Panik am Old Man of Hoy – Orkney/Hebrides Teil 10

Die Nacht davor

Die Nacht war unruhig. Der Wind hatte zugenommen, dazu immer wieder Regen – und das Wohnmobil schwankte wie ein Schiff. Obwohl es auf Hubstützen steht. Das sagt hoffentlich genug über die Windstärke.

Nadja hat gemalt 🙂

Stromness – und erstens kommt es anders

Wir wollen nach Hoy. Den Old Man of Hoy – diese gewaltige Felsnadel – mit eigenen Augen sehen. Dafür haben wir einen kompletten Tag eingeplant: Radtour durch das Tal, lange Wanderung, Fähre von Stromness nach Hoy am Morgen, abends wieder zurück.

 

Old Man of Hoy - Bildnachweis joachimstark.de - Vielen Dank Jo!

Nach dem Sturm in der Nacht war uns der Wettergott am Morgen freundlich gesinnt. Wir fuhren gleich nach Stromness, frühstückten auf dem Parkplatz und wollten um 10 Uhr die Fähre nehmen.

Um 10 Uhr stehen wir am Anleger. Ein Boot kommt – aber der Fährmann sagt, die Fähre fährt heute nicht. Erst um 14 Uhr. Warum, habe ich nicht verstanden. Mit meinem Englisch und seinem Dialekt war das eine verlorene Unterhaltung. Ich war ziemlich frustriert. Aber was willst du machen? 14 Uhr Hinfahrt, 18:30 Uhr Rückfahrt – extrem kurz, aber ein Versuch ist es wert.

HOY

Also erst mal Stromness angeschaut. Mit den Fahrrädern durch die Gassen, Läden abgeklappert, an der Küste entlang, an einem schönen kleinen Campingplatz vorbei, zum Friedhof mit Blick aufs Meer. Wenn die Sonne scheint, ist das alles toll.

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Stromness ist die zweitgrößte Stadt Orkneys – was nicht viel heißt, denn es sind etwa 2.500 Menschen. Die Stadt schmiegt sich an einen langen, schmalen Hafenkai, der Hauptstraße und Flaniermeile zugleich ist. Im 18. Jahrhundert war Stromness ein wichtiger Zwischenstopp für Schiffe der Hudson’s Bay Company auf dem Weg nach Kanada.

Was mich an diesem Tag besonders beschäftigt: Am 19. Mai 1845 – auf den Tag genau 181 Jahre vor unserem Besuch – legte hier John Franklins Expedition mit HMS Erebus und HMS Terror an. 129 Mann. Letzter Halt auf britischem Boden, bevor sie in die Arktis segelten. Sie wurden nie zurückerwartet – denn sie kamen nie zurück. Die Schiffe blieben im Packeis stecken, Franklin starb 1847 auf dem Eis. Die überlebenden Männer verließen die Schiffe 1848 und versuchten zu Fuß nach Süden zu fliehen. Alle starben. Jahrelang wusste niemand, was geschehen war. Erst John Rae – den wir gestern in der Kathedrale getroffen haben – erfuhr 1854 von Inuit-Zeugen die Wahrheit: Verhungert, erfroren, und am Ende hatten die Überlebenden begonnen, ihre Toten zu essen. Diese Aussagen wollte die britische Gesellschaft damals nicht glauben. John Rae wurde dafür angefeindet. Diese Gassen kannten beide.

Da braut sich was zusammen...

Die schwarze Wolkenwand

Zurück zum Wohnmobil, etwas gegessen. Dann schaut jemand aus dem Fenster. Über Hoy hängt eine tiefschwarze Wolkenwand. Ich fahre – das war für mich keine Frage.

Der Fährmann schaute mich an, als ich ankam: „Du kommst ja wirklich.“ Ich fuhr trotzdem.

Die kleine Fähre macht unterwegs noch einen Halt auf Graemsay – einer kleinen Zwischeninsel. Was mir dabei auffiel: Diese Insel bekommt alles per Fähre. Lebensmittel, Baumaterialien, Möbel. Und alles muss auch wieder weg – Müll, alte Kühlschränke, Renovierungsschrott. Ich sah, wie sie einen alten Kühlschrank verluden. Ein wahnsinniger logistischer Aufwand für jede einzelne Fahrt. Das hat man als Tourist nicht auf dem Schirm, bis man es miterlebt. Für die Menschen dort ist das einfach der normale Alltag.

In Hoy angekommen – und es regnete. Richtig.

Hoy im Sturm

Vom Schiff runter, kurze Regenpause. Ich dachte: Vielleicht habe ich das Schlimmste hinter mir. Nach 200 Metern wusste ich es besser. Sturmböen. Ich zog mich im Windschatten der kleinen Kirche um – erst den Regenmantel, dann nach kurzer Fahrt auch die Regenhose. Ganzkörperkondom, fertig. Und los.

Was dann kommt, ist das härteste, was ich je erlebt habe. Urgewalten. Und mittendrin wusste ich nicht, ob ich völlig bescheuert bin, es echt gefährlich war oder ich mir in meiner Panik das nur einbildete.

Ich fuhr falsch. Von der Küste aus sah es so aus, als müsste man sich durch die Berge nach Rackwick durcharbeiten. Mein Handy-Touchscreen funktionierte im Regen nicht mehr, Google Maps ließ sich nicht bedienen. Ich fuhr einen steilen Berg hoch, landete an einem kleinen Stausee – völlig falsch. Kostete nicht nur viel Kraft, trotz eBike, sondern auch Akkustrom. Wieder zurück, den richtigen Weg gefunden. Sechs Meilen bis Rackwick.

Die habe ich mir erkämpft. Ein heftiger Sturm, und zwischen den hohen Bergen von Hoy pfeift der Wind durch die Täler – waagerecht. Auf ebener Strecke fuhr ich mit Turbomodus, nur um vorwärts zu kommen. So etwas habe ich noch nie gemacht.
Die Wolken hingen so tief, dass es dunkel um mich herum wurde und der Regen prasselte ohne Unterlass, die Waden begannen zu verkrampfen. Das war alles kein Spaß mehr und ich fragte mich ein ums andere Mal, was ich hier überhaupt treibe.

Kurz vor Rackwick ließ der Sturm nach, der Regen wurde schwächer. Ich stand am Schild zum Old Man of Hoy – und merkte: Ab hier Viehschranken. Kein Fahrrad kommt durch. Also laufen. Dreieinhalb Meilen. Hin und zurück eine gute Stunde. Ich setzte mir eine Umkehrzeit.

Der Rucksack

Und dann: Mein Rucksack ist weg.
Ich stelle das Fahrrad an der Viehschranke ab, will es gerade abschließen, da fällt es mir erst auf:
Die Fahrradtasche, die ich man zum Rucksack umwandeln kann, hatte sich irgendwo im Sturm gelöst. Darin: alle Objektive. Portemonnaie. Schlüssel. Personalausweis. EC-Karten.
Alles schön im Rucksack verstaut, weil ich dachte, dann fällt es mir nicht aus der Hose. Tolle Idee.

Ich bin die gesamte Strecke zurückgerast, so schnell ich konnte – und merkte erst jetzt, wie steil es teils hoch und runter ging. Die Muskeln völlig überlastet, alles weg im Kopf außer dem Rucksack.

Und tatsächlich: Am Stausee, ganz am Anfang der falschen Route, lag die Tasche. Ich hatte sie schon ganz zu Beginn verloren. Alles noch da. Alle Objektive. Alles.

Aber damit war der Old Man of Hoy Geschichte. Keine Zeit mehr.

Und das gemeinste: Die Sonne kommt hervor – ich hätte die Wanderung zum Old Man of Hoy im schönsten Sonnenschein machen können.
Aber um ehrlich zu sein, war die Zeit zu knapp, am Ende hätte ich vielleicht die Fähre verpasst.

Der Dwarfie Stane – der Trost

Ich fuhr noch zum Dwarfie Stane – einem der seltsamsten Denkmäler Schottlands. Ein gewaltiger Block aus devonischem Old Red Sandstone, über 8 Meter lang und mehr als 150 Tonnen schwer, von der letzten Eiszeit als erratischer Findling in dieses Tal transportiert. Vor etwa 5.000 Jahren haben Menschen begonnen, diesen Felsblock von innen auszuhöhlen – zwei schmale Kammern, einen Eingang, einen Verschlussstein. Das einzige in Fels gehauene Kammergrab in ganz Nordeuropa.

Dwarfie Stane

Man kriecht rein, liegt fast, schaut die ausgehöhlten Wände an. Und denkt: Die Menschen damals haben diesen Block mit Steinwerkzeug ausgehöhlt. Von Hand. Ich bin auf einem modernen E-Bike gegen den Wind gekämpft und hab verloren. Ein bisschen Demut ist angebracht.

ℹ️ Infobox: Old Man of Hoy – für das nächste Mal

Die Felsnadel ist 137 Meter hoch aus rotem Sandstein, eine der ikonischsten in Großbritannien. Erst 1966 erstbestiegen, 1967 live im BBC-Fernsehen übertragen – fünf Millionen Zuschauer.

Wanderung: Ab Rackwick ca. 3,5 Meilen hin, 1 Stunde. Kein Fahrrad ab den Viehschranken. Zeit großzügig einplanen.

Fähre: Fußgänger-Fähre Stromness → Moaness. Fahrplan vorher prüfen. orkneyferries.co.uk

 

Hoy ohne Auto: Wenige Straßen, Bus oder Taxi über die Insel empfehlenswert – das spart Kraft für die Wanderung.

Die restliche Zeit verbringe ich im kleinen Cafe vor dem Hafen, Kaffee gibts keines mehr, dafür gibt mir die Chefin ein Bier aus und ich erzähle ihr meine Geschichte. Sie lacht herzhaft und meint, das sei doch kein Sturm gewesen.
Soviel zu meiner Gefühlswelt und meiner Selbstüberschätzung.

Zurück nach Kirkwall

18:30-Uhr-Fähre zurück nach Stromness. Durchnässt, erschöpft, ohne Old-Man-Foto, aber mit einer Geschichte. Den Dwarfie Stane habe ich gesehen. Den Sturm auf Hoy habe ich gespürt. Und den Rucksack habe ich wiedergefunden.

Den Old Man hole ich vielleicht irgendwann nach. Irgendwann. Und wenn nicht, fällt er deswegen auch nicht um.

Im nächsten Teil: Eine eingestürzte Höhle und dann zurück zum Festland


Alle Angaben basieren auf unseren Erfahrungen im
Frühjahr/Frühsommer 2026. Fährpläne und Öffnungszeiten können sich ändern

Inhaltsverzeichnis:

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Titel

Themen

1

Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle

Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle

2

Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr

CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco

3

Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland

DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies

4

Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth

Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty

5

Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt

Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats

6

Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm

Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay

7

Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen

Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby

8

Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot

Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay

9

Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky

Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie

10

Panik am Old Man of Hoydieser Artikel

Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane

11

Demnächst: Tomb of the Eagles und der letzte Morgen auf Orkney

 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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2 Kommentare

  1. Am Morgen mit dem Kaffeebecher in der Hand liest es sich wie ein Krimi oder ein Bericht von Reinhold Messner im Gebirge von Nepal! Ja, diese Naturgewalten darf man nicht unterschätzen, aber trotzdem liebe ich es und wie Du es berichtest, im nächsten Augenblick scheint die Sonne…

  2. …feiner Bericht, chapeau!
    Der Artikel über Hoy erinnert mich stark an eine meiner Highlands and Islandstouren. Mir schwante Ähnliches, als ich bei der Überfahrt von Aberdeen zu den Shetlands bemerkte, dass sie auf der Fähre die Tische und Stühle am Boden an soliden Ketten fix verschraubt hatten. Und wenn der Regen im Sturm horizontal flog, war der Kommentar eines Einheimischen lapidar: „ Not so nice today…“

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