Der letzte Morgen auf Orkney
Noch einmal quer über die Insel. Ein letzter Blick, ein letztes Ankommen.
Wir fahren zur Deerness-Halbinsel im Osten Orkneys. Zuerst The Gloup – vom Altnordischen glúpr, ein schmaler Spalt. Die Decke einer Meereshöhle hat irgendwann nachgegeben und einen tiefen, von Felsen umrahmten Schlund hinterlassen. Zwischen dem offenen Meer und dem Gloup liegt noch ein schmales Stück festes Land – aber das Wasser hat sich längst seinen Weg darunter gefressen.
Dann der Brough of Deerness – ein mächtiges, abgetrenntes Felsmassiv an der Ostspitze Orkneys, durch eine 25 Meter tiefe Schlucht vom Festland getrennt. Wer hier siedelte, war auf drei Seiten von 30 Meter hohen Klippen und Meer umgeben, auf der vierten durch die Schlucht geschützt. Kein Angreifer kam einfach ran. Oben auf dem Plateau stehen die Ruinen einer Kapelle aus dem 10. bis 12. Jahrhundert, umgeben von den Erdwällen einer Wikingersiedlung mit etwa 30 Gebäuden.
Darunter ältere piktische Strukturen aus dem 6. bis 9. Jahrhundert. Unter der späteren Steinkapelle fanden Archäologen eine noch ältere Holzkapelle – möglicherweise eines der frühesten Zeugnisse des Christentums im wikingischen Nordatlantik, noch vor der offiziellen Christianisierung Orkneys um 995 n. Chr.
So langsam müssen wir uns sputen, denn die Fähre wartet nicht auf uns. Ein letztes Mal über die halbe Insel. Tschüß, Orkney. Die Inseln werden wir immer im Herzen tragen.
Direkt vor der Einfahrt zum Parkplatz und auf der Strecke davor: Kastenwagen, eng an eng, die sich um Ecken balgen, die man als Übernachtungsplatz nutzen kann. Nicht weil der Parkplatz am Leuchtturm voll wäre. Diese Pfennigfuchser wollen die 10 Pfund sparen, die für den offiziellen Platz aufgerufen werden. Mich ärgert so etwas mittlerweile.
An den Klippen: Eissturmvögel, in den Felshöhlen Papageientaucher. Zu weit für gute Bilder, aber schön. Und dann: Von hier aus sehen wir den Old Man of Hoy – die Felsnadel, zu der ich neulich nicht gekommen bin. Er steht klar am Horizont, über dem Wasser. Irgendwie passend. Die Sonne kommt nochmal raus.
Diese Bücher begleiten uns:
Reiseführer
Schottland
Reise Know-How Reiseführer Schottland
24,90 EUR
Die NC500
Die NC500 ist eine der schönsten Küstenstraßen der Welt, heißt es. Ich kann das nicht beurteilen, ich habe nicht so viele Küstenstraßen gemacht. Aber sie ist wunderschön. Und das Überraschende: Man könnte meinen, man fährt durch ein Hochgebirge – und vergisst dabei fast, dass das Meer immer in der Nähe ist.
Ben Hope – der nördlichste Munro Schottlands, 927 Meter – erhebt sich fast senkrecht aus dem Moor, isoliert, wuchtig. Ben Loyal, die „Königin der schottischen Berge“, mit vier markanten Granitgipfeln auf 764 Metern. Diese Berge stehen nicht in einer Kette – sie stehen allein, herausgehoben aus einer flachen, endlosen Moorlandschaft.
ℹ️ Infobox: Munros und Grahams
Ein Munro ist ein Berg über 3.000 Fuß (914 m), benannt nach Sir Hugh Munro, der sie Ende des 19. Jahrhunderts katalogisierte. Es gibt 282 davon – alle zu besteigen ist für viele Schotten ein Lebensprojekt. Ein Graham liegt zwischen 610 und 762 Metern. Manche Grahams sind eindrucksvoller als mancher Munro.
Die Flow Country – das größte Blanket-Bog-Moor Europas, UNESCO-Weltnaturerbe – erstreckt sich über weite Teile von Sutherland und Caithness. Braun, golden, grün je nach Licht, durchzogen von unzähligen Lochs. Dieser Torf ist Jahrtausende alt, bis zu zehn Meter tief, ein gewaltiger Kohlenstoffspeicher – und wird hier noch immer von Hand gestochen. Was man am Straßenrand sieht: die langen, schlanken Torfsoden, aufgestapelt zum Trocknen. Gelebte Tradition.
Das Moine House – eine Ruine mitten im Moor, direkt an der A838 – ist schon sehr viel länger als nur dreißig Jahre verlassen. Das Haus wurde 1830 erbaut, als die erste Straße über das Moor gebaut wurde. Davor war diese Gegend kaum passierbar – die Ortschaften im Osten und Westen weitgehend voneinander abgeschnitten.
Die letzte Volkszählung 1881 verzeichnete noch acht Menschen in diesem Haus, darunter einen 80-jährigen Förster mit seinem Sohn, dessen Frau und fünf Enkeln – neun Menschen inmitten des Nichts. Solche Häuser hielten Gemeinschaften zusammen, die ohne sie vollständig voneinander abgeschnitten gewesen wären.
Kurz vor Durness entdeckt Nadja am Straßenrand eine Cheesecake-Box – selbstgemachter Kuchen, Kühlschrank, Kasse obendrüber. Vertrauenssache, wie die Honesty Box in Birsay. Leider hängt daneben auch eine Kamera – weil offenbar zu viel geklaut wird.
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Geplant war Durness mit Sango Sands. Wir landen beim Ceannabeinne
Beach – einem stillen Strand östlich von Durness, wo Übernachten auf dem
Parkplatz direkt über dem Strand offiziell erlaubt ist.
19 Grad. Das erste Mal auf dieser Reise im T-Shirt und
kurzer Hose. Kein Wind, das Meer so ruhig wie selten.
Was für ein Strand. Weißer Sand, fast karibisch hell – und dazu dieses Türkisblau. Man vergisst manchmal, dass man im Norden Schottlands steht, weit jenseits des 58. Breitengrades, nur wenige Grad südlich von Südgrönland. Aber der Atlantik färbt das Wasser so, wie er es nur dort tut, wo das Wasser sauber und tief und kalt ist und das Licht flach draufscheint. Die Felsen ringsum – alter, dunkler Sandstein und Gneis, Jahrmillionen alt – stehen in einem Kontrast zu dem hellen Sand, der atemberaubend ist. Roh, klar, weit. Atlantik pur.
Wir haben lange einfach nur dagesessen und aufs Meer geschaut.
Smoo Cave – Meer, Süßwasser und ein Massaker
Die Smoo Cave ist einzigartig in Großbritannien: Ihre äußere Kammer wurde vom Meer geformt, die inneren Kammern vom Süßwasser. Zwei völlig verschiedene geologische Prozesse, zusammengearbeitet über Millionen von Jahren.
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Mehr Informationen
Der Eingang ist gewaltig – fast 15 Meter hoch, 60 Meter breit. In der zweiten Kammer stürzt der Fluss Allt Smoo durch ein Loch in der Decke als Wasserfall in die Tiefe. Die dritte Kammer mit dem Wasserfall ist per Führung und Boot erreichbar – heute wegen starken Winds gesperrt. Wir haben die Höhle fast für uns allein.
Was sie noch interessanter macht: Eine Geschichte aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die Einwohner von Durness lockten einen Trupp Räuber in die Höhle – und massakrierten sie dort bis auf den letzten Mann. Anschließend ein Spazierweg entlang der Klippen, von oben sieht man den Wasserfall direkt in die Höhle stürzen.
Noch ein Tipp!
Nicht einfach weiterfahren, sondern sich die Zeit nehmen, um zum Meer zu laufen und die Landschaft genießen. Es lohnt sich!
Und morgen, Sonntag? Ebenfalls keine – aus religiösen Gründen, die hier an der Nordwestküste seit 45 Jahren gelebt werden. Sehr schade. Aber es hat wohl nicht sein sollen.
Ursprünglich wollte ich hier Kajak fahren, doch bei dem Seegang lasse ich es besser.
ℹ️ Infobox: Handa Island
Fähre ab Tarbet, nur bei gutem Wetter. Sonntags keine Fähre – seit 45 Jahren, religiöse Tradition. Nur Bargeld. Die Straße nach Tarbet ist extrem eng.







Ein wenig frustriert fahren wir weiter, unterwegs merke ich, dass der Tank ziemlich leer ist und tanke an der wohl teuersten Tankstelle in Schottland.
2,80 Pfund verlangt der Tankwart. Also besser in den großen Städten tanken.
Nadja ruft einige Campingplätze an, mehrere sind ausgebucht, der Campingplatz in Scourie – familiär geführt, spektakulärer Blick, 24 Pfund – hat Platz für uns. Da wir nicht nach Handa können, haben wir einen Tag hinzugewonnen. Mal sehen wie wir den nutzen.
Der schöne Campingplatz hat eine Besonderheit: Ein Supermarkt und der EIngangsbereich wurde kurzerhand zum Pub gemacht. Ich liebe die Schotten!
Erst mal ein Bier und eine Runde Darts und dann noch ein wenig einkaufen. Tolle Idee, sollten wir in Deutschland auch einführen.
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Mehr InformationenMorgen geht es weiter auf der NC 500 – vielleicht wird das Wetter ja mal wieder ein wenig sommerlicher.
Momentan ist es uns zu schottisch. Wobei das gut für unseren „Kühlschrank“ ist.
Inhaltsverzeichnis:
# | Titel | Themen |
1 | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle | |
2 | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco | |
3 | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies | |
4 | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty | |
5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
8 | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay | |
9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky | Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie |
10 | Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane | |
11 | Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber | |
12 | Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie | |
13 | Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften | Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh |
14 | Demnächst: Ullapool und die Fähre nach Lewis |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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2 Kommentare
…und beim nächsten Mal vielleicht Cape Wrath, der nördlichste Punkt des schottischen „Festlands“. Ist allerdings nicht mit dem eigenen Fahrzeug zu erreichen, aber lohnenswert. Und nicht nur für Vogelkundler: die Shetland-Islands? Wie wär‘s?
Habe den Eindruck, dass auch Euch das Schottlandvirus gepackt hat. Kein Wunder!
A bharrachd air an sin (by the way), super Bericht 👍 …und die Bilder u.a. vom Stechginster…!
Die Shetlands waren uns tatsächlich zu weit, genau wie St. Kilian. Wir hätten noch mal 6 Wochen Aachen können und hätten immer noch nicht alles gesehen.
2x Schottland ist schon ziemlich viel. Auch Wales, England, Irland, Spanien, Portugal, Marokko, Griechenland die Balkan Länder wollen noch entdeckt werden.
Und natürlich noch mal Rumänien, ganz sicher Baltikum, wieder mal Schweden.
Wir haben einfach zu wenig Lebenszeit 🙈
Vielen Dank auch für das Lob!