Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer später – Orkney/Hebrides Teil 31

Ein gigantisches Schloss

Heute Morgen noch mal zu lange im Wohnmobil die Ruhe genossen – auf der Fahrt haben wir dann gemerkt, dass wir uns für unseren letzten Stopp, Alnwick Castle, lieber mehr Zeit hätten nehmen sollen. Wir waren dort leider nur sehr kurz. Für den Preis – über 20 Euro pro Person – sind wir regelrecht durchgehetzt. Dabei hätte man sich hier, vor allem im Schlosspark, gerne viel mehr Zeit genommen.

Alnwick Castle

Ein gigantisches Schloss. Massive Mauern, Türme, so groß, dass man beim ersten Blick gar nicht weiß, wo man anfangen soll zu schauen – eher eine kleine Festungsstadt als ein einzelnes Gebäude. Man läuft durch die Tore und fühlt sich sofort winzig.

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ℹ️ Infobox: Alnwick Castle und die Percys

Alnwick Castle ist der Stammsitz der Percys, seit über 700 Jahren – das zweitgrößte bewohnte Schloss Großbritanniens nach Windsor. Wer sich mit den Rosenkriegen zwischen Lancaster und York auskennt, kennt die Bedeutung der Familie Percy – allen voran Harry „Hotspur“ Percy, einer von Shakespeares bekanntesten Figuren, nach dem auch der Fußballclub Tottenham Hotspur benannt ist. Auch in den folgenden Jahrhunderten blieben die Percys eine große Nummer in der englischen Geschichte.

Besonders interessant: durch Innenräume zu gehen, die tatsächlich noch bewohnt sind. Hier versucht diese Familie, ihr Anwesen – das mit Sicherheit nicht nur ein Schloss ist – auch durch solche touristischen Attraktionen am Leben zu halten. Sicher nicht einfach bei einem Schloss dieser Größe und den entsprechenden Erhaltungskosten.

ℹ️ Infobox: Vom Ritter zur Dynastie

Die erste Befestigung an dieser Stelle errichtete im 11. Jahrhundert Gilbert Tyson, der Bannerträger Wilhelms des Eroberers – eine einfache Holz- und Erdburg. Als Tyson sich 1093 an einer gescheiterten Rebellion beteiligte, verlor er die Burg, und im selben Jahr wurde in der Nähe sogar König Malcolm III. von Schottland getötet, während er Northumberland überfiel. Es war von Anfang an umkämpftes Grenzland. Die Familie de Vescy baute die heutige Steinburg bis 1137 aus, bevor ihre Linie 1297 ausstarb und die Burg über den Bischof von Durham schließlich 1309 an Henry Percy verkauft wurde – den Beginn von über 700 Jahren Percy-Besitz.

Der berühmteste Percy war zweifellos Sir Henry „Harry Hotspur“ Percy, in Alnwick geboren, mit 14 Jahren in seine ersten Schlachten gezogen. Den Spitznamen „Hotspur“ – „heißer Sporn“ – erwarb er sich bei der Belagerung von Berwick und festigte ihn endgültig in der Schlacht von Otterburn: für seinen ungestümen Mut, seine Kampfeslust und die Art, wie er sein Pferd ungeduldig in jede Schlacht hineinspornte, ganz gleich wie aussichtsreich die Lage war. 1388 wurde er bei eben dieser Schlacht bei Otterburn gefangen genommen und gegen ein Lösegeld freigekauft. Shakespeare verewigte ihn in „Heinrich IV.“ Sein Ende kam 1403 in der Schlacht von Shrewsbury, als er gegen genau jenen König rebellierte, dem er zuvor selbst auf den Thron verholfen hatte. Ein Standbild erinnert bis heute an ihn in Alnwick. Die Percys blieben auch danach mittendrin im großen Geschehen: In den Rosenkriegen wechselte die Burg mehrfach den Besitzer, ein späterer Earl war heimlich mit Anne Boleyn verlobt, bevor sie Heinrich VIII. heiratete, und Thomas Percy gehörte 1605 zu den Verschwörern des Gunpowder Plot gegen König James I. Der heutige 12. Duke of Northumberland, Ralph Percy, lebt mit seiner Familie noch immer in genau diesen Räumen.

Wer genauer hinschaut, hat das Schloss vielleicht schon einmal gesehen: Hier lernt Harry Potter das Fliegen auf dem Besen – die ersten beiden Filme wurden 2001 und 2002 in Alnwick gedreht, das Schloss diente als Hogwarts.

Und in Downton Abbey feiert man hier gleich zweimal Weihnachten, als Brancaster Castle in den beiden Weihnachtsspecials von 2015 und 2016. Die Räume sind perfekt dafür geeignet – man versteht beim Durchgehen sofort, warum. 

Im Ort selbst gibt es außerdem einen eigenen kleinen Harry-Potter-Laden, vollgepackt mit allem, was irgendwie nach Hogwarts aussieht. Ich habe mir einen Gryffindor-Hoodie gekauft – sehr niedlich, und ein wirklich toller Laden.

Hier taucht man in die Harry Potter Welt ein. Und die Inhaber machen das extrem gut. Ich glaube, wirklich jeder der hier herein kommt, hat sofort ein Lächeln auf den Lippen.

Unsere Route virtuell mitreisen

Auch die anderen Läden sind sehenswert. Die kleine Ortschaft lebt seit Jahrhunderten von ihrer Burg und mittlerweile von den Touristen. Und das wirkt sich positiv auf das angebot aus.

ℹ️ Infobox: Ein Garten voller Gift

Was wir in der Kürze der Zeit komplett verpasst haben: den Alnwick Garden direkt neben dem Schloss, und darin den berüchtigten Poison Garden. Die heutige Duchess of Northumberland, Jane Percy, übernahm das Anwesen 1995 mit ihrem Mann und ließ die verwilderten Gärten ab 1997 für rund 42 Millionen Pfund neu gestalten. 2005 kam der Poison Garden dazu – über 100 giftige, berauschende und halluzinogene Pflanzenarten hinter schwarzen, mit Totenköpfen verzierten Eisentoren: Tollkirsche, Eisenhut, Schierling, Bilsenkraut, Opiummohn. Besucher dürfen nur unter Führung hinein, Berühren und Riechen sind strengstens verboten – trotzdem sollen jedes Jahr 20 bis 30 Menschen im Garten ohnmächtig werden. Die Duchess selbst sagt, die Geschichte davon, wie Pflanzen heilen, finde sie ehrlich gesagt langweilig – viel spannender sei es, zu wissen, wie eine Pflanze tötet.

Auch als Filmkulisse ist Alnwick weit über Harry Potter und Downton Abbey hinaus gefragt: „Ivanhoe“, „Elizabeth“, „Blackadder“, mehrere Robin-Hood-Verfilmungen (darunter Ridley Scotts Version mit Russell Crowe) und sogar eine Episode von „Star Trek: The Next Generation“ wurden hier gedreht. Mit dem Spitznamen „Windsor of the North“ ist Alnwick nicht nur das zweitgrößte bewohnte Schloss Großbritanniens, sondern auch die größte mittelalterliche Burg, die noch heute durchgehend bewohnt wird.

War wirklich schön.


Auf die Fähre, in letzter Minute

Von dort ging es weiter nach Newcastle, und bis wir getankt hatten, wurde langsam die Zeit knapp – aber wir haben es rechtzeitig aufs Schiff geschafft. Die Kontrollen sind strenger geworden, bei Nadja wurde sogar von einer Frau abgetastet.

Dann ging es aufs Schiff, nach Amsterdam. Zigtausend Bilder haben wir noch einmal angeschaut und unsere Reise Revue passieren lassen. Das eine oder andere Bier war auch dabei, in der Hoffnung, einschlafen zu können. Die Nacht war ruhig und friedlich, auch wenn wir nicht gut geschlafen haben. Vielleicht war es die Temperatur, denn schon in Newcastle war es doppelt so warm wie auf den Äußeren Hebriden, und die Erwartung auf 37 Grad zuhause hat uns zugesetzt.

44,5 Grad

Der Rest ist schnell erzählt. Von Amsterdam aus in einem Rutsch nach Hause. Bloß nicht anhalten, bloß nicht die Klimaanlage ausschalten – das Thermometer zeigt 44,5 Grad. Die Hitze auf der Autobahn ist kaum auszuhalten. Die geplante letzte Übernachtung irgendwo unterwegs sparen wir uns und kommen nach 5.600 Kilometern am späten Nachmittag wieder zuhause an.

Für ein Fazit ist es noch zu früh. Jetzt lassen wir die Eindrücke erst einmal sacken und leben uns wieder ein.


Damit endet diese Serie – 44 Tage, von Orkney über die Äußeren Hebriden, Skye, Mull und Iona bis nach Glasgow und zurück über England. 5.600 Kilometer, unzählige Steinkreise, Leuchttürme, Otter, Whiskys und Begegnungen mit Menschen, die uns Geschichten erzählt haben, die wir sonst nie gehört hätten. Danke fürs Mitlesen und Mitreisen.

Inhaltsverzeichnis:

2026-05-26_14-31-52_Schottland - Lewis Callanisch Stones__T5A3654-Bearbeitet-3840
#TitelThemen
1Die Planung – Route, eVisum und die erste FalleReiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle
2Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehrCalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco
3Anreise: Amsterdam – Newcastle – SchottlandDFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies
4Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty FirthOutlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty
5Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der WeltDunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats
6Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im SturmCastle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay
7Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffenAnkunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby
8Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein HotspotSkara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay
9Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen WhiskyBroch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie
10Panik am Old Man of HoyStromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane
11Kühlschrank kaputt – und nun?Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber
12NC500 – Traumstraße hoch im NordenDeerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie
13Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte UrlandschaftenKylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh
14Willkommen auf LewisCeilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere
15Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing StonesCallanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich
16Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so!Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber
17Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche GeschichteButt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse
18Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überallMangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis
19Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche WanderungKajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle
20Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach HarrisTarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre
21Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für unsLuskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch
22Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren HebridenGolden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas
23Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden KühenSkye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island
24Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der SonneKilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline
25Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach MullFähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm
26Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte EuropasBaile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid
27Otter auf MullTobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban
28Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach GlasgowOban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow
29Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of WellingtonUniversity of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington
30Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von BebbanburgDunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle
31Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer späterAlnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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5 Kommentare

  1. Vielen Dank für euren tollen Tourbericht. Wir waren vor 2Jahren dort unterwegs mit unserem Multivan und ich war oft sehr dankbar, daß er nicht größer war auf den schmalen Sträßchen. Wir waren an sehr vielen Orten wie ihr und ich habe schon in sehr vielen deiner Berichte und Dokus festgestellt, daß wir sehr viel gemeinsam haben. Danke für eure Mühe und das Mitnehmen auf eurer Reise (auf den Orkneys waren wir leider nicht, dafür aber auf dem Applecross und auch die gesamte NC 500) An Alnwick Castle haben wir auch eine ganz lustige Erinnerung,- es waren gerade sehr viele Kinder dabei das Besenfliegen zu lernen und eine ganz wilde Utuberin sprang wie wild mit dem Besen vor ihrer Kamera herum, um ein Foto im „Flug“ hinzubekommen. Ich weiß nicht ob es geklappt hat,… ich jedenfalls habe ein Bild wie sie fliegt 😁

  2. Na, den Hitzeschock kann ich gut nachvollziehen. Da wünscht man sich doch die täglichen vier Jahreszeiten in Schottland zurück. Die eine oder andere Frage taucht doch noch auf: Wie verhält man sich in den Highlands und Islands heute PRAKTISCH in Sachen Drohnenflug zwecks Fotographie? Die offiziellen Regeln – wie auch die Versicherungsbestimmungen – sind ja seit dem Brexit erheblich andere. Ich kann mir vorstellen, dass nur im Falle eines „Zwischenfalls“ die Obrigkeit involviert wird. Obwohl schon vor Jahren an der Einfriedung zum Dunnotar Castle ein Hinweisschild angebracht war mit einem strikten Verbot des Drohnenfluges und solcher Aufnahmen. Es wurde sogar der Einsatz der Royal Air Force angedroht. 😳 Besten Dank

    1. Über den Grundstücken fliegen ist immer ein Problem. Deswegen blieb ich überm Meer und nutze ein Teleobjektiv.
      Es reicht doch völlig, um einen Eindruck der Landschaft zu bekommen.
      Ich verstehe oft nicht, warum man über die Gebäude fliegt, noch dazu wenn es voll ist.
      Manchmal höflich gefragt und ganz früh oder ganz spät geflogen und keiner hat was dagegen.

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