Stromness – und erstens kommt es anders
Wir wollen nach Hoy. Den Old Man of Hoy – diese gewaltige Felsnadel – mit eigenen Augen sehen. Dafür haben wir einen kompletten Tag eingeplant: Radtour durch das Tal, lange Wanderung, Fähre von Stromness nach Hoy am Morgen, abends wieder zurück.
Um 10 Uhr stehen wir am Anleger. Ein Boot kommt – aber der Fährmann sagt, die Fähre fährt heute nicht. Erst um 14 Uhr. Warum, habe ich nicht verstanden. Mit meinem Englisch und seinem Dialekt war das eine verlorene Unterhaltung. Ich war ziemlich frustriert. Aber was willst du machen? 14 Uhr Hinfahrt, 18:30 Uhr Rückfahrt – extrem kurz, aber ein Versuch ist es wert.
Diese Bücher begleiten uns:
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Schottland
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Stromness ist die zweitgrößte Stadt Orkneys – was nicht viel heißt, denn es sind etwa 2.500 Menschen. Die Stadt schmiegt sich an einen langen, schmalen Hafenkai, der Hauptstraße und Flaniermeile zugleich ist. Im 18. Jahrhundert war Stromness ein wichtiger Zwischenstopp für Schiffe der Hudson’s Bay Company auf dem Weg nach Kanada.
Was mich an diesem Tag besonders beschäftigt: Am 19. Mai 1845 – auf den Tag genau 181 Jahre vor unserem Besuch – legte hier John Franklins Expedition mit HMS Erebus und HMS Terror an. 129 Mann. Letzter Halt auf britischem Boden, bevor sie in die Arktis segelten. Sie wurden nie zurückerwartet – denn sie kamen nie zurück. Die Schiffe blieben im Packeis stecken, Franklin starb 1847 auf dem Eis. Die überlebenden Männer verließen die Schiffe 1848 und versuchten zu Fuß nach Süden zu fliehen. Alle starben. Jahrelang wusste niemand, was geschehen war. Erst John Rae – den wir gestern in der Kathedrale getroffen haben – erfuhr 1854 von Inuit-Zeugen die Wahrheit: Verhungert, erfroren, und am Ende hatten die Überlebenden begonnen, ihre Toten zu essen. Diese Aussagen wollte die britische Gesellschaft damals nicht glauben. John Rae wurde dafür angefeindet. Diese Gassen kannten beide.
Die kleine Fähre macht unterwegs noch einen Halt auf Graemsay – einer kleinen Zwischeninsel. Was mir dabei auffiel: Diese Insel bekommt alles per Fähre. Lebensmittel, Baumaterialien, Möbel. Und alles muss auch wieder weg – Müll, alte Kühlschränke, Renovierungsschrott. Ich sah, wie sie einen alten Kühlschrank verluden. Ein wahnsinniger logistischer Aufwand für jede einzelne Fahrt. Das hat man als Tourist nicht auf dem Schirm, bis man es miterlebt. Für die Menschen dort ist das einfach der normale Alltag.
In Hoy angekommen – und es regnete. Richtig.
Hoy im Sturm
Vom Schiff runter, kurze Regenpause. Ich dachte: Vielleicht habe ich das Schlimmste hinter mir. Nach 200 Metern wusste ich es besser. Sturmböen. Ich zog mich im Windschatten der kleinen Kirche um – erst den Regenmantel, dann nach kurzer Fahrt auch die Regenhose. Ganzkörperkondom, fertig. Und los.
Was dann kommt, ist das härteste, was ich je erlebt habe. Urgewalten. Und mittendrin wusste ich nicht, ob ich völlig bescheuert bin, es echt gefährlich war oder ich mir in meiner Panik das nur einbildete.
Ich fuhr falsch. Von der Küste aus sah es so aus, als müsste man sich durch die Berge nach Rackwick durcharbeiten. Mein Handy-Touchscreen funktionierte im Regen nicht mehr, Google Maps ließ sich nicht bedienen. Ich fuhr einen steilen Berg hoch, landete an einem kleinen Stausee – völlig falsch. Kostete nicht nur viel Kraft, trotz eBike, sondern auch Akkustrom. Wieder zurück, den richtigen Weg gefunden. Sechs Meilen bis Rackwick.
Die habe ich mir erkämpft. Ein heftiger Sturm, und zwischen den hohen Bergen von Hoy pfeift der Wind durch die Täler – waagerecht. Auf ebener Strecke fuhr ich mit Turbomodus, nur um vorwärts zu kommen. So etwas habe ich noch nie gemacht.
Die Wolken hingen so tief, dass es dunkel um mich herum wurde und der Regen prasselte ohne Unterlass, die Waden begannen zu verkrampfen. Das war alles kein Spaß mehr und ich fragte mich ein ums andere Mal, was ich hier überhaupt treibe.
Der Rucksack
Und dann: Mein Rucksack ist weg.
Ich stelle das Fahrrad an der Viehschranke ab, will es gerade abschließen, da fällt es mir erst auf:
Die Fahrradtasche, die ich man zum Rucksack umwandeln kann, hatte sich irgendwo im Sturm gelöst. Darin: alle Objektive. Portemonnaie. Schlüssel. Personalausweis. EC-Karten.
Alles schön im Rucksack verstaut, weil ich dachte, dann fällt es mir nicht aus der Hose. Tolle Idee.
Ich bin die gesamte Strecke zurückgerast, so schnell ich konnte – und merkte erst jetzt, wie steil es teils hoch und runter ging. Die Muskeln völlig überlastet, alles weg im Kopf außer dem Rucksack.
Und tatsächlich: Am Stausee, ganz am Anfang der falschen Route, lag die Tasche. Ich hatte sie schon ganz zu Beginn verloren. Alles noch da. Alle Objektive. Alles.
Aber damit war der Old Man of Hoy Geschichte. Keine Zeit mehr.
Der Dwarfie Stane – der Trost
Ich fuhr noch zum Dwarfie Stane – einem der seltsamsten Denkmäler Schottlands. Ein gewaltiger Block aus devonischem Old Red Sandstone, über 8 Meter lang und mehr als 150 Tonnen schwer, von der letzten Eiszeit als erratischer Findling in dieses Tal transportiert. Vor etwa 5.000 Jahren haben Menschen begonnen, diesen Felsblock von innen auszuhöhlen – zwei schmale Kammern, einen Eingang, einen Verschlussstein. Das einzige in Fels gehauene Kammergrab in ganz Nordeuropa.
ℹ️ Infobox: Old Man of Hoy – für das nächste Mal
Die Felsnadel ist 137 Meter hoch aus rotem Sandstein, eine der ikonischsten in Großbritannien. Erst 1966 erstbestiegen, 1967 live im BBC-Fernsehen übertragen – fünf Millionen Zuschauer.
Wanderung: Ab Rackwick ca. 3,5 Meilen hin, 1 Stunde. Kein Fahrrad ab den Viehschranken. Zeit großzügig einplanen.
Fähre: Fußgänger-Fähre Stromness → Moaness. Fahrplan vorher prüfen. orkneyferries.co.uk
Hoy ohne Auto: Wenige Straßen, Bus oder Taxi über die Insel empfehlenswert – das spart Kraft für die Wanderung.
Zurück nach Kirkwall
18:30-Uhr-Fähre zurück nach Stromness. Durchnässt, erschöpft, ohne Old-Man-Foto, aber mit einer Geschichte. Den Dwarfie Stane habe ich gesehen. Den Sturm auf Hoy habe ich gespürt. Und den Rucksack habe ich wiedergefunden.
Den Old Man hole ich vielleicht irgendwann nach. Irgendwann. Und wenn nicht, fällt er deswegen auch nicht um.
Im nächsten Teil: Eine eingestürzte Höhle und dann zurück zum Festland
Alle Angaben basieren auf unseren Erfahrungen im
Frühjahr/Frühsommer 2026. Fährpläne und Öffnungszeiten können sich ändern
Inhaltsverzeichnis:
# | Titel | Themen |
1 | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle | |
2 | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco | |
3 | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies | |
4 | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty | |
5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
8 | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay | |
9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky | Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie |
10 | Panik am Old Man of Hoy ← dieser Artikel | Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane |
11 | Demnächst: Tomb of the Eagles und der letzte Morgen auf Orkney |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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2 Kommentare
Am Morgen mit dem Kaffeebecher in der Hand liest es sich wie ein Krimi oder ein Bericht von Reinhold Messner im Gebirge von Nepal! Ja, diese Naturgewalten darf man nicht unterschätzen, aber trotzdem liebe ich es und wie Du es berichtest, im nächsten Augenblick scheint die Sonne…
…feiner Bericht, chapeau!
Der Artikel über Hoy erinnert mich stark an eine meiner Highlands and Islandstouren. Mir schwante Ähnliches, als ich bei der Überfahrt von Aberdeen zu den Shetlands bemerkte, dass sie auf der Fähre die Tische und Stühle am Boden an soliden Ketten fix verschraubt hatten. Und wenn der Regen im Sturm horizontal flog, war der Kommentar eines Einheimischen lapidar: „ Not so nice today…“