Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so! – Orkney/Hebrides Teil 16

Hinter uns kein einziges Wölkchen. So war das den ganzen Tag. Eine Frau bei der Weberei hat es auf den Punkt gebracht: „Das ist der Sommer.“ Der Campingplatzchef sagt, 20 Grad – das ist das Maximum, was man hier im Sommer normalerweise bekommt.

Arnol Blackhouse – gesünder leben im Rauch

Erster Stopp: Arnol Blackhouse, Haus Nummer 42, das einzige original erhaltene Blackhouse auf Lewis ohne Kamin. Die Familie zog 1966 aus, das Haus ist seitdem fast unverändert.

ℹ️ Infobox: Was ist ein Blackhouse?

Taigh-dubh auf Gälisch. Zwei konzentrische Trockensteinmauern, der Zwischenraum mit Erde oder Torf gefüllt, das Dach aus Stroh oder Torf auf einem Holzgerüst – mit Netzen gesichert und mit Steinen beschwert, damit der Sturm es nicht wegblies. Holz war kostbar auf Lewis, kaum Bäume weit und breit.

Im Inneren: ein Wohnraum und ein Kuhstall unter demselben Dach – die Wärme der Tiere heizte mit. In der Mitte ein offenes Torffeuer, das niemals gelöscht wurde, Tag und Nacht, Jahr für Jahr. Kein Kamin, kein Rauchabzug. Der Rauch filterte langsam durchs Strohdach – und schwärzte es dabei vollständig. Daher: Blackhouse. Das rußgeschwärzte Dach wurde regelmäßig abgenommen und als Dünger auf die Felder gebracht.

Wir haben noch Stunden später nach Torfrauch gestunken – und dabei waren wir nur eine halbe Stunde dort. Die Sonnenstrahlen, die durch die wenigen kleinen Fenster hereinkamen, waren in diesem rauchigen Raum sichtbar wie Scheinwerfer. Ein eindrucksvolles Bild – und gleichzeitig ein Bild, das man sich als Zuhause schwer vorstellen kann. Wir haben sofort gesagt: da wird man ja nicht alt.

Aber da irren wir uns – und genau das ist das Erstaunliche. Eine Frau, die in Edinburgh Medizin studiert und zu diesem Thema geforscht hat, erklärte uns im Besucherhaus: Die Menschen in den Blackhouses ohne Kamin hatten keine Tuberkulose. In den weißen Häusern – den modernen Häusern mit Kamin, die im 20. Jahrhundert gebaut wurden – war die Tuberkulose eine Geißel. 

Der Unterschied: Im Blackhouse zog der Rauch langsam durch das Strohdach, verteilte sich gleichmäßig im Raum und blieb relativ kühl. Der Rauch tötete Insekten und schützte das Haus vor Schädlingen. Im Kaminhaus wurde der Rauch schnell nach oben gezogen – was Zugluft erzeugte, Feuchtigkeit einzog und ideale Bedingungen für Tuberkulosebakterien schuf. Die Frauen in den Blackhouses wurden alt, sagt die Forscherin. Die Männer weniger – aber das lag am Tabakkauen und am Whisky, nicht am Rauch.

Wir reden hier nicht von Mittelalter. In Arnol lebten noch 1960 neun Familien in Blackhouses. Die letzten zogen in den 60er und 70er Jahren aus. Wo bei uns längst Fernsehen und Videorekorder zum Alltag gehörten, heizte man hier noch mit Torf im rauchgeschwängerten Wohnraum, ohne Kamin, mit den Kühen nebenan.

Arnol Blackhouse

Gegenüber dem Blackhouse steht das White House – das neue Steinhaus mit Kamin, das in den frühen 1900er Jahren die Blackhouses ersetzen sollte. Eine Familie zog ins White House – und zog wieder zurück ins Blackhouse, weil die Feuchtigkeit von unten ins neue Haus drang. Das alte schwarze Haus war trockener. Trotzdem lebte eine alte Frau im White House bis 1976 – das Haus ist seitdem unverändert, genau so wie sie es hinterlassen hat. Und man vergisst schnell: 1976 ist nicht weit weg.

White House

Bei uns gab es damals längst Einbauküchen, Zentralheizung und Wohnzimmer voller Möbel. Hier: ein gusseiserner Herd in der Küche, ein Bett in der Wand, ein spärlich möbliertes Wohnzimmer. Eine andere Welt – und dabei nur eine Generation entfernt.

Überhaupt sieht man in der ganzen Region noch viele Blackhouses – die meisten ohne Dach, ihre Mauern langsam vom Moor zurückerobert. Manche wurden irgendwann mit einem White House erweitert, ein neuer Anbau an die alten Steinmauern.

Aber keines ist mehr bewohnt. Sie stehen einfach da, überall, am Straßenrand, auf den Hügeln, am Meer. Stille Zeugen eines Lebens, das vor nicht allzu langer Zeit hier noch gelebt wurde.

Gearrannan – ein ganzes Dorf

Weiter geradelt zum Gearrannan Blackhouse Village – einer ganzen Siedlung von Blackhouses, restauriert und zugänglich. Hier sieht es schon etwas moderner aus: Holzdecken, Kamine, mehr Platz. Die Häuser wurden schrittweise in den 60er und 70er Jahren modernisiert.

Gearrannan Blackhouse Village

ℹ️ Infobox: Gearrannan Blackhouse Village

Die Siedlung wurde 1974 aufgegeben. Ein Schild vor Ort erzählt von den Frauen des Dorfes, die – oft allein, weil die Männer fischten oder weit weg arbeiteten – sich gegenseitig unterstützten. Eine Gemeinschaft, die funktionierte, weil sie musste. Und dann, innerhalb weniger Jahrzehnte: alle weg. Nicht durch Streit, sondern durch das stille Weggehen einer ganzen Generation. Heute stehen die Häuser als Museum und Selbstversorgerhütten.

Hier gibt es die Black Houses nicht ganz so eindrucksvoll zu sehen und im Gegensatz zum Arnol Blackhouse, dass in unserem Historic Scotland enthalten ist, zahlen wir hier Eintritt. Völlig ok, denn die Erhaltung der Anlage ist uns wichtig!

Man sollte sich beides anschauen, um zu verstehen, wie das Leben hier vor nur 50 Jahren noch war.

Ein Torbogen aus Walknochen

An der Straße, im Dorf Bragar, dann noch der Whalebone Arch – ein Torbogen aus den Kieferknochen eines Blauwals.

ℹ️ Infobox: Die Geschichte des Whalebone Arch

Im September 1920 trieb der Kadaver eines 25 Meter langen Blauwals in eine nahe Bucht. Im Wal steckte noch eine Harpune – deren Sprengladung nicht detoniert hatte und den Wal damit zu einem langsamen Tod verurteilt hatte. Der Dorfpostmeister Murdo Morrison entschied, dass die Unterkieferknochen einen passenden Torbogen für sein Haus ergeben würden. Ein Schmied aus Stornoway fügte die Knochen oben mit Stahlplatten zusammen – und hängte die Harpune dekorativ in die Mitte. Fast wäre das schlecht ausgegangen: Als die Harpune für diesen neuen Zweck vorbereitet wurde, explodierte die Sprengladung doch noch – zum Glück war gerade niemand in der Nähe. Der Bogen steht noch heute, fast 20 Meter hoch. Mitten in einem ganz normalen Vorgarten.

Shawbost Beach und eine Mühle aus der Eisenzeit

Und dann noch kurz an den Shawbost Beach – weißer Sand, türkisfarbenes Wasser, Sonne. Wir sind ganz gemütlich über den Strand gewandert und haben das phantastische Wetter genossen. Vielleicht knackt man in den nächsten Tagen hier sogar den Temperaturrekord – der stammt aus dem Jahr 1807 und liegt bei satten 21 Grad.

Nicht weit vom Strand entfernt steht die Shawbost Norse Mill and Kiln – zwei kleine reetgedeckte Steingebäude in einem Bachtal, eingebettet zwischen zwei Lochs.

ℹ️ Infobox: Die Norse Mill

Ihre Wurzeln reichen bis in die Eisenzeit zurück. Das Prinzip ist denkbar einfach: Wasser aus dem Loch Roinavat wird über einen Mühlkanal auf ein horizontales Schaufelrad geleitet, das darunter im Keller dreht – kein Zahnrad, kein Getriebe, direkt verbunden mit dem Mahlstein darüber. Im Kiln daneben wurde das Getreide – Hafer und Gerste – zunächst 48 Stunden lang über einem Torffeuer getrocknet, bevor es gemahlen werden konnte.

Was erstaunen lässt: Diese Mühle war bis in die 1930er Jahre in Betrieb. Die letzte noch funktionierende Mühle auf Lewis stand erst 1945 still. Dasselbe Prinzip, das die Wikinger hierher brachten – oder das vielleicht schon vor ihnen da war – lief also bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Jahrtausende, kaum verändert, einfachste Mittel. Und es funktionierte.

Ein Weber und seine Wahrheit über Harris Tweed

Auf dem Heimweg ein spontaner Stopp beim Chef von Amor Weavers – einer Weberfamilie auf Lewis, die sowohl für Harris Tweed als auch unter ihrer eigenen Marke produziert.

Harris Tweed – Gesetz, Wolle und Wirklichkeit

Harris Tweed ist der einzige Stoff der Welt, der durch ein eigenes Parlamentsgesetz geschützt ist. Er muss aus hundert Prozent reiner Schafwolle bestehen, in den Mühlen der Äußeren Hebriden gefärbt und gesponnen, von einem registrierten Weber in seinem Haus handgewebt und von der Harris Tweed Authority abgestempelt werden. Die Wolle kommt zwar von hier – geht aber zunächst zu British Wool nach England zur zentralen Verarbeitung, von wo sie wieder zurückverteilt wird. Ob am Ende wirklich Wolle aus Harris im eigenen Stoff steckt oder aus einer anderen Region, weiß man nicht so genau. Eine kleine Mogelpackung, mitten im geschützten Markennamen.

Der Weber hat uns erklärt, wie es läuft: Sechs Tage die Woche, acht bis neun Stunden am Tag am Webstuhl. Ein Ballen Stoff bringt ihm etwa 1.200 Pfund. Derselbe Ballen wird weiterverkauft für über 20.000 Pfund. Die Marke Harris Tweed macht das große Geschäft – der Weber sitzt am Webstuhl und bekommt einen Bruchteil davon. Von seinen 1.200 Pfund gehen noch die Mietgebühren für den Webstuhl ab. Kein Wunder, dass die Frustration bei den Webern spürbar ist: Eine eigene Marke dürfen sie unter dem Namen Harris Tweed nicht aufbauen – also weichen viele auf Alternativen aus, andere Farben, andere Produkte, abseits der strengen Vorgaben.

Dieser Mann hat sich während Corona teilweise aus dem System gelöst und webt auch für seine eigene Marke. Nicht einfach – Harris Tweed als Organisation hat ein Auge darauf, dass nicht zu viele Aussteiger den Markt verwässern. Aber es scheint zu funktionieren.

Und dann noch das: Er selbst trägt keinen Harris Tweed. Kratzt ihm zu sehr am Hals. Das hat er uns mit einem leichten Grinsen gesagt.

Wichtige INfo, bevor ich entscheide, ob ich mir den Anzug kaufe – ich glaube, ich mache es trotzdem.
Wenn man schon einmal hier ist.

Auf dem Heimweg Gegenwind und Steigungen. Strahlende Sonne. Jetzt sitze ich hier am Campingplatz und genieße den Abend. Slàinte mhath!

Im nächsten Teil: der nördlichste Punkt der Insel, ein Sprung ins 12 Grad kalte Meer – und eine Begegnung, die zeigt, wie nah das Leben in den Blackhouses noch an unserer eigenen Zeit liegt.

Alle Angaben basieren auf unseren Erfahrungen im Frühjahr/Frühsommer 2026. Öffnungszeiten und Preise können sich ändern.

Inhaltsverzeichnis:

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Titel

Themen

1

Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle

Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle

2

Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr

CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco

3

Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland

DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies

4

Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth

Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty

5

Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt

Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats

6

Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm

Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay

7

Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen

Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby

8

Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot

Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay

9

Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky

Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie

10

Panik am Old Man of Hoy

Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane

11

Kühlschrank kaputt – und nun?

Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber

12

NC500 – Traumstraße hoch im Norden

Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie

13

Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften

Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh

14

Willkommen auf Lewis

Ceilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere

15

Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing Stones

Callanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich

16

Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so!

Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber

17

Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche Geschichte

Butt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse

18

Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überall

Mangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis

19

Demnächst: Weiter auf Harris

 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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