Strom im WoMo neu gedacht: Warum eure Lithium-Aufbaubatterie im Winter in Gefahr sein kann

Wir stellen unser WoMo im Winter gerne mal für ein paar Tage ohne Landstrom ab und denken, der Solarertrag wird den Stand-by-Strombedarf schon decken. Solaranlage auf dem Dach, Aufbaubatterie voll, alles autark. Was viele nicht wissen: Genau in dieser Situation kann eure Bordelektronik ernsthaft in Gefahr geraten – und kaum jemand redet darüber.

Das Problem: Wenn die Batterie „Nein“ sagt

Moderne Aufbaubatterien sind fast immer LiFePO4-Lithium-Akkus. Die haben einen entscheidenden Unterschied zu den alten Blei- oder AGM-Batterien: Ein eingebautes BMS (Batteriemanagementsystem) sperrt bei Kälte automatisch das Laden der Zellen. Das ist gut so – Lithium-Zellen bei Minusgraden zu laden, kann sie dauerhaft beschädigen.

Das Problem: Euer Solarregler, euer Landstromladegerät und die Lichtmaschine wissen davon oft nichts. Sie versuchen weiter zu laden – gegen eine Batterie, die gerade „die Tür zu“ gemacht hat. Was dann passiert, ist ein Suchbetrieb der Ladegeräte, der kurzzeitig zu Spannungsspitzen im Bordnetz führen kann. Und die können empfindliche 12-Volt-Elektronik beschädigen – vom Radio über die Heizung bis zur kompletten Aufbauelektrik.

Dazu kommt ein zweites, alltäglicheres Problem: In den meisten Wohnmobilen laden Solarregler, Landstromgerät und Ladebooster die Aufbaubatterie völlig unabhängig voneinander, jedes Gerät mit seiner eigenen Ladekurve. Das bedeutet, die Batterie bekommt am Tag mehrfach eine volle Ladephase aufgeprägt, statt einmal koordiniert – nicht gefährlich, aber auf Dauer nicht ideal für die Lebensdauer.

Beides sind reale, in Fachkreisen bekannte Effekte. Nur: In der breiten Praxis redet kaum jemand darüber, weil die Kombination aus Lithium-Batterie, Solaranlage und winterlichem Trockenstehen noch relativ neu ist.

Das Kompendium zum Nachlesen

Unser Leser HeinB ist eher zufällig über die Idee gestolpert. Er hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und neben seinem ausführlichen Kompendium nun auch eine Machbarkeitsstudie mit Hintergründen, Schaltbildern und konkreten Einstellwerten verfasst. Wer tiefer einsteigen möchte, findet die komplette Ausarbeitung am Ende dieses Artikels zum Download.

Die Idee dahinter: Alles über die Starterbatterie

Die vorgeschlagene Lösung ist erstaunlich einfach, sobald man sie einmal verstanden hat.

Normalerweise laden Solarregler, Landstromgerät und Lichtmaschine direkt die Aufbaubatterie. In der neu gedachten Architektur laden sie stattdessen zuerst die Starterbatterie (in der Regel eine unkritische AGM-Batterie ohne Temperatursperre). Erst wenn diese ausreichend voll ist, wird die überschüssige Energie über einen einzigen zentralen DC/DC-Wandler (zum Beispiel ein Victron Orion) an die Aufbaubatterie weitergereicht.

Der Clou: Die Starterbatterie kennt keine Temperatursperre. Sie nimmt praktisch immer Ladung an, egal wie kalt es ist. Die drei „großen“ Ladegeräte sehen also immer eine funktionierende, aufnahmebereite Batterie vor sich und geraten nie in den gefährlichen Suchbetrieb.

Nebeneffekt: Die Starterbatterie wird nie mehr tiefentladen.

Nur noch ein einziges Gerät – der zentrale DC/DC-Wandler – muss mit der Temperatursperre der Lithium-Batterie umgehen. Sperrt das BMS bei Frost, unterbricht nur dieser eine Wandler die Versorgung des Aufbaus, während Solarregler und Landstromgerät munter weiter die Starterbatterie versorgen. Kein Spannungschaos im Bordnetz.

Konkret verwendet HeinB einen Victron Orion XS, einen DC/DC-Wandler, der sich per App fein parametrieren lässt.

Konkret heißt das: Der Orion XS bekommt eine Startspannung, ab der er beginnt, die Aufbaubatterie zu laden, typischerweise etwa 13 Volt. Und eine Stoppspannung, unter die die Starterbatterie nicht fallen darf, damit sie immer startklar bleibt, meist um die 12,5 Volt.

Warum das mehr ist als Technik-Spielerei

Wer denkt „so schlimm wird’s schon nicht sein“, sollte drei Dinge bedenken:

Erstens: Genau in dem Moment, in dem das Problem auftritt – Winter, Solarbetrieb, kein Landstrom, das Gas geht zur Neige –, seid ihr oft weit weg von der nächsten Werkstatt. Ein beschädigter Wechselrichter oder eine kaputte Heizungssteuerung ist dann nicht nur ärgerlich, sondern kann eure Reise beenden.

Zweitens: Mit immer leistungsstärkeren Lithium-Batterien und größeren Solaranlagen wird genau dieses Szenario – Überwintern mit Solarenergie – für immer mehr WoMo-Besitzer zum Alltag. Was heute noch ein Randfall ist, betrifft morgen deutlich mehr Leute.

Drittens: Die Starterbatterie ist immer ausreichend geladen, weil sie vorrangig behandelt wird. Das WoMo springt immer an. Gerade im Winter ist das ein Riesenvorteil.

Was ihr konkret tun könnt

Die gute Nachricht: Das lässt sich mit überschaubarem Aufwand umsetzen oder zumindest im Blick behalten.

  • Prüft eure aktuelle Verkabelung: Wirken Solarregler, Landstromgerät und Ladebooster direkt auf die Aufbaubatterie? Dann seid ihr potenziell betroffen.
  • Ein zentraler DC/DC-Wandler zwischen Starter- und Aufbaubatterie kann nachgerüstet werden und übernimmt die komplette Koordination.
  • Achtet auf die Parametrierung: Die Startspannung des Wandlers sollte so gewählt sein, dass er erst greift, wenn die Starterbatterie ausreichend geladen ist – typischerweise ab etwa 13 Volt.
  • Bei größeren Anlagen (Batterien ab 400 Ah, Solaranlagen ab 1200 Wp) braucht es eventuell mehr als einen Wandler oder eine angepasste Schaltung bzw. Dimensionierung – hier lohnt sich genaues Nachrechnen.

Wichtig zu wissen: Das ist (noch) keine Serienlösung der Hersteller, sondern ein Konzept aus der Enthusiasten-Szene, das sich in der Praxis bewähren muss. Wer selbst Hand anlegen möchte, sollte entsprechendes Elektro-Knowhow mitbringen oder sich fachkundige Unterstützung holen.


Zum Weiterlesen: HeinB hat das komplette Konzept mit allen Schaltbildern, Parametrierungstabellen und Praxisszenarien in einer ausführlichen Machbarkeitsstudie zusammengefasst.

PDF herunterladen: „Strom im WoMo neu gedacht

Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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