Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche Geschichte – Orkney/Hebrides Teil 17

Der heißeste Tag seit Menschengedenken

 

Heute war ein ziemlich fauler Tag – und gleichzeitig der heißeste Tag auf Lewis seit Menschengedenken, sagt der Campingplatzchef. Ihm ist viel zu warm!
Ob der Temperaturrekord von 21 Grad aus dem Jahr 1807 in Stornoway tatsächlich gebrochen wurde, weiß ich nicht. Aber als wir heute Morgen losfuhren, zeigte das Thermometer unter dem Wohnmobil 23 Grad. Den ganzen Tag strahlend blauer Himmel, keine Wolke, sehr, sehr warm. Für uns war es gerade richtig!

Butt of Lewis – der nördlichste Punkt

Zuerst geht es für uns zum Butt of Lewis – dem nördlichsten Punkt der Insel und der nordwestlichsten Ecke der gesamten Britischen Inseln. Von dort aus kann man bei guter Sicht tatsächlich das schottische Festland sehen. Die letzten Kilometer sind Single Road und am Leuchtturm gibt es nicht viele Parkplätze. Es lohnt sich geduldig zu sein, das viele Touristen rasch wieder weg sind, wir immer ein Platz frei.

Butt of Lewis
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Wir haben eine ausgiebige Wanderung gemacht, Eissturmvögel beobachtet, die in Scharen entlang der Küstenkante kreisten. Wenn man nah an die Kante der Klippen geht, kann man sie aus nächster Nähe sehen.

ℹ️ Infobox: Eissturmvögel

Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Möwen – sind aber mit ihnen gar nicht näher verwandt. Eissturmvögel gehören zur Familie der Röhrennasen, erkennbar an den röhrenförmigen Nasenöffnungen auf dem Schnabel, die überschüssiges Salz ausscheiden. Den Großteil ihres Lebens verbringen sie auf offener See und kommen nur zur Brutzeit an Land – dann aber in dichten Kolonien an genau solchen Steilklippen, wie sie hier den Butt of Lewis säumen. Ihr Name geht auf einen alten Ruf zurück: altnordisch fúll már, „faule Möwe“ – wegen des übel riechenden Magenöls, das sie bei Gefahr gezielt auf Angreifer spucken. Ein Eissturmvogel kann über 50 Jahre alt werden, bleibt meist ein Leben lang mit demselben Partner zusammen und kehrt Jahr für Jahr an denselben Brutplatz zurück.

Mit ein wenig Übung lassen sich die ewigen Gleiter leicht von den Möwen unterscheiden.

Heringsmöwe

Und dann haben wir lange, lange auf einem Fels gesessen und Kegelrobben zugeschaut – oder vielleicht Seehunde, so genau konnten wir das nicht erkennen. Sie lagen auf einem Felsen, wurden von der aufkommenden Flut immer wieder umspült und mussten sich Stück für Stück den Felsen hinaufbewegen. Lustig anzusehen, wie die trägen Tiere immer wieder etwas höher rutschten.

ℹ️ Infobox: Butt of Lewis

Einer der unwirtlichsten Punkte Großbritanniens – laut Guinness-Buch der Rekorde sogar offiziell der windigste Ort im Vereinigten Königreich. Im Winter peitschen hier Stürme mit Windgeschwindigkeiten über 160 km/h gegen die Klippen, die Gischt schlägt dann bis über die Turmspitze hinweg. Genau diese tückischen Gewässer waren der Grund für den Leuchtturm: Gebaut wurde er zwischen 1859 und 1862 von David und Thomas Stevenson – zwei Brüdern aus der berühmten Leuchtturmbauer-Dynastie Stevenson, deren Neffe Robert Louis Stevenson später als Schriftsteller berühmt wurde („Die Schatzinsel“), sich für Technik aber nie interessierte. Für rund 4.900 Pfund errichtete die Firma John Barr & Co. den 37 Meter hohen Turm mit 168 Stufen bis zur Laterne.

Schon der Bau selbst zeigte, wie gefährlich die Gegend ist: Ein Schiff, das einen Teil der Ausrüstung der Baufirma anlanden sollte, zerschellte an den Felsen, noch bevor die eigentlichen Bauarbeiten richtig begonnen hatten – die Arbeiten verzögerten sich dadurch bis ins Frühjahr 1860. Später legte dann noch ein Streik des einzigen Handwerkers, der die gewundene Steintreppe bauen konnte, alles noch einmal lahm. Ungewöhnlich für einen schottischen Leuchtturm: Er besteht aus unverputztem rotem Backstein statt der üblichen weißen Fassade – normaler Ziegel, so die Stevensons, hätte der Wetterexposition hier nicht standgehalten.

Bis 1998 war der Leuchtturm bemannt, einer der letzten drei in ganz Großbritannien, die noch von Wärtern und ihren Familien vor Ort betreut wurden. In den 1930er-Jahren bis 1971 diente er zudem als Funkrelais für den noch einsameren Leuchtturm auf den Flannan Islands, dessen drei Wärter 1900 spurlos verschwanden – bis heute ein ungelöstes Rätsel.

Eoropie Beach – 17 Züge im 12 Grad kalten Wasser

Direkt daneben liegt Eoropie Beach – ein langer, weißer Sandstrand, kristallklares Wasser, türkis in der Sonne. Kaum Wind. Perfekte Bedingungen. So perfekt, dass ich mich tatsächlich getraut habe, ins Wasser zu gehen.

Es ist richtig warm heute, ja heiß! Und wenn ich es heute nicht wage, dann werde ich wohl nie auf den äußeren Hebriden ins Wasser kommen. Die meisten Leute, die wir in den letzten Wochen im Wasser gesehen hatten, hatten Neprenanzüge an – nur eine ältere Frau ging im Badeanzug ins Wasser.
Die war abgehärterter, wie die jungen Männer.
Also, mutig drauf los

Und ja, wenn der erste Schreck überwunden ist, kann man schwimmen. Aber Hände und Füße werden schnell gefühllos und nach einigen Metern hat es mich auch schon gereicht. Ich war drin, bin geschwommen. Hurra!!!

Das Wasser soll etwa 12 Grad haben.
Danach noch ein bisschen in der Sonne gelegen. Das war wirklich schön. Die Strände hier sind wirklich der Wahnsinn. Der Sand, das türkisfarbene Wasser, der Himmel.
Wenn nur das Wetter immer so wäre!

Ein Wohnwagen voller Kuriositäten und der größte Einzelstein Schottlands

Auf dem Hin- oder Rückweg kamen wir am Curiosity Caravan vorbei – jemand hat einen alten Wohnwagen an die Straße gestellt und mit allerlei Kuriositäten gefüllt. Im Internet offenbar ein kleiner Hit, viele Einträge dazu. Wir haben reingeschaut – eine sehr eigenwillige Sammlung. Kann man gesehen haben

Curiosity Caravan

Wirklich Kult und einen Besuch wert: Curiosity Caravan

 

Der blaue Wohnwagen hat auf Facebook und Instagram Kultstatus und viele kommen vielleicht allein deswegen hierher.
Basteleien, selbstgemachtes. ganz außergewöhnliche Ideen, Deko, Nippes.
Aber immer sehenswert.

Natürlich alles in Eigenverantwortung, wenn man etwas kauft, trägt man das in ein Büchlein ein und bezahlt.
Leider gibt es auch hier Drecksäcke, die mitnehmen ohne zu zahlen oder sogar die Deko außen klauen (oder hinter den Camper schei..en) 
Unfassbar!

Da gibt sich jemand unendlich viel Mühe und Nadja und ich können es nicht fassen, dass so etwas passiert. Denn die Sachen sind alle liebevoll und wirklich nett anzusehen!

Dann noch ein kurzer Stopp beim Clach an Trushal – dem größten aufrecht stehenden Einzelstein Schottlands.

Clach an Trushal

ℹ️ Infobox: Clach an Trushal

Mit 5,8 Metern Höhe ist er der höchste Menhir Schottlands – etwa 1,8 Meter breit, an der dicksten Stelle rund 1,1 bis 1,5 Meter dick. Er ist nicht einfach ein Einzelstein: Ursprünglich war er Teil eines Steinkreises, ganz ähnlich wie in Callanish, nur 20 Meilen entfernt. Die anderen Steine des Kreises wurden im Lauf der Zeit zerbrochen und als Baumaterial in die umliegenden Feldmauern verbaut – der letzte verbliebene Begleitstein verschwand erst 1914. Übrig ist nur noch dieser eine, gewaltige Stein, schätzungsweise 5.000 Jahre alt. Die lokale Überlieferung erzählt von einer Schlacht zwischen den verfeindeten Clans der MacAulay und der Morrison, die hier ausgetragen worden sein soll – belegt ist das nicht, aber die Geschichte hält sich hartnäckig.

Ich habe eine Weile davor gestanden und überlegt: Wie hat man diesen Stein vor 5.000 Jahren nicht nur hierhin bewegt – vielleicht lag er schon in der Nähe, das weiß man nicht – sondern auch noch aufgestellt, ohne dass er zerbricht? Er ist relativ schmal für seine Höhe. Sensationell, wie er einfach da steht. 
Ich finde das immer wieder toll, lege die Hand an den Stein und denke, dass vor 5.000 Jahren irgendwer an gleicher Stelle auch die Hand aufgelegt hat. Verbindet das? Ich denke, ja.

Eine bewegende Geschichte!

„Das war so cozy“ – eine Frau, die im Blackhouse aufwuchs

Heute Morgen hatten wir noch eine besondere Begegnung – die Mutter des Campingplatzchefs. Sie hat als junges Mädchen tatsächlich in einem Blackhouse in Arnol gewohnt. Dort geboren, und bis sie etwa acht Jahre alt war, lebte sie dort.

Wir haben sie gefragt, wie es gerochen hat, wie das Leben war. Sie sagte: Alle haben so gewohnt – alle im Dorf lebten in Blackhouses, sie kannten gar nichts anderes. Und das Interessanteste: Als wir nach den Schlafkammern fragten – diesen kleinen Alkovennischen, die in die Wand eingebaut waren – sagte sie: „Das war so cozy.“ Und man glaubt ihr das. Sie hat sich dort wohlgefühlt, sicher und geborgen.

Sie erzählte auch, dass man für die Toilette einfach in den Tierstall ging – dort, wo die Kühe und Schafe ihr Geschäft verrichteten. Der Mist landete später auf dem Misthaufen. Kein Fernsehen, keine Heizung im heutigen Sinne, keine der Dinge, die wir für selbstverständlich halten.

Nadja fragte nach der Gemeinschaft. Sie sagte: Ja, das war eine richtige Gemeinschaft. Als sie als junges Mädchen dann in ein White House umzogen, löste sich diese Gemeinschaft auf. Der Umzug brachte mehr Komfort – aber auch das Ende von etwas.

Das Erstaunliche: Diese Frau ist heute 80 Jahre alt. Das bedeutet, diese Blackhouse-Geschichte ist keine Vergangenheit aus dem Mittelalter – das ist das gelebte Leben einer Frau, die noch heute unter uns ist. Weniger als 80 Jahre. Wir haben jemanden kennengelernt, der noch da drin gewohnt hat.

Ich versuche morgen noch ein Foto von ihr zu machen – am liebsten zusammen mit dem Bild ihres alten Dorfes, das sie bei sich im Flur hängen hat.

Mehr war heute nicht los.  🫣 Reicht aber auch völlig, jetzt legen wir die Füße hoch – Eigentlich mal ganz gut.

Im nächsten Teil: der letzte Tag auf Lewis – Sea Stacks an der Westküste, die kleinste Destillerie Schottlands, und eine 80-jährige Frau, die seit Jahren einsam durch Schottland wandert.

Inhaltsverzeichnis:

2026-05-26_14-31-52_Schottland - Lewis Callanisch Stones__T5A3654-Bearbeitet-3840
#TitelThemen
1Die Planung – Route, eVisum und die erste FalleReiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle
2Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehrCalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco
3Anreise: Amsterdam – Newcastle – SchottlandDFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies
4Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty FirthOutlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty
5Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der WeltDunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats
6Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im SturmCastle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay
7Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffenAnkunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby
8Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein HotspotSkara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay
9Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen WhiskyBroch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie
10Panik am Old Man of HoyStromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane
11Kühlschrank kaputt – und nun?Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber
12NC500 – Traumstraße hoch im NordenDeerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie
13Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte UrlandschaftenKylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh
14Willkommen auf LewisCeilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere
15Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing StonesCallanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich
16Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so!Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber
17Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche GeschichteButt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse
18Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überallMangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis
19Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche WanderungKajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle
20Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach HarrisTarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre
21Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für unsLuskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch
22Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren HebridenGolden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas
23Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden KühenSkye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island
24Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der SonneKilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline
25Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach MullFähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm
26Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte EuropasBaile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid
27Otter auf MullTobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban
28Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach GlasgowOban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow
29Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of WellingtonUniversity of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington
30Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von BebbanburgDunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle
31Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer späterAlnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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