Der letzte Tag vor der Heimreise. Heute Abend geht es auf die Fähre nach Liepāja. Aber zuerst noch ein Abstecher nach Klaipėda – und dann Ulrike und Wolfgangs Geheimtipp.
Klaipėda – kurz und mit gemischten Gefühlen
Eigentlich haben wir nur ein Ziel in Klaipėda: den Simon-Dach-Brunnen. Nadja kennt das Lied. Sie kann es sogar singen.
„Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt, sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.“
Der Brunnen auf dem Theaterplatz im Herzen der Altstadt ist das Wahrzeichen der Stadt. Oben auf dem Sockel steht eine bronzene Mädchenfigur, barfuß – das Ännchen von Tharau. Darunter ein Medaillon mit dem Gesicht von Simon Dach, dem Dichter, der in Memel, dem heutigen Klaipėda, geboren wurde.
Gut zu wissen: Ännchen von Tharau und Simon Dach
Simon Dach wurde 1605 in Memel, dem heutigen Klaipėda, geboren. 1636 schrieb er zur Hochzeit seiner Freundin Anna Neander – der Pfarrerstochter aus Tharau in Ostpreußen – ein Gedicht in samländischem Niederdeutsch: „Anke van Tharaw“. Es war ursprünglich ein Gelegenheitsgedicht für eine Hochzeitsfeier. Johann Gottfried Herder übersetzte es 1778 ins Hochdeutsche, Friedrich Silcher vertonte es 1827 für Männerchor – und so wurde aus einem schlichten Hochzeitsgedicht eines der bekanntesten deutschen Volkslieder, das Gesangsvereine bis weit ins 20. Jahrhundert sangen. Der Brunnen auf dem Theaterplatz wurde 1912 aus Spendengeldern errichtet, im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1989 mit deutschen Spenden originalgetreu wiederaufgebaut.
Vielleicht wäre unser Eindruck ein anderer gewesen, wenn wir zu Beginn der Reise hier gewesen wären. So bleiben wir für einen ausgedehnten Spaziergang – und fahren weiter.
Das Naturschutzgebiet Pape – der Geheimtipp trifft ins Schwarze
Ulrike und Wolfgang hatten recht.
Das Naturschutzgebiet Pape liegt rund 20 Kilometer südlich von Liepāja, direkt an der Ostseeküste. Wir übernachten direkt am Eingang des Reservats, in der Hoffnung, am nächsten Morgen früh eine Führung mitmachen zu können.
In der Nacht werde ich wach. Ich schaue durchs Fenster. Direkt neben dem Wohnmobil stehen Kraniche auf der Wiese und balzen. Die Sonne ist gerade aufgegangen. Herrlich.
Der Holländer mit den leuchtenden Augen
Nach dem Frühstück kommt er. Mit seinem Sohn. Ein Holländer – Naturschützer, Biologe, der Mann hinter diesem Reservat. Er begrüßt uns, kassiert den Eintritt, und schon nach den ersten Sätzen wissen wir: für diesen Mann zahlen wir gerne.
Mit leuchtenden Augen erzählt er von den Anfängen. Nach dem Abzug der Sowjets lagen die Ländereien rund um den Pape-See jahrelang brach. Die Natur begann sich zu verändern: neue Wälder wuchsen zu, die offenen Wiesenflächen verschwanden, die Seen verlandeten. Was fehlte, waren die großen Pflanzenfresser, die diese Landschaft Jahrtausende lang in Bewegung gehalten hatten.
Diese Bücher begleiten uns:
Reiseführer
Bruckmann
Baltikum mit dem Wohnmobil: Die schönsten Routen...
17,99 EUR
Seine Idee: die Natur sich selbst überlassen – und ihr dabei helfen, indem man zurückbringt, was einmal da war. Wildpferde. Auerochsen. 1999 kamen die ersten Konik-Pferde, 2004 die ersten Heckrinder. Heute leben hier Herden, die sich vollständig selbst versorgen. Kein Futter, keine tierärztliche Betreuung, keine menschliche Einmischung.
Und die Natur kehrt zurück. Es gibt wieder Füchse, Schakale, Wölfe. Sogar ein Bär wurde schon gesichtet.
Er führt uns direkt in die Herden hinein.
Gut zu wissen: Konik-Pferde – die Wildpferde von Pape
Die Konik-Pferde sind eine polnische Pferderasse, die als enger Verwandter des ausgestorbenen Tarpans gilt – des ursprünglichen europäischen Wildpferdes. Sie sind klein, robust und anspruchslos: graubraunes Fell, dunkelbrauner Aalstrich entlang des Rückens, kurze dunkle Mähne. Im Naturschutzgebiet Pape leben sie das ganze Jahr draußen, ohne Fütterung oder menschliche Betreuung. Sie fressen Gras, Schilf, Äste und Baumrinde – und halten dabei die offene Wiesenlandschaft am Pape-See in Balance. Stuten fohlen im Frühjahr. Die Herde ist auf sich allein gestellt und entsprechend scheu – aber in der Gruppe fühlen sie sich sicher genug, um Besuchern zu erlauben, nah heranzukommen.
Hengste kämpfen, Stuten ruhen
Die Hengste kämpfen um die Führung. Da wird gebissen, gestoßen, gerammt. Zwei stehen auf den Hinterbeinen und schlagen aufeinander ein – ein Bild von wilder Kraft, das man so schnell nicht vergisst.
Die Stuten mit ihren Fohlen liegen faul beieinander in der Sonne. Einige ältere Jungtiere dösen daneben. Allen gemeinsam ist der dunkle Streifen, der sich vom Nacken bis zur Schwanzwurzel zieht – das Erkennungszeichen dieser ursprünglichen Rasse.
Und dann die Heckrinder. Groß, dunkelbraun, mit weit ausladenden Hörnern. Sie stehen in der gleißenden Abendsonne, umgeben von einer Wolke von Insekten, und schauen uns ruhig an.
Gut zu wissen: Aucherochsen? Heckrinder – Rückzüchtung des Auerochsen
Der Auerochse, der Urahn aller Hausrinder, starb 1627 in Polen aus. In den 1920er und 1930er Jahren versuchten die Brüder Heinz und Lutz Heck, ihn durch gezielte Rückzüchtung aus Hausrinderrassen zu rekonstruieren. Das Ergebnis – die Heckrinder – ist kein echter Auerochse, aber ein großes, robustes Tier, das ökologisch eine ähnliche Rolle spielt: Es hält Landschaften offen, verhindert Verbuschung und schafft Lebensraum für andere Arten. Im Naturschutzgebiet Pape wurden Heckrinder 2004 angesiedelt. Heute leben sie dort ganzjährig draußen und kommen vollständig ohne menschliche Eingriffe aus.
Was hier entstanden ist
Unser Führer kämpft täglich für dieses Reservat. Gegen Bürokratie, gegen Missverständnisse, gegen das Unverständnis mancher Nachbarn. Und er gewinnt – Stück für Stück, Tier für Tier, Wiese für Wiese.
Was hier entstanden ist, ist mehr als ein Naturschutzgebiet. Es ist ein Beweis dafür, dass die Natur weiß, was sie tut – wenn man sie lässt.
Gut zu wissen: Naturschutzgebiet Pape
Das Naturschutzgebiet Pape liegt rund 20 Kilometer südlich von Liepāja im südwestlichen Lettland und umfasst rund 57 Quadratkilometer Feuchtgebiete, Dünen, Wälder und Moorlandschaften rund um den flachen, lagunenartigen Pape-See. Seit 1999 leben dort Konik-Pferde, seit 2004 Heckrinder und später auch Wisente – allesamt ohne menschliche Versorgung. Der Herbst bringt rund 50.000 Zugvögel in das Gebiet. Die Führungen zu den Tierherden sind nur mit einem Guide möglich und sollten vorab angemeldet werden. Kontakt und Informationen unter pdf-pape.lv.
Unser Stellplatz:
Vor dem Informationshäuschen, direkt am Nationalpark auf dem Parkplatz lässt es sich ruhig übernachten.
Aufgepasst, es gibt zwei Straßen hierher. Die eine ist gut, die andere ist besser. Beides Schotterpisten. Problemlos zu befahren.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Google Maps. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenBaltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
Baltikum Roadtrip -Alles was du wissen musst
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05 Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
*Die hier verwendeten Links sind Provisions-Links, auch Affiliate-Links genannt. Wenn Sie auf einen solchen Link klicken und auf der Zielseite etwas kaufen, bekommen wir vom betreffenden Anbieter oder Online-Shop i.d.R. eine Vermittlerprovision. Es entstehen für Sie keine Nachteile beim Kauf oder Preis.
Entdecke mehr von Womo.blog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.