Willkommen auf Lewis und Harris – Orkney/Hebrides Teil 14

Eine Insel – zwei Namen

Wer zum ersten Mal von den Äußeren Hebriden hört, wundert sich: Lewis und Harris klingen wie zwei verschiedene Inseln. Sind sie nicht. Es ist eine Insel – aber zwei völlig verschiedene Welten.

Lewis im Norden: weites Moorland, Torfstechen, Stornoway als einzige größere Stadt. Die Insel, auf der die Gälische Sprache noch im Alltag lebt.

Harris im Süden: Berge, weiße Sandstrände, das türkisblaue Wasser, das alle Fotos unmöglich erscheinen lässt. Die Heimat des Harris Tweed.

Den Grund für die zwei Namen kennt niemand mit Sicherheit – die Geschichte der Inseln ist alt genug, dass die Antwort verloren gegangen ist.

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Ullapool und der Abschied vom Festland

Wir wachen in der Nähe von Ullapool auf, kaufen schnell ein – und dann zum Fährhafen.

Ullapool ist eine der schönsten Kleinstädte der schottischen Küste. Wer hier übernachtet, sollte ins Ceilidh Place – ein einzigartiger Mix aus Hotel, Restaurant, Buchhandlung, Bar und Konzertsaal. Lokale Produkte, wechselnde Livemusik, ein Publikum, das weiß, was es will. Eine der besten Adressen der ganzen Reise.

ℹ️ Infobox: Fähre Ullapool → Stornoway

CalMac betreibt die Route Ullapool–Stornoway. Fahrplan und Buchung vorab prüfen – Zeiten variieren je nach Saison und Wochentag, für Wohnmobile unbedingt vorbuchen. calmac.co.uk

The Ceilidh Place, Ullapool – Livemusik-Programm: theceilidhplace.com

Die Überfahrt

Der Blick aufs Meer ließ nichts Gutes erwarten: Tief schwarze Wolken hingen über dem Wasser, der Atlantik sah unruhig aus. Eine Reisetablette als Vorsichtsmaßnahme – und dann eine Überfahrt, die sich als erstaunlich ruhig herausstellte.

Willkommen auf Lewis.

Stornoway – Praktisches, Schachspiel und ein Schlager-Opa

Erste Priorität in Stornoway: Ersatzteil für den Kühlschrank suchen. Kein Erfolg. Es muss weiter ohne gehen. Gas konnten wir dagegen tanken – Stornoway hat eine LPG-Tankstelle, was im Norden Schottlands keine Selbstverständlichkeit ist. Wir haben jetzt wieder für viele Wochen Vorrat.

Dann die Stadt erkunden. Stornoway ist die Hauptstadt von Lewis und gleichzeitig die größte Stadt der gesamten Äußeren Hebriden – rund 8.000 Menschen, ein Hafen, eine Hauptstraße, gute Einkaufsmöglichkeiten. Wenn Kreuzfahrtschiffe im Hafen liegen – und das passiert regelmäßig – flutet die Innenstadt mit Touristen, die in Bussen zu den Sehenswürdigkeiten gebracht werden. Dann lieber warten oder früh aufbrechen.

Das Lews Castle haben wir uns aus der Ferne angeschaut – einst Residenz von Lord Leverhulme, dem englischen Industriellen, der Lewis kaufte und zu industrialisieren versuchte.

Heute beherbergt es ein Museum, darunter die Ausstellung zu den Lewis Chessmen: 93 mittelalterliche Schachfiguren aus Walrosszahn, gefunden 1831 in einer Sanddüne auf Lewis, vermutlich im 12. Jahrhundert aus Norwegen hierher gebracht. Die meisten befinden sich heute im British Museum in London – eine Tatsache, die auf Lewis noch immer für Verstimmung sorgt. Einige Figuren sind aber im Museum des Lews Castle ausgestellt.

Nadja ist in einem Harris-Tweed-Laden fündig geworden. Ich habe mich zurückgehalten – wir kommen noch nach Tarbert auf Harris, wo es mit Sicherheit auch Läden gibt. Mir gefällt ein Anzug, aber der Preis ist heftig.
Ich hadere, aber will dann doch erst in Harris schauen, im Zweifel muss ich wieder hierher zurück.

Dann aber die Begegnung des Tages.

Ein älterer Herr spricht uns in Stornoway an – auf Englisch, mit sorgenvollem Gesicht. Er meint, wir sähen etwas hilflos aus, ob wir den Weg suchten. Wir verneinten, bedankten uns.

Und dann wechselt er ins Deutsche. Perfektes Deutsch.

Er war nach dem Zweiten Weltkrieg als Dolmetscher für das britische Militär in Deutschland stationiert. Viele lange Autofahrten, ein deutscher Kollege – und Stunde um Stunde hörten sie gemeinsam Radio. Der Kollege brachte ihm die Texte bei: Schlager. Jahrzehnte später, auf einer Straße in Stornoway auf den Äußeren Hebriden, singt ein alter schottischer Mann uns auf dem Gehweg auf Deutsch vor. Wir stehen da und staunen. Er strahlt.

Es ist einer jener Momente, für die man verreist, über die man noch Jahre erzählt.

Honesty Box – auf der Nachbarinsel

Auf der ersten kleinen Insel nach Stornoway hatte eine Frau einen Schrank vor ihrem Haus: voller selbstgemachter Kleinigkeiten – kleine Häuschen aus Treibholz, Miniatur-Boote, Figürchen aus Filz. Nadja hatte ein Foto davon gesehen und wollte unbedingt hin. Sie hatte sich etwas anderes vorgestellt und war ein bisschen enttäuscht. Aber als Kunsthandwerk betrachtet war es wirklich sehenswert.

ℹ️ Infobox: Honesty Boxen sind kleine Kästen oder ganze Schränke vor dem Haus, in denen Bewohner Selbstgemachtes verkaufen – man nimmt, was man möchte, bezahlt Cash in eine kleine Kasse. Vertrauenssache. Offenbar funktioniert es, denn sie sind überall auf den Inseln.

Garry Beach – Nadjas Entdeckung

Dann der Höhepunkt: Garry Beach – Nadjas Entdeckung auf der Karte. Eine einspurige Straße, ein kleiner Parkplatz, und dann öffnet sich der Blick.

Garry Beach

Türkisfarbenes Wasser. Langer weißer Sand. So intensiv, so unwirklich, dass man mehrfach hinsieht, ob das wirklich stimmt. Es stimmt. Man steht auf dem 58. Breitengrad und schaut auf etwas, das man eher auf den Malediven erwartet hätte – nur ohne Palmen und mit 14 Grad Wassertemperatur.

Direkt am Strand – an seinem südlichen Ende – ragt eine Gruppe dunkler Seestacks aus dem Sand, die die See über Jahrtausende aus dem Fels herausgearbeitet hat: Türme, Bögen, Höhlen, Durchgänge. Bei Ebbe gibt das Meer diese Welt frei, und was sich dann zeigt, ist tatsächlich magisch.

Man klettert über nassen Fels, zwängt sich durch enge Spalten, tritt durch Bögen hindurch – und auf der anderen Seite liegt wieder der türkisblaue Strand. Mutige Schwimmer, die das Wasser und ihre Kondition kennen, schwimmen bei ruhiger See durch den großen Stack hindurch. Vorsicht: Strömungen können sich bilden.

Der Strand ist gleichzeitig Startpunkt des Heritage Trail – einem zehn Meilen langen Küstenweg nach Ness, dem nördlichsten Dorf auf Lewis. Wer ihn geht, hat Stacks und Höhlen, weite Moorlandschaft und Vogelklippen. Auf der Coastal Path haben Besucher sogar Minkwale vor der Küste gesichtet. Hinter dem Strand liegt ein kleiner Teich – Kormorane, Schwäne und Gänse, wenn man Glück hat.

Gaelisch heißt der Strand Tràigh Ghearadha – und wer ihn einmal gesehen hat, vergisst den Namen nicht.

Vor uns stürzen sich Basstölpel in die Wellen auf der Jagd nach Fischen. Große, weiße Seevögel mit schwarzen Flügelspitzen, die in spektakulären Sturzflügen aus zwanzig, dreißig Metern Höhe senkrecht ins Wasser tauchen – wie kleine Raketen.

Sie tauchen kurz unter und sind im Nu wieder in der Luft. Manchmal stürzen sich drei, vier, fünf nebeneinander in kurzer, versetzter Folge auf dieselbe Stelle. Ein Spektakel, dem man stundenlang zuschauen kann.

Eine Robbe schwimmt gemächlich vorbei, schaut kurz zu uns herüber, taucht ab.

Auf der Wiese hinter dem Strand: Schafe mit Lämmern. Die Lämmer sehen aus wie bei Shaun das Schaf – so flauschig, so rund, so unwahrscheinlich niedlich.

Wir übernachten auf dem kleinen Parkplatz direkt am Meer. Wenn es nicht nur 10 Grad wäre und der Wind heftig blasen würde, wäre es der perfekte Platz, um länger zu bleiben.

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Die Wettervorhersage für die nächsten Tage ist gut. Lewis lässt sich schon mal gut an.

Bridge to Nowhere

Am nächsten Morgen noch kurz zur Bridge to Nowhere – gut sichtbar vom Parkplatz, ein Betonbogen dreißig Meter hoch über dem Moor.

Lord Leverhulme kaufte Lewis 1918 und träumte von Industrialisierung. Eine neue Straße sollte Stornoway mit Port of Ness verbinden. Die Brücke wurde gebaut – solide, von Hand gemischt. Hinter der Brücke: Moor. Denn nach dem Ersten Weltkrieg verlangten die Männer, die für Großbritannien gekämpft hatten, ihr versprochenes Land – keine Fabrikarbeit. Der Konflikt eskalierte. Die Pläne wurden aufgegeben, die Straße nie weitergebaut. Die Brücke steht noch – ein Monument des Scheiterns, mitten im Moor. Irgendwie schön.

Im nächsten Teil: Callanish – Steinkreise, die älter sind als Stonehenge.

Alle Angaben basieren auf unseren Erfahrungen im Frühjahr/Frühsommer 2026.

Inhaltsverzeichnis:

2026-05-26_14-31-52_Schottland - Lewis Callanisch Stones__T5A3654-Bearbeitet-3840

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Titel

Themen

1

Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle

Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle

2

Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr

CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco

3

Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland

DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies

4

Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth

Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty

5

Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt

Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats

6

Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm

Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay

7

Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen

Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby

8

Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot

Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay

9

Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky

Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie

10

Panik am Old Man of Hoy

Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane

11

Kühlschrank kaputt – und nun?

Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber

12

NC500 – Traumstraße hoch im Norden

Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie

13

Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften

Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh

14

Demnächst: Ullapool und die Fähre nach Lewis

 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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