Ein gigantisches Schloss
Heute Morgen noch mal zu lange im Wohnmobil die Ruhe genossen – auf der Fahrt haben wir dann gemerkt, dass wir uns für unseren letzten Stopp, Alnwick Castle, lieber mehr Zeit hätten nehmen sollen. Wir waren dort leider nur sehr kurz. Für den Preis – über 20 Euro pro Person – sind wir regelrecht durchgehetzt. Dabei hätte man sich hier, vor allem im Schlosspark, gerne viel mehr Zeit genommen.
Ein gigantisches Schloss. Massive Mauern, Türme, so groß, dass man beim ersten Blick gar nicht weiß, wo man anfangen soll zu schauen – eher eine kleine Festungsstadt als ein einzelnes Gebäude. Man läuft durch die Tore und fühlt sich sofort winzig.
Diese Bücher begleiten uns:
Reiseführer
Schottland
Reise Know-How Reiseführer Schottland
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ℹ️ Infobox: Alnwick Castle und die Percys
Alnwick Castle ist der Stammsitz der Percys, seit über 700 Jahren – das zweitgrößte bewohnte Schloss Großbritanniens nach Windsor. Wer sich mit den Rosenkriegen zwischen Lancaster und York auskennt, kennt die Bedeutung der Familie Percy – allen voran Harry „Hotspur“ Percy, einer von Shakespeares bekanntesten Figuren, nach dem auch der Fußballclub Tottenham Hotspur benannt ist. Auch in den folgenden Jahrhunderten blieben die Percys eine große Nummer in der englischen Geschichte.
Besonders interessant: durch Innenräume zu gehen, die tatsächlich noch bewohnt sind. Hier versucht diese Familie, ihr Anwesen – das mit Sicherheit nicht nur ein Schloss ist – auch durch solche touristischen Attraktionen am Leben zu halten. Sicher nicht einfach bei einem Schloss dieser Größe und den entsprechenden Erhaltungskosten.
ℹ️ Infobox: Vom Ritter zur Dynastie
Die erste Befestigung an dieser Stelle errichtete im 11. Jahrhundert Gilbert Tyson, der Bannerträger Wilhelms des Eroberers – eine einfache Holz- und Erdburg. Als Tyson sich 1093 an einer gescheiterten Rebellion beteiligte, verlor er die Burg, und im selben Jahr wurde in der Nähe sogar König Malcolm III. von Schottland getötet, während er Northumberland überfiel. Es war von Anfang an umkämpftes Grenzland. Die Familie de Vescy baute die heutige Steinburg bis 1137 aus, bevor ihre Linie 1297 ausstarb und die Burg über den Bischof von Durham schließlich 1309 an Henry Percy verkauft wurde – den Beginn von über 700 Jahren Percy-Besitz.
Der berühmteste Percy war zweifellos Sir Henry „Harry Hotspur“ Percy, in Alnwick geboren, mit 14 Jahren in seine ersten Schlachten gezogen. Den Spitznamen „Hotspur“ – „heißer Sporn“ – erwarb er sich bei der Belagerung von Berwick und festigte ihn endgültig in der Schlacht von Otterburn: für seinen ungestümen Mut, seine Kampfeslust und die Art, wie er sein Pferd ungeduldig in jede Schlacht hineinspornte, ganz gleich wie aussichtsreich die Lage war. 1388 wurde er bei eben dieser Schlacht bei Otterburn gefangen genommen und gegen ein Lösegeld freigekauft. Shakespeare verewigte ihn in „Heinrich IV.“ Sein Ende kam 1403 in der Schlacht von Shrewsbury, als er gegen genau jenen König rebellierte, dem er zuvor selbst auf den Thron verholfen hatte. Ein Standbild erinnert bis heute an ihn in Alnwick. Die Percys blieben auch danach mittendrin im großen Geschehen: In den Rosenkriegen wechselte die Burg mehrfach den Besitzer, ein späterer Earl war heimlich mit Anne Boleyn verlobt, bevor sie Heinrich VIII. heiratete, und Thomas Percy gehörte 1605 zu den Verschwörern des Gunpowder Plot gegen König James I. Der heutige 12. Duke of Northumberland, Ralph Percy, lebt mit seiner Familie noch immer in genau diesen Räumen.
ℹ️ Infobox: Ein Garten voller Gift
Was wir in der Kürze der Zeit komplett verpasst haben: den Alnwick Garden direkt neben dem Schloss, und darin den berüchtigten Poison Garden. Die heutige Duchess of Northumberland, Jane Percy, übernahm das Anwesen 1995 mit ihrem Mann und ließ die verwilderten Gärten ab 1997 für rund 42 Millionen Pfund neu gestalten. 2005 kam der Poison Garden dazu – über 100 giftige, berauschende und halluzinogene Pflanzenarten hinter schwarzen, mit Totenköpfen verzierten Eisentoren: Tollkirsche, Eisenhut, Schierling, Bilsenkraut, Opiummohn. Besucher dürfen nur unter Führung hinein, Berühren und Riechen sind strengstens verboten – trotzdem sollen jedes Jahr 20 bis 30 Menschen im Garten ohnmächtig werden. Die Duchess selbst sagt, die Geschichte davon, wie Pflanzen heilen, finde sie ehrlich gesagt langweilig – viel spannender sei es, zu wissen, wie eine Pflanze tötet.
Auch als Filmkulisse ist Alnwick weit über Harry Potter und Downton Abbey hinaus gefragt: „Ivanhoe“, „Elizabeth“, „Blackadder“, mehrere Robin-Hood-Verfilmungen (darunter Ridley Scotts Version mit Russell Crowe) und sogar eine Episode von „Star Trek: The Next Generation“ wurden hier gedreht. Mit dem Spitznamen „Windsor of the North“ ist Alnwick nicht nur das zweitgrößte bewohnte Schloss Großbritanniens, sondern auch die größte mittelalterliche Burg, die noch heute durchgehend bewohnt wird.
Dann ging es aufs Schiff, nach Amsterdam. Zigtausend Bilder haben wir noch einmal angeschaut und unsere Reise Revue passieren lassen. Das eine oder andere Bier war auch dabei, in der Hoffnung, einschlafen zu können. Die Nacht war ruhig und friedlich, auch wenn wir nicht gut geschlafen haben. Vielleicht war es die Temperatur, denn schon in Newcastle war es doppelt so warm wie auf den Äußeren Hebriden, und die Erwartung auf 37 Grad zuhause hat uns zugesetzt.
44,5 Grad
Der Rest ist schnell erzählt. Von Amsterdam aus in einem Rutsch nach Hause. Bloß nicht anhalten, bloß nicht die Klimaanlage ausschalten – das Thermometer zeigt 44,5 Grad. Die Hitze auf der Autobahn ist kaum auszuhalten. Die geplante letzte Übernachtung irgendwo unterwegs sparen wir uns und kommen nach 5.600 Kilometern am späten Nachmittag wieder zuhause an.
Für ein Fazit ist es noch zu früh. Jetzt lassen wir die Eindrücke erst einmal sacken und leben uns wieder ein.
Damit endet diese Serie – 44 Tage, von Orkney über die Äußeren Hebriden, Skye, Mull und Iona bis nach Glasgow und zurück über England. 5.600 Kilometer, unzählige Steinkreise, Leuchttürme, Otter, Whiskys und Begegnungen mit Menschen, die uns Geschichten erzählt haben, die wir sonst nie gehört hätten. Danke fürs Mitlesen und Mitreisen.
Inhaltsverzeichnis:
| # | Titel | Themen |
|---|---|---|
| 1 | Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle |
| 2 | Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco |
| 3 | Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies |
| 4 | Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty |
| 5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
| 6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
| 7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
| 8 | Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay |
| 9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky | Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie |
| 10 | Panik am Old Man of Hoy | Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane |
| 11 | Kühlschrank kaputt – und nun? | Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber |
| 12 | NC500 – Traumstraße hoch im Norden | Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie |
| 13 | Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften | Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh |
| 14 | Willkommen auf Lewis | Ceilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere |
| 15 | Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing Stones | Callanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich |
| 16 | Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so! | Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber |
| 17 | Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche Geschichte | Butt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse |
| 18 | Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überall | Mangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis |
| 19 | Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche Wanderung | Kajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle |
| 20 | Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach Harris | Tarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre |
| 21 | Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für uns | Luskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch |
| 22 | Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren Hebriden | Golden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas |
| 23 | Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden Kühen | Skye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island |
| 24 | Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der Sonne | Kilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline |
| 25 | Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach Mull | Fähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm |
| 26 | Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte Europas | Baile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid |
| 27 | Otter auf Mull | Tobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban |
| 28 | Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach Glasgow | Oban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow |
| 29 | Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of Wellington | University of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington |
| 30 | Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von Bebbanburg | Dunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle |
| 31 | Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer später | Alnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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5 Kommentare
Vielen Dank für euren tollen Tourbericht. Wir waren vor 2Jahren dort unterwegs mit unserem Multivan und ich war oft sehr dankbar, daß er nicht größer war auf den schmalen Sträßchen. Wir waren an sehr vielen Orten wie ihr und ich habe schon in sehr vielen deiner Berichte und Dokus festgestellt, daß wir sehr viel gemeinsam haben. Danke für eure Mühe und das Mitnehmen auf eurer Reise (auf den Orkneys waren wir leider nicht, dafür aber auf dem Applecross und auch die gesamte NC 500) An Alnwick Castle haben wir auch eine ganz lustige Erinnerung,- es waren gerade sehr viele Kinder dabei das Besenfliegen zu lernen und eine ganz wilde Utuberin sprang wie wild mit dem Besen vor ihrer Kamera herum, um ein Foto im „Flug“ hinzubekommen. Ich weiß nicht ob es geklappt hat,… ich jedenfalls habe ein Bild wie sie fliegt 😁
Na, den Hitzeschock kann ich gut nachvollziehen. Da wünscht man sich doch die täglichen vier Jahreszeiten in Schottland zurück. Die eine oder andere Frage taucht doch noch auf: Wie verhält man sich in den Highlands und Islands heute PRAKTISCH in Sachen Drohnenflug zwecks Fotographie? Die offiziellen Regeln – wie auch die Versicherungsbestimmungen – sind ja seit dem Brexit erheblich andere. Ich kann mir vorstellen, dass nur im Falle eines „Zwischenfalls“ die Obrigkeit involviert wird. Obwohl schon vor Jahren an der Einfriedung zum Dunnotar Castle ein Hinweisschild angebracht war mit einem strikten Verbot des Drohnenfluges und solcher Aufnahmen. Es wurde sogar der Einsatz der Royal Air Force angedroht. 😳 Besten Dank
Über den Grundstücken fliegen ist immer ein Problem. Deswegen blieb ich überm Meer und nutze ein Teleobjektiv.
Es reicht doch völlig, um einen Eindruck der Landschaft zu bekommen.
Ich verstehe oft nicht, warum man über die Gebäude fliegt, noch dazu wenn es voll ist.
Manchmal höflich gefragt und ganz früh oder ganz spät geflogen und keiner hat was dagegen.
…und wie steht’s mit den in GB/UK vorgeschriebenen Versicherungen? Kann man sie online abschließen?
Welche Versicherungen?