Der heißeste Tag seit Menschengedenken
Heute war ein ziemlich fauler Tag – und gleichzeitig der heißeste Tag auf Lewis seit Menschengedenken, sagt der Campingplatzchef. Ihm ist viel zu warm!
Ob der Temperaturrekord von 21 Grad aus dem Jahr 1807 in Stornoway tatsächlich gebrochen wurde, weiß ich nicht. Aber als wir heute Morgen losfuhren, zeigte das Thermometer unter dem Wohnmobil 23 Grad. Den ganzen Tag strahlend blauer Himmel, keine Wolke, sehr, sehr warm. Für uns war es gerade richtig!
Butt of Lewis – der nördlichste Punkt
Zuerst geht es für uns zum Butt of Lewis – dem nördlichsten Punkt der Insel und der nordwestlichsten Ecke der gesamten Britischen Inseln. Von dort aus kann man bei guter Sicht tatsächlich das schottische Festland sehen. Die letzten Kilometer sind Single Road und am Leuchtturm gibt es nicht viele Parkplätze. Es lohnt sich geduldig zu sein, das viele Touristen rasch wieder weg sind, wir immer ein Platz frei.
Diese Bücher begleiten uns:
Reiseführer
Schottland
Reise Know-How Reiseführer Schottland
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Mehr Informationenℹ️ Infobox: Eissturmvögel
Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Möwen – sind aber mit ihnen gar nicht näher verwandt. Eissturmvögel gehören zur Familie der Röhrennasen, erkennbar an den röhrenförmigen Nasenöffnungen auf dem Schnabel, die überschüssiges Salz ausscheiden. Den Großteil ihres Lebens verbringen sie auf offener See und kommen nur zur Brutzeit an Land – dann aber in dichten Kolonien an genau solchen Steilklippen, wie sie hier den Butt of Lewis säumen. Ihr Name geht auf einen alten Ruf zurück: altnordisch fúll már, „faule Möwe“ – wegen des übel riechenden Magenöls, das sie bei Gefahr gezielt auf Angreifer spucken. Ein Eissturmvogel kann über 50 Jahre alt werden, bleibt meist ein Leben lang mit demselben Partner zusammen und kehrt Jahr für Jahr an denselben Brutplatz zurück.
Und dann haben wir lange, lange auf einem Fels gesessen und Kegelrobben zugeschaut – oder vielleicht Seehunde, so genau konnten wir das nicht erkennen. Sie lagen auf einem Felsen, wurden von der aufkommenden Flut immer wieder umspült und mussten sich Stück für Stück den Felsen hinaufbewegen. Lustig anzusehen, wie die trägen Tiere immer wieder etwas höher rutschten.
ℹ️ Infobox: Butt of Lewis
Einer der unwirtlichsten Punkte Großbritanniens – laut Guinness-Buch der Rekorde sogar offiziell der windigste Ort im Vereinigten Königreich. Im Winter peitschen hier Stürme mit Windgeschwindigkeiten über 160 km/h gegen die Klippen, die Gischt schlägt dann bis über die Turmspitze hinweg. Genau diese tückischen Gewässer waren der Grund für den Leuchtturm: Gebaut wurde er zwischen 1859 und 1862 von David und Thomas Stevenson – zwei Brüdern aus der berühmten Leuchtturmbauer-Dynastie Stevenson, deren Neffe Robert Louis Stevenson später als Schriftsteller berühmt wurde („Die Schatzinsel“), sich für Technik aber nie interessierte. Für rund 4.900 Pfund errichtete die Firma John Barr & Co. den 37 Meter hohen Turm mit 168 Stufen bis zur Laterne.
Schon der Bau selbst zeigte, wie gefährlich die Gegend ist: Ein Schiff, das einen Teil der Ausrüstung der Baufirma anlanden sollte, zerschellte an den Felsen, noch bevor die eigentlichen Bauarbeiten richtig begonnen hatten – die Arbeiten verzögerten sich dadurch bis ins Frühjahr 1860. Später legte dann noch ein Streik des einzigen Handwerkers, der die gewundene Steintreppe bauen konnte, alles noch einmal lahm. Ungewöhnlich für einen schottischen Leuchtturm: Er besteht aus unverputztem rotem Backstein statt der üblichen weißen Fassade – normaler Ziegel, so die Stevensons, hätte der Wetterexposition hier nicht standgehalten.
Bis 1998 war der Leuchtturm bemannt, einer der letzten drei in ganz Großbritannien, die noch von Wärtern und ihren Familien vor Ort betreut wurden. In den 1930er-Jahren bis 1971 diente er zudem als Funkrelais für den noch einsameren Leuchtturm auf den Flannan Islands, dessen drei Wärter 1900 spurlos verschwanden – bis heute ein ungelöstes Rätsel.
Eoropie Beach – 17 Züge im 12 Grad kalten Wasser
Direkt daneben liegt Eoropie Beach – ein langer, weißer Sandstrand, kristallklares Wasser, türkis in der Sonne. Kaum Wind. Perfekte Bedingungen. So perfekt, dass ich mich tatsächlich getraut habe, ins Wasser zu gehen.
Es ist richtig warm heute, ja heiß! Und wenn ich es heute nicht wage, dann werde ich wohl nie auf den äußeren Hebriden ins Wasser kommen. Die meisten Leute, die wir in den letzten Wochen im Wasser gesehen hatten, hatten Neprenanzüge an – nur eine ältere Frau ging im Badeanzug ins Wasser.
Die war abgehärterter, wie die jungen Männer.
Also, mutig drauf los
Ein Wohnwagen voller Kuriositäten und der größte Einzelstein Schottlands
Auf dem Hin- oder Rückweg kamen wir am Curiosity Caravan vorbei – jemand hat einen alten Wohnwagen an die Straße gestellt und mit allerlei Kuriositäten gefüllt. Im Internet offenbar ein kleiner Hit, viele Einträge dazu. Wir haben reingeschaut – eine sehr eigenwillige Sammlung. Kann man gesehen haben
ℹ️ Infobox: Clach an Trushal
Mit 5,8 Metern Höhe ist er der höchste Menhir Schottlands – etwa 1,8 Meter breit, an der dicksten Stelle rund 1,1 bis 1,5 Meter dick. Er ist nicht einfach ein Einzelstein: Ursprünglich war er Teil eines Steinkreises, ganz ähnlich wie in Callanish, nur 20 Meilen entfernt. Die anderen Steine des Kreises wurden im Lauf der Zeit zerbrochen und als Baumaterial in die umliegenden Feldmauern verbaut – der letzte verbliebene Begleitstein verschwand erst 1914. Übrig ist nur noch dieser eine, gewaltige Stein, schätzungsweise 5.000 Jahre alt. Die lokale Überlieferung erzählt von einer Schlacht zwischen den verfeindeten Clans der MacAulay und der Morrison, die hier ausgetragen worden sein soll – belegt ist das nicht, aber die Geschichte hält sich hartnäckig.
Ich habe eine Weile davor gestanden und überlegt: Wie hat man diesen Stein vor 5.000 Jahren nicht nur hierhin bewegt – vielleicht lag er schon in der Nähe, das weiß man nicht – sondern auch noch aufgestellt, ohne dass er zerbricht? Er ist relativ schmal für seine Höhe. Sensationell, wie er einfach da steht.
Ich finde das immer wieder toll, lege die Hand an den Stein und denke, dass vor 5.000 Jahren irgendwer an gleicher Stelle auch die Hand aufgelegt hat. Verbindet das? Ich denke, ja.
Eine bewegende Geschichte!
„Das war so cozy“ – eine Frau, die im Blackhouse aufwuchs
Heute Morgen hatten wir noch eine besondere Begegnung – die Mutter des Campingplatzchefs. Sie hat als junges Mädchen tatsächlich in einem Blackhouse in Arnol gewohnt. Dort geboren, und bis sie etwa acht Jahre alt war, lebte sie dort.
Wir haben sie gefragt, wie es gerochen hat, wie das Leben war. Sie sagte: Alle haben so gewohnt – alle im Dorf lebten in Blackhouses, sie kannten gar nichts anderes. Und das Interessanteste: Als wir nach den Schlafkammern fragten – diesen kleinen Alkovennischen, die in die Wand eingebaut waren – sagte sie: „Das war so cozy.“ Und man glaubt ihr das. Sie hat sich dort wohlgefühlt, sicher und geborgen.
Sie erzählte auch, dass man für die Toilette einfach in den Tierstall ging – dort, wo die Kühe und Schafe ihr Geschäft verrichteten. Der Mist landete später auf dem Misthaufen. Kein Fernsehen, keine Heizung im heutigen Sinne, keine der Dinge, die wir für selbstverständlich halten.
Nadja fragte nach der Gemeinschaft. Sie sagte: Ja, das war eine richtige Gemeinschaft. Als sie als junges Mädchen dann in ein White House umzogen, löste sich diese Gemeinschaft auf. Der Umzug brachte mehr Komfort – aber auch das Ende von etwas.
Das Erstaunliche: Diese Frau ist heute 80 Jahre alt. Das bedeutet, diese Blackhouse-Geschichte ist keine Vergangenheit aus dem Mittelalter – das ist das gelebte Leben einer Frau, die noch heute unter uns ist. Weniger als 80 Jahre. Wir haben jemanden kennengelernt, der noch da drin gewohnt hat.
Ich versuche morgen noch ein Foto von ihr zu machen – am liebsten zusammen mit dem Bild ihres alten Dorfes, das sie bei sich im Flur hängen hat.
Mehr war heute nicht los. 🫣 Reicht aber auch völlig, jetzt legen wir die Füße hoch – Eigentlich mal ganz gut.
Im nächsten Teil: der letzte Tag auf Lewis – Sea Stacks an der Westküste, die kleinste Destillerie Schottlands, und eine 80-jährige Frau, die seit Jahren einsam durch Schottland wandert.
Inhaltsverzeichnis:
| # | Titel | Themen |
|---|---|---|
| 1 | Die Planung – Route, eVisum und die erste Falle | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle |
| 2 | Was man wissen sollte – Fähren, Straßen, Diesel und mehr | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco |
| 3 | Anreise: Amsterdam – Newcastle – Schottland | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies |
| 4 | Lallybroch, Inverness und Delfine im Cromarty Firth | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty |
| 5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
| 6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
| 7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
| 8 | Zeitsprung 5.000 Jahr zurück: Orkney war ein Hotspot | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay |
| 9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky | Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie |
| 10 | Panik am Old Man of Hoy | Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane |
| 11 | Kühlschrank kaputt – und nun? | Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber |
| 12 | NC500 – Traumstraße hoch im Norden | Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie |
| 13 | Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften | Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh |
| 14 | Willkommen auf Lewis | Ceilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere |
| 15 | Die Mutter aller Steinkreise – Callanish Standing Stones | Callanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich |
| 16 | Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so! | Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber |
| 17 | Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche Geschichte | Butt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse |
| 18 | Sea Stacks – Ursula, die einsame Wanderin und Nebel überall | Mangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis |
| 19 | Eine gefährliche Kajaktour, eine gefährliche Wanderung | Kajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle |
| 20 | Der Anzug, der nicht passte, und die Rückkehr nach Harris | Tarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre |
| 21 | Der beste Strand Großbritanniens – ganz allein für uns | Luskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch |
| 22 | Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren Hebriden | Golden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas |
| 23 | Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden Kühen | Skye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island |
| 24 | Old Man of Storr im Nebel, Eilean Donan Castle in der Sonne | Kilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline |
| 25 | Duart Castle und ein Clan, der noch lebt – auf nach Mull | Fähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm |
| 26 | Iona – seit 1.500 Jahren einer der heiligsten Orte Europas | Baile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid |
| 27 | Otter auf Mull | Tobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban |
| 28 | Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach Glasgow | Oban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow |
| 29 | Glasgow: Museum, Mackintosh und der Duke of Wellington | University of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington |
| 30 | Bass Rock, eine Bank voller Süßigkeiten und Uhtred von Bebbanburg | Dunbar, Bass Rock, Dunbar Castle, Community Bakery, The Sweetie Bank, Bamburgh Castle |
| 31 | Das letzte Schloss, von 12 auf 44,5 Grad und 5.600 Kilometer später | Alnwick Castle, Percy Family, Harry Potter, Downton Abbey, Newcastle, Heimfahrt |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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