent der Bevölkerung – aber ihr Erbe ist überall sichtbar, in den Fassaden, in den Institutionen, im Alltag.

 (Unionsplatz mit barocker Pestsäule und Dom – hier beginnt Temeswars Geschichte)

Die Stadt wurde seit Jahrhunderten vom friedlichen Zusammenleben verschiedener Nationalitäten geprägt. Rumänen, Ungarn, Deutsche, Serben, Juden, Bulgaren – sie alle haben diese Stadt geformt, und man spürt das noch heute.

Das kleine Wien des Ostens

Wer durch Temeswar schlendert, denkt unweigerlich an Wien. An Budapest. An die große Zeit der Habsburger, als diese Stadt eine der modernsten des gesamten Kaiserreiches war.

Und das war sie tatsächlich. 1869 eröffnete nach Budapest die zweite Straßenbahn in Großungarn. Und 1884 war Temeswar die erste Stadt im gesamten Habsburgerreich, die eine dauerhafte elektrische Straßenbeleuchtung bekam. Schon damals war diese Stadt ihren Zeitgenossen einen Schritt voraus.

Die großen Plätze erzählen von dieser Geschichte. Der Unionsplatz – Piața Unirii – ist von barocken Palais, einem schönen Dom und einer hohen Pestsäule aus dem 18. Jahrhundert umrahmt. Davor: Cafétische, Kinderwagen, Menschen in der Sonne. Die Orthodoxe Kathedrale mit ihrem markanten Turm und dem bunten Keramikschmuck steht auf dem Siegesplatz – Piața Victoriei –, dem Platz, der im Dezember 1989 in die Geschichte eingehen sollte.

Wir gehen durch die Straßen, entdecken Jugendstilhäuser neben Barockpalästen, treten durch Tore in stille Innenhöfe, bestellen Kaffee in einem Café, das aussieht, als hätte es Sissi persönlich eingerichtet und gehen am Abend in einem Gewölbekeller die rumänischen Leckereien genießen.
Sehr zu empfehlen!

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Temeswar – Sehenswürdigkeiten

Die wichtigsten Plätze sind die Piața Unirii (Unionsplatz) mit dem römisch-katholischen Dom und der Orthodoxen Bischofskirche sowie die Piața Victoriei (Siegesplatz) mit der Rumänisch-Orthodoxen Kathedrale und dem Opernhaus. Dazu: das Deutsche Nationaltheater Temeswar, die Synagoge im Stadtteil Fabric und die Festung. Temeswar war 2023 Europäische Kulturhauptstadt – die Kunstinstallationen und Festivals sind noch präsent. 

Der Stadtführer, der dabei war

Dann trifft die Gruppe auf unseren einheimischen Stadtführer. Er spricht gut Deutsch, kennt jede Gasse und jeden Stein. Aber was ihn von jedem anderen Stadtführer unterscheidet, ist das, was er erzählt, wenn er von 1989 spricht.

Nicht aus dem Buch. Aus der Erinnerung.

 

Er war jung damals. Und eine Woche vor dem Ausbruch der Revolution war er noch Soldat. Noch in der Armee. Noch in jenem System, das auf die eigene Bevölkerung schoss. „Ich hätte wahrscheinlich auch schießen müssen,” sagt er ruhig. Kein Drama in der Stimme. Nur die Tatsache.

Wir stehen auf dem Platz vor der Orthodoxen Kathedrale und hören zu. Hinter uns die Kirche, vor uns der Stadtführer, und irgendwo zwischen diesen beiden Punkten liegt eine Geschichte, die man in keinem Reiseführer so liest.

Er erzählt von einem jungen Mann, der in diesen Dezembertagen angeschossen wurde – direkt vor dieser Kirche. Soldaten haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Man hat ihn nie mehr gesehen. Einfach verschwunden, wie so viele. Die aus Timișoara beiseitegeschafften Leichen wurden in einer eigens instandgesetzten Verbrennungsanlage des Bukarester Krematoriums verbrannt. Kein Grab. Keine Beerdigung. Nichts.

Niemand sagt etwas. Der Platz ist groß und still.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Die Revolution von 1989

Am 15. und 16. Dezember 1989 versammelten sich in Temeswar Menschen vor der Wohnung des reformierten ungarischen Pastors László Tőkés, der zwangsversetzt werden sollte. Aus der Solidaritätskundgebung wurde ein Aufstand. Rumänen, Ungarn und Deutsche standen Seite an Seite – in einer Stadt, die Zusammenleben schon immer besser konnte als der Rest des Landes. Das Regime antwortete mit Gewalt: Schüsse, Tote, verschwundene Leichen. Doch die Demonstrationen ließen sich nicht niederknüppeln. Temeswar wurde zum Funken, der ganz Rumänien entzündete. Am 25. Dezember wurde Ceaușescu erschossen. Die Revolution, die hier begann, hatte ein Land befreit – und sie hatte in dieser Stadt ihren Ursprung, weil Temeswar schon immer ein Ort war, an dem verschiedene Menschen miteinander lebten, statt gegeneinander

Solche Eindrücke bekommt man nicht aus Büchern. Man bekommt sie im Gespräch mit Menschen, die dabei waren. Das ist es, was diese Gruppenreise von einer normalen Wohnmobiltour unterscheidet: Anca kennt diese Menschen. Und sie öffnet uns Türen, die sonst verschlossen bleiben.

Temeswar heute

Was Temeswar heute ist, hat mit dem, was es war, nur wenig zu tun.

2023 war die Stadt Europäische Kulturhauptstadt – und man spürt das noch. Parks, Kunstainstallationen, ein lebendiges Nachtleben am Bega-Kanal. Junge Rumänen sitzen abends an den Ufertreppen, trinken Bier, spielen Musik. Die Cafés in der Altstadt sind modern und gut. Heute wird Temeswar überwiegend von Rumänen bewohnt, aber es leben immer noch viele Ungarn, Deutsche, Serben und Roma in der Stadt. Die Westuniversität bringt Studenten aus ganz Rumänien hierher und hält die Stadt jung und offen.

Temeswar ist keine Museumsstadt. Es ist eine Stadt, die nach vorne schaut. Die Vergangenheit trägt sie dabei als Gepäck – nicht als Last.

Für uns geht es weiter. Das erste Mal waren wir als Gruppe unterwegs und es hat erstaunlich gut funktioniert. Jeder hat mal mit jedem gesprochen und wer keine Lust hatte, ging seiner eigenen Wege.
Aber alle hatten Lust und wir merkten schnell, dass es spannend ist, die Geschichten von anderen kennen zu lernen.
So waren in unserer Gruppe drei Menschen mit rumänischen Wurzeln dabei, die ihre ganz eigene rumänische Geschichte erzählen konnten. Und das wurde im Laufe der Reise zum echten Highlight.

Stellplatz:

Stellplatz Temeswar

Mit dem Wohnmobil fährt man nicht in die Innenstadt – die Straßen sind eng und das Parken ein Abenteuer. Unser Tipp aus eigener Erfahrung von 2019: Stellplatz am Zoo, etwas außerhalb der Stadt. Von dort sind es mit dem Fahrrad nur wenige Minuten ins Zentrum. Wer in der Gruppe reist, organisiert Anca einen Bus, der direkt in die Stadt fährt – komfortabler geht es kaum

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Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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