Ruhig geschlafen, laut aufgewacht
Langsam verliere ich den Überblick über die Tage. Aber wir kommen voran.
Heute Morgen haben wir gemerkt, wie gut wir an unserem kleinen Strand unten an den Klippen geschlafen haben – im Windschatten der 60 bis 80 Meter hohen Felswände war es vollkommen ruhig. Erst als wir heute hochgefahren sind, haben wir gesehen, was oben los war. Es hat geschüttet wie aus Kübeln.
Ich hatte im letzten Teil schon dazu erzählt: Alte Vulkane haben das Gestein geformt, und was wir heute als Abbruchkante sehen, ist der Blick auf jahrmillionenalte Geschichte.
ℹ️ Infobox: Kilt Rock – das Gestein
Vor rund 60 Millionen Jahren, als sich der Nordatlantik öffnete, floss hier wiederholt Basaltlava über die Landschaft. Beim Abkühlen zog sich das Gestein zu den charakteristischen sechseckigen Säulen zusammen, die heute die Klippe prägen – dazwischen dunklere Bänder aus späteren Dolerit-Einschüben, die das Tartan-ähnliche Muster ergeben, dem Kilt Rock seinen Namen verdankt. Jede sichtbare Schicht in der Abbruchkante ist eine eigene Lavaströmung, manche mit Millionen Jahren Abstand zueinander. Man steht hier also nicht nur vor einer Klippe, sondern vor einem aufgeschnittenen Querschnitt durch die Entstehungsgeschichte Skyes.
Der Kilt-Rock-Parkplatz ist übrigens kostenpflichtig – auch wenn man nur für ein paar Minuten anhält, wie wir heute. Zahlen muss man trotzdem.
Skye hatten wir bei unserem letzten Besuch schon ausgiebig erkundet, daher fahren wir heute schon wieder von der schönen Insel herunter. Unser Fernziel heißt Mull, und bei diesem Dauerregen entscheiden wir uns, heute einfach viel zu fahren.
Der Old Man im Nebel
Den Old Man of Storr hätte ich glatt verpasst – alles im Nebel und Regen, nichts zu sehen. Nadja hat ihn entdeckt. Also doch angehalten. Ich habe die Drohne ausgepackt und bin hochgeflogen. Und das sieht dann ziemlich cool aus – diese mächtigen Felsnadeln im Nebel, dunkel, mystisch, kaum erkennbar und trotzdem da. Mit dem Teleobjektiv noch ein paar schöne Bilder. Hat Spaß gemacht.
ℹ️ Infobox: Der Old Man of Storr
Eine der ikonischsten Felsnadeln Schottlands – ein 50 Meter hoher Monolith, der aus dem Trotternish Ridge ragt und von weitem wie ein abgebrochener Finger wirkt. Er ist Teil eines riesigen Erdrutsches, der vor etwa 6.000 Jahren die gesamte Ostflanke des Trotternish Ridge veränderte.
ℹ️ Hinweis: Ver- und Entsorgung
Am offiziellen Parkplatz bei Kilt Rock ist Ver- und Entsorgung möglich. Alternativ und besser geht es an der Nordspitze des Trotternish Loop – dort gibt es eine extra von der Kommune eingerichtete Ver- und Entsorgungsstation.
Wir haben Mittagspause gemacht am Dornie Community Hall – wenn man höflich fragt, darf man dort parken, übernachten allerdings nicht. Kaum saßen wir beim Essen, kam die Sonne raus. Nicht lange, aber für uns hat es perfekt gepasst. Die Burg in der Sonne, im Hintergrund dunkle Wolken – ein herrlicher Anblick. Tolle Bilder, unfassbar, was wir für ein Glück haben. Eine halbe Stunde früher hätte es noch geregnet.
ℹ️ Infobox: Eilean Donan Castle
Ursprünglich im 13. Jahrhundert erbaut, um die Kreuzung dreier Lochs zu kontrollieren. Im Jakobitenaufstand von 1719 wurde es von britischen Kriegsschiffen beschossen und weitgehend zerstört. Den Wiederaufbau begann Oberst John MacRae-Gilstrap zwischen 1912 und 1932 – fast vollständig aus eigener Tasche. Ohne ihn gäbe es das Schloss heute nicht.
Kaum ein anderes schottisches Schloss ist so oft vor der Kamera gestanden: „Highlander“ (1986) mit Christopher Lambert und Sean Connery, der James-Bond-Film „Die Welt ist nicht genug“ (1999) mit Pierce Brosnan, dazu „Elizabeth: The Golden Age“, „Made of Honor“ und schon 1948 „Bonnie Prince Charlie“ mit David Niven. Vermutlich das meistfotografierte Schloss Schottlands – Instagram hin oder her, das war es offenbar schon vor Instagram.
Kurz noch in einen Touristenshop – Nadja fand nichts Vernünftiges. Der Parkplatz platzte aus allen Nähten, und jeder musste Selfies mit der Burg machen. Instagram lässt grüßen. Kaum fuhren wir weiter, begann es wieder heftig zu regnen.
Schaut euch gerne die Gallerie an, da sind die schönsten Bilder diesen Nachmittags enthalten.
Und da ich auch ein Schwarzweißfan bin, wie wäre es mal mit diesen hier:
In Fort William hatten des Sonntags wegen alle Geschäfte geschlossen – also sind wir weitergefahren. Wir wollen nach auf die Insel Mull. Und auch da haben wir Bedenken. Denn der Reiseführer aus dem Womo Verlag enthält einen Fehler. Er sagt, dass man nur mit gebuchter Unterkunft auf die Insel dürfe.
Das ist aber DEFINITIV nicht richtig! Beruhigt fahren wir deswegen weiter.
Über den Loch Linnhe nach Morvern
Weiter Richtung Corran. Die Fähre über den Loch Linnhe ist ein kleines Erlebnis für sich – man fährt schräg auf die Fähre drauf und später über eine ebenso schräge Rampe wieder hinunter, statt gerade wie sonst üblich. Sehenswert und ein Erlebnis, kurze Überfahrt, dann auf die Morvern-Halbinsel. Auf Gälisch A‘ Mhorbhairne – „die Meereslücke“, benannt nach dem Sound of Mull, der die Halbinsel von Mull trennt. Morvern ist eine abgelegene, kaum von der Moderne berührte Halbinsel – Moore, alte Wälder, Meeresarme, 20 Meilen Küstenlinie.
ℹ️ Infobox: Die Fähre nach Corran
Anders als die großen CalMac-Routen muss man die Corran-Fähre nicht vorab buchen – sie pendelt im Kurztakt über die schmale Meerenge zwischen Ardgour und dem Festland bei Onich, man fährt einfach hin und stellt sich an. Praktisch, wenn man wie wir keinen festen Zeitplan hat. Und dementsprechend braucht man auch keine Unterkunft nachweisen, um nach Mull zu fahren. Gefragt hat uns auf der Fähre niemand und darauf angesprochen, haben die Angestellten im Tourismusbüro in Tobermory nur den Kopf geschüttelt.
Im nächsten Teil: die Fähre nach Mull, Duart Castle und die MacLeans, und Fionnphort.
Inhaltsverzeichnis:
# | Titel | Themen |
1 | Reiseidee, Zahlen, eVisum, ETA-Falle | |
2 | CalMac, Anreise, Campingplätze, Linksverkehr, Single Track, NC500, Diesel, LPG, Tesco | |
3 | DFDS-Überfahrt, erste Kilometer, Jedburgh, Rosslyn und die Kelpies | |
4 | Outlander, Midhope Castle, Inverness, Nigg, Cromarty | |
5 | Ein Märchenschloss, Papageientaucher im Kajak und das Ende der Welt | Dunrobin Castle, NC500, Latheronwheel, Whaligoe Steps, John O’Groats |
6 | Das Schloss, das Queen Mum rettete und Duncansby Stacks im Sturm | Castle of Mey, Duncansby Stacks, Puffins, Gills Bay |
7 | Die Orkneys: Wo Steinzeit-Wunder und Wikinger-Erbe auf überwältigende Natur treffen | Ankunft, Bob Evans, Churchill Barriers, Italian Chapel, Ring of Brodgar, Yesnaby |
8 | Skara Brae, Skaill House, Maeshowe, Ness of Brodgar, Unstan, Stenness, Marwick Head, Brough of Birsay | |
9 | Kirkwall: Wikingerfürsten, ein gemordeter Heiliger und zwei Flaschen Whisky | Broch of Gurness, St. Magnus Cathedral, Earl’s Palace, Highland Park Destillerie |
10 | Stromness, Franklin, Sturm, eBike gegen den Wind, Rucksack weg, Dwarfie Stane | |
11 | Thetford N3112, Notkühlschrank, Plastikkiste, Kompressor vs. Absorber | |
12 | Deerness, Dunnet Head, Flow Country, Smoo Cave, Handa Island, Scourie | |
13 | Hirsche im Nebel, Kylesku und millionen Jahre alte Urlandschaften | Kylesku Bridge, Rotwild, Geopark, Lochinver, Ardvreck Castle, Stac Pollaidh |
14 | Ceilidh Place, Fähre, Stornoway, Schlager-Opa, Honesty Box, Garry Beach, Bridge to Nowhere | |
15 | Callanish Standing Stones, Lewisian Gneiss, Ausrichtung Sonne/Mond, Eilean Fraoich | |
16 | Black Houses – Leben wie im Mittelalter? Das war noch 1976 so! | Arnol Blackhouse, Gearrannan, Whalebone Arch, Norse Mill, Harris-Tweed-Weber |
17 | Butt of Lews – der nördlichste Punkt und eine unglaubliche Geschichte | Butt of Lewis, Eoropie Beach, Clach an Trushal, Zeitzeugin aus dem Blackhouse |
18 | Mangersta Sea Stacks, Dun Carloway, Ursula, Bosta Beach, Huisinis | |
19 | Kajak Huisinis, Secret Beach, Traigh Mheilein, Highland Cattle | |
20 | Tarbert, Isle of Harris Distillery, Stornoway, Harris Tweed Hebrides, Luskentyre | |
21 | Luskentyre, weißes Pferd, Honesty-Hütte, Kajak Taransay, Machair, Tourismus-Gespräch | |
22 | Golden Road, ein blauer Hase und der letzte Leuchtturm auf den Äußeren Hebriden | Golden Road, MacLeod Stone, Isle of Harris Brewery, St. Clement’s Church Rodel, Eilean Glas |
23 | Skye, ein Fahrrad-Webstuhl und eine Kajaktour zu schwimmenden Kühen | Skye Weavers, Neist Point, Vango, Trotternish Loop, An Corran, Kilt Rock, Staffin Island |
24 | Kilt Rock, Old Man of Storr, Eilean Donan Castle, Morvern, Lochaline | |
25 | Fähre Lochaline-Fishnish, Duart Castle, Clan MacLean, Lady’s Rock, Highland Cattle, Fidden Farm | |
26 | Baile Mòr, St. Columba, Iona Abbey, White Strand of the Monks, Bay at the Back of the Ocean, Iona Nunnery, Knockvologan, Erraid | |
27 | Tobermory, Loch na Keal, Otter, McCaig’s Tower, Oban | |
28 | Pipes & Drums, die durch Mark und Bein gehen – unser Weg nach Glasgow | Oban Parade, St Conan’s Kirk, Kilchurn Castle, Glencoe, Drovers Inn, Glasgow |
29 | Glasgow: Museum, Mackintosh und ein Verkehrshütchen auf dem Kopf des Duke of Wellington | University of Glasgow, Kelvingrove, Mackintosh, Willow Tea Rooms, Street Art, Wellington |
30 | Demnächst: Dunbar und Bass Rock |
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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