Der Park und der Fluss
Der Nationalpark Gauja ist der größte und älteste Nationalpark Lettlands. Die Gauja hat im Altertum den einheimischen Stämmen der Liven und Lettgallen als Handelsweg gedient. Der historische Begriff „Livländische Schweiz“ beschreibt diese von gelbroten Sandsteinfelsen geprägte Naturlandschaft noch immer sehr treffend.
Der Fluss schlängelt sich auf dem Territorium des Nationalparks in 98 größeren und kleineren Windungen durch das Tal. An seinen Ufern nisten Eisvögel, Uferschwalben, Fischreiher und sogar der seltene Schreiadler. In den Wäldern sind Elche, Hirsche, Luchse und Wölfe heimisch – und die Gauja ist eines der wenigen verbliebenen Habitate für Ottern in Europa.
Auf dem Territorium des Nationalparks befinden sich mehr als 500 Kultur- und Geschichtsdenkmäler – Burgberge, Mauerburgen, Landgüter, Mühlen. Hier erheben sich an den Ufern der Gauja 19 alte Burgberge, 6 mittelalterliche Burgen und drei historische Städte.
Gut zu wissen: Was man im Gauja Nationalpark tun kann
Die beliebteste Kajakstrecke führt von Cēsis bis Sigulda – rund 45 Kilometer, auch an einem langen Tag nur für geübte gut zu paddeln. Wer weniger Zeit hat, wählt kürzere Abschnitte oder plant eine Übernachtung ein. Daneben gibt es ausgedehnte Radrouten durch die Wälder, Wanderpfade entlang der Sandsteinfelsen, und bei Sigulda sogar eine Sommerrodelbahn, eine Seilbahn über das Flusstal und einen Bungee-Sprung aus eben dieser Seilbahn – 43 Meter über der Gauja. Für alle, die es ruhiger mögen, gibt es Tierbeobachtungspfade und geführte Wanderungen. Der Park ist von Riga aus in rund einer Stunde erreichbar.
Unser Stellplatz:
Camping Žagarkalns in Cēsis
Wir übernachteten auf dem Camping Žagarkalns direkt an der Gauja – ein großzügiger, unparzellierter Platz direkt am Wasser, mit allem was man braucht: guter Ver- und Entsorgung, einer modernen Anlage und einem tollen Imbiss direkt am Platz mit hervorragenden Gerichten, auch vegetarisch. Der Platz liegt ruhig, das Wasser ist nah, und Boote können direkt vor Ort gemietet werden.
Wir verbrachten drei Tage hier. Radtouren durch die Wälder, in die Stadt und zur Burg. Und einen ganzen Tag auf dem Wasser.
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Mehr InformationenAuf der Gauja
Die Leute vom Campingplatz organisierten alles: Wir starteten morgens mit den Kajaks am Ufer, paddelten den ganzen Tag die Gauja hinunter – durch stille Abschnitte mit hohen Bäumen zu beiden Seiten, an rötlichen Sandsteinfelsen vorbei, über kurze Stromschnellen und durch weite Bögen, in denen man manchmal minutenlang keinen Ton hörte außer dem Wasser. Abends holten sie uns mit den Booten wieder ab. So muss das sein.
Die Stadt Cēsis
Cēsis – auf Deutsch jahrhundertelang Wenden genannt – ist eine der ältesten und bedeutendsten Städte Lettlands. Cēsis wurde 1224 erstmals urkundlich erwähnt. Die Lage am Fluss Gauja und an der Handelsstraße Riga–Pleskau förderte die schnelle Entwicklung zu einer blühenden Handelsstadt. Im 14. Jahrhundert trat Cēsis der Hanse bei.
In den Geschäften der Stadt wird Englisch gesprochen, oft auch Deutsch. Wir hatten gehört, dass es eine Bäckerei geben soll, in der deutsches Brot gebacken wird – und tatsächlich: frisches, dunkles, ordentliches Brot, wie man es vermisst, wenn man wochenlang durch das Baltikum reist. Der junge Bäcker war so sympathisch, dass Nadja noch ein Holzbrett für die Küche kaufte. Brauchten wir nicht. Ich habe herzlich gelacht. Sie hat das Brett immer noch.
Am Eingang der Stadt fiel uns etwas auf: Begrüßungsworte in verschiedenen Sprachen – Englisch, Lettisch, Deutsch, . Russisch ist durchgestrichen. Das erste Mal auf unserer Reise, dass wir dieses Zeichen so deutlich sahen. Kein aggressiver Akt – aber eine unmissverständliche Aussage. Die Menschen hier wissen, was ihnen widerfahren ist. Und sie wollen es nicht vergessen.
Ein einfaches, stilles Denkmal. Kein großes Monument, keine Erklärungstafel, die einem sagt, wie man sich zu fühlen hat. Nur Schuhe. Während des Zweiten Weltkriegs wurden fast alle der etwa 75.000 in den Machtbereich des nationalsozialistischen Deutschlands geratenen lettischen Juden ermordet. Auch in Cēsis. Man steht davor und denkt nach.
Die Ordensburg – und was sie erzählt
Die Burg überragt die Stadt. Zwei massive Türme, eine weite Ruinenanlage dazwischen, von Wildblumen umgeben. Wir näherten uns ihr durch den Park und über eine hölzerne Brücke – und bekamen beim Einlass eine Kerzenlaterne in die Hand gedrückt. So besucht man hier die Burg: ohne elektrisches Licht, mit einem flackernden Kerzenschein, durch enge Wendeltrppen und dunkle Gewölbe.
Was der Deutsche Orden brachte – und was er kostete
Die Bewertung des Deutschen Ordens im Baltikum ist bis heute vielschichtig. Auf der einen Seite brachten die Ritter Urbanisierung, Handel, Stadtrechte, Brauereien – Cēsis erhielt das Recht, Münzen zu prägen, und wurde neben Riga, Reval und Dorpat zur vierten Münzstätte in Livland. Sie bauten Burgen, Kirchen, Straßen und schufen die Voraussetzungen für eine blühende Handelsstadt. Auf der anderen Seite stand die gewaltsame Christianisierung der einheimischen Bevölkerung, die Unterwerfung der Letten und Liven unter eine fremde Feudalherrschaft, die jahrhundertelang anhielt. Die einheimische Bevölkerung war rechtlos, das Land gehörte den Ordensrittern und dem deutschbaltischen Adel. Das Erbe ist ambivalent – und die Letten wissen das.
Iwan der Schreckliche und die Sprengung
1577 kam es zur Belagerung durch die Truppen des russischen Zaren Iwan IV. des Schrecklichen.
Die Männer der Besatzung kämpften bis zum letzten Mann. Wer fiel, der fiel. Wer überwältigt wurde, erwartete kein Erbarmen – Folter und Hinrichtung. Das wussten alle. Iwan der Schreckliche trug seinen Beinamen nicht ohne Grund.
Und die Frauen wussten es auch. Sie sahen, was geschah. Sie sahen, dass die Burg fallen würde. Und sie trafen eine Entscheidung, die einem den Atem verschlägt: Sie gingen mit ihren Kindern in die Pulverkammer – und sprengten sich in die Luft. Lieber dieser Tod als das, was Iwan mit ihnen getan hätte.
Das Ereignis wurde im damaligen Europa viel beachtet. Und es ist bis heute nicht vergessen. Die Videoshow im Turminneren, die mit Licht und Projektionen den Burgbau, die Belagerung und die letzten Stunden visualisiert, macht diese Geschichte greifbar. Und die Verbindung zur Gegenwart – zum durchgestrichenen russischen Wort am Stadteingang, zur Angst vor dem großen Nachbarn, die hier nie ganz verschwunden ist – die stellt sich von selbst her.
Der Park, die Gassen, die Stille
Nach der Burg spazierten wir durch den Schlosspark und durch die alten Gassen der Innenstadt. Holzhäuser, manche frisch gestrichen, manche noch wartend. Eine Stadt, die langsam wieder zu sich selbst findet. Der Stadtpark mit seinem gusseisernen Pavillon, Blumenbeeten und alten Bäumen ist einer dieser Orte, an denen man einfach sitzen und nichts tun möchte. Das haben wir getan.
Gut zu wissen: Ausflüge von Cēsis
Sigulda liegt rund 35 Kilometer südwestlich und ist das touristische Zentrum des Nationalparks. Dort stehen vier Burgen und Schlösser, darunter die leuchtend rote Burg Turaida aus dem frühen 13. Jahrhundert – die bekannteste Burg Lettlands. Dazu die Gutmannshöhle, die größte Sandsteinhöhle des Baltikums, eine Seilbahn über das Tal und für Mutige der Bungee-Sprung aus ebendieser Seilbahn.
Archäologischer Park Āraiši: Zwischen Cēsis und Sigulda liegt dieser außergewöhnliche Park, in dem eine rekonstruierte Siedlung aus dem 9. Jahrhundert zu sehen ist – eine Pfahlbausiedlung der Lettgallen, die aus Sicherheitsgründen auf einer kleinen Insel im See errichtet wurde. Zum Park gehört auch eine mittelalterliche Burgruine. Ein lohnender Abstecher für alle, die den Nationalpark wirklich verstehen wollen.
Frieden finden
Wir nutzen die Zeit und genießen das schöne Wetter, sitzen viel vor dem Wohnmobil auf unserem schönen, liebenswerten, kleinen Campingplatz. Direkt am Wasser schauen, wir den Booten und Flößen zu, die den Fluß heruntertreiben, Familien, Gruppen, Sportler. Obwohl Hauptsaison ist, ist nicht viel los. Der Krieg in der Ukraine hat viele Touristen abgeschreckt, es sind fast nur Einheimische unterwegs und einige verwegene, die sich nicht abschrecken lassen. Und auch unser Mann von der Fähre ist mit seinem Boot hier angekommen und wir bedanken uns für den Tipp in Riga.
Wir fahren Fahrrad, machen Wanderungen, es gibt hier unendlich viel zu sehen.
Nach zwei Nächten, die natürlich viel zu kurz waren, um alle Möglichkeiten auszureizen, die der Gauja Nationalpark bietet, machen wir uns auf in Richtung Estland
Baltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05 Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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