Eine Parade am Hafen
Wir sind in Oban.
Durch Oban waren wir schon einmal gefahren, aber damals nicht angehalten, heute wollen wir das ändern.
Diese Bücher begleiten uns:
Reiseführer
Schottland
Reise Know-How Reiseführer Schottland
24,90 EUR
Wir hatten tatsächlich noch eine Stelle in der Nähe vom Freibad gefunden, an der wir in Oban übernachten konnten – alle anderen Parkplätze in der Stadt sind über Nacht gesperrt. In Oban einen Stellplatz zu finden, ist wirklich nicht einfach: Es gibt einen Campingplatz außerhalb und ein paar kleinere Stellplätze in der Nähe, aber das war’s dann auch schon. Da, wo wir standen, war es ohnehin viel schöner.
Das Wetter war typisch schottisch – immer wieder ein bisschen Nieselregen, was mir überraschend gut gefällt. Erst einkaufen gefahren, denn auf dem Tesco-Parkplatz darf man immerhin drei Stunden kostenlos stehen. Diese Zeit haben wir genutzt und sind zu Fuß zum Hafen hinuntergelaufen. Die Sehenswürdigkeitenläden hier haben wirklich mehr Qualität als anderswo – oder zumindest die gleiche Qualität, aber günstiger. Also, falls noch ein Geschenk gebraucht wird: Oban ist dafür eine gute Adresse.
Während wir so durch die Stadt bummelten, kam uns plötzlich eine Reihe von Männern in Uniform entgegen – Marineuniformen, mit allerlei Orden und Abzeichen. Irgendetwas Offizielles musste hier los sein. Eine Weile haben wir uns nicht getraut, jemanden anzusprechen, aber irgendwann habe ich mich doch ein Herz gefasst. Einer der Männer unterhielt sich gerade mit jemandem im Kilt, und ich habe ihn gefragt, was hier heute los sei.
Er erklärte uns, er sei der Kapitän eines Schiffes – ich glaube, es war eine Fregatte –, das gerade in Oban liegt. Wenn er es rechtzeitig nach vorne schaffe, gebe es gleich eine Parade: eine Dudelsackgruppe der örtlichen High School marschiert durch die Straße bis zur anderen Seite des Hafens, wo das Schiff liegt, anschließend können die Leute es besuchen.
Warum passiert uns eigentlich ständig so etwas? Wir haben uns höflich bedankt und sind am Straßenrand stehen geblieben. Und frech wie ich bin, habe ich mich das nicht reichen lassen – als Pressemensch bin ich einfach vorneweg gelaufen und habe fotografiert und gefilmt, ohne mich daran zu stören, dass ich anderen dabei im Weg stand. Die Bilder und Videos sind dadurch natürlich deutlich besser geworden, als wenn man nur brav am Rand stehen geblieben wäre.
Es hat sich gelohnt – ein ordentliches Dudelsackorchester, das so richtig marschierend durch die Straßen zog. Wenn diese Dudelsäcke anfangen zu spielen, geht das durch Mark und Bein. Ich finde es einfach klasse, dass die Schüler hier so etwas machen – Dudelsack spielen, Trommeln schlagen, im Kilt marschieren, das gehört für mich zu Schottland dazu, das geht durch Mark und Bein. Einfach Herrlich!
ℹ️ Infobox: St Conan’s Kirk
Die Kirche sieht auf den ersten Blick uralt aus, ist aber tatsächlich noch recht jung. Erbaut zwischen 1881 und 1914 von Walter Douglas Campbell, einem Bruder des ersten Lord Blythswood, der mit seiner Familie auf einer kleinen Insel im Loch Awe lebte. Der Überlieferung nach soll seine Mutter die lange Kutschfahrt zur Kirche in Dalmally zu anstrengend gefunden haben – also baute er ihr kurzerhand eine eigene Kirche direkt am See. Was als kleine Kapelle begann, wuchs sich über die Jahre zu einem architektonischen Sammelsurium aus: normannische, romanische, gotische und keltische Stilelemente, große Rundbogenfenster, ein Apsis-Abschluss, dazu Schnitzereien, die teilweise von Iona stammen sollen. 2016 wurde die Kirche bei einer Umfrage des schottischen Architektenverbands sogar zu einem der zehn besten Gebäude Schottlands aus den letzten hundert Jahren gewählt.
Mir war das alles ehrlich gesagt zu viel – so viele unterschiedliche Baustile auf einem Haufen, das fand ich kitschig hoch zehn. Vielleicht hat da auch ein bisschen Social-Media-Hype mitgespielt, denn der kleine Parkplatz war trotz des Wetters komplett voll. Angeblich liegt dort sogar ein Knochenfragment von Robert the Bruce – ich kann das nicht bestätigen, aber es würde zu der Mischung aus Geschichte und Kuriositäten passen, die diesen Ort ausmacht. Es gibt sicher gute Gründe, die Kirche zu besuchen, mir war es nur etwas zu viel des Guten.
ℹ️ Infobox: Kilchurn Castle
Mitte des 15. Jahrhunderts vom Clan Campbell als Tower House errichtet, liegt die Burg auf einer kleinen Halbinsel am nordöstlichen Ende des Loch Awe – ursprünglich war es sogar eine Insel, erst als im 19. Jahrhundert der Wasserstand des Lochs gesenkt wurde, entstand die heutige Landverbindung. Über Jahrhunderte war die Burg Machtzentrum der Campbells von Glenorchy, bis sie 1769 von einem Blitz getroffen wurde, das Dach einstürzte und sie seither als Ruine dasteht.
Während wir da standen, schüttete es – und dann, urplötzlich, riss der Himmel auf, und ein einzelner Lichtstrahl traf genau Kilchurn Castle. Für ein paar Minuten lag die Ruine im schönsten Licht, wir konnten die tollsten Bilder machen, und keiner, der diese Fotos später sieht, würde glauben, dass es davor und danach nur geschüttet hat. Wirklich verrückt.
So ist das eben hier in Schottland: Innerhalb von Minuten kann sich alles ändern. Viele machen den Fehler, bei schlechtem Wetter einfach weiterzufahren oder sich gleich zurückzuziehen. Dabei muss man nur Geduld haben und stehen bleiben – dann bekommt man oft das schönste Panorama, das man sich wünschen kann.
Inzwischen waren wir in Glencoe angekommen – Moore, hohe Hügel, hohe Berge, alles, was das Wandererherz begehrt.
Wandern, Angel, eine gigantische Landschaft, aber Glencoe vor allem als Filmkulisse berühmt: Szenen aus mehreren Harry-Potter-Filmen (Hagrids Hütte stand gegenüber dem Clachaig Inn), aus „Skyfall“ mit dem Aston Martin auf der Single-Track-Straße durch Glen Etive, aus „Braveheart“, „Rob Roy“ und die Eröffnungssequenz von Outlander wurden hier gedreht. Wer wandern will, hat die Qual der Wahl: der Hin- und Rückweg zu den Three Sisters, der Aufstieg zum Buachaille Etive Mòr, die messerscharfe Aonach-Eagach-Gratwanderung für Geübte, oder einfach die kurzen Spaziergänge zu den Wasserfällen am „Meeting of Three Waters“, wo auch Monty Pythons „Bridge of Death“-Szene entstand.
ℹ️ Infobox: Glencoe
Ein zehn Meilen langes, U-förmiges Gletschertal, flankiert von den „Three Sisters“ (Beinn Fhada, Gearr Aonach, Aonach Dubh) und dem markanten, pyramidenförmigen Buachaille Etive Mòr, der den östlichen Zugang zum Tal bewacht. 1692 fand hier das „Massaker von Glencoe“ statt: Regierungstruppen, die zwölf Tage lang als Gäste bei den MacDonalds einquartiert waren, ermordeten in einer einzigen Nacht 38 Clan-Mitglieder – Männer, Frauen und Kinder, die sie zuvor bewirtet hatten. Bruch der Gastfreundschaft galt als so ungeheuerlich, dass Glencoe seither den Beinamen „Tal der Tränen“ trägt. Bemerkenswert: Nur etwa ein Dutzend der beteiligten Soldaten waren tatsächlich Campbells, trotzdem hält sich bis heute hartnäckig die Regel, dass Campbells im Clachaig Inn nicht willkommen seien – ein Schild an der Tür erinnert humorvoll-ernst daran.
Man könnte hier tagelang bleiben und jeden Wanderweg einzeln abklappern. Wir haben uns diesmal mit der Fahrt durchs Tal begnügt und sind an einigen Parkplätzen ein Stück in die Moore und auf die Hügel gewandert.
Das ist schon spektakulär genug, um zu verstehen, warum dieses Tal so viele Menschen anzieht.
Ein Bär am Eingang
Zum Mittagessen ein Stopp im Drovers Inn in Inverarnan, am Nordende von Loch Lomond. Was für ein Pub. Innen drin völlig verschrobene Details – ausgestopfte Tiere überall, ein Bär begrüßt einen direkt am Eingang, dunkle Holzvertäfelung, ein loderndes Feuer. Die Schotten sind hier schon alle sehr speziell, und genau das macht diese Kneipen so liebenswert.
ℹ️ Infobox: Der Drovers Inn
„Pub des Jahres“ steht groß dran – aber die Jahreszahl daneben, 1705, ist tatsächlich das Gründungsjahr des Inns, nicht die Auszeichnung von letztem Jahr. Der Drovers Inn ist eines der ältesten lizenzierten Gasthäuser Schottlands und gilt gleichzeitig als eines der meistheimgesuchten – die Geister von Viehtreibern, die hier einst ihre Rinder durch das Loch-Lomond-Tal zu den Märkten im Süden trieben, sollen nachts noch durch die Flure wandern.
Der ausgestopfte Schwarzbär am Eingang trägt bei besonderen Anlässen sogar einen Kilt – ein beliebtes Fotomotiv, das man in praktisch jeder Online-Bewertung des Hauses wiederfindet. Sogar Rob Roy MacGregor, Schottlands „Robin Hood“ und örtlicher Volksheld, soll hier eingekehrt sein, während er als Geächteter durch die Highlands zog.
Ruhig am Hotel-Parkplatz
In Glasgow angekommen – auf dem Parkplatz des Premier Inn Glasgow Pacific Quay (SECC), direkt beim BBC-Gebäude. Bezahlt wird ganz unkompliziert am Parkautomaten im Foyer des Hotels, und wer mag, kann dort wahrscheinlich sogar sein Frühstück mitbuchen. Wir bleiben zwei Nächte.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Google Maps. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen
Im nächsten Teil: Glasgow zu Fuß und mit dem Rad – die Universität, Kelvingrove Art Gallery, Charles Rennie Mackintosh und die Willow Tea Rooms.
Inhaltsverzeichnis:
| # | Titel | Themen |
|---|---|---|
| 1 | Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle |
| 2 | Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco |
| 3 | Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies |
| 4 | Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty |
| 5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
| 6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
| 7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
| 8 | Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay |
| 9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky | Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie |
| 10 | Panik am Old Man of Hoy | Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane |
| 11 | Kühlschrank kaputt – und nun? | Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber |
| 12 | NC500 – Traumstraße hoch im Norden | Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie |
| 13 | Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften | Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh |
| 14 | Willkommen auf Lewis | Ceilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere |
| 15 | Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing Stones | Callanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich |
| 16 | Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so! | Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber |
| 17 | Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche Geschichte | Butt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse |
| 18 | Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überall | Mangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis |
| 19 | Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche Wanderung | Kajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle |
| 20 | Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach Harris | Tarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre |
| 21 | Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für uns | Luskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch |
| 22 | Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren Hebriden | Golden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas |
| 23 | Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden Kühen | Skye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island |
| 24 | Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der Sonne | Kilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline |
| 25 | Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach Mull | Fähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm |
| 26 | Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte Europas | Baile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid |
| 27 | Otter auf Mull | Tobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban |
| 28 | Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach Glasgow | Oban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow |
| 29 | Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of Wellington | University of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington |
| 30 | Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von Bebbanburg | Dunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle |
| 31 | Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer später | Alnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
*Die hier verwendeten Links sind Provisions-Links, auch Affiliate-Links genannt. Wenn Sie auf einen solchen Link klicken und auf der Zielseite etwas kaufen, bekommen wir vom betreffenden Anbieter oder Online-Shop i.d.R. eine Vermittlerprovision. Es entstehen für Sie keine Nachteile beim Kauf oder Preis.
Entdecke mehr von Womo.blog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

































































