Mit der Fähre nach Schottland – Überfahrt, Linksverkehr und ein unvergesslicher Sonnenuntergang – Orkney/Hebrides Teil 3

Abfahrt Amsterdam

Am frühen Abend legte die DFDS-Fähre in Amsterdam ab. Im Gepäck: 44 Tage Urlaub, zwei Kajaks auf dem Dach, zwei eMountainbikes am Heck und das leise Kribbeln, das jeden Reisebeginn begleitet.

Die DFDS-Überfahrt Amsterdam–Newcastle ist nicht billig. Für unser 6,40 Meter langes Wohnmobil standen im Normaltarif rund 2.000 Euro auf der Rechnung. Durch die Buchung über den ADAC kamen wir auf 1.700 Euro – immer noch ein ernsthafter Kostenblock. Unterwegs lernten wir ein Paar kennen, das bei einer Frühbucheraktion ein Jahr im Voraus gebucht hatte: Sie zahlten die Hälfte. Dasselbe Schiff, dieselbe Kabine. Das schmerzt ein bisschen – aber man muss die Chance eben nutzen, wenn sie sich bietet.

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ℹ️ Infobox: DFDS Amsterdam–Newcastle – was man wissen sollte

Der Preis hängt stark vom Buchungszeitpunkt ab. DFDS bietet gelegentlich Aktionen an – wer früh bucht und flexibel ist, kann erheblich sparen. Die Buchung über Automobilclubs wie den ADAC lohnt sich: Wir sparten so rund 300 Euro gegenüber dem Direktpreis.

Kabine: Unbedingt buchen – die Überfahrt dauert knapp 16 Stunden, und ohne Kabine wird es lang.

Essen an Bord: Das Buffet-Restaurant ist für das, was es bietet, deutlich zu teuer. Als Vegetarier war die Auswahl bescheiden. Auf dem Rückweg haben wir es besser gemacht: Brote geschmiert, ein paar Bier geholt und den Abend auf dem Oberdeck in der Bar verbracht – deutlich schöner und erheblich günstiger.

Lebensmittel bei der Einreise: Bestimmte Lebensmittel – darunter frische Kartoffeln, Milch und einige Milchprodukte – dürfen nicht nach Großbritannien eingeführt werden. Eine aktuelle Übersicht findet sich auf gov.uk: Bringing food into Great Britain. Wir haben diese Vorräte vor der Abfahrt aufgebraucht bzw. nicht mitgenommen und beim ersten Supermarkt in England neu eingekauft.

Die See war diesmal ruhig. 2018 brauchten wir noch die mitgebrachten Reisetabletten – damals herrschte Sturm und die Überfahrt war alles andere als angenehm. Diesmal schaukelte kaum etwas. Ich habe trotzdem überlegt, ob ich eine Tablette nehme, einfach um gut zu schlafen. Am Ende brauchte ich sie nicht.

Hinter dem Heck des Schiffes war das Wasser fast spiegelglatt. Vor uns: Schottland.

Ankunft Newcastle

Am Morgen liefen wir in Newcastle ein. Die Stadt begrüßte uns mit Sonnenschein – ein gutes Zeichen. Wir kamen zügig von Bord, was aber kein Vorteil ist, da viele von hinten dann auf der Straße drängeln. Unser Tipp: Einfach links (!) in eine Parkbucht fahren, kurz warten, und man kommt deutlich entspannter voran.

Eine harte Zollkontrolle gab es keine. Unsere vorsichtshalber nicht mitgebrachten Lebensmittel wären wohl durchgekommen – aber man weiß es nie. Umgekehrt geht es den Briten dabei nicht um den Zoll, sondern um die Gefahr, Schädlinge oder Krankheiten einzuschleppen. Und da wollen wir nicht verantwortlich sein.

Diese Bücher begleiten uns:
Schottland
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Und dann: der erste Kreisverkehr im Linksverkehr.

Ich habe sofort das Radio ausgeschaltet. Man muss sich wirklich konzentrieren – vielleicht liegt es daran, dass man älter wird, aber die Umgewöhnung kommt nicht mehr ganz so schnell wie noch vor acht Jahren. Technisch war es kein Problem: Die Kreisverkehre haben wir gut gemeistert, die Spur gehalten. Aber immer wieder dieser Moment, wenn man irgendwo geparkt hat und wieder losfährt – dann muss man sich bewusst sagen: links. Ich habe Nadja gebeten, mich daran zu erinnern. Regelmäßig. Ohne Rücksicht auf mein Ego.

Es ist gut, im Team zu fahren. Noch dazu ist sie auf der rechten Seite mein Schulterblick. Bei der Auffahrt auf die Autobahn und an mancher Kreuzung ist der Beifahrer Gold wert – und man sollte sich vorher Kommandos überlegen.

ℹ️ Infobox: Das richtige Kommando

 

„Alles frei“ ist als Ansage viel besser als „nix“ – denn „nix“ kann sowohl „nichts da, fahr los“ als auch „nichts sehen, warte“ bedeuten.
Klare, eindeutige Kommandos mit dem Partner vorher absprechen – das erspart Schrecksekunden.
Gerade bei der Auffahrt auf die Autobahn ist das sehr hilfreich!

Zwei Navis, drei Meinungen

Wir fuhren zunächst Richtung Jedburgh – und haben uns prompt verfahren. Wir hatten zwei Navis dabei, die zwei verschiedene Wege vorgeschlagen haben. Ich habe irgendwann den mittleren Weg gewählt. Falsch. Wir landeten auf schmaleren Straßen – nicht ganz Single Track Road, aber nah dran. Im Nachhinein: eine gute Übung für das, was noch kommen würde.

Die Strecke führte uns durch süße kleine Dörfer mit wunderbaren, typisch britischen Häusern und wahnsinnig schönen Gärtchen, Blumen und toller Garten-Deko.

Jedburgh Abbey

Die Jedburgh Abbey ist eine tolle Ruine und für viele die erste Anlaufstelle auf dem Weg nach Schottland.

Beim Eintritt solltet ihr eine Mitgliedschaft bei Historic Environment Scotland (HES) erwägen. Auf den ersten Blick teuer, kann man als Mitglied jede Sehenswürdigkeit kostenlos besuchen. Für uns bedeutete das, dass wir viel häufiger angeschlossene Sehenswürdigkeiten besuchten, als wir es sonst getan hätten. In Cornwall war der Effekt durch ein vergleichbares Mitgliedsmodell sogar noch deutlicher spürbar, allein wegen der vielen Gärten, Parks und kostenlosen Parkplätze dort. In Schottland – zumindest auf dieser Reise – war der finanzielle Vorteil geringer, aber der Gedanke, dass man etwas Gutes tut und die Erhaltung vieler Sehenswürdigkeiten unterstützt, war uns wichtig.

ℹ️ Infobox: Historic Environment Scotland (HES) – lohnt sich die Mitgliedschaft?

HES bietet zwei Möglichkeiten für Vielbesucher:

Explorer Pass (14 Tage gültig): Freier Eintritt zu über 60 Attraktionen, darunter Edinburgh Castle, Stirling Castle, Skara Brae und Maeshowe. Erwachsene zahlen 48 GBP, ermäßigt 39 GBP, Kinder (7–15) 29 GBP, eine Familie (2 Erwachsene + bis zu 3 Kinder) 100 GBP. Praktisch für einen kürzeren, dicht getakteten Trip.

Jahresmitgliedschaft: Unbegrenzter Eintritt das ganze Jahr, dazu 20 % Rabatt in den Shops und 10 % in den Cafés. Erwachsene zahlen 72 GBP im Jahr (umgerechnet 5,33 GBP im Monat), Paare mit bis zu 6 Kindern 77 GBP, ermäßigt 57,50 GBP. Für eine mehrwöchige Reise wie unsere die deutlich bessere Wahl.

Aktuelle Preise und Buchung: Explorer Pass · Jahresmitgliedschaft

Tipp aus der Praxis: Manche Reisende nehmen nur eine Mitgliedschaft pro Paar – damit darf man auf alle zugehörigen Parkplätze, und nur wer sich die Sehenswürdigkeit tatsächlich anschaut, zahlt für den Partner separat Eintritt. Wir haben uns dagegen entschieden und für uns beide eine Mitgliedschaft genommen. Für uns ist das kein reiner Eintrittspreis, sondern eine Form der Unterstützung – und das honoriert man uns auch: Als Mitglied wird man von den Menschen, die in den Schlössern und Gärten arbeiten, auffallend herzlich behandelt. Die freuen sich sichtlich, wenn Ausländer Mitglied sind.

Ein netter Nebeneffekt: Mit jedem Besuch „sammelt“ man die Orte in der HES-App – ein Eintrag pro besuchter Sehenswürdigkeit, am Ende eine kleine, originelle Liste dessen, was man alles gesehen hat.

 

Nicht alle Sehenswürdigkeiten gehören zu HES. Privat geführte Orte wie Dunvegan Castle, Eilean Donan oder Duart Castle sind nicht eingeschlossen.

Die Abtei selbst: König David I. von Schottland gründete sie im 12. Jahrhundert als Augustiner-Kloster – und sie war über Jahrhunderte eine der bedeutendsten Abteien des Landes. Was sie am Ende zerstörte, waren nicht die Jahre, sondern englische Überfälle im 16. Jahrhundert, die das Gebäude so schwer beschädigten, dass der Wiederaufbau nie vollständig gelang. Was heute noch steht – vor allem der fast vollständig erhaltene Turm – ist beeindruckend.

Neu seit unserem letzten Besuch: ein moderner Eingangsbereich mit Glasfront. Nüchtern betrachtet eine praktische Lösung für das schottische Wetter. Und das Wetter hatte an diesem Tag tatsächlich seinen Auftritt.

Auf dem Weg zur Abtei war es noch schön. Das alte Gemäuer ließ uns wieder ehrfurchtsvoll staunen. Der alte Friedhof mit seinen jahrhundertealten Grabsteinen ist sehenswert. Dann fing es an zu regnen. Schnell, heftig und hart. Wir rannten zum Glashaus, und als wir drin standen, schüttete es richtig. Gute Idee, diesen Glasanbau zu bauen.

Wir haben uns die Ausstellung angeschaut und von innen dem Regen zugesehen, durch das Glas hindurch. Schottischer Regen – endlich, dachten wir noch. Den hatten wir 2018 nicht erlebt. Damals regnete es an keinem einzigen Tag unserer vierwöchigen Reise.

Melrose Abbey

In der Nähe gibt es eine weitere Sehenswürdigkeit: die
Melrose Abbey. Diese – ebenfalls ein Klassiker und 2018 von uns ausgiebig
besucht – ließen wir diesmal im Vorbeifahren liegen. Wer mehr dazu lesen
möchte: unser Bericht von damals steht hier: Schottland
– Links fahren muss gelernt sein (2018)

Auf der Weiterfahrt erlebten wir die Schönheit Schottlands: steile Hügel ohne Bäume, dafür mit Heidekraut und gerade beginnendem Ginster. Ein bisschen wie die Wasserkuppe in der Rhön, aber mit mehr Flair und Dramatik.

Rosslyn Chappel

Rosslyn Chapel

Es zog uns weiter nach Roslin und zur Rosslyn Chapel. Gebaut im 15. Jahrhundert, ursprünglich als Kollegiatskirche geplant, aber nie fertiggestellt – ein Torso, der trotzdem überwältigt. Oder vielleicht gerade deshalb. Jahrhundertelang war sie kaum bekannt, bis Dan Brown sie in seinem Roman Sakrileg zur geheimnisvollen Schlüsselstätte machte. Der Film mit Tom Hanks tat sein Übriges. Seitdem kommen Besucher aus aller Welt – und die Einnahmen haben die aufwendige Restaurierung erst möglich gemacht. Eine unfreiwillige, aber effektive Rettung.

Die Steinmetzarbeiten im Inneren sind von einer Detailverliebtheit, die man kaum glauben kann. Jeder Zentimeter verziert, jede Säule anders gestaltet. Man steht da und fragt sich, wie viele Menschenleben in diesem Stein stecken. Leider darf man im Inneren nicht fotografieren – sonst hätten wir euch gerne Bilder der berühmten Lehrlingssäule gezeigt.

Die Lehrlingssäule (Apprentice Pillar) ist für ihre aufwendigen Steinmetzarbeiten bekannt. Der Legende nach wurde sie vom Lehrling des Baumeisters vollendet, während dieser auf Reisen war. Als der Meister zurückkehrte und sah, dass die Säule des Lehrlings seine eigene, durchaus sehenswerte Arbeit bei Weitem übertraf, soll er den Lehrling vor lauter Eifersucht erschlagen haben. Eine düstere Geschichte für ein so kunstvolles Werk.

Auf dem Weg zu den Kelpies

Wenn ihr noch nie in Schottland wart: Vor dieser Etappe lohnen sich natürlich auch Edinburgh, Stirling und Umgebung. Was man dort erleben kann – und warum wir die Harry-Potter-Tour 2018 einfach toll fanden – findet ihr in unserem Bericht aus dem Jahr 2018: Schottland – Edinburgh mit dem eBike

In diesem Jahr wollten wir auf dem schnellsten Weg nach Norden – daher blieben viele schöne Ziele auf der Strecke liegen. Das ist der Preis einer 44-tägigen Reise mit so vielen Zielen: Man kann nicht überall verweilen.

Edinburgh Castle

Die Kelpies

Das letzte Ziel des Tages – und was für eines. Die Kelpies bei Falkirk: Zwei 30 Meter hohe Pferdeköpfe aus Stahl, 2013 eingeweiht, das größte Pferdekunstwerk der Welt. Sie erinnern an die Kelpies der schottischen Mythologie – Wassergeister in Pferdegestalt, die Unvorsichtige in die Tiefe zogen – aber auch an die schweren Kaltblutpferde, die einst die Kanäle entlangtrabten und die schwere Arbeit in Schottlands Industrie und Landwirtschaft verrichteten. Ohne diese Pferde hätte die industrielle Revolution in Schottland so nicht funktioniert. Die Kelpies sind ihnen gewidmet.

Die Kelpies im Abendlicht

Eigentlich wollte ich nur kurz schauen und später die Blue Hour nutzen. Also vom Parkplatz zu den Kelpies und wieder zurück gelaufen. Zweimal.

Kaum zurück am Wohnmobil, sagte Nadja, dass die Sonne doch noch einmal unter den Wolken hervorkommt, bevor sie untergeht. Also wieder vom Parkplatz zu den Kelpies gelaufen. Und tatsächlich: Die Sonne kämpfte sich ganz kurz vor Sonnenuntergang noch einmal unter einem Wolkenband hervor – zu schön, um es zu verpassen. Das Ergebnis war umwerfend.

Und später, als es dunkel war, wollte ich sehen, ob die Kelpies angestrahlt werden. Ich lief wieder rüber. Früher wurden sie nachts in dramatisches Licht getaucht. Werden sie noch – aber anders: matter, sparsamer. Eine Einheimische erzählte uns, dass man Strom sparen will. Was heute zu sehen ist, wirkt wie ein fahler Abklatsch von früher. Manchmal wird aber noch die große Lightshow ausgepackt – wohl eher an Festtagen oder am Wochenende.

Am Ende war ich viermal zwischen Parkplatz und den Pferdeköpfen hin und her gelaufen, um jede Lichtstimmung einzufangen. Um halb neun habe ich endlich die Bilder bearbeitet und etwas zu Abend gegessen. Aber es hat sich gelohnt – die Kelpies im Sonnenuntergang sind noch genialer als angestrahlt. Das goldene Licht, das sich im polierten Stahl bricht, die langen Schatten, die Stille: Kein Scheinwerfer der Welt hätte das besser hingekriegt.

Der Stellplatz direkt an den Kelpies kostete 15 Pfund – und bot dafür erstaunlich viel Ruhe und diesen einzigartigen Sonnenuntergang. Es war, als hätte Schottland uns mit dem perfekten ersten Abend willkommen geheißen.


 

Im nächsten Teil: Nigg Ferry Terminal, Kajak im Cromarty Firth, Delfine – und ein Naturschutzgebiet.

Inhaltsverzeichnis:

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# Titel Themen
1 Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle
2 Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr  CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG
3 Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies
4 Orkney – Steinzeit, Whisky und das Ende der Welt Skara Brae, Maeshowe, Ring of Brodgar, Kirkwall, Highland Park, Hoy
5 NC500 – Die Nordküste Thurso, Durness, Cape Wrath, Torridon, Ullapool
6 Lewis – Die Äußeren Hebriden, Teil 1 Stornoway, Callanish, Gearrannan, Abhainn Dearg, Arnol, Hushinish
7 Harris – Die Äußeren Hebriden, Teil 2 Luskentyre, Kajak, Harris Tweed, Isle of Harris Distillery, Golden Road, Rodel
8 Skye – Die Insel Neist Point, Trotternish, Old Man of Storr, Eilean Donan
9 Mull & Iona – Stille am Ende der Welt Duart Castle, Iona Abbey, Fidden Beach, Tobermory
10 Oban, Glencoe & Glasgow McCaig’s Tower, Kilchurn Castle, Drovers Inn, Kelvingrove, Mackintosh
11 Heimreise – Dunbar, Bamburgh, Alnwick, Newcastle Dunbar Bakery, Bamburgh Castle, Alnwick Castle, DFDS zurück
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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