Ein Stellplatz mit Glück
Heute Morgen haben wir an der Luskentyre Beach einen Stellplatz ergattert. Nadja hat ganz unverfroren einen der jungen Männer gefragt, ob wir uns zwischen die Fahrzeuge stellen können. Es gibt hier mehrere kleine Stellplätze direkt am Weg – 10 Pfund, drei bis fünf Stellplätze nebeneinander.
Mit etwas Enger-Rücken war heute Morgen noch Platz. Die jungen Männer sind kurz darauf weggefahren – sie hatten offenbar gestern Abend ordentlich gefeiert und waren sehr spät dran. Insofern haben wir doppelt Glück gehabt.
Der Tipp dazu: Einfach mal fragen. Vielleicht fährt gerade jemand weg, und man bekommt einen der begehrten Plätze.
Dösen über der Bucht
Von dort eine Radtour rund um die Bucht. Auf der anderen Seite liegt eine kleine Halbinsel, mit einem eigenen kleinen Campingplatz – von dort kann man mit dem Rad bis zum ewig weiten Strand fahren, oder wie wir: stundenlang auf den Dünen sitzen und dem Wolkenspiel, den Wellen und den Vögeln zuschauen.
Luskentyre – Faodhail Losgaintir auf Gälisch – ist bei Ebbe kaum zu fassen. Die gesamte Bucht läuft fast vollständig leer, was bleibt sind ein paar Wasserpfützen und feinster, weißer Sand so weit das Auge reicht. Einer der größten Sandstrände Schottlands, und bei Sonnenschein einer der schönsten Europas.
ℹ️ Infobox: Ein Strand, der zweimal am Tag verschwindet
Luskentyre wurde in einer aktuellen, auf Tripadvisor-Bewertungen basierenden Auswertung zum besten Strand ganz Großbritanniens gekürt – noch vor bekannten Stränden in Cornwall oder Wales, mit einer Quote von rund 94 Prozent exzellenten Bewertungen bei über 1.100 Rezensionen. Der Tidenhub hier liegt bei rund 4 bis 5 Metern – bei Ebbe zieht sich das Meer über einen Kilometer weit zurück und legt die gesamte Sandfläche der Bucht frei, bei Flut kommt es ebenso weit wieder zurück. Wie schnell das geht, hängt von Mondphase und Wetter ab, aber innerhalb weniger Stunden verwandelt sich die Bucht komplett. Bei Sturm verschiebt der Atlantik zusätzlich große Mengen Sand – die Dünenlandschaft hier ist deshalb keine statische Kulisse, sondern verändert sich von Saison zu Saison sichtbar.
Die Flut kommt schnell und massiv!
ℹ️ Infobox: Machair – die Blumenwiesen hinter dem Strand
Hinter den Dünen beginnt der Machair, eine Grünlandschaft, die es fast nur hier gibt: Der alkalische Muschelsand vom Strand weht in die küstennahen Wiesen und schafft einen nährstoffreichen, fruchtbaren Boden. Im Frühsommer und Hochsommer explodiert die Wiese in Farben – Wildorchideen wie die Hebriden-Fleckorchidee oder die Sumpf-Stendelwurz, dazu klassische Wiesenblumen wie Gänseblümchen, Rotklee, Hornklee, Schafgarbe und Gelber Klappertopf, dazwischen Dünengräser, Strand-Grasnelken und Augentrost. Eine der artenreichsten Wildblumenlandschaften Europas – und man läuft mittendurch, ohne es zunächst zu merken.
Das Pferd, das es angeblich nicht mehr gibt
Auf dem Rückweg zum Wohnmobil ein Umweg – denn vor ein paar Tagen hatte uns eine Frau erzählt, das weiße Pferd, das hier herumlaufen soll, gäbe es nicht mehr, es sei gestorben. Sie lag falsch. Wir haben es gesehen. Ein wunderschönes weißes Pferd mit langen zotteligen Haaren, ganz allein am Strand. Sieht toll aus.
ℹ️ Infobox: Toby und Isla
Die freilaufenden Ponys von Luskentyre haben sogar Namen: Toby, ein Highland Pony, und Isla, ein Eriskay Pony – beide bekannt dafür, dass sie zwischen den Dünen und dem Weg zum Strand grasen. Neben ihnen ist die Bucht auch sonst ziemlich belebt: Seehunde und Kegelrobben sonnen sich auf den Felsen vor der Küste, Otter treiben sich in den Gezeitentümpeln herum, und über den Hügeln kreisen Stein- und Seeadler. In den Sandflächen picken Austernfischer, und im Machair dahinter soll im Sommer sogar der scheue Wachtelkönig rufen.
Dabei haben wir eine Weile an einer kleinen Holzhütte verbracht – eine Art Honesty Box im großen Stil. Eine richtige Hütte, tagsüber geöffnet, mit Kaffeeautomat, Keksen, Kuchen, Eis und vielen netten Mitbringseln. Alles da, niemand anwesend. Per Kamera von zu Hause aus überwacht, bezahlt per PayPal oder Kleingeld, aufgeschrieben in ein Heft, was man mitgenommen hat. Funktioniert anscheinend.
Mit dem Kajak zur Insel von „Castaway“
Als die Flut weit genug eingesetzt hatte – man muss warten, bis die Bucht sich genug gefüllt hat – habe ich das Kajak gepackt und bin raus. Etwa 10 Kilometer. Zuerst aus der Bucht heraus, dann eine kurze Stelle, wo das Wasser etwas unruhiger wurde – der Übergang zwischen Bucht und offenem Meer.
Traumhaft, dazu eine tiefstehende Sonne. Ich bin bis zur vorgelagerten Insel Taransay gepaddelt, ein Stück daran entlanggefahren, und dann auf dem Rückweg zum Fluthöchststand wieder in die Bucht rein.
Gut, dass ich nicht länger draußen war – die Ebbe zieht hier ordentlich, und wenn die Flut neu kommt, drückt sie mit entsprechender Kraft rein. Da möchte ich nicht auf dem Wasser sein.
ℹ️ Infobox: Taransay
Auf Gälisch Tarasaigh – einst bewohnt, die letzten Familien verließen die Insel 1942. Bekannt wurde sie 2000 durch die BBC-Sendung „Castaway“, in der 36 Menschen ein Jahr lang auf der Insel ausharren sollten. Heute ist sie unbewohnt und gehört einem privaten Besitzer.
Als ich zurückkam, stand eine Frau am Ufer und lobte meine Paddelgeschwindigkeit. Wir haben dann gut eine halbe Stunde miteinander geredet.
Ein Gespräch über Grenzen
Sie lebt hier. Und sie war nicht ganz unfrustriert über die Entwicklung, die sie beobachtet. Die Mietcamper, sagte sie, verhalten sich oft katastrophal – auf den Single Track Roads blockieren sie die Einheimischen, die zur Arbeit müssen.
Manchmal braucht sie zwei Stunden für eine Strecke, für die sie sonst 45 Minuten braucht – weil nicht alle zur Seite fahren und die Einheimischen vorbeilassen. Die schweren Fahrzeuge machen die Straßen kaputt, und die Reparaturen im Winter bleiben an den Bewohnern hängen. Dazu kommt, dass viele Besucher wenig Geld auf der Insel lassen – im Supermarkt auf dem Festland eingekauft, hier nur geparkt.
Für uns gilt das nicht, das darf ich wohl sagen. Aber ich kann es gut nachvollziehen. Die Insel lebt vom Tourismus – aber dieser Tourismus hat eine Grenze, die hier langsam erreicht wird. Noch ist es kein Massentourismus wie in Spanien oder Italien. Aber die Single Track Roads sind jetzt schon grenzwertig. Wenn es noch mehr wird, bricht die Infrastruktur zusammen. Hoffentlich kommt es nicht so weit.
Zum Abschluss noch ein traumhaft schöner Sonnenuntergang. Den Whisky heute, habe ich mir verdient.
Inhaltsverzeichnis:
| # | Titel | Themen |
|---|---|---|
| 1 | Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle |
| 2 | Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco |
| 3 | Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies |
| 4 | Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty |
| 5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
| 6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
| 7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
| 8 | Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay |
| 9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky | Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie |
| 10 | Panik am Old Man of Hoy | Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane |
| 11 | Kühlschrank kaputt – und nun? | Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber |
| 12 | NC500 – Traumstraße hoch im Norden | Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie |
| 13 | Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften | Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh |
| 14 | Willkommen auf Lewis | Ceilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere |
| 15 | Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing Stones | Callanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich |
| 16 | Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so! | Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber |
| 17 | Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche Geschichte | Butt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse |
| 18 | Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überall | Mangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis |
| 19 | Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche Wanderung | Kajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle |
| 20 | Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach Harris | Tarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre |
| 21 | Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für uns | Luskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch |
| 22 | Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren Hebriden | Golden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas |
| 23 | Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden Kühen | Skye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island |
| 24 | Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der Sonne | Kilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline |
| 25 | Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach Mull | Fähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm |
| 26 | Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte Europas | Baile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid |
| 27 | Otter auf Mull | Tobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban |
| 28 | Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach Glasgow | Oban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow |
| 29 | Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of Wellington | University of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington |
| 30 | Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von Bebbanburg | Dunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle |
| 31 | Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer später | Alnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
*Die hier verwendeten Links sind Provisions-Links, auch Affiliate-Links genannt. Wenn Sie auf einen solchen Link klicken und auf der Zielseite etwas kaufen, bekommen wir vom betreffenden Anbieter oder Online-Shop i.d.R. eine Vermittlerprovision. Es entstehen für Sie keine Nachteile beim Kauf oder Preis.
Entdecke mehr von Womo.blog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.











