30.000 Bilder in drei Tagen.
436 davon wären es wert, gezeigt zu werden. Das tue ich nicht — das würde euch überfordern. Aber ein paar müssen einfach sein.
Also versuch ich jetzt nur, zu zeigen was passiert ist, als wir drei Tage lang durch das Donaudelta gefahren sind. Mit und und in uns. Denn das Donaudelta macht etwas mit einem.
Ob mir das gelingt, weiß ich nicht. Aber ich versuche es.
Das Delta beginnt, wo die Donau aufhört
Die Donau ist fast 2.900 Kilometer lang. Sie beginnt im Schwarzwald und endet — hier.
Bei Tulcea teilt sie sich in drei große Arme: den Kiliaarm an der ukrainischen Grenze, den Sulina-Arm, der geradewegs ins Schwarze Meer führt, und den Sfântu-Gheorghe-Arm im Süden. Dazwischen liegt ein Labyrinth aus Tausenden von Kanälen, Seen, Sümpfen und Schilfgürteln — fast 6.000 Quadratkilometer, fast doppelt so groß wie das Saarland.
Diese Bücher begleiten uns:
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🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Das Donaudelta
Das Donaudelta ist das zweitgrößte Flussdelta Europas nach der Wolga. Es umfasst 5.800 km², davon 82,5% auf rumänischer Seite. Seit 1991 UNESCO-Weltnaturerbe, seit 1990 UNESCO-Biosphärenreservat. Die Donau teilt sich bei Tulcea in drei Arme: Chilia (Grenze zur Ukraine), Sulina (für internationale Schifffahrt ausgebaggert) und Sfântu Gheorghe. Für den Besuch streng geschützter Kernzonen ist ein Biosphärenreservatsausweis erforderlich, erhältlich in Tulcea. Beste Reisezeit für Vögel: Mai bis August.
Wer hier lebt — und wer schon längst weg ist
Rund 15.000 Menschen leben im rumänischen Teil des Deltas. Die Zahl ist seit Jahrzehnten rückläufig — von etwa 22.000 in den 1970er Jahren auf heute unter 15.000. Die Jungen gehen, die Alten bleiben. Arbeitslosenquoten von 30 bis 40 Prozent sind keine Ausnahme.
Die prägendste Gruppe sind die Lipowaner — russischsprachige Altgläubige, die im 18. Jahrhundert vor religiöser Verfolgung im Zarenreich flohen und sich in den unzugänglichen Sümpfen des Deltas niederließen. Eine der strategisch klügsten Entscheidungen der Geschichte: Wo niemand hinwollte, ließ man sie in Ruhe. Heute leben sie in Dörfern wie Mila 23, Crișan oder Sulina, sprechen noch immer eine altertümliche Form des Russischen, fahren mit Booten zur Kirche und fischen seit Generationen dieselben Gewässer.
Die traditionellen Fischergemeinden sind unter Druck. Lizenzen, Fangquoten, Schutzgebiete haben die alte Lebensweise verändert. Viele Familien bieten heute Gästezimmer an und führen Touristen durchs Delta. Das ist nötig — und es birgt ein Problem.
🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Tourismus im Delta — Fluch und Segen
Seit die staatliche Regulierung der Fischerei das Leben im Delta erschwert, setzt die Bevölkerung zunehmend auf Tourismus. In der Hochsaison pflügen nach Schätzungen pro Tag über 1.000 Boote durch die Kanäle — Schnellboote, die Pelikane aufscheuchen, Nistplätze stören, Ufer erodieren. Hotels und Gästehäuser entstehen in Deltadörfern wie Sfântu Gheorghe, das sogar ein Vier-Sterne-Resort hat. Ein Filmfestival lockt jedes Jahr Besucher an. Wer das Delta wirklich erleben will — und nicht zerstören — braucht langsame Boote, kleine Gruppen und einen Führer, der weiß, wo die Grenzen sind.
Tibi ist Ornithologe, Naturfilmer und Naturführer — einer der bekanntesten seiner Art im Delta. Filmteams von ZDF Terra X und großen europäischen Naturfilmprojekten haben schon mit ihm gearbeitet. Er kennt jeden Kanal, jeden Nistplatz, jeden Jahreszyklus. Er erkennt Vögel auf eine Entfernung, bei der wir noch das Fernglas suchen. Manchmal hört er einen Vogel — und weiß schon vor dem Fernglas, welche Art es ist.
Aber Tibi erklärt nicht nur Arten. Er erklärt, wie das alles zusammenhängt. Wie die Renaturierung der trocken gelegten Flächen dem Delta neue Brutvögel gebracht hat. Warum es auf bestimmten Inseln mehr Vögel gibt als auf anderen. Wie Eiskalte Winter und brütend heiße Sommer die Tierwelt des Deltas formen. Wie die Natur hier funktioniert — als System, nicht als Kulisse.
Wer das Delta wirklich sehen will, braucht jemanden wie Tibi.
🌈🚐⛰️ – Tiberiu Tioc — Naturführer im Donaudelta
Tiberiu Tioc ist einer der erfahrensten Ornithologen und Naturführer des Donaudeltas. Er führt Einzelpersonen, Paare, Familien und Kleingruppen — nicht nur im Rahmen von Gruppenreisen, sondern auch individuell buchbar. Wer das Delta auf eigene Faust, aber mit echtem Expertenwissen erkunden möchte, kann Tibi direkt kontaktieren: tiberiu-tioc.ro. Im Rahmen der Donaudelta Tour war Tibi unser Führer bei Burgreisen.
Das Hausboot
Von Tulcea zieht ein Schlepper unser Hausboot ins Delta. Viele Stunden fahren wir, dann legt der Kapitän das Boot seitlich zwischen Bäumen fest — mitten im Delta, kein Steg, kein Hafen, kein Weg. Drei Nächte bleibt das Boot an Ort und Stelle. Wir fahren jeden Tag mit kleinen Motorbooten hinaus — sechs Personen pro Boot, Tibi vorne.
Die Kabinen sind klein. Das Oberdeck ist groß. Die Versorgung war hervorragend — auch für mich als Vegetarier gab es jeden Abend etwas richtig Leckeres. Die Mannschaft gibt sich große Mühe und erfüllt uns fast jeden Wunsch.
Um 23 Uhr geht der Generator aus, damit es ruhig wird – wir schlafen himmlisch, es schaukelt fast nicht.
Strom aus: Alles vorher laden.
Und abends: Mücken, sobald es dunkel wird und wenig Wind ist. Wir flüchteten früh nach drinnen. Tibi hatte ein Gerät dabei, das Fledermäuse hörbar machte — ein leises Klicken und Piepen, das zeigte, wie viele dieser schnellen Jäger draußen durch die Nacht flogen. Die freuten sich über die Mücken. Wir hatten weniger Freude daran, aber immerhin: wir wären nicht auf die Idee gekommen, nachts rauszugehen.
Der erste Nachmittag: 75 Vogelarten
Noch am ersten Nachmittag steigen wir in die kleinen Motorboote. Durch Kanäle, die so eng sind, dass die Schilfhalme die Seiten streifen.
Und dann öffnet sich ein See.
Tibi zeigt uns die Bruthöhlen der Eisvögel im Steilufer — kleine runde Löcher, sorgfältig gegraben, unscheinbar. Die Bäume, in denen Kormorane in Kolonien brüten. Die flachen Inseln mit den Pelikannestern. Und dann, auf einem Ast, ein Pirol — und keine fünf Meter dahinter ein Kuckuck, der offensichtlich vorhatte, dem Pirol ein Ei ins Nest zu legen. Der Pirol jagte ihn weg. Tibi war begeistert. Er hatte die Situation sofort verstanden und auch den Pirol erkannt. Ich brauchte einen Computer und viel Zeit, um das Geschehen auf dem Bildschirm zu erkennen und zu verstehen.
Tibi ist schon außergewöhnlich!
Die Vögel
Der Krauskopfpelikan ist der Star des Deltas. Größte Brutkolonie Europas, hier. Spannweite bis zu 3,5 Meter. Im Flug wirken sie träge und majestätisch zugleich. Nach dem zweiten Tag konnten wir Krauskopf- und Rosapelikan auf Entfernung unterscheiden.
Der Eisvogel sitzt auf einem Ast über dem Wasser — so blau, dass man denkt, man hat sich das eingebildet. Dann: ein Blitz, weg. Tibi weiß, an welchem Ufer man warten muss.
Die Bienenfresser nisten in Steilwänden — kleine runde Löcher. Die Tiere selbst: grün, gelb, orange, blau. Tibi zeigt uns, wo man sie findet.
Der Seeadler auf einer toten Weide. Keine zehn Meter entfernt. Er schaut uns an. Dann breitet er die Flügel aus — die Spannweite ist unfassbar — und fliegt davon.
Der Ibis — brauner Sichler, genau genommen — in einer Gruppe am Ufer. Eine Art, die man anderswo in Europa kaum noch sieht.
🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen: Die zwei Pelikanarten des Donaudeltas
Im Donaudelta brüten zwei Pelikanarten. Der Krauskopfpelikan (Pelecanus crispus) ist die seltenere und größere Art: weißes Gefieder, lockige Kopffedern, schwarze Schwungfedern, keine rosa Färbung. Spannweite bis 3,5 Meter. Das Delta beherbergt 70% des weltweiten Bestandes dieser Art. Der Rosapelikan (Pelecanus onocrotalus) ist häufiger, etwas kleiner und hat — besonders im Brutkleid — einen deutlichen rosa Schimmer. Die Schwungfedern sind schwarz-weiß gezeichnet. Beide Arten sind Koloniebrüter und fischen oft gemeinsam in koordinierten Gruppen.
🌈🚐⛰️ – Gut zu wissen:
Die Vögel, die wir sahen und hörten
Adlerbussard, Baumfalke, Beutelmeise, Bienenfresser, Blauracke, Buchfink, Buntspecht, Bussard, Dorngrasmücke, Drosselrohrsänger, Eisvogel, Flussseeschwalbe, Goldammer, Graureiher, Grünfink, Grünspecht, Heidelerche, Ibis (Sichler), Kiebitz, Kormoran, Krauskopfpelikan, Kuckuck, Löffelreiher, Löffler, Nachtreiher, Nebelkrähe, Neuntöter, Pirol, Purpurreiher, Rallenreiher, Rauchschwalbe, Rohrweihe, Rosapelikan, Rotfußfalke, Schafstelze, Schwarzkehlchen, Schwarzspecht, Seeadler, Seidenreiher, Spatz, Storch, Tafelente, Trauerseeschwalbe, Turmfalke, Wacholderdrossel, Wiedehopf, Wiesenweihe — und einige mehr, die Tibi erkannte, bevor wir das Fernglas oben hatten.
Weiter in Teil 8: Die Wildpferde auf der Insel Letea, die lange Heimfahrt auf dem Oberdeck — und warum wir froh waren, abends wieder ins Wohnmobil zu steigen.
Donaudelta – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
Donaudelta Roadtrip — alle Folgen:
· Einleitung: Alles was du vorab wissen musst
· Folge 01: Oradea – der Traum direkt hinter der Grenze
· Folge 02: Temeswar – wo Geschichte noch lebt
· Folge 03: Banat, Eisernes Tor und Kloster Horezu
· Folge 04: Bären,
Berge und Königsgräber
· Folge 05: Bukarest –
Ceaușescus Größenwahn hat ein Gesicht
· Folge 06: Konstanza,
Festung Enisala und der Weg ins Delta
· Folge 07: Das
Donaudelta – wenn Natur einen sprachlos macht
· Folge 08: Donaudelta
– Pelikane, Wildpferde und chillen auf dem Hausboot
· Folge 09: Schlammvulkane,
Gipfelwind und freie Hunde
· Folge 10: Kirchenburgen,
Klosterruinen und ein unvergesslicher Abend
· Folge 11: Stille Tage, strickende Frauen und der letzte Deutsche im Dorf
Deutsche im Dorf
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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