Dunrobin Castle – 189 Zimmer, ein Gespenst und eine Familie, die noch immer hier wohnt
Stell dir vor, du fährst auf einer einspurigen Landstraße an der schottischen Nordseeküste entlang – Moor links, Meer rechts, graue Wolken, Nieselregen – und plötzlich taucht vor dir etwas auf, das dort schlicht nicht sein dürfte. Türmchen. Kegelförmige Spitzen. Gartenanlagen wie aus Versailles. Und dahinter das Meer.
Kein falscher Eindruck. Dunrobin Castle ist das nördlichste der großen schottischen Häuser und mit 189 Räumen das größte Haus in den Northern Highlands. Es ist eines der ältesten durchgehend bewohnten Häuser Großbritanniens, dessen Ursprünge bis ins frühe 13. Jahrhundert zurückreichen – Stammsitz der Earls und später der Dukes of Sutherland. Die charakteristischen Turmspitzen und die Gartenanlage gehen auf Sir Charles Barry zurück, der auch die Houses of Parliament in London entwarf, sowie auf den schottischen Architekten Sir Robert Lorimer.
Die Selbstführung durch 18 Räume nimmt einen durch Staatsgemächer und kleinere Privaträume in den älteren Teilen des Schlosses. Die Eingangshalle mit ihrer großen Treppe und den Portraits der vergangenen Earls erinnert tatsächlich etwas an Hogwarts. Die Bibliothek mit über 10.000 Büchern, das Speisezimmer mit seinem italienischen Fries, der Zeichensaal mit Blick auf Gärten und Meer – alles echt, alles noch in Benutzung wirkend.
Das Wetter an diesem Tag war schottisch in Reinkultur: Regenschauer, dann Sonne, dann wieder Regen. Die Gärten – streng geometrisch, inspiriert von Versailles, rund um einen kreisförmigen Teich mit Springbrunnen angeordnet – sahen in jedem Licht anders aus. Nach einem Schauer glänzt das Grün auf eine Art, die man schwer beschreiben und noch schwerer fotografieren kann.
Zweimal täglich gibt es eine Falknereishow auf der Gartenanlage – um 11:30 und 14:30 Uhr. Adler und Falken fliegen direkt über die Besucher. Wer das Timing trifft, sollte es nicht verpassen.
ℹ️ Infobox: Dunrobin Castle
Öffnungszeiten (April–Oktober): täglich 10:00–17:30 Uhr, letzter Einlass 16:30 Uhr. Falknerei-Shows: 11:30 und 14:30 Uhr.
Eintritt 2025/26: Erwachsene £15,50 · Senioren/Studenten £13,50 · Kinder (6–15) £9,00 · Familie (2 Erw. + 3 Kinder) £45,00. Kinder unter 6 Jahren frei.
Kein Historic Scottland – HES-Objekt – kein National Trust. Dunrobin gehört zum Historic Houses-Netzwerk: Mitglieder dieser Organisation erhalten freien Eintritt. Für Gelegenheitsbesucher ohne solche Mitgliedschaft ist Dunrobin separat zu bezahlen.
Parken kostenlos. Café und Geschenkshop vorhanden. dunrobincastle.co.uk
Auf der NC500 – warum dieses Schild so viele bewegt
Spätestens hier, auf der Weiterfahrt nach Latheronwheel, fährt man eindeutig auf dem North Coast 500. Das blaue Schild mit dem weißen Wellenlogo taucht immer häufiger auf – und damit auch immer mehr Motorräder, Campervans und Radfahrer, die dieselbe Strecke fahren wie wir.
Diese Bücher begleiten uns:
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Schottland
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Die NC500 ist eine 516 Meilen lange Route, die 2015 von der Organisation NorthCoast500 ins Leben gerufen wurde und von Inverness Castle im Uhrzeigersinn durch die spektakulärste Küstenlandschaft Nordschottlands führt. Karge Highlands, einsame Buchten, mittelalterliche Ruinen, Whisky-Destillerien – und Single Track Roads, auf denen zwei Wohnmobile aneinander vorbeimüssen.
Die Route wurde seither von National Geographic und Lonely Planet zu einer der großartigsten Straßenfahrten der Welt erklärt. Was das bedeutet: Im Sommer ist es voll. Auf den bekannten Aussichtspunkten, an den Stellplätzen, auf den Fährverbindungen. Die NC500 hat die Region touristisch verändert – zum Teil sehr zum Vorteil der lokalen Wirtschaft, zum Teil zum Leidwesen der Anwohner, die mit unachtsam geparkten Fahrzeugen und überlasteten Stellplätzen umgehen müssen.
Für uns als Fahrende hat die Route einen psychologischen Nebeneffekt: Man fühlt sich wie Teil von etwas. Das NC500-Schild klebt in Schottland auf Autos, Motorrädern und Wohnmobilen. Es gibt Hoodies, Caps, Sticker, Tassen, Magnete. Wer in einem Touristenshop an der Route einkauft, kann sicher sein, dass NC500-Merchandise einen erheblichen Regalanteil belegt.
ℹ️ Infobox: NC500 – was man wissen sollte
Die North Coast 500 startet und endet am Inverness Castle. Offizielle Route und aktuelle Infos: northcoast500.com
Für Wohnmobile: Die Route ist machbar, aber Single Track Roads sind an bestimmten Abschnitten unvermeidlich. Abstände zwischen Tankstellen und Stellplätzen im hohen Norden können groß sein – früh planen, früh tanken.
Saison: Juli und August sind am vollsten. Wer kann, fährt im Mai, Juni oder September – ruhiger, oft besseres Licht, noch nicht ausgebuchte Stellplätze.
Latheronwheel – alleine und mit Papageientauchern
Ich fahre alleine. Nadja paddelt auf dieser Reise nicht mit – das Meer war ihr zu unruhig, und das ist vollkommen verständlich. Seekajak auf der offenen Caithness-Küste ist nichts für den ersten Versuch.
Latheronwheel ist ein kleines Fischerdorf an der Ostküste von Caithness, 1835 als geplante Fischersiedlung angelegt, der Hafen selbst rund fünf Jahre später gebaut. Von der A9 biegt man ab und fährt auf einer einspurigen Straße steil hinunter zum Hafen. Dort gibt es kleine Picknickbänke, keinen Touristenbetrieb – und keine Toilette.
Ich setze das Kajak vom Hafenanleger ins Wasser. Die Küste zwischen Latheronwheel und Dunbeath bietet Höhlen, Stacks und Bögen, Puffin-Kolonien, Robben in jedem zweiten Spalt. Was auf der Karte wie ein paar Kilometer Küste aussieht, entpuppt sich als ein ganzes Universum.
Ich paddle in Höhlen hinein, in denen das Wasser türkisgrün leuchtet und das Geräusch der Wellen sich verdoppelt. Auf einem Felsen liegen Robben mit ihren Heuler-Babys – und sie bewegen sich nicht. Die Jungen schauen mich aus großen schwarzen Augen an, die Mütter noch gelassener. Papageientaucher sitzen auf dem Wasser, lassen mich auf wenige Meter herankommen und tauchen dann einfach ab. Kein Schrecken, keine Flucht. Als wäre ein Kajak so selbstverständlich wie ein Felsbrocken.
Nach dem Paddeln: eine Wanderung auf den Klippen oberhalb des Hafens. Caithness von oben – Steilwände, die senkrecht ins Meer fallen, kein Geländer, kein Schild. Man geht, wie man will, so weit man will.
ℹ️ Infobox: Latheronwheel – Kajak und Übernachten
Latheronwheel liegt an der A9 zwischen Helmsdale und Wick, gut beschildert. Einspurige Straße hinunter zum Hafen.
Kajak: Einstieg am Hafenanleger. Küste Richtung Süden bis Dunbeath: Höhlen, Stacks, Puffins, Robben. Bei ruhigem Wetter auch für erfahrene Einsteiger geeignet – Seegang und Wind immer vorher prüfen.
Stellplatz: Donation-Parkplatz direkt am alten Hafen. Ruhig, mit Meerblick, für Wohnmobile geeignet. Keine Toilette vor Ort.
Parkt bitte so, dass die Besucher aus dem Dorf, die mit dem PKW zum Angeln hierher kommen, noch ausreichend Platz finden und haltet euch an die Hinweisschilder.
Und bitte denkt daran, dass dieser Platz nicht kostenlos ist, sondern eine Donationbox einen wie auch immer gearteten Beitrag erwartet. Wir geben 10 Euro und das ist eigentlich zu wenig.
Für diese Donationboxen ist es gut, ein paar Pfund dabei zu haben – das erleben wir später noch öfter.
Schrecken auf der Fahrt
Keine Fahrt, ohne dass etwas Ungewöhliches passiert.
So ein Roadtrip ist auch heute ein Abenteuer. Und egal, ob das Fahrzeug neu ist oder alt, es passiert immer etwas!
Diesmal ist es der Auspuff, bzw, der Schalldämpfer.
Wir fahren von der NC500 auf eine kleine Straße und plötzlich scheppert es gewaltig.
Wahnblinklich an und unters Auto gelegt:
ℹ️ Infobox: Whaligoe Steps
Die Steps wurden um 1793 von Captain David Brodie gebaut, nachdem der berühmte schottische Ingenieur Thomas Telford die Bucht zuvor als ungeeigneten Ort für einen Hafen abgeschrieben hatte. Brodie ließ sich davon nicht überzeugen und beauftragte einen Steinmetz, die Stufen in den Fels zu hauen. Der Name „Whaligoe“ stammt vermutlich aus dem Altnordischen – „hval“ für Wal und „geo“ für Meereseinschnitt – und deutet darauf hin, dass hier einst Wale strandeten oder gejagt wurden.
Auf dem Höhepunkt des Heringsfischerei-Booms im 19. Jahrhundert war der Hafen unten ein lebhafter Umschlagplatz. Hauptsächlich Frauen trugen schwere Körbe mit Fisch die Stufen hinauf, salzten den Hering in Fässern ein und transportierten ihn zur Weiterverarbeitung nach Wick – zu Fuß, sieben bis acht Meilen weit. Unten sind noch die Überreste des Salzlagers zu sehen, ein verfallenes Steinhaus direkt am Wasser. An den Wänden Nischen für Öllampen, ein Schlitz für die Masten, an denen die Netze zum Trocknen hingen. Mitte des 19. Jahrhunderts lagen hier im Sommer bis zu 20 Fischerboote. Das letzte Boot hörte in den 1960er Jahren auf, von Whaligoe aus zu fischen.
Die Stufen sind ungesichert, bei Nässe rutschig. Unbedingt hingehen.
Das letzte Schild erschüttert mich. Nicht weil ich selbst Hundebesitzer war, sondern weil es Idioten gibt, die ihren Hund frei laufen lassen und dann die Schafe an den Klippen abstürzen. Sorry, ich kann den Bauern und seine Wut verstehen!
Es gibt Touristenshops – aber das ist bei weitem nicht so schlimm wie Land’s End in Cornwall, das sich wie ein Freizeitpark anfühlt. John O’Groats hat noch etwas Eigenartiges behalten: Kunststücke im Freien, die auf den Pentland Firth hinweisen, das Wasser vor der Küste. Und in der Ferne – zum ersten Mal – die Silhouette der Orkney-Inseln. Nur sechs Meilen entfernt, an klaren Tagen fast zum Greifen nah.
ℹ️ Infobox: Der Pentland Firth – Wasser, das Schiffe tötet
Was man von John O’Groats aus sieht, wirkt harmlos. Der Pentland Firth – die Meerenge zwischen dem schottischen Festland und Orkney – gehört mit Strömungsgeschwindigkeiten von bis zu 16 Knoten (rund 30 km/h) zu den schnellsten Gezeiten der Welt. Der schmale Hauptstrom zwischen Duncansby Head und den Pentland Skerries führt im Durchschnitt achtmal so viel Wasser wie der Amazonas – weshalb die Gegend auch als „Saudi-Arabien der Gezeitenkraft“ bezeichnet wird.
Die Folge: Schiffe sinken hier seit Jahrhunderten. Allein zwischen 1934 und 1981 wurden 236 Schiffbrüche dokumentiert. Noch 2015 sank die Cemfjord, ein Frachtschiff mit acht Mann Besatzung, im Pentland Firth – alle Crewmitglieder kamen ums Leben. Kein Notruf, keine Überlebenden.
Die Strömung wird heute als Energiequelle genutzt: Seit 2016 produziert das Gezeitenkraftwerk MeyGen Strom für Tausende Haushalte.
Von Land’s End nach John O’Groats
Warum ist das den Briten so wichtig? Die Strecke von Land’s End nach John O’Groats – rund 1.400 Kilometer Luftlinie, auf der Straße deutlich mehr – ist das britische Äquivalent einer Lebensaufgabe. Sie wird zu Fuß gegangen, mit dem Rad gefahren, auf Krücken bezwungen, für unzählige Charity-Organisationen absolviert. Es gibt tatsächlich Menschen, die die Strecke rückwärts laufen oder Weltrekorde aufstellen. Das Ritual ist echt, und die Gefühle am Ziel sind es auch.
Ob die Schotten das genauso sehen? Die, die wir fragten, schulterzuckten freundlich.
Wir haben nun beides – Land’s End und John O’Groats. Das fühlt sich richtig an.
Wir übernachten auf einem kleinen Campingplatz ( Little Croft Highlands – Campsite & Airigh) ein paar Meilen entfernt. Buchen zwei Nächte und können in Ruhe die Umgebung erkunden. Das Castle Mey von Queen Mum und der Duncansby Head warten auf uns,
Inhaltsverzeichnis:
| # | Titel | Themen |
|---|---|---|
| 1 | Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle |
| 2 | Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco |
| 3 | Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies |
| 4 | Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty |
| 5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
| 6 | Duncansby Head, Castle of Mey und die Fähre nach Orkney ← dieser Artikel | Stacks, Puffins, Königinmutter, Gills Bay |
| 7 | Demnächst: Orkney (Teil 1) – Ankunft, Churchill Barriers, Skara Brae |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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