Ein Feiertag, den keiner erklären kann
Immer noch Glasgow, immer noch derselbe Parkplatz beim BBC-Gebäude – zwei Nächte, je 11 Pfund, perfekt. Gestern Abend schon eine Runde mit dem Fahrrad durch die Stadt, Sonntag, also wenig los. Etwas Probleme mit den Radwegen hatten wir trotzdem: Glasgow wird gerade massiv umgebaut, überall Straßenarbeiten, Sanierungen, neue Gebäude. Wahnsinn, wie viel hier passiert. Entsprechend chaotisch ist manchmal die Streckenführung, gerade wenn man sich nicht auskennt.
Hogwarts, das nie Hogwarts war
Gestartet sind wir bei der University of Glasgow – gegründet 1451, ein wirklich altehrwürdiges Gebäude. Und man darf als ganz normaler Besucher überall reingehen – nur ein Treppenhaus darf nicht fotografiert werden, alles andere ist frei zugänglich. Das hätte ich nicht erwartet. Ich dachte, das sei nur für Studierende – Pustekuchen.
ℹ️ Infobox: Die Universität, die aussieht wie Hogwarts
Mit ihren gotischen Türmen, den beiden Innenhöfen und dem berühmten Kreuzgang – den Cloisters – wirkt die Universität wie das reale Vorbild von Hogwarts. Tatsächlich wurde hier aber nie eine einzige Szene für Harry Potter gedreht, auch wenn unzählige Reiseblogs und Touren das Gegenteil behaupten. Gedreht wurde in den Cloisters stattdessen für Outlander, dazu für „The Buccaneers“ und mehrere andere Produktionen. J.K. Rowling selbst schrieb die ersten Kapitel übrigens in Edinburgh, im Café The Elephant House – nicht in Glasgow. Wer echte Harry-Potter-Drehorte sucht, findet sie eher am Glenfinnan-Viadukt und am Rannoch Moor, beides Stationen, die wir auf dieser Reise schon von der Straße aus gesehen hatten. Die Universität hatte zeitweise trotzdem ihr eigenes Quidditch-Team.
Der Kreuzgang selbst ist schon für sich ein Erlebnis: ein langer, gewölbter Säulengang mit kunstvoll gerippten Steindecken, durch den man von einem Innenhof zum anderen läuft – kühl, hallend, mit diesem typischen Licht, das schräg durch die Bögen fällt. Man muss nicht wissen, dass hier nie ein Zauberer durchgelaufen ist, um trotzdem den Atem anzuhalten.
Das Chorgestühl aus dunklem Eichenholz, sich gegenüberstehend wie in einer Kathedrale, stammt vom Bildhauer Archibald Dawson und steckt voller kleiner Details zum Entdecken: geschnitzte Blumen, winzige Tiere, Engel, sogar ein rauchender Affe soll sich irgendwo verstecken. Über den Namenstafeln aus der Zeit des Ersten Weltkriegs wacht eine Schnitzerei des Stadtheiligen St. Mungo. Bis heute finden hier wöchentlich Chorproben und Gottesdienste statt – kein totes Museum, sondern ein Ort, der immer noch genutzt wird.
Van Gogh, Dalí und Rembrandt – umsonst
Danach ins Kelvingrove Art Gallery and Museum – das hat uns umgehauen. Für dieses Museum bräuchte man zwei, vielleicht drei Tage, um es würdigen zu können. Diese Zeit hatten wir nicht. Also herausgepickt, was ging – und es hat in der Seele weh getan, nicht länger bleiben zu können.
Was hier hängt, ist der Wahnsinn: Van Gogh, Monet, Dalí – Salvador Dalís „Christus des Heiligen Johannes vom Kreuz“ ist eines der bekanntesten Werke überhaupt. Picasso, grandios. Rubens, Rembrandt. Eine Sammlung von Weltrang – komplett kostenlos. Für den eigentlichen Glasgow-Teil, die Industriegeschichte, die Entwicklung der Stadt, hatten wir gar keine Zeit mehr. Dafür hätte man wirklich noch einen weiteren Tag gebraucht.
Was wir uns angeschaut haben: Charles Rennie Mackintosh und der Glasgow Style, eine Variante des Jugendstils. Das interessiert uns immer – kennen wir schon aus dem Baltikum, aus Darmstadt. Und auch hier wieder: was diese Leute damals geleistet haben, ist beeindruckend.
Das wir uns für Jugendstil interessieren liegt vielleicht an der Tatsache, dass wir in der Nähe von Darmstadt wohnen und ich dort zur Schule ging. Da war die berühmte Mathildenhöhe nicht weit. Aber auch auf unseren Reisen erleben wir gerne Jugendstil. Wie im Baltikum in Riga (Reisebericht Riga) oder in Rumänien in Oradea (Reisebericht Donaudelta)
Mackintosh bis zum letzten Löffel
Direkt im Anschluss unser „Date“ in den Willow Tea Rooms. Mein alter Kollege Heinz Seipel hatte mir schon vor Jahren gesagt, dass wir da unbedingt hin müssten. Und wieder Mackintosh – er hat 1903 das gesamte Gebäude gestaltet, Fassade, Möbel, Geschirr, sogar die Uniformen des Personals. Das einzige seiner Tea Rooms, bei dem er volle gestalterische Freiheit über Innen- und Außenraum hatte.
ℹ️ Infobox: Kate Cranston und die Erfindung der Tea-Time
Die Idee dahinter stammt von Catherine „Kate“ Cranston – Unternehmertochter, engagiert in der Abstinenzbewegung. Sie wollte, dass Menschen sich treffen, Spaß haben, Zeit verbringen können – ohne Alkohol. Zwischen 1896 und 1917 beauftragte sie Mackintosh viermal mit der Gestaltung ihrer Tea Rooms. Aus dieser Idee heraus hat sich im Grunde die ganze britische Tea-Time-Kultur entwickelt – der Nachmittagstee, wie man ihn heute kennt, hat hier seine Wurzeln.
46 Pfund für uns beide – ein dreistöckiges Gedeck: unten herzhaft, in der Mitte Scones mit Himbeermarmelade und Clotted Cream, wie wir es schon in Cornwall hatten, oben süßes Gebäck – die heißen Tärtchen, nicht Törtchen, das ist kein Schreibfehler. Ein Tärtchen mit Schokoladenfüllung für Nadja. Für mich eine klassische Lemon Tart: Mürbeteigboden mit einer cremigen Zitronencurd-Füllung, oft mit einer dünnen Baiser- oder Zuckerschicht obenauf.
Ganze Häuserfronten als Kunstwerk
Und dann: Street Art. Das ist in Glasgow wirklich etwas Besonderes – kein Alleinstellungsmerkmal, aber in dieser Dichte und Qualität haben wir das noch nie erlebt. Ganze Hausfassaden werden zu Kunstwerken. Den Mann mit der Mütze und dem Rotkehlchen auf dem Finger kennt man vielleicht schon aus dem Internet – einer der bekanntesten.
Licht und Schatten, Reflexionen. Unfassbar gut!
ℹ️ Infobox: Die Glasgow Mural Trail
Die schönsten Wandbilder liegen gebündelt in der Merchant City / Trongate-Gegend. „St Mungo – The Bird That Never Flew“ an der High Street erzählt die Legende des Stadtpatrons, direkt in Sichtweite der Kathedrale. „St Enoch and Child“ an der Mitchell Street zeigt denselben St. Mungo als Baby, gestillt von seiner Mutter – fotorealistisch und riesig. Vom selben Künstler, der unter dem Namen Smug arbeitet, stammt auch das Wildlife-Mural an der Ingram Street, mit heimischer schottischer Tierwelt, und die „Lupenfrau“ an der Mitchell Street. „Keeper of Light“ in der Nähe der Wilson Street gilt als das größte Wandbild Schottlands überhaupt. Alles kostenlos zugänglich, am besten mit dem Rad zu verbinden.
Kaum ist ein Hütchen weg, hängt am nächsten Tag ein neues drauf. Inzwischen hat man aufgegeben, und der Pylon auf Wellingtons Kopf gilt fast als inoffizielles Wahrzeichen Glasgows. Typisch für den Humor dieser Stadt. Und spätestens seit der Fußball-WM 2026 wissen Boston, die USA, eigentlich die ganze Welt, was es mit den Pylonen und einer Statue auf sich hat, sobald Schotten in der Nähe sind.
Im nächsten Teil: der letzte Fahrtag Richtung Süden, Dunbar mit Bass Rock und Dunbar Castle.
Inhaltsverzeichnis:
| # | Titel | Themen |
|---|---|---|
| 1 | Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle |
| 2 | Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco |
| 3 | Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies |
| 4 | Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty |
| 5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
| 6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
| 7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
| 8 | Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay |
| 9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky | Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie |
| 10 | Panik am Old Man of Hoy | Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane |
| 11 | Kühlschrank kaputt – und nun? | Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber |
| 12 | NC500 – Traumstraße hoch im Norden | Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie |
| 13 | Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften | Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh |
| 14 | Willkommen auf Lewis | Ceilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere |
| 15 | Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing Stones | Callanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich |
| 16 | Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so! | Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber |
| 17 | Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche Geschichte | Butt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse |
| 18 | Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überall | Mangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis |
| 19 | Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche Wanderung | Kajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle |
| 20 | Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach Harris | Tarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre |
| 21 | Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für uns | Luskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch |
| 22 | Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren Hebriden | Golden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas |
| 23 | Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden Kühen | Skye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island |
| 24 | Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der Sonne | Kilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline |
| 25 | Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach Mull | Fähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm |
| 26 | Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte Europas | Baile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid |
| 27 | Otter auf Mull | Tobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban |
| 28 | Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach Glasgow | Oban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow |
| 29 | Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of Wellington | University of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington |
| 30 | Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von Bebbanburg | Dunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle |
| 31 | Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer später | Alnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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