Wir haben Otter gesehen
Heute ist spät geworden. Aber die wichtigste Nachricht des Tages zuerst: Wir haben Otter gesehen. Sensationell – auf die Bilder und das Video freue ich mich jetzt schon. Aber dazu kommen wir gleich, sonst liest hier keiner mehr weiter. Erst der Reihe nach, wie wir überhaupt an diesen Punkt kamen.
Die Regenfahrt nach Tobermory
Vom Campingplatz in Fionnphort losgefahren, über die ganze Insel – wir wollten eigentlich eine andere Strecke nehmen, aber Mull hat nicht so viele Straßen, und die Alternative haben wir uns gespart. Also denselben Weg zurück, an Duart Castle vorbei, nach Tobermory. Die Strecke ist nicht lang, vielleicht 42, 45 Meilen. Aber es dauert Stunden, denn auf den Single Track Roads entscheidet der Gegenverkehr, ob man vorwärtskommt oder nicht.
Seit der Abfahrt regnete es. Auch in Tobermory war es grau in grau. Dabei hatten wir die Stadt schon im strahlenden Sonnenschein gesehen – von der Fähre aus, bei der Ankunft auf Mull vor ein paar Tagen. Die Bilder vom Hafen mit den bunten Fassaden werde ich wohl von damals verwenden, das sieht einfach viel schöner aus.
ℹ️ Infobox: Tobermory
Der Name kommt vom Gälischen Tobar Mhoire, „Mariens Brunnen“ – Tobermory ist die Hauptstadt von Mull. Die bunten Hafenhäuser sind heute das Markenzeichen der Stadt, aber das war nicht immer so: Das Mishnish Hotel war 1961 das erste Haus, das sein Besitzer leuchtend gelb streichen ließ. Der Rest der Hafenzeile folgte nach und nach – davor graue Steinhäuser wie überall in Schottland. Die Entscheidung, Farbe reinzubringen, hat Tobermory zum Touristenmagneten gemacht, heute gilt es als einer der farbenfrohsten Orte der Welt.
Von hier starten außerdem Bootsfahrten zu den Treshnish Isles und zur Insel Staffa mit der berühmten Fingal’s Cave. Dort waren wir schon einmal, 2018, und haben live erlebt, wie hundert Papageientaucher direkt vor uns saßen, ganz ohne Scheu. Den Bericht von damals gibt es hier nachzulesen.
Loch na Keal
Mittags bereits ein kurzer Abstecher zum Loch na Keal – ein Meeresarm, der tief in die Westküste von Mull hineinreicht. Wir haben gleich eine schöne Stelle zum Übernachten gefunden und sind am Abend dorthin zurückgekehrt.
Loch bedeutet ja eigentlich See – aber hier gilt es genauso für Salzwasserfjorde. Hier sollen regelmäßig Otter vorbeikommen. Wir haben uns auf einer kleinen Anhöhe über einer Bucht postiert und geschaut. Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich einen zu sehen, ist gering – aber es soll hier viele geben. An diesem Abend: bisher nichts. Dafür hat Nadja einen Bluthänfling entdeckt, und Sandregenpfeifer sind mir sehr nah gekommen, schöne Bilder. Allein das macht schon Spaß.
Mull bedeutet auf Gälisch so viel wie „Insel der Hügel“ – und das sieht man. Hinter uns türmen sich steile Berge auf, die direkt aus dem Meer aufsteigen. Dazu wunderschöne Strände, Wanderwege, Seeadler und Otter. Ich verstehe jetzt, warum Mull im Hochsommer überlaufen sein soll. Wir haben Glück, dass es momentan noch ruhig ist.
Was macht man in so einer Situation? Klar – schnell in die Klamotten und raus. Halb angezogen ein paar Bilder gemacht, aber da waren sie schon wieder weg. Schade – aber wir hatten immerhin ein paar kümmerliche Bilder durch die Windschutzscheibe. Wir hätten also behaupten können, wir haben Otter gesehen.
Zurück rein. Nadja schreit wieder: Jetzt sind zwei Otter da vorne! Vorher war es nur einer.
Wieder raus – diesmal habe ich mich richtig angeschlichen. Und tatsächlich, ich konnte näher fotografieren. Aber das war noch nicht alles. Die Otter schwammen weiter, ich hinterher. Zum Glück hatte ich meine neue Jacke an – es fing an zu regnen, es stürmte, kein Spaß. Ich bin über matschige Wasserpflanzen gestapft, darunter Felsen, durch Pfützen – irgendwann war mir das egal. Wanderschuhe an – die mussten das jetzt einfach aushalten – durchs Wasser, immer gebückt für ein bisschen Tarnung, was wahrscheinlich auch Quatsch war.
Die Otter fischten im Wasser und gingen dann auf eine kleine, noch nicht von der Flut überspülte Insel. Dort haben sie sich zusammengerollt – und mich dabei wohl völlig vergessen, weil ich mich hinter einem Stein versteckt hatte. Ich bin immer näher gegangen, am Ende waren es vielleicht 20 Meter. Zwischen uns Wasser, ich kam nicht direkt hin, musste auch nicht. Sensationelle Bilder. Einfach toll.
Eines muss ich klar sagen: Nadja ist die absolute beste Otter-Spotterin überhaupt. Ich habe sie oft gar nicht gesehen, Nadja wusste schon, wo sie waren. Erst später habe ich gemerkt, worauf man achten muss. Aber ohne Nadja wäre es uns gegangen wie den vielen anderen, die hierherkommen – und das sind viele. Die stellen sich mit dem Auto hin, schauen rechts, schauen links, fahren wieder weg. Dabei waren die Otter genau da. Oder andere fahren einfach die Landstraße am Küstenstreifen entlang, vielleicht mit dem Fernglas raus – aber so siehst du nichts. Man muss sich danebenstellen, den Fels und den Küstenstreifen im Blick behalten, auf jede Veränderung achten. Sonst hast du keine Chance.
ℹ️ Infobox: McCaig’s Tower
Eine kolosseumartige Ruine hoch über Oban, erbaut zwischen 1897 und 1902 von John Stuart McCaig, einem wohlhabenden Bankier aus Oban. Sein Plan: ein Monument für seine Familie, gleichzeitig Arbeit für die örtlichen Steinmetze in den ruhigen Wintermonaten. Ein Architekt war nicht beteiligt – McCaig entwarf es selbst, inspiriert vom römischen Kolosseum. Geplant waren ein zentraler Turm und Statuen in den Bogennischen. Dann starb McCaig 1902, mit 78, an Herzversagen. Die Verwandtschaft entschied: das war’s, weiterbauen lohnt sich nicht. Übrig blieben die äußeren Mauern – eine leere Hülle, 200 Meter im Umfang, mit zwei Bogenreihen. Innen drin heute ein kleiner Park. Sehr schön anzusehen, mit Blick über Oban Bay bis zu Kerrera, Lismore und Mull.
Inhaltsverzeichnis:
| # | Titel | Themen |
|---|---|---|
| 1 | Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle |
| 2 | Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco |
| 3 | Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies |
| 4 | Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty |
| 5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
| 6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
| 7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
| 8 | Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay |
| 9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky | Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie |
| 10 | Panik am Old Man of Hoy | Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane |
| 11 | Kühlschrank kaputt – und nun? | Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber |
| 12 | NC500 – Traumstraße hoch im Norden | Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie |
| 13 | Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften | Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh |
| 14 | Willkommen auf Lewis | Ceilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere |
| 15 | Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing Stones | Callanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich |
| 16 | Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so! | Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber |
| 17 | Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche Geschichte | Butt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse |
| 18 | Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überall | Mangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis |
| 19 | Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche Wanderung | Kajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle |
| 20 | Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach Harris | Tarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre |
| 21 | Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für uns | Luskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch |
| 22 | Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren Hebriden | Golden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas |
| 23 | Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden Kühen | Skye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island |
| 24 | Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der Sonne | Kilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline |
| 25 | Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach Mull | Fähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm |
| 26 | Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte Europas | Baile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid |
| 27 | Otter auf Mull | Tobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban |
| 28 | Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach Glasgow | Oban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow |
| 29 | Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of Wellington | University of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington |
| 30 | Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von Bebbanburg | Dunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle |
| 31 | Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer später | Alnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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4 Kommentare
Lieber Jürgen,
es ist jeden Morgen eine Riesenfreude, wieder einen neuen Bericht lesen zu dürfen. Und dann erst die Bilder!
Mir wäre eine solche Tour vermutlich zu anstrengend. Umso mehr freut es mich, dass Ihr mich und uns so anschaulich teilhaben lasst.
Habt vielen lieben Dank dafür.
Karl, einfach machen – und dir mehr Zeit nehmen, wie wir es getan haben. Wir wollten es eigentlich ruhig angehen – aber jeden Tag gab es ein neues Highlight.
Unglaublich schön!
Toller Bericht! Der Reisebericht Teil 25 führt zu einem Fehler, wenn man aus der Tabelle versucht darauf zu gehen.
Lg
Danke, ist gefixt