NC 500 – Traumstraße hoch im Norden – Orkney/Hebrides Teil 12

Der letzte Morgen auf Orkney

Noch einmal quer über die Insel. Ein letzter Blick, ein letztes Ankommen.

 

Wir fahren zur Deerness-Halbinsel im Osten Orkneys. Zuerst The Gloup – vom Altnordischen glúpr, ein schmaler Spalt. Die Decke einer Meereshöhle hat irgendwann nachgegeben und einen tiefen, von Felsen umrahmten Schlund hinterlassen. Zwischen dem offenen Meer und dem Gloup liegt noch ein schmales Stück festes Land – aber das Wasser hat sich längst seinen Weg darunter gefressen. 

The Gloup

Unten donnert das Meer. Ringsum kreisen Eissturmvögel. Und man fragt sich unwillkürlich, wenn man über diese Wiesen läuft, ob unter einem nicht auch so eine Höhle wartet – und wie lange die Decke wohl noch hält.

Dann der Brough of Deerness – ein mächtiges, abgetrenntes Felsmassiv an der Ostspitze Orkneys, durch eine 25 Meter tiefe Schlucht vom Festland getrennt. Wer hier siedelte, war auf drei Seiten von 30 Meter hohen Klippen und Meer umgeben, auf der vierten durch die Schlucht geschützt. Kein Angreifer kam einfach ran. Oben auf dem Plateau stehen die Ruinen einer Kapelle aus dem 10. bis 12. Jahrhundert, umgeben von den Erdwällen einer Wikingersiedlung mit etwa 30 Gebäuden.

Brough of Deerness

Darunter ältere piktische Strukturen aus dem 6. bis 9. Jahrhundert. Unter der späteren Steinkapelle fanden Archäologen eine noch ältere Holzkapelle – möglicherweise eines der frühesten Zeugnisse des Christentums im wikingischen Nordatlantik, noch vor der offiziellen Christianisierung Orkneys um 995 n. Chr.

Brough of Deerness

So langsam müssen wir uns sputen, denn die Fähre wartet nicht auf uns. Ein letztes Mal über die halbe Insel. Tschüß, Orkney. Die Inseln werden wir immer im Herzen tragen.

Ein letzter Blick auf die Orkney’s – wir hatten eine schöne Zeit und wären gerne länger geblieben.

Dunnet Head – Pfennigfuchser und der Old Man am Horizont

Wir kommen spät auf dem Festland an und fahren direkt zum Dunnet Head – dem nördlichsten Punkt des britischen Festlandes, nicht zu verwechseln mit John o’Groats, der diesen Titel zu Unrecht beansprucht.

Direkt vor der Einfahrt zum Parkplatz und auf der Strecke davor: Kastenwagen, eng an eng, die sich um Ecken balgen, die man als Übernachtungsplatz nutzen kann. Nicht weil der Parkplatz am Leuchtturm voll wäre. Diese Pfennigfuchser wollen die 10 Pfund sparen, die für den offiziellen Platz aufgerufen werden. Mich ärgert so etwas mittlerweile.

Auf dem Leuchtturmparkplatz selbst stehen etwa 15 Wohnmobile – ein Unterschied zu den Orkneys, wo wir manchmal zu zweit, manchmal zu dritt standen, aber nie mehr. Das wird uns die nächsten Wochen begleiten – Plätze zu finden wird schwieriger werden.

An den Klippen: Eissturmvögel, in den Felshöhlen Papageientaucher. Zu weit für gute Bilder, aber schön. Und dann: Von hier aus sehen wir den Old Man of Hoy – die Felsnadel, zu der ich neulich nicht gekommen bin. Er steht klar am Horizont, über dem Wasser. Irgendwie passend. Die Sonne kommt nochmal raus.

Diese Bücher begleiten uns:
Schottland
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Die NC500

Die NC500 ist eine der schönsten Küstenstraßen der Welt, heißt es. Ich kann das nicht beurteilen, ich habe nicht so viele Küstenstraßen gemacht. Aber sie ist wunderschön. Und das Überraschende: Man könnte meinen, man fährt durch ein Hochgebirge – und vergisst dabei fast, dass das Meer immer in der Nähe ist.

Ben Hope – der nördlichste Munro Schottlands, 927 Meter – erhebt sich fast senkrecht aus dem Moor, isoliert, wuchtig. Ben Loyal, die „Königin der schottischen Berge“, mit vier markanten Granitgipfeln auf 764 Metern. Diese Berge stehen nicht in einer Kette – sie stehen allein, herausgehoben aus einer flachen, endlosen Moorlandschaft.

ℹ️ Infobox: Munros und Grahams

Ein Munro ist ein Berg über 3.000 Fuß (914 m), benannt nach Sir Hugh Munro, der sie Ende des 19. Jahrhunderts katalogisierte. Es gibt 282 davon – alle zu besteigen ist für viele Schotten ein Lebensprojekt. Ein Graham liegt zwischen 610 und 762 Metern. Manche Grahams sind eindrucksvoller als mancher Munro.

Die Flow Country – das größte Blanket-Bog-Moor Europas, UNESCO-Weltnaturerbe – erstreckt sich über weite Teile von Sutherland und Caithness. Braun, golden, grün je nach Licht, durchzogen von unzähligen Lochs. Dieser Torf ist Jahrtausende alt, bis zu zehn Meter tief, ein gewaltiger Kohlenstoffspeicher – und wird hier noch immer von Hand gestochen. Was man am Straßenrand sieht: die langen, schlanken Torfsoden, aufgestapelt zum Trocknen. Gelebte Tradition.

Das Moine House – eine Ruine mitten im Moor, direkt an der A838 – ist schon sehr viel länger als nur dreißig Jahre verlassen. Das Haus wurde 1830 erbaut, als die erste Straße über das Moor gebaut wurde. Davor war diese Gegend kaum passierbar – die Ortschaften im Osten und Westen weitgehend voneinander abgeschnitten.

Moine House

Die Straße selbst wurde auf Rollen gepacktem Heidekraut gebaut, damit sie nicht ins Moor versank. Im Moine House wohnte über Generationen eine Familie, die Reisende aufnahm und die Post durchreichte – in einer Einsamkeit, die für uns heute kaum vorstellbar ist.

Die letzte Volkszählung 1881 verzeichnete noch acht Menschen in diesem Haus, darunter einen 80-jährigen Förster mit seinem Sohn, dessen Frau und fünf Enkeln – neun Menschen inmitten des Nichts. Solche Häuser hielten Gemeinschaften zusammen, die ohne sie vollständig voneinander abgeschnitten gewesen wären.

Weiter durch Tongue, über die Brücke von 1971. Vorher fuhr man 14 Meilen um den Fjord. Am Kyle of Tongue: 1746 wurde hier ein französisches Schiff mit Jacobiten-Gold aufgebracht – eine der Ursachen der späteren Niederlage bei Culloden.

An Loch Eriboll stehen auf einer kleinen Halbinsel die Ard Neakie Lime Kilns – vier große Kalkbrennöfen aus dem Jahr 1870, bestens erhalten, mit dem alten Fährhaus von 1831 daneben.

Kurz vor Durness entdeckt Nadja am Straßenrand eine Cheesecake-Box – selbstgemachter Kuchen, Kühlschrank, Kasse obendrüber. Vertrauenssache, wie die Honesty Box in Birsay. Leider hängt daneben auch eine Kamera – weil offenbar zu viel geklaut wird.

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.Ceannabeinne Beach – der erste T-Shirt-Tag

Geplant war Durness mit Sango Sands. Wir landen beim Ceannabeinne
Beach
– einem stillen Strand östlich von Durness, wo Übernachten auf dem
Parkplatz direkt über dem Strand offiziell erlaubt ist.

19 Grad. Das erste Mal auf dieser Reise im T-Shirt und
kurzer Hose. Kein Wind, das Meer so ruhig wie selten.

Was für ein Strand. Weißer Sand, fast karibisch hell – und dazu dieses Türkisblau. Man vergisst manchmal, dass man im Norden Schottlands steht, weit jenseits des 58. Breitengrades, nur wenige Grad südlich von Südgrönland. Aber der Atlantik färbt das Wasser so, wie er es nur dort tut, wo das Wasser sauber und tief und kalt ist und das Licht flach draufscheint. Die Felsen ringsum – alter, dunkler Sandstein und Gneis, Jahrmillionen alt – stehen in einem Kontrast zu dem hellen Sand, der atemberaubend ist. Roh, klar, weit. Atlantik pur.

Wir haben lange einfach nur dagesessen und aufs Meer geschaut.

Smoo Cave – Meer, Süßwasser und ein Massaker

Die Smoo Cave ist einzigartig in Großbritannien: Ihre äußere Kammer wurde vom Meer geformt, die inneren Kammern vom Süßwasser. Zwei völlig verschiedene geologische Prozesse, zusammengearbeitet über Millionen von Jahren.

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Mehr Informationen

Der Eingang ist gewaltig – fast 15 Meter hoch, 60 Meter breit. In der zweiten Kammer stürzt der Fluss Allt Smoo durch ein Loch in der Decke als Wasserfall in die Tiefe. Die dritte Kammer mit dem Wasserfall ist per Führung und Boot erreichbar – heute wegen starken Winds gesperrt. Wir haben die Höhle fast für uns allein.

Was sie noch interessanter macht: Eine Geschichte aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die Einwohner von Durness lockten einen Trupp Räuber in die Höhle – und massakrierten sie dort bis auf den letzten Mann. Anschließend ein Spazierweg entlang der Klippen, von oben sieht man den Wasserfall direkt in die Höhle stürzen.

Noch ein Tipp!
Nicht einfach weiterfahren, sondern sich die Zeit nehmen, um zum Meer zu laufen und die Landschaft genießen. Es lohnt sich!

Gar nicht weit weg und ebenfalls einen Besuch wert:

Balnakeil Beach
– eine kleine Straße, eine verfallene Kirche, dahinter ein langer, weißer Sandstrand. Wir laufen ihn komplett ab, eineinhalb bis zwei Kilometer. Am Anfang noch ruhig, am Ende bläst es richtig.

Ein mystischer Friedhof, eine verfallene Kapelle und ein gigantischer Sandstrand, der sich rechts und links sogar noch erweitert. Hier kann man weit und völlig einsam an der Küste entlang wandern.

Handa Island – Sonntag und Windstärke 8

Handa Island war geplanter Höhepunkt. Die Straße nach Tarbet war eine Herausforderung – schmaler als alles bisher, 15 Prozent Steigung, direkt am Wasser.

Hier heisst es langsam fahren und genau die Spur halten, denn zum See hin, gibt es keine Leitplanken.

Wir tasten uns um manche Kurve und die Kuppen sind auch nicht ohne, sieht man den entgegenkommenden Verkehr doch erst spät.
Unten am Fährhäuschen steht ein Schild: Wegen starken Winds fährt heute keine Fähre nach Handa. 

Und morgen, Sonntag? Ebenfalls keine – aus religiösen Gründen, die hier an der Nordwestküste seit 45 Jahren gelebt werden. Sehr schade. Aber es hat wohl nicht sein sollen.
Ursprünglich wollte ich hier Kajak fahren, doch bei dem Seegang lasse ich es besser.

Handa Island

ℹ️ Infobox: Handa Island

Fähre ab Tarbet, nur bei gutem Wetter. Sonntags keine Fähre – seit 45 Jahren, religiöse Tradition. Nur Bargeld. Die Straße nach Tarbet ist extrem eng.

Von April bis Juli/August bringt Sie ein lokales Motorboot vom Festlandhafen Tarbet (nahe Scourie) in etwa 10 Minuten auf die heute unbewohnte Insel. Tickets müssen vorab gebucht oder am Fähranleger gekauft werden.

Die Insel ist ein wichtiges Naturschutzgebiet und ein Paradies für Seevögel, wie zum Beispiel Papageientaucher


Ein wenig frustriert fahren wir weiter, unterwegs merke ich, dass der Tank ziemlich leer ist und tanke an der wohl teuersten Tankstelle in Schottland.
2,80 Pfund verlangt der Tankwart. Also besser in den großen Städten tanken.

Nadja ruft einige Campingplätze an, mehrere sind ausgebucht, der Campingplatz in Scourie – familiär geführt, spektakulärer Blick, 24 Pfund –  hat Platz für uns. Da wir nicht nach Handa können, haben wir einen Tag hinzugewonnen. Mal sehen wie wir den nutzen.

Der schöne Campingplatz hat eine Besonderheit: Ein Supermarkt und der EIngangsbereich wurde kurzerhand zum Pub gemacht. Ich liebe die Schotten!

Erst mal ein Bier und eine Runde Darts und dann noch ein wenig einkaufen. Tolle Idee, sollten wir in Deutschland auch einführen.

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Mehr Informationen

Morgen geht es weiter auf der NC 500 – vielleicht wird das Wetter ja mal wieder ein wenig sommerlicher.
Momentan ist es uns zu schottisch. Wobei das gut für unseren „Kühlschrank“ ist.

Inhaltsverzeichnis:

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Titel

Themen

1

Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle

Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle

2

Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr

CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco

3

Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland

DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies

4

Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth

Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty

5

Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt

Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats

6

Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm

Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay

7

Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen

Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby

8

Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot

Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay

9

Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky

Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie

10

Panik am Old Man of Hoy

Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane

11

Kühlschrank kaputt – und nun?

Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber

12

NC500 – Traumstraße hoch im Norden

Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie

13

Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften

Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh

14

Demnächst: Ullapool und die Fähre nach Lewis

 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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2 Kommentare

  1. …und beim nächsten Mal vielleicht Cape Wrath, der nördlichste Punkt des schottischen „Festlands“. Ist allerdings nicht mit dem eigenen Fahrzeug zu erreichen, aber lohnenswert. Und nicht nur für Vogelkundler: die Shetland-Islands? Wie wär‘s?
    Habe den Eindruck, dass auch Euch das Schottlandvirus gepackt hat. Kein Wunder!
    A bharrachd air an sin (by the way), super Bericht 👍 …und die Bilder u.a. vom Stechginster…!

    1. Die Shetlands waren uns tatsächlich zu weit, genau wie St. Kilian. Wir hätten noch mal 6 Wochen Aachen können und hätten immer noch nicht alles gesehen.
      2x Schottland ist schon ziemlich viel. Auch Wales, England, Irland, Spanien, Portugal, Marokko, Griechenland die Balkan Länder wollen noch entdeckt werden.
      Und natürlich noch mal Rumänien, ganz sicher Baltikum, wieder mal Schweden.
      Wir haben einfach zu wenig Lebenszeit 🙈

      Vielen Dank auch für das Lob!

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