Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für uns – Orkney/Hebrides Teil 21

Ein Stellplatz mit Glück

Heute Morgen haben wir an der Luskentyre Beach einen Stellplatz ergattert. Nadja hat ganz unverfroren einen der jungen Männer gefragt, ob wir uns zwischen die Fahrzeuge stellen können. Es gibt hier mehrere kleine Stellplätze direkt am Weg – 10 Pfund, drei bis fünf Stellplätze nebeneinander.

Mit etwas Enger-Rücken war heute Morgen noch Platz. Die jungen Männer sind kurz darauf weggefahren – sie hatten offenbar gestern Abend ordentlich gefeiert und waren sehr spät dran. Insofern haben wir doppelt Glück gehabt.

Der Tipp dazu: Einfach mal fragen. Vielleicht fährt gerade jemand weg, und man bekommt einen der begehrten Plätze.

Dösen über der Bucht

Von dort eine Radtour rund um die Bucht. Auf der anderen Seite liegt eine kleine Halbinsel, mit einem eigenen kleinen Campingplatz – von dort kann man mit dem Rad bis zum ewig weiten Strand fahren, oder wie wir: stundenlang auf den Dünen sitzen und dem Wolkenspiel, den Wellen und den Vögeln zuschauen.

Picknickdecke mitbringen und genießen. Ein Stück weiter, direkt an der Straße, gibt es eine große Parkbucht – von genau dort entsteht übrigens DAS Bild der Bucht, mit dem Instagram und Facebook voll sind. Jeder, der Luskentyre kennt, kennt auch diesen Blick.

Instagramm Blick von der Straße

Aber es geht natürlich noch viel besser und aus jedem Blickwinkel sieht diese Bucht und der gigantische Strand schöner aus. Hier lässt sich ein ganzer Urlaub verbringen, ohne alles gesehen zu haben. Wir bleiben zumindest zwei Nächte.

LuskentyreFaodhail Losgaintir auf Gälisch – ist bei Ebbe kaum zu fassen. Die gesamte Bucht läuft fast vollständig leer, was bleibt sind ein paar Wasserpfützen und feinster, weißer Sand so weit das Auge reicht. Einer der größten Sandstrände Schottlands, und bei Sonnenschein einer der schönsten Europas.

ℹ️ Infobox: Ein Strand, der zweimal am Tag verschwindet

Luskentyre wurde in einer aktuellen, auf Tripadvisor-Bewertungen basierenden Auswertung zum besten Strand ganz Großbritanniens gekürt – noch vor bekannten Stränden in Cornwall oder Wales, mit einer Quote von rund 94 Prozent exzellenten Bewertungen bei über 1.100 Rezensionen. Der Tidenhub hier liegt bei rund 4 bis 5 Metern – bei Ebbe zieht sich das Meer über einen Kilometer weit zurück und legt die gesamte Sandfläche der Bucht frei, bei Flut kommt es ebenso weit wieder zurück. Wie schnell das geht, hängt von Mondphase und Wetter ab, aber innerhalb weniger Stunden verwandelt sich die Bucht komplett. Bei Sturm verschiebt der Atlantik zusätzlich große Mengen Sand – die Dünenlandschaft hier ist deshalb keine statische Kulisse, sondern verändert sich von Saison zu Saison sichtbar.

Die Flut kommt schnell und massiv!

Auf einmal ein blauer Streifen am Himmel. Dann noch einer. Irgendwann war der gesamte Himmel blau. Den restlichen Tag haben wir in der Sonne verbracht. Traumhaft schön.

ℹ️ Infobox: Machair – die Blumenwiesen hinter dem Strand

Hinter den Dünen beginnt der Machair, eine Grünlandschaft, die es fast nur hier gibt: Der alkalische Muschelsand vom Strand weht in die küstennahen Wiesen und schafft einen nährstoffreichen, fruchtbaren Boden. Im Frühsommer und Hochsommer explodiert die Wiese in Farben – Wildorchideen wie die Hebriden-Fleckorchidee oder die Sumpf-Stendelwurz, dazu klassische Wiesenblumen wie Gänseblümchen, Rotklee, Hornklee, Schafgarbe und Gelber Klappertopf, dazwischen Dünengräser, Strand-Grasnelken und Augentrost. Eine der artenreichsten Wildblumenlandschaften Europas – und man läuft mittendurch, ohne es zunächst zu merken.

Das Pferd, das es angeblich nicht mehr gibt

Auf dem Rückweg zum Wohnmobil ein Umweg – denn vor ein paar Tagen hatte uns eine Frau erzählt, das weiße Pferd, das hier herumlaufen soll, gäbe es nicht mehr, es sei gestorben. Sie lag falsch. Wir haben es gesehen. Ein wunderschönes weißes Pferd mit langen zotteligen Haaren, ganz allein am Strand. Sieht toll aus.

ℹ️ Infobox: Toby und Isla

Die freilaufenden Ponys von Luskentyre haben sogar Namen: Toby, ein Highland Pony, und Isla, ein Eriskay Pony – beide bekannt dafür, dass sie zwischen den Dünen und dem Weg zum Strand grasen. Neben ihnen ist die Bucht auch sonst ziemlich belebt: Seehunde und Kegelrobben sonnen sich auf den Felsen vor der Küste, Otter treiben sich in den Gezeitentümpeln herum, und über den Hügeln kreisen Stein- und Seeadler. In den Sandflächen picken Austernfischer, und im Machair dahinter soll im Sommer sogar der scheue Wachtelkönig rufen.

Dabei haben wir eine Weile an einer kleinen Holzhütte verbracht – eine Art Honesty Box im großen Stil. Eine richtige Hütte, tagsüber geöffnet, mit Kaffeeautomat, Keksen, Kuchen, Eis und vielen netten Mitbringseln. Alles da, niemand anwesend. Per Kamera von zu Hause aus überwacht, bezahlt per PayPal oder Kleingeld, aufgeschrieben in ein Heft, was man mitgenommen hat. Funktioniert anscheinend.

Wir haben davor gesessen, Kaffee getrunken, mit Leuten geredet. Man kommt hier unglaublich schnell ins Gespräch – und es ist schön, dass wir leidlich genug Englisch sprechen, um das auch wirklich zu genießen.

Mit dem Kajak zur Insel von „Castaway“

Als die Flut weit genug eingesetzt hatte – man muss warten, bis die Bucht sich genug gefüllt hat – habe ich das Kajak gepackt und bin raus. Etwa 10 Kilometer. Zuerst aus der Bucht heraus, dann eine kurze Stelle, wo das Wasser etwas unruhiger wurde – der Übergang zwischen Bucht und offenem Meer.

Danach ruhig: Das Meer selbst ist hier tief, aber an diesem Tag kaum Wellen, nur eine seichte Dünung – und ein Blick auf weit entfernte hohe Berge, deren Spitzen in den Wolken hingen. 

Traumhaft, dazu eine tiefstehende Sonne. Ich bin bis zur vorgelagerten Insel Taransay gepaddelt, ein Stück daran entlanggefahren, und dann auf dem Rückweg zum Fluthöchststand wieder in die Bucht rein.

Gut, dass ich nicht länger draußen war – die Ebbe zieht hier ordentlich, und wenn die Flut neu kommt, drückt sie mit entsprechender Kraft rein. Da möchte ich nicht auf dem Wasser sein.

ℹ️ Infobox: Taransay

Auf Gälisch Tarasaigh – einst bewohnt, die letzten Familien verließen die Insel 1942. Bekannt wurde sie 2000 durch die BBC-Sendung „Castaway“, in der 36 Menschen ein Jahr lang auf der Insel ausharren sollten. Heute ist sie unbewohnt und gehört einem privaten Besitzer.

Als ich zurückkam, stand eine Frau am Ufer und lobte meine Paddelgeschwindigkeit. Wir haben dann gut eine halbe Stunde miteinander geredet.

Ein Gespräch über Grenzen

Sie lebt hier. Und sie war nicht ganz unfrustriert über die Entwicklung, die sie beobachtet. Die Mietcamper, sagte sie, verhalten sich oft katastrophal – auf den Single Track Roads blockieren sie die Einheimischen, die zur Arbeit müssen.

Manchmal braucht sie zwei Stunden für eine Strecke, für die sie sonst 45 Minuten braucht – weil nicht alle zur Seite fahren und die Einheimischen vorbeilassen. Die schweren Fahrzeuge machen die Straßen kaputt, und die Reparaturen im Winter bleiben an den Bewohnern hängen. Dazu kommt, dass viele Besucher wenig Geld auf der Insel lassen – im Supermarkt auf dem Festland eingekauft, hier nur geparkt.

Für uns gilt das nicht, das darf ich wohl sagen. Aber ich kann es gut nachvollziehen. Die Insel lebt vom Tourismus – aber dieser Tourismus hat eine Grenze, die hier langsam erreicht wird. Noch ist es kein Massentourismus wie in Spanien oder Italien. Aber die Single Track Roads sind jetzt schon grenzwertig. Wenn es noch mehr wird, bricht die Infrastruktur zusammen. Hoffentlich kommt es nicht so weit.

Zum Abschluss noch ein traumhaft schöner Sonnenuntergang. Den Whisky heute, habe ich mir verdient.

Inhaltsverzeichnis:

2026-05-26_14-31-52_Schottland - Lewis Callanisch Stones__T5A3654-Bearbeitet-3840
#TitelThemen
1Die Planung – Route, eVisum und die erste FalleReiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle
2Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehrCalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco
3Anreise: Amsterdam – Newcastle – SchottlandDFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies
4Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty FirthOutlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty
5Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der WeltDunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats
6Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im SturmCastle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay
7Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffenAnkunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby
8Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein HotspotSkara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay
9Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen WhiskyBroch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie
10Panik am Old Man of HoyStromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane
11Kühlschrank kaputt – und nun?Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber
12NC500 – Traumstraße hoch im NordenDeerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie
13Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte UrlandschaftenKylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh
14Willkommen auf LewisCeilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere
15Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing StonesCallanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich
16Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so!Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber
17Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche GeschichteButt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse
18Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überallMangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis
19Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche WanderungKajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle
20Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach HarrisTarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre
21Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für unsLuskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch
22Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren HebridenGolden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas
23Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden KühenSkye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island
24Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der SonneKilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline
25Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach MullFähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm
26Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte EuropasBaile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid
27Otter auf MullTobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban
28Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach GlasgowOban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow
29Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of WellingtonUniversity of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington
30Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von BebbanburgDunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle
31Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer späterAlnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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