Immer wenn bei Terra X die Kurische Nehrung zu sehen war, haben wir geträumt. Eine schmale Landzunge zwischen Ostsee und Haff, Wanderdünen, endlose Strände, kleine Fischerdörfer. Schon seit Jahren war klar: wenn wir ins Baltikum fahren, dann wegen dieser Nehrung. Sie war der eigentliche Grund für die ganze Reise.
Und jetzt stehen wir davor.
Gut zu wissen: Anreise und Gebühren
Die Kurische Nehrung ist nur per Fähre erreichbar. Die Autofähre legt vom neuen Fährterminal in Klaipėda (Nemuno g. 8, südlich der Innenstadt) ab und überquert das Memeltief in wenigen Minuten. Das Ticket gilt für Hin- und Rückfahrt und wird nur bei der Hinfahrt bezahlt – für ein Wohnmobil über 3,5 Tonnen rund 42 Euro (Stand 2023). An der Einfahrt zum Nationalpark wird eine einmalige Eintrittsgebühr fällig – unabhängig davon, wie viele Tage man bleibt. In der Hauptsaison beträgt sie für ein Wohnmobil rund 30 Euro. Die Nehrung ist über eine einzige Hauptstraße erschlossen, die von Klaipėda im Norden bis zur russischen Grenze im Süden führt.
Was ist die Kurische Nehrung?
Ein Sandstreifen. Knapp 100 Kilometer lang, an manchen Stellen keine 400 Meter breit. Auf der einen Seite die offene Ostsee, auf der anderen das ruhige Kurische Haff. Die Landzunge gehört heute zu gleichen Teilen Litauen und Russland – 52 Kilometer litauisch, 46 Kilometer russisch. Die Grenze verläuft mitten durch die Dünen.
Seit dem Jahr 2000 steht die Kurische Nehrung auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste.
Gut zu wissen: Entstehung der Kurischen Nehrung
Geologisch ist die Nehrung etwa 5.000 Jahre alt – nach der letzten Eiszeit formten Meeresströmungen und Westwinde Sand zu einer immer länger werdenden Landzunge. Die litauische Sage erklärt es schöner: Die Riesin Neringa schüttete in ihrer Schürze gewaltige Mengen Sand ins Meer, um die Fischer vor dem Meeresgott Bangputis zu schützen. So entstand das Haff – und die Nehrung als Schutzwall davor.
Im Mittelalter war die Nehrung dicht bewaldet. Ab dem 16. Jahrhundert rodeten die Bewohner die Wälder – mit fatalen Folgen. Die Dünen begannen zu wandern und begruben mehr als ein Dutzend Dörfer unter sich. Erst im 19. Jahrhundert gelang es dem Düneninspektor Wilhelm Franz Epha, die Dünen durch Aufforstung zu stabilisieren. Heute ist die Nehrung wieder bewaldet – aber die aktiven Wanderdünen bei Nida erinnern daran, was passieren kann, wenn der Mensch eingreift.
So nah an Russland
Unser Campingplatz liegt am südlichen Ende der litauischen Nehrung – und damit fast schon an der russischen Grenze. Kaliningrad beginnt wenige Kilometer hinter dem Zaun. Wer früher hier stand, konnte auf der einzigen Straße einfach weiterfahren: über die Nehrung durch Russland und auf der anderen Seite nach Polen hinaus. Eine fantastische Route, die Reisende durch drei Länder und eine der schönsten Landschaften Europas geführt hat.
Das ist vorbei.
Die Grenze ist geschlossen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine ist dieser Übergang für Westeuropäer nicht mehr passierbar. Die Straße hört einfach auf. Dahinter: Russland.
Abends, wenn wir am Strand stehen und nach Süden schauen, ist da dieses Gefühl. Beklemmend, schwer zu beschreiben. Die Nehrung ist dieselbe, der Sand ist derselbe, die Dünen sind dieselben – und doch endet hier etwas. Eine Grenze mitten durch eine der schönsten Landschaften Europas. Gezogen von einem Krieg, der weit weg scheint – und hier, an diesem Zaun, ganz nah ist.
Ein praktischer Hinweis für alle, die hier übernachten: Das Handy unbedingt im Auge behalten. Die russischen Mobilfunkmasten stehen nah genug, dass sich das Gerät automatisch ins russische Netz einloggen kann. Das kann sehr, sehr teuer werden. Am besten Roaming ausschalten oder den Flugmodus aktivieren, solange man auf dem Campingplatz steht.
Unser Stellplatz:
Es gibt mehrere Campingplätze auf der kurischen Nehrung, wir wählen den direkt bei Nidos
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Mehr Informationen
Der Campingplatz – und die Düne dahinter
Unser Campingplatz liegt ideal: auf einer Seite der Kiefernwald, der uns vom Ort trennt, auf der anderen die Ostsee. Und direkt hinter dem Platz beginnt die Parnidis-Düne.
Keine fünf Minuten zu Fuß, und man steht in einer anderen Welt. Auf dem Dünenkamm stehen Skulpturen und Kunstwerke, die in den Sand gesetzt wurden: eine bronzene Figur, die sich gegen den Wind lehnt und in die Weite blickt, als könnte sie nicht fassen, was sie sieht. Dahinter: Sand, Horizont, das Haff auf der einen Seite, die Ostsee auf der anderen. Wir stehen dort jeden Abend.
Gut zu wissen: Wanderdünen
Die Parnidis-Düne bei Nida gehört zu den größten Wanderdünen Europas. Thomas Mann nannte sie die „Sahara des Nordens“. Die Dünen wandern durch den Wind langsam landeinwärts – bis zu einem Meter pro Jahr. Was im Weg steht, wird verschluckt: Häuser, Dörfer, Wälder. Am Rand der Dünen ragen die toten Wipfel versunkener Kiefern aus dem Sand. Im Nationalpark sind die Dünen nur auf ausgewiesenen Wegen und Bohlenpfaden zugänglich. Das Betreten des freien Sandes abseits der Wege ist verboten.
Die Toten Dünen – Negyvosios kopos
Am nächsten Tag fahren wir mit den Rädern zu den Negyvosios kopos – den Toten Dünen. Eine wunderschöne Radtour durch Kiefernwald, immer leicht auf und ab, die Landschaft immer wilder werdend. Der Besuch der Dünen kostet Eintritt – die aktuellen Preise bitte vor Ort erfragen oder vorab auf der Website des Nationalparks prüfen.
Gut zu wissen: Negyvosios kopos – Die Toten Dünen
Die Toten Dünen liegen zwischen den Orten Pervalka und Juodkrantė und gelten als die längsten Wanderdünen Litauens. Vom 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert wanderte der Sand so schnell, dass er vier Dörfer vollständig verschüttete – darunter Nagliai. Am höchsten Punkt der Düne befindet sich eine kleine Aussichtsplattform mit Blick auf Haff und Ostsee gleichzeitig. Das Gebiet ist ein streng geschütztes Naturreservat, der Besuch kostet Eintritt. Aktuelle Preise am Parkplatz oder unter nerija.lt.
Und dann stehen wir dort. Es ist etwas anderes als die Parnidis-Düne. Hier ist alles weiter, stiller, wilder. Zwischen 1675 und dem frühen 20. Jahrhundert hat der Sand hier vier Dörfer vollständig begraben. Wer auf dem höchsten Punkt steht, steht buchstäblich über einer versunkenen Welt. Ein Bohlenweg führt durch das Dünengelände – dann hört er auf, und man läuft barfuß durch warmen, feinen Sand.
Fahrräder raus – Nida und Neringa entdecken
Wir nehmen die Räder und fahren durch Nida. Ein kleiner, gepflegter Ort direkt am Haff – mit einer langen Strandpromenade, alten Fischernetzen, die dekorativ aufgehängt sind, kleinen Cafés und Läden. Die Häuser sind rotbraun oder tiefblau gestrichen, die Dächer aus Schilf gedeckt, die Vorgärten voller Hortensien und Rosen. Vor vielen Häusern stehen hohe Holzmasten mit bunten, aufwändig geschnitzten Fahnen, die im Wind drehen und klappern.
Von Nida aus fahren wir weiter nach Neringa – an wunderschönen Häusern vorbei, mal rotbraun, mal leuchtend blau, immer mit weißen Ornamenten, Gärten voller Farbe, Wimpel vor den Türen. Die Straße führt durch Kiefernwald, dann wieder an offene Stellen mit Blick auf das Haff. Es ist eine der schönsten Radtouren, die wir je gemacht haben.
Diese Bücher begleiten uns:
Reiseführer
Bruckmann
Baltikum mit dem Wohnmobil: Die schönsten Routen...
17,99 EUR
Die Fahnen heißen Kurenwimpel. Sie hingen früher an den Mastenspitzen der Fischerboote auf dem Haff. Jeder Wimpel war anders – nicht zur Dekoration, sondern als Kennzeichen. 1844 erließ die preußische Regierung in Königsberg eine Fischereiordnung: Jedes Boot musste seinen Heimathafen anzeigen. Jeder Ort bekam seine eigene Farb- und Zeichenkombination. Die Fischer der Kurischen Nehrung fuhren in Schwarz-Weiß. Auf dem östlichen Haffufer in Rot-Weiß. Im Süden in Blau-Gelb. Mit der Zeit begannen die Fischer, ihre Wimpel aufwändig zu schnitzen und zu bemalen – Boote, Häuser, Fische, Familienzeichen, Symbole für Kinder und Stand.
Gut zu wissen: Kurenwimpel
Die Kurenwimpel entstanden aus einer preußischen Fischereiverordnung von 1844: Alle Boote auf dem Kurischen Haff mussten einen Wimpel in den Farben ihres Heimathafens führen. Mit der Zeit wurden die Wimpel zu aufwändiger Volkskunst – handgeschnitzt, bemalt, mit Symbolen für Familie, Glaube und Herkunft. Die Nehrungsorte fuhren in Schwarz-Weiß. Die Farben der Häuser haben ebenfalls eine Bedeutung: Braun steht für die Erde, Blau für Himmel und Wasser, Weiß für Wolken und Schaumkronen. Heute sind die Kurenwimpel auf der Strandpromenade in Nida ausgestellt – ein Gang daran entlang ist wie eine Reise durch die Haffdörfer vergangener Jahrhunderte.
1929 kam Thomas Mann zum ersten Mal auf die Nehrung – eigentlich nur für einen kurzen Besuch. Er war so überwältigt, dass er sofort den Auftrag zum Bau eines Sommerhauses gab. Von 1930 bis 1932 verbrachte er drei Sommer hier mit seiner Frau Katia und den Kindern. Morgens arbeitete er – hier entstanden Teile der Tetralogie „Joseph und seine Brüder“. Nachmittags ging er mit den Kindern ans Meer. Er war glücklich hier.
Das Haus überstand den Krieg nur knapp. Es wurde von der Wehrmacht genutzt, verwüstet, nach dem Krieg als Arbeiterwohnheim hergerichtet und sollte in der Sowjetzeit abgerissen werden. Ein litauischer Schriftsteller verhinderte das – aus Respekt vor einem Deutschen, den die Litauer längst als ihren eigenen betrachtet hatten. Seit 1996 ist es ein deutsch-litauisches Kulturzentrum
Was uns dabei beeindruckt: Die Menschen hier sind stolz auf ihren Thomas Mann. Nicht auf den deutschen – auf ihren. Auf den Mann, der diese Landschaft liebte, der sie in Deutschland berühmt machte, der hier schrieb und badete und mit seinen Kindern am Meer saß. Für die Litauer ist er Teil ihrer Identität. Das spürt man im Haus, im Museum, in der Art, wie die Menschen hier über ihn sprechen.
Gut zu wissen: Thomas-Mann-Kulturzentrum Nida
Das Thomas-Mann-Haus in Nida ist heute ein Museum und Kulturzentrum, das litauisch-deutschen Austausch fördert. Das Haus wurde nach dem Krieg originalgetreu wiederaufgebaut – nach erhaltenen Architektenunterlagen und den Erinnerungen von Manns Tochter Elisabeth. Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Terrasse sind wiederhergestellt. Die Ausstellung ist dreisprachig. Jeden Sommer findet hier ein Thomas-Mann-Festival statt.
Essen in Nida
Wir sitzen draußen in der Sonne, vor einem der schönen alten Gasthäuser in Nida, direkt am Wasser. Die Küche ist deftig, ehrlich und gut – und überrascht uns immer wieder. Die Cepelinai, Litauens Nationalklöße, sind so groß wie ihre Namensgeber und kommen gefüllt mit Fleisch oder Quark, übergossen mit saurer Sahne und goldbraunen Speckwürfeln – eine Mahlzeit, nach der man nicht mehr viel braucht. Dazu geräucherter Fisch direkt vom Haff, frisches Schwarzbrot mit Kümmel, das man hier mit allem isst, und zum Abschluss eine kalte Rote-Bete-Suppe, die in der Hitze des Sommers genau das Richtige ist. Man isst hier, wie die Gegend ist: ursprünglich, ohne Schnörkel und mit echtem Charakter.
Gut zu wissen: Bernstein
Die Kurische Nehrung liegt an der sogenannten Bernsteinküste. Bernstein ist versteinertes Baumharz, meist 40 bis 50 Millionen Jahre alt. An den Stränden wird er nach Stürmen angespült. In den Läden von Nida ist Bernstein in allen Formen erhältlich: roh, poliert, in Silber gefasst. Die Qualität ist gut, die Preise ehrlich.
Der Abend am Meer
Abends gehen wir beide ans Meer. Textilstrand und FKK-Strand liegen hier ganz selbstverständlich nebeneinander – kein Zaun, kein Schild, einfach ein fließender Übergang.
Nur ich traue mich ins Wasser. Nadja lacht herzhaft, weil ich lange brauche, um mich ins nicht allzu warme Wasser zu trauen – aber irgendwann schwimme ich dann doch.
Nur ich traue mich ins Wasser. Nadja lacht herzhaft, weil ich lange brauche, um mich ins nicht allzu warme Wasser zu trauen – aber irgendwann schwimme ich dann doch.
Danach suchen wir Steine und Muscheln. Das machen wir bei jedem Urlaub, und jedes Mal wandert eine neue Sammlung ins Wohnmobil. Nadja hat über die Jahre eine ganze Kollektion schöner Steine aus ganz Europa zusammengetragen. Die Steine der Kurischen Nehrung kommen nun dazu.
Baltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
Baltikum Roadtrip -Alles was du wissen musst
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05 Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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Ein Kommentar
Lese mit Begeisterung Ihre Reiseberichte, vor allem auch jetzt über das Baltikum. Leider habe ich es bisher nicht geschafft, ir ein Wohnmobil zuzulegen, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben.
Im letzten Jahr war mit mit einem Aachener Chor mit stoischer Chorleiterin auf dem großen Sängerfest und danach sind wir noch einige Tage in Estland gewesen und habe einige Orte besucht. Ich hoffe, unser Chor wird in 3 Jahren wieder zugelassen (dieses Mal nicht 5 Jahre Abstand wegen der Corona bedingten Verschiebungen). Dann werde ich zumindest ein Auto leihen udn noch 2 Wochen dort bleiben. Leider nichts gegen eine solche Rundfahrt mit dem Womo, aber es wird trotzdem wunderschön und bereichernd. Da bin ich sicher.
Danke für das Teilen der Reisen!
Brigitte