Hirsche im Nebel, Kylesku und Millionen Jahre alte Urlandschaften – Orkney/Hebrides Teil 13

Wir sind auf der NC500 unterwegs, der bekanntesten Küstenstraße im Norden Schottlands. Von den Orkney-Inseln kommend fahren wir in Richtung Ullapool, von wo aus wir mit der Fähre zu den Äußeren Hebriden übersetzen wollen – nach Lewis und Harris.

Diese Bücher begleiten uns:
Schottland
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Das Wetter ist für einen Frühsommer kalt und nass. Und das sagen nicht wir, das sagen die Einheimischen
12 Grad maximal am Tag, windig, regnerisch, und die Berge hängen oft im dicken Nebel. Das klingt jetzt vielleicht abschreckend – aber es ist genau die Stimmung, auf die wir gehofft haben. Die Landschaft wirkt mystisch, der Blick ist oft endlos, das Licht macht aus jeder Szene etwas Besonderes. Schottland in Grau und Grün ist manchmal schöner als Schottland in der Sonne.

Kylesku Bridge – was alle übersehen

Kylesku Bridge – 1984 gebaut, elegant geschwungen über den schmalen Loch a‘ Chàirn Bhàin. Ein schönes Bauwerk. Aber nicht das Schönste hier.

Zwei Robben schwimmen direkt unter der Brücke. Die meisten Besucher schauen zur Brücke – keine Ahnung davon.

Kylesku Bridge

Ein Adler sitzt auf einem Felsen direkt neben dem Parkplatz – vermutlich ein Steinadler. Nur ein einziges unscharfes Bild, dann ist er weg.

Und direkt unterhalb, auf einem Felsabsatz keine hundert Meter vom Parkplatz entfernt, nur drei Meter oberhalb der Straße: drei Hirsche.

Alle Touristen schauen zur Brücke. Ich nähere mich langsam, mache in Ruhe Fotos. Erst als ich fotografiere, merken die anderen etwas und kommen dazu. Bis dahin hatte ich die Hirsche für mich.

Schöne Tiere sind es. Stolz und kraftvoll. Keine gezähmten Tiere – frei lebend und ohne natürliche Feinde.

Nicht weit entfernt, das nächste Highlight an der NC500.
Tief im Loch Glencoul liegt Eas a‘ Chual Aluinn – der höchste Wasserfall Großbritanniens, 200 Meter hoch, viermal so hoch wie die Niagara Falls. Heute: vollständig im Nebel. So kann das in den Highlands passieren – da sind schon ganze Armeen aneinander vorbeigezogen, ohne sich zu bemerken.

ℹ️ Infobox: Rotwild in Schottland

Schottland hat eine der dichtesten Rotwildpopulationen Europas – rund 300.000 Rothirsche leben hier, die große Mehrheit in den Highlands. Der Rothirsch ist das größte Landsäugetier Großbritanniens: Hirsche erreichen bis zu 200 kg, Hirschkühe etwa 120 kg.

Natürliche Feinde gibt es keine mehr – Wolf und Luchs sind seit Jahrhunderten ausgerottet. Die Bestände werden durch Abschuss reguliert. Das Deer Stalking – die traditionelle schottische Hirschjagd – ist ein fester Bestandteil des Highland-Lebens. Jagdsaison für Hirsche: ab Juli.

Bestes Beobachtungsgebiet: Kylesku, Assynt, das gesamte Northwest Highlands Geopark-Gebiet. Bei Nachtfahrten: Deer Crossing-Schilder unbedingt ernst nehmen.

Hirsche im Nebel – und ein Umweg über die Hügel

Auf einer Hochebene: Nebelfelder, so tief, dass wir mit dem Wohnmobil buchstäblich darin fahren – oben weiß, unten klare Sicht. Zwei Hirsche am Straßenrand, mitten im Nebel, vollkommen entspannt. Wir halten an. Mit dem Teleobjektiv kann man ihnen tief in die Augen schauen.

so eine Gelegenheit bekommt man nicht oft, also den Wagen an der nächsten Möglichkeit abgestellt und hinter her.
Sie lassen mich näher kommen – aber jedes Mal, wenn ich fotografiere, wandern sie ein Stück weiter.

Wieder hinterher. Das Spiel beginnt von vorne. Irgendwann haben sie genug und ziehen über den nächsten Hügel davon. Schottland eben.

Die Northwest Highlands – ältestes Gestein Europas

Diese ganze Landschaft ist Teil des North West Highlands Geopark – über 2.000 Quadratkilometer, UNESCO-zertifiziert. Was ihn so besonders macht: Hier liegen die ältesten Gesteine Europas.

ℹ️ Infobox: Northwest Highlands Geopark – drei Milliarden Jahre auf einen Blick

Lewisian Gneiss – die grauen, verschlungenen Felsen, die man überall sieht – sind über 3 Milliarden Jahre alt. Fast so alt wie die Erde selbst. Entstanden in der Tiefe der Erdkruste, durch Hitze und Druck metamorphosiert, dann an die Oberfläche gehoben.

Torridonian Sandstein – der rotbraune Sandstein, der die markanten isolierten Berge formt: Suilven, Quinag, Stac Pollaidh, Cul Mor. Rund 1 Milliarde Jahre alt, abgelagert in einem flachen Flussdelta. Die Berge sind Überreste eines uralten Plateaus – die Erosion hat alles rundherum abgetragen, was übrig blieb, sind diese schroffen Türme.

Die Moine-Überschiebung – eine geologische Verwerfung, die einst die Caledonian Mountains formte. Geologiestudenten aus aller Welt kommen hierher.

Was man beim Fahren sieht: Eine Landschaft, die 3 Milliarden Jahre erzählt. Kaum zu fassen.

Lochinver – Regen, Nebel und eine geschlossene Bäckerei

Nach Lochinver wollte ich wegen eines Fotos. Und wegen der Bäckerei – angeblich die beste Pie-Bäckerei Schottlands. Leider hat mir die KI, die mir bei der Planung geholfen hat, vergessen zu erwähnen, dass die Bäckerei sonntags geschlossen hat. Das wäre ein hilfreicher Hinweis gewesen.

ℹ️ Infobox: Sonntags geschlossen

An der Nordwestküste Schottlands – besonders auf den Äußeren Hebriden, aber auch auf dem Festland – ist der Sonntag vielerorts noch heilig. Läden, Bäckereien, Fähren, Freizeiteinrichtungen: Vieles hat sonntags geschlossen oder fährt deutlich reduziert. Das gilt auch für die Pie-Bäckerei in Lochinver und die Fähre nach Handa Island. Wer sonntags unterwegs ist: vorher prüfen, nicht davon ausgehen, dass offen ist.

Es regnete ohne Ende. Ich suchte den Standpunkt, von dem man die Kirche und den mächtigen Suilven dahinter auf einem Bild zusammenbekommt. Die Kirche ist auf dem Foto. Der Suilven liegt im Nebel. So sieht es aus, wenn Schottland keine Fotos will.

Im Hintergrund seht ihr den Berg Sulivan - Sofern kein Nebel herrscht

Natürlich darf ich hier kein Bild aus dem Internet einfügen, aber ihr findet ein Bild, so wie ich es mir wünschte hier: 

Das Ardvreck Castle – eine Ruine auf einer Halbinsel im Loch Assynt, bei strömendem Regen kaum zu fotografieren. Die Geschichte: 1650 bat der Royalist James Graham, Marquess of Montrose, hier nach einer verlorenen Schlacht um Zuflucht. Statt Schutz bekam er Verrat – ausgeliefert, nach Edinburgh gebracht, hingerichtet. 

Die MacLeods bekamen ihren Lohn: 25.000 Pfund und 400 Fässer ranziges Hafermehl. Zwanzig Jahre später verloren sie das Castle. Was blieb: die Ruine – und der Geist eines grauen Mannes, der angeblich noch heute im Turm steht.

Stac Pollaidh – hier waren wir schon einmal

Irgendwann haben wir gesagt, für heute ist Schluss. Wir sind seit dem frühen Morgen unterwegs, das Wetter wurde immer schlechter – man denkt, da kann man ruhig weiterfahren. Aber irgendwann ist dann auch mal gut und man sollte die Füße hochlegen.

Wir halten kurz vor Ullapool, auf einem Wanderer-Parkplatz am Inverpolly National Nature Reserve – 10 Pfund für die Nacht. Hinter uns ragt ein Berg in die Wolken.

Stac Pollaidh – auf Gälisch „steiler Fels des Tümpels“ – ist 613 Meter hoch und einer der markantesten Berge Schottlands. Nicht wegen seiner Höhe, sondern wegen seiner Form: eine zerklüftete Kammfirst aus Torridonischem Sandstein, eine Milliarde Jahre alt, mit wild gezackten Türmen und Nadeln. Kinder sagen immer: der sieht aus wie ein Vulkan. Stimmt. Jährlich besteigen ihn rund 55.000 Menschen. Den Westgipfel erreicht man nur durch anspruchsvolles Klettern, den Ostgipfel kann jeder halbwegs fitte Wanderer schaffen – die Aussicht über Loch Lurgainn und die Summer Isles ist spektakulär.

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Mehr Informationen

Leider sehen wir von dem Berg heute fast nichts. Im Nebel. Aber wir stehen hier. Ruhig und still liegt das Tal vor uns. Das zählt.

Morgen geht es endlich zu den Äußeren Hebriden. Lewis und Harris. Und wir werden erst dort lernen, warum eine Insel zwei Namen hat.

Alle Angaben basieren auf unseren Erfahrungen im Frühjahr/Frühsommer 2026. Öffnungszeiten und Preise können sich ändern.

Inhaltsverzeichnis:

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Titel

Themen

1

Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle

Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle

2

Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr

CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco

3

Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland

DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies

4

Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth

Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty

5

Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt

Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats

6

Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm

Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay

7

Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen

Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby

8

Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot

Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay

9

Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky

Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie

10

Panik am Old Man of Hoy

Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane

11

Kühlschrank kaputt – und nun?

Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber

12

NC500 – Traumstraße hoch im Norden

Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie

13

Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften

Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh

14

Demnächst: Ullapool und die Fähre nach Lewis

 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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