Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of Wellington – Orkney/Hebrides Teil 29

Ein Feiertag, den keiner erklären kann

Immer noch Glasgow, immer noch derselbe Parkplatz beim BBC-Gebäude – zwei Nächte, je 11 Pfund, perfekt. Gestern Abend schon eine Runde mit dem Fahrrad durch die Stadt, Sonntag, also wenig los. Etwas Probleme mit den Radwegen hatten wir trotzdem: Glasgow wird gerade massiv umgebaut, überall Straßenarbeiten, Sanierungen, neue Gebäude. Wahnsinn, wie viel hier passiert. Entsprechend chaotisch ist manchmal die Streckenführung, gerade wenn man sich nicht auskennt.

Am Anfang sind wir durch eine Art Bankenviertel gefahren – viktorianische Häuser direkt neben Glastürmen, toll anzuschauen. Dann der Hauptbahnhof – völlig irre, ein Teil davon könnte direkt als Filmkulisse dienen, fast wie aus „The Great Train Robbery“.

Heute war angeblich für Teile der Bevölkerung ein Feiertag – trotzdem hatten die meisten Läden offen, nur ein paar waren geschlossen. Für uns Ausländer nicht ganz nachvollziehbar, wie das funktioniert.

Hogwarts, das nie Hogwarts war

Gestartet sind wir bei der University of Glasgow – gegründet 1451, ein wirklich altehrwürdiges Gebäude. Und man darf als ganz normaler Besucher überall reingehen – nur ein Treppenhaus darf nicht fotografiert werden, alles andere ist frei zugänglich. Das hätte ich nicht erwartet. Ich dachte, das sei nur für Studierende – Pustekuchen.

ℹ️ Infobox: Die Universität, die aussieht wie Hogwarts

Mit ihren gotischen Türmen, den beiden Innenhöfen und dem berühmten Kreuzgang – den Cloisters – wirkt die Universität wie das reale Vorbild von Hogwarts. Tatsächlich wurde hier aber nie eine einzige Szene für Harry Potter gedreht, auch wenn unzählige Reiseblogs und Touren das Gegenteil behaupten. Gedreht wurde in den Cloisters stattdessen für Outlander, dazu für „The Buccaneers“ und mehrere andere Produktionen. J.K. Rowling selbst schrieb die ersten Kapitel übrigens in Edinburgh, im Café The Elephant House – nicht in Glasgow. Wer echte Harry-Potter-Drehorte sucht, findet sie eher am Glenfinnan-Viadukt und am Rannoch Moor, beides Stationen, die wir auf dieser Reise schon von der Straße aus gesehen hatten. Die Universität hatte zeitweise trotzdem ihr eigenes Quidditch-Team.

Der Kreuzgang selbst ist schon für sich ein Erlebnis: ein langer, gewölbter Säulengang mit kunstvoll gerippten Steindecken, durch den man von einem Innenhof zum anderen läuft – kühl, hallend, mit diesem typischen Licht, das schräg durch die Bögen fällt. Man muss nicht wissen, dass hier nie ein Zauberer durchgelaufen ist, um trotzdem den Atem anzuhalten.

Direkt daran schließt die Memorial Chapel an, im Westhof des Hauptgebäudes. Sie wurde zwischen 1923 und 1929 gebaut, als Gedenkstätte für die 755 Universitätsangehörigen, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren – später kamen Gedenktafeln für die Toten des Zweiten Weltkriegs dazu. 

Das Chorgestühl aus dunklem Eichenholz, sich gegenüberstehend wie in einer Kathedrale, stammt vom Bildhauer Archibald Dawson und steckt voller kleiner Details zum Entdecken: geschnitzte Blumen, winzige Tiere, Engel, sogar ein rauchender Affe soll sich irgendwo verstecken. Über den Namenstafeln aus der Zeit des Ersten Weltkriegs wacht eine Schnitzerei des Stadtheiligen St. Mungo. Bis heute finden hier wöchentlich Chorproben und Gottesdienste statt – kein totes Museum, sondern ein Ort, der immer noch genutzt wird.

Van Gogh, Dalí und Rembrandt – umsonst

 

Danach ins Kelvingrove Art Gallery and Museum – das hat uns umgehauen. Für dieses Museum bräuchte man zwei, vielleicht drei Tage, um es würdigen zu können. Diese Zeit hatten wir nicht. Also herausgepickt, was ging – und es hat in der Seele weh getan, nicht länger bleiben zu können.

Kelvingrove Art Gallery and Museum

Wir haben sogar noch ein Stück eines Orgelkonzerts in der großen Halle mitbekommen – die Kelvingrove-Orgel spielt täglich um 13 Uhr. Wir sind ein bisschen früher gegangen, dadurch waren die Hallen für uns angenehm leerer.

Eingangshalle

Was hier hängt, ist der Wahnsinn: Van Gogh, Monet, Dalí – Salvador Dalís „Christus des Heiligen Johannes vom Kreuz“ ist eines der bekanntesten Werke überhaupt. Picasso, grandios. Rubens, Rembrandt. Eine Sammlung von Weltrang – komplett kostenlos. Für den eigentlichen Glasgow-Teil, die Industriegeschichte, die Entwicklung der Stadt, hatten wir gar keine Zeit mehr. Dafür hätte man wirklich noch einen weiteren Tag gebraucht.

Was wir uns angeschaut haben: Charles Rennie Mackintosh und der Glasgow Style, eine Variante des Jugendstils. Das interessiert uns immer – kennen wir schon aus dem Baltikum, aus Darmstadt. Und auch hier wieder: was diese Leute damals geleistet haben, ist beeindruckend.

Charles Rennie Mackintosh und der Glasgow Style

Es ärgert mich ein bisschen, dass es heute nicht mehr in derselben Weise solche Künstler und Architekten gibt, die etwas wirklich Sehenswertes schaffen. Früher hat das offenbar funktioniert.

Das wir uns für Jugendstil interessieren liegt vielleicht an der Tatsache, dass wir in der Nähe von Darmstadt wohnen und ich dort zur Schule ging. Da war die berühmte Mathildenhöhe nicht weit. Aber auch auf unseren Reisen erleben wir gerne Jugendstil. Wie im Baltikum in Riga (Reisebericht Riga) oder in Rumänien in Oradea (Reisebericht Donaudelta)

Mackintosh bis zum letzten Löffel

 

Direkt im Anschluss unser „Date“ in den Willow Tea Rooms. Mein alter Kollege Heinz Seipel hatte mir schon vor Jahren gesagt, dass wir da unbedingt hin müssten. Und wieder Mackintosh – er hat 1903 das gesamte Gebäude gestaltet, Fassade, Möbel, Geschirr, sogar die Uniformen des Personals. Das einzige seiner Tea Rooms, bei dem er volle gestalterische Freiheit über Innen- und Außenraum hatte.

ℹ️ Infobox: Kate Cranston und die Erfindung der Tea-Time

Die Idee dahinter stammt von Catherine „Kate“ Cranston – Unternehmertochter, engagiert in der Abstinenzbewegung. Sie wollte, dass Menschen sich treffen, Spaß haben, Zeit verbringen können – ohne Alkohol. Zwischen 1896 und 1917 beauftragte sie Mackintosh viermal mit der Gestaltung ihrer Tea Rooms. Aus dieser Idee heraus hat sich im Grunde die ganze britische Tea-Time-Kultur entwickelt – der Nachmittagstee, wie man ihn heute kennt, hat hier seine Wurzeln.

46 Pfund für uns beide – ein dreistöckiges Gedeck: unten herzhaft, in der Mitte Scones mit Himbeermarmelade und Clotted Cream, wie wir es schon in Cornwall hatten, oben süßes Gebäck – die heißen Tärtchen, nicht Törtchen, das ist kein Schreibfehler. Ein Tärtchen mit Schokoladenfüllung für Nadja. Für mich eine klassische Lemon Tart: Mürbeteigboden mit einer cremigen Zitronencurd-Füllung, oft mit einer dünnen Baiser- oder Zuckerschicht obenauf.

Sah nach nicht viel aus, aber wir waren danach vollkommen satt – diese süßen Sachen sind mächtig. Tolle Räumlichkeiten, gemütlich, einfach schön. Sehr freundlich bedient von einem jungen Mann aus Pakistan, mit dem wir uns noch nett unterhalten haben.

Ganze Häuserfronten als Kunstwerk

Und dann: Street Art. Das ist in Glasgow wirklich etwas Besonderes – kein Alleinstellungsmerkmal, aber in dieser Dichte und Qualität haben wir das noch nie erlebt. Ganze Hausfassaden werden zu Kunstwerken. Den Mann mit der Mütze und dem Rotkehlchen auf dem Finger kennt man vielleicht schon aus dem Internet – einer der bekanntesten.

„Cult of St Enoch“ vom Künstler Smug

Als wir dieses Bild sahen, waren wir völlig geflasht. Ist das gemalt? Oder eine Fotografie?
Wie macht der Künstler das. Je näher man kommt, desto mehr Details zeigen die hohe Kunst.

Licht und Schatten, Reflexionen. Unfassbar gut!

Und je näher man kommt, desto größer wird der Aha-Effekt.
Das ist ganz sicher keine Fotografie. Das ist Kunst gepaart mit Können und viel Handarbeit!

ℹ️ Infobox: Die Glasgow Mural Trail

Die schönsten Wandbilder liegen gebündelt in der Merchant City / Trongate-Gegend. „St Mungo – The Bird That Never Flew“ an der High Street erzählt die Legende des Stadtpatrons, direkt in Sichtweite der Kathedrale. „St Enoch and Child“ an der Mitchell Street zeigt denselben St. Mungo als Baby, gestillt von seiner Mutter – fotorealistisch und riesig. Vom selben Künstler, der unter dem Namen Smug arbeitet, stammt auch das Wildlife-Mural an der Ingram Street, mit heimischer schottischer Tierwelt, und die „Lupenfrau“ an der Mitchell Street. „Keeper of Light“ in der Nähe der Wilson Street gilt als das größte Wandbild Schottlands überhaupt. Alles kostenlos zugänglich, am besten mit dem Rad zu verbinden.

Wir machen uns auf die Suche und finden immer mehr Kunstwerke. Einige sind weltbekannt, andere leider schon wieder von Sprayern verschandelt.
Aber die Glasgower sind stolz auf ihre gigantischen Wandbilder und es kommen immer neue dazu.

Ein Verkehrshütchen für den Duke

 

Und dann natürlich das Wellington-Denkmal vor der Gallery of Modern Art – ein Reiterstandbild des Duke of Wellington, dem seit Jahrzehnten ein Verkehrshütchen auf den Kopf gesetzt wird. Die Stadt hat lange versucht, das zu unterbinden – vergeblich.

Wellington

Kaum ist ein Hütchen weg, hängt am nächsten Tag ein neues drauf. Inzwischen hat man aufgegeben, und der Pylon auf Wellingtons Kopf gilt fast als inoffizielles Wahrzeichen Glasgows. Typisch für den Humor dieser Stadt. Und spätestens seit der Fußball-WM 2026 wissen Boston, die USA, eigentlich die ganze Welt, was es mit den Pylonen und einer Statue auf sich hat, sobald Schotten in der Nähe sind.

Es gibt noch so viel in Glasgow zu sehen, leider läuft uns die Zeit davon – wir wären gerne länger geblieben. Die Kathedrale, die Necropolis, wir streifen beides nur am Rande. Wir brauchen einfach mehr Zeit.

Im nächsten Teil: der letzte Fahrtag Richtung Süden, Dunbar mit Bass Rock und Dunbar Castle.

Inhaltsverzeichnis:

2026-05-26_14-31-52_Schottland - Lewis Callanisch Stones__T5A3654-Bearbeitet-3840
#TitelThemen
1Die Planung – Route, eVisum und die erste FalleReiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle
2Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehrCalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco
3Anreise: Amsterdam – Newcastle – SchottlandDFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies
4Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty FirthOutlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty
5Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der WeltDunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats
6Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im SturmCastle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay
7Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffenAnkunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby
8Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein HotspotSkara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay
9Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen WhiskyBroch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie
10Panik am Old Man of HoyStromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane
11Kühlschrank kaputt – und nun?Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber
12NC500 – Traumstraße hoch im NordenDeerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie
13Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte UrlandschaftenKylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh
14Willkommen auf LewisCeilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere
15Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing StonesCallanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich
16Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so!Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber
17Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche GeschichteButt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse
18Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überallMangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis
19Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche WanderungKajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle
20Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach HarrisTarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre
21Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für unsLuskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch
22Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren HebridenGolden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas
23Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden KühenSkye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island
24Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der SonneKilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline
25Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach MullFähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm
26Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte EuropasBaile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid
27Otter auf MullTobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban
28Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach GlasgowOban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow
29Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of WellingtonUniversity of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington
30Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von BebbanburgDunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle
31Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer späterAlnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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