Donaudelta – Pelikane, Wildpferde und chillen auf dem Hausboot – Rumänien Roadtrip 08

Die Tage auf dem Hausboot vergehen wie im Flug. Um acht Uhr mit Frühstück geht es los. Um neun sitzen wir in den Booten.

Diesmal 23 Kilometer durch das Delta. Durch große und kleine Kanäle, durch Seen, die sich aus dem Nichts auftun, durch Schilfgürtel, in denen die Motoren rückwärts laufen müssen, damit sie sich nicht zusetzen.

 

Tibi vorne. Wir hinterher. Augen auf.

Die Wildpferde — per Pritsche durch die Steppe

Nach einigen Stunden legen wir an. Festland, irgendwie. Sandig, flach, weit.

eine andere Gruppe hatte weniger Glück mit dem Weg

Wir besuchen zuerst ein kleines Dorf — hier in den entlegensten Ecken des Deltas leben tatsächlich Menschen, Familien, ganze Gemeinschaften, abgeschnitten von der Außenwelt, nur per Boot erreichbar. Dann geht es auf die Ladefläche eines alten Pritschenwagens. Viele Kilometer durch die matschige Steppe, Richtung Ukraine. Hier kommt niemand alleine hin — das Gebiet ist streng geschützt, Wildhüter patrouillieren, ohne Aufsicht kein Zutritt.

Und dann stehen sie da.

Eine Herde Wildpferde. Asiatische Rasse, viel schmaler und leichter als die Pferde, die wir kennen — Tibi erklärt, das ist typisch für diese Rasse, die hier im Delta seit Generationen lebt. Fohlen bei den Stuten. Stattliche Hengste. Und irgendwo am Rand: ein Rangeln, kurzes Aufeinanderprallen zweier Hengste, dann wieder Ruhe.

Sie beäugen uns kaum. Spielen. Grasen. Ziehen irgendwann weiter, ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen.

Wir stehen in der Steppe und schauen zu.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Wildpferde im Donaudelta

Im Bereich der Insel Letea und angrenzender Gebiete lebt eine Herde halbwilder Pferde — Nachfahren von Hauspferden, die seit Generationen ohne menschliche Eingriffe leben. Der Zugang ist streng geregelt: Das Gebiet gehört zur Kernschutzzone des Biosphärenreservats. Besuche sind nur mit Genehmigung und in Begleitung von Rangern möglich. Die Pferde sind nicht zahm, aber an Menschenpräsenz gewöhnt — Abstand halten ist trotzdem Pflicht.

Tag drei: Mehr Kanäle, mehr Vögel

Auch der dritte Tag beginnt mit Booten. Wieder andere Kanäle, wieder andere Vögel. Das Delta hat keine Wiederholung — jeder Kanal ist anders, jeder See ein neues Bild.

Tibi zeigt uns einen Kormoranbaum — ein einzelner Baum, vollständig besetzt von brütenden Kormoranen, schwarz und laut. Dann eine Insel mit Grau- und Purpurreihern, dicht an dicht. Er erklärt, warum die Renaturierung trocken gelegter Flächen dem Delta neue Brutgebiete gebracht hat — was in den Ceaușescu-Jahren an Feuchtgebiet vernichtet wurde, kommt nach und nach zurück.

Die Heimfahrt — Stunden auf dem Oberdeck

Mittags legt das Hausboot ab. Der Schlepper zieht uns den Sulina-Kanal entlang, viele Stunden zurück nach Tulcea.

Wir stehen auf dem Oberdeck, ein Bier in der Hand.

Zu beiden Seiten Schilf, manchmal Seen, manchmal die kleinen Fischerdörfer, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Und über uns: Pelikane im Flug, Seeadler auf toten Weiden, Fischadler, die ins Wasser stoßen. Tibi steht neben uns und zeigt.

Das ist einer der besten Nachmittage unserer gesamten Reise.

🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Der Sulina-Kanal

Der Sulina-Arm ist der einzige für die internationale Schifffahrt freigegebene Arm der Donau. Er wurde begradigt und auf 7,32 Meter Tiefe ausgebaggert — ein erheblicher Eingriff, der den Sedimenttransport und die natürliche Entwicklung des Deltas beeinflusst. Am Ende des Kanals liegt Sulina, die östlichste Stadt Rumäniens — einst bedeutender Handelshafen, heute ein ruhiger Ort mit rund 3.000 Einwohnern, nur per Boot erreichbar.

🌈🚐⛰️ – Tiberiu Tioc — Naturführer im Donaudelta

Tiberiu Tioc ist einer der erfahrensten Ornithologen und Naturführer des Donaudeltas. Er führt Einzelpersonen, Paare, Familien und Kleingruppen — nicht nur im Rahmen von Gruppenreisen, sondern auch individuell buchbar. Wer das Delta auf eigene Faust, aber mit echtem Expertenwissen erkunden möchte, kann Tibi direkt kontaktieren: tiberiu-tioc.ro. Im Rahmen der Donaudelta Tour war Tibi unser Führer bei Burgreisen.

Klick aufs Bild - öffnet Tibis Welt

Was bleibt

Über 100 Vogelarten in drei Tagen. Gezählt, nicht geschätzt.

Tibi wurde einmal gefragt, wie viel man sehen würde, wenn man einfach mit einem gemieteten Boot hineinfährt. Seine Antwort: Schilf. Vielleicht ein paar Möwen.

Das Delta sieht von außen schlicht aus. Weites Schilf, braunes Wasser. Was sich darin verbirgt, erschließt sich nur, wenn man weiß, wo man hinschauen muss. Tibi weiß es. Ohne ihn wären wir mit schönen Schilffotos heimgekommen.

Mit ihm kommen wir mit 30.000 Bildern heim. Und dem Gefühl, etwas Seltenes gesehen zu haben.

Tibi führt auch Einzelpersonen und private Kleingruppen — unabhängig von Gruppenreisen, direkt buchbar, maßgeschneidert. Wer das Delta wirklich erleben will, schreibt ihm eine Nachricht: tiberiu-tioc.ro

Zurück ins Wohnmobil

Am Morgen des vierten Tages regnet es — passend, irgendwie.

Wir holen die Schlüssel, öffnen die Türen, werfen die Taschen rein. Das Hausboot war schön, die Verpflegung war gut, die Erfahrung war großartig. Aber das Wohnmobil ist das echte Zuhause. Man merkt das erst, wenn man ein paar Tage woanders war.

Jetzt geht es weiter: nach Greci, zum Wandern. Dann zu den Schlammvulkanen in der Walachei. Und dann ins Herz Transsilvaniens.


Weiter in Folge 09: Nach Greci zum Wandern, zu den Schlammvulkanen und ins Herz von Transsilvanien

Donaudelta – Reisebericht

Inhaltsverzeichnis:

Donaudelta Roadtrip — alle Folgen:

·      Einleitung: Alles was du vorab wissen musst

·      Folge 01: Oradea – der Traum direkt hinter der Grenze

·      Folge 02: Temeswar – wo Geschichte noch lebt

·      Folge 03: Banat, Eisernes Tor und Kloster Horezu

·      Folge 04: Bären,
Berge und Königsgräber

·      Folge 05: Bukarest –
Ceaușescus Größenwahn hat ein Gesicht

·      Folge 06: Konstanza,
Festung Enisala und der Weg ins Delta

·      Folge 07: Das
Donaudelta – wenn Natur einen sprachlos macht

·      Folge 08: Donaudelta
– Pelikane, Wildpferde und chillen auf dem Hausboot

·      Folge 09: Schlammvulkane,
Gipfelwind und freie Hunde

·      Folge 10: Kirchenburgen,
Klosterruinen und ein unvergesslicher Abend

·      Folge 11: Stille Tage, strickende Frauen und der letzte Deutsche im Dorf
Deutsche im Dorf

Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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