Heute haben wir beide Gesichter der Orkneys erlebt. Gestern strahlender Sonnenschein – heute grau in grau, teilweise echter Dauerregen. Aber das ist Schottland. Und irgendwie gehört es dazu.
Earl’s Palace Birsay – Macht, Tyrannei und ein Ende am Galgen
Noch in Birsay, bevor wir weiterfahren. Neben dem Brough stehen die Ruinen des Earl’s Palace – ein Palast, der eigentlich nie richtig gebraucht wurde und schon lange verfallen ist. Was heute noch steht, sind ein paar Mauern, die trotzdem einen Eindruck davon geben, wie das Ganze einmal ausgesehen haben muss.
Gebaut zwischen 1569 und 1574 von Robert Stewart – dem unehelichen Sohn von König Jakob V. und damit Halbbruder von Maria, Königin der Schotten. Über dem Eingangstor ließ er in Latein einmeißeln: „Robert Stewart, Sohn Jakobs V., König der Schotten, hat dieses Gebäude errichtet.“ Ein König der Schotten war er nicht – aber der Zusatz verrät einiges über seinen Charakter. Er regierte Orkney wie ein Tyrann, verwendete für den Bau Zwangsarbeit und wurde 1575 kurzzeitig in Edinburgh eingekerkert. Trotzdem starb er 1593 ruhig in seinem Bett. Sein Sohn Patrick machte nahtlos weiter – genauso tyrannisch, genauso rücksichtslos. Patricks eigener Sohn Robert versuchte 1614 sogar, Kirkwall mit Gewalt zu stürmen. Am Ende wurden Vater und Sohn – Patrick und Robert – 1615 hingerichtet. Danach verfiel der Palast rasch. Cromwells Truppen notierten 1653 bereits den Verfall. Um 1700 war er dachlos.
Diese Bücher begleiten uns:
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Schottland
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Direkt daneben – und deutlich netter – steht ein kleiner gelber Holzschrank an einer Hauswand. Eine Honesty Box: aufmachen, hineinschauen, selbstgemachte Kleinigkeiten aus der Region finden, per PayPal oder bar bezahlen, mitnehmen. Total einfach, total süß. Und es funktioniert offensichtlich – hier kommen viele Touristen vorbei.
Broch of Gurness – Eisenzeit im Platzregen
Auf dem Weg nach Kirkwall: der Broch of Gurness – der eindrucksvollste Broch der Orkneys, direkt am Eynhallow Sound mit Blick auf die Insel Rousay.
Was ist ein Broch? Ein runder, doppelwandiger Steinturm, wie er nur im nördlichen Schottland vorkommt – auf Orkney, Shetland, in Caithness und den Highlands. Zwischen den beiden Mauerschalen verliefen Galerien und Treppengänge. Gurness soll ursprünglich rund 15 Meter hoch gewesen sein. Ob diese Türme je ein Dach hatten, ist bis heute ungeklärt – Holz war auf Orkney extrem rar, und wie man ein Dach über einen solchen Turm spannte, hat noch niemand befriedigend erklärt.
Entdeckt wurde Gurness 1929 auf eher ungewöhnliche Weise: Der orcadische Dichter und Naturforscher Robert Rendall saß auf einem Grashügel und skizzierte die Landschaft, als ein Bein seines Hockers durch den Boden brach. Darunter: eine Treppe, die in die Erde führte. Er meldete den Fund, ab 1930 wurde ausgegraben. Was zum Vorschein kam: ein komplexes Labyrinth aus Mauern, Häusern, Höfen und Gräben, über Jahrhunderte von verschiedenen Kulturen bewohnt und umgebaut, beginnend zwischen 500 und 200 vor Christus.
Es schüttete wie aus Kübeln. Nadja blieb im Wohnmobil – und beobachtete, wie eine Robbe immer wieder direkt davor auftauchte und um Aufmerksamkeit zu betteln schien. Kopf raus, schauen, abtauchen, wieder auftauchen. Ich stand im Platzregen zwischen den Mauern und war trotzdem glücklich. Das ist Orkney.
ℹ️ Infobox: Broch of Gurness
An der Nordostküste der Orkney Mainland, bei Aikerness. Historic Scotland-Gelände – Mitglieder gratis, sonst ca. £6 Eintritt. Kleine Ausstellung im Besucherzentrum.
St. Magnus Cathedral – Stille mitten im Sturm
Wir fahren über die halbe Insel in Richtung Kirkwall und bekommen so einen Eindruck von den vielen Gesichtern der Orkneys. Da gibt es Steilküsten, aber auch flache Täler mit großen Seen. Felder so weit das Auge reicht, dann wieder Moore und baumlose Hügel. Und Weite. Endlose Weite.
In Kirkwall wartet die St. Magnus Cathedral.
Die Kathedrale wurde 1137 von Earl Rognvald begonnen – dem Neffen des heiligen Magnus, zu dessen Ehren sie gebaut wurde. Magnus hatte 1115 auf der kleinen Insel Egilsay den Tod gefunden: von seinem eigenen Cousin Haakon in eine Falle gelockt und ermordet. Er soll seinen Henker gebeten haben, ihm einen Axthieb auf den Kopf zu geben – den Tod eines Kriegers, nicht den eines Kriminellen am Galgen. Er starb betend, seinen Mördern vergebend, ohne Widerstand. Genau das machte ihn in den Augen der Menschen zum Märtyrer: nicht nur die Art seines Todes, sondern seine Haltung dabei. Schon bald berichteten Pilger von Wundern an seinem Grab, und 1135 wurde er heiliggesprochen. Seine Gebeine ruhen bis heute in einer der Säulen der Kathedrale – ebenso wie die Rognvalds, der 1158 ermordet wurde und ebenfalls heiliggesprochen ist.
Die Kathedrale ist aus rotem und gelbem Sandstein gebaut – der rote stammt von der Halbinsel Head of Holland bei Kirkwall, der gelbe von der Insel Eday. Nadja findet besonders schön, dass die Sandsteine so unterschiedlich sind, so ungleichmäßig in Farbe und Struktur – das gibt dem Ganzen Wärme. Außen sieht man, wie der Stein über die Jahrhunderte verwittert ist: tiefe Löcher, ausgewaschen von Sturm und Salzgischt. Drinnen herrscht eine erstaunliche Stille. Draußen tobten heute Wind, Regen und Sturm – und kaum betritt man die Kathedrale, merkt man davon nichts.
An den Wänden zahlreiche Gedenktafeln. Darunter für Edwin Muir – Dichter, einer der bedeutendsten schottischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, 1887 auf Orkney geboren. Und für George Mackay Brown – Dichter, Romancier, Dramatiker, 1921 in Stromness geboren. Er gilt vielen als Schottlands größter Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und verbrachte fast sein gesamtes Leben auf Orkney, ohne die Insel je wirklich verlassen zu wollen. Der heilige Magnus war seine lebenslange Obsession – er schrieb Romane, Gedichte und Theaterstücke über ihn. Als Mackay Brown 1996 starb, fand seine Beerdigung ausgerechnet am Festtag des heiligen Magnus in dieser Kathedrale statt.
In einer Ecke fällt uns eine Marmorstatue auf: eine liegende Figur in arktischer Jagdkleidung – mit einem Gewehr. Kein Heiliger, sondern Dr. John Rae (1813–1893), Polarforscher aus Orkney, der 1854 als erster das fehlende Stück der Nordwestpassage entdeckte. Er lernte von den Inuit zu überleben, als andere Expeditionen scheiterten.
In der Kathedrale hängt auch eine Gedenkglocke der HMS Royal Oak – jenes Schlachtschiffs, das 1939 von U-47 in Scapa Flow versenkt wurde. 834 Menschen kamen ums Leben. Eine Verbindung, die auch hier nicht vergessen wird.
ℹ️ Infobox: St. Magnus Cathedral
Im Zentrum von Kirkwall, nicht zu verfehlen. Eintritt frei. Führungen möglich.
Direkt daneben: Earl’s Palace Kirkwall und Bishop’s Palace Kirkwall – beide Historic Scotland-Gelände, beide kostenlos für Mitglieder. Das Earl’s Palace Kirkwall ist architektonisch noch beeindruckender als das in Birsay – gebaut von demselben Patrick Stewart, kurz vor seiner Hinrichtung 1615. stmagnus.org
Nicht zu vergessen:
Shoppen in Kirkwall.
Zum einen gibt es einen großen Tesco! Aufgepasst, als wir dort waren, merkten wir, dass wir auf einer Insel waren: Die Auswahl an frischem Gemüse war deutlich eingeschränkt.
Während ich bei der Destillerie war, ist Nadja durch Kirkwall gebummelt – hat Läden angeschaut und dabei, wie sie so ist, die eisernen Gartenzäune fotografiert. Jede Straße, jede Stadt, eine andere Ornamentik. Und da jeden Tag Touristen Kirkwall fluten, gibt es wirklich nette Geschäfte mit tollen und außergewöhnlichen Angeboten. Überhaupt trauen sich die Schottinnen Kombinationen zu, die anderswo nie getragen würden. Für mich sind das echte Hingucker.
Highland Park – 1798 gegründet, eine der ältesten und nördlichsten Destillerien der Welt. Was die Führung so interessant macht: Man sieht hier noch genau, wie seit Jahrhunderten gearbeitet wird. Die Floor Maltings – wo die Gerste auf dem Boden ausgebreitet, von Hand gewendet und mit lokal gesteochenem Heidepeat aus Orkney geräuchert wird – das ist kein Museum, kein Schaufenster. Das ist echte Produktion. Kein zugekauftes Malz, kein industrieller Prozess. Die Tour war super und sehr interessant.
Highland Park – 1798 gegründet, eine der ältesten und nördlichsten Destillerien der Welt. Was die Führung so interessant macht: Man sieht hier noch genau, wie seit Jahrhunderten gearbeitet wird. Die Floor Maltings – wo die Gerste auf dem Boden ausgebreitet, von Hand gewendet und mit lokal gestochenem Heidepeat aus Orkney geräuchert wird – das ist kein Museum, kein Schaufenster. Das ist echte Produktion. Die Tour war super und sehr interessant.
Am Ende stand ich vor dem Regal im Shop. Grundsätzlich waren alle Whiskys in Schottland teurer als in Deutschland. Deshalb habe ich auf der ganzen Reise nur sehr selten gekauft. Aber hier gab es zwei Abfüllungen, die es in Deutschland schlicht nicht gibt. Spontan zugegriffen. Beide. Teuer – aber die gibt es nirgendwo sonst.
ℹ️ Infobox: Highland Park Destillerie
Holm Road, Kirkwall – ca. 1 km südlich des Stadtzentrums. Führungen oft ausgebucht – frühzeitig reservieren, ab ca. £50 pro Person: highlandparkwhisky.com
Silent Season: Normalerweise Juli–September – Mitte Mai läuft die Produktion auf Hochtouren, perfektes Timing.
Wir übernachten auf dem Parkplatz beim Ring of Brodgar – von hier fahren wir morgen früh weiter nach Stromness. Trotz heftigem Wind schlafen wir ruhig. Freistehen wäre in Stromness nicht möglich gewesen.
ℹ️ Infobox: Übernachten in Stromness
Freistehen um Stromness ist schwierig oder nicht erlaubt. Daher:
- Campingplatz Stromness – Aufpassen mit dem Navi: das führt einen gerne mitten durch die enge Altstadt.
Der Campingplatz ist schön und hat auch einen reinen Stellplatz, leider oft ausgebucht, daher frühzeitig buchen! - Parkplatz am Hafen – vorhanden, aber laut.
Im nächsten Teil: Der Old Man of Hoy – und warum man dafür einen ganzen Tag reservieren sollte.
Inhaltsverzeichnis:
# | Titel | Themen |
1 | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle | |
2 | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco | |
3 | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies | |
4 | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty | |
5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
8 | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay | |
9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und der beste Whisky der Welt ← dieser Artikel | Earl’s Palace Birsay, Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Highland Park Destillerie |
10 | Demnächst: Der Old Man of Hoy – eine eigene Geschichte |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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