Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund – Baltikum Roadtrip 11

Auf dem Weg von Tallinn nach Westen, zu den Inseln, liegt Rummu.
Auch wir sind nur wegen der Bilder hier. In Reiseführern, Instagram oder TikTok sieht man immer wieder diese verlassenen Gebäude im türkisgrünen Wasser.
Das wollen wir sehen und werden auch nicht enttäuscht, aber es ist so ganz anders, wie erwartet und die einsam wirkenden Bilder reine Illusion. Nein, hier muss man nicht hin!

Diese Bücher begleiten uns:
Bruckmann

Zur Gewinnung von Kalkstein und Marmor entstand in Rummu ab 1938 ein Steinbruch. Um möglichst wenig Geld in Arbeitskräfte zu investieren, wurden im Dorf Gefängnisse gebaut. Fortan waren Häftlinge gezwungen, unter extremen Bedingungen im Tagebau zu schuften.

Das wissen wir, bevor wir ankommen. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – wollen wir es sehen.

Die Vergangenheit

In Rummu befand sich eines der fünf Gefängnisse Estlands, das berüchtigte Murru vangla. In ihm saßen ca. 1.600 Straftäter ein, darunter einige zu lebenslanger Haft Verurteilte. Der älteste Gefängnisteil wurde 1949 durch die sowjetischen Besatzungsbehörden errichtet.

Die anfänglich 400 Insassen und Zwangsarbeiter mussten das Gefängnis zum Großteil selbst errichten. Anfangs lebten sie in einfachen Baracken. Dann kamen die Betongebäude. Die Insassen der Haftanstalt mussten bis zu 12 Stunden am Tag in der Kalkstein- und Marmorfabrik schuften. Bei jedem Wetter. Kalkstaub in der Lunge, keine Wahl, kein Ende absehbar.

Bis zu drei Schichten am Stück, täglich. Insgesamt saßen bis 1991 rund 7.000 Häftlinge hier ein und leisteten Zwangsarbeit. Besonders gefährliche Häftlinge, die zu langjähriger oder lebenslanger Strafe verurteilt worden waren, lebten im zweiten Stock – ihre Betten waren tagsüber an den Wänden festgebunden. Für Freigang hatten sie sogenannte Gehboxen – enge Betonkästen im Freien, eine Stunde täglich.

Gut zu wissen: Gefängnismuseum Murru

Das erhaltene Gefängnisgebäude nebenan – nicht das Gebäude im Wasser – wurde 2014 geschlossen und ist inzwischen als Museum zugänglich. Audioguide-Tour (ca. 2 Stunden, auch auf Deutsch verfügbar): 10 € pro Person, Kinder 6 €, Familie 25 €, Senioren 6 €. Geführte Tour mit Guide: 20 € pro Person (Mindestgruppe 10 Personen, Voranmeldung per E-Mail an info@rummu.ee). Alle Informationen und Buchungen unter rummu.ee/prison.

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Erst später kam der See

Da die Arbeiten im Rummu Steinbruch von Beginn an einen Wasserüberlauf des Grundwassers verursacht hatten, wurde es in einen kilometerlangen Graben gepumpt, der die Siedlung Rummu mit Trinkwasser versorgte. Mit der Schließung des Gefängnisses 1991 – und dem Ende der Sowjetunion – stoppten die Pumpen. Sobald das Grundwasser nicht mehr abgepumpt wurde, stieg es in rasanter Geschwindigkeit. Der Steinbruch und das Gefängnis wurden geflutet, so schnell, dass alle Gebäude in kürzester Zeit unter Wasser standen. Selbst Maschinen fanden ein nasses Grab.

Was zurückblieb, ist eines der seltsamsten Bilder Estlands: Durch den hohen Kalkgehalt des Wassers erstrahlt der neue See in einem Türkisblau, fast wie eine Lagune. Und aus diesem türkisblauen Wasser ragen die Betongebäude des alten Gefängnisses. Hinter ihnen: ein ebenso menschengemachter Berg aus Abraum – die Überreste des jahrzehntelangen Kalksteinabbaus, aufgeschichtet zu spektakulären, furchig erodierten Formationen.

Unser Stellplatz:

Der Caravan Park Rummu

Wir übernachten auf dem Caravan Park Rummu – direkt auf dem Gelände des ehemaligen Steinbruchs. Ein ordentlicher, gut ausgestatteter Platz mit Stromanschluss und Wasserversorgung. Sanitäranlagen, Toiletten, Duschen, Innen- und Außenküche, Grillbereich – alles vorhanden. Auch Grauwasser und Schwarzwasser können entsorgt werden. Was fehlt: Grün. Bäume. Irgendwas Weiches. Wie bei jeder Kiesgrube dominiert der Schotter, und das Gelände wirkt trotz aller Ausstattung offen und trist.

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Mehr Informationen

Gut zu wissen: Caravan Park Rummu – Preise

Der Übernachtungspreis beträgt 30 Euro pro Nacht – zuzüglich des Eintrittstickets, das je nach Personenzahl variiert. Im Preis inbegriffen sind ein fester Stellplatz, Zugang zu Trinkwasser, Toiletten, Duschen, einer Innen- und Außenküche sowie einem Grillbereich. Entsorgung von Grauwasser und Schwarzwasser ist im Service enthalten. Stromanschluss und Waschmaschine sind gegen Aufpreis nutzbar. Zelten ist ebenfalls möglich, mit Zugang zu denselben Einrichtungen. Check-in und Reservierung über das Eingangstor. Alle Informationen unter rummu.ee/caravan.

Was wir vorfinden

 

Am Eingang des Geländes wird kassiert. Eintritt, Tauchen, Bootsverleih, SUP, Tretboote, aufblasbarer Wasserpark – hier ist alles kommerziell durchorganisiert. Familien mit Kindern, Instagrammer, Kreuzfahrttouristen auf Tagesausflug. Im Hintergrund Wasserpark, Musik, Betrieb.

Ich ziehe eines unserer Kajaks bis zum See und drehe alleine ein paar Runden um die Gebäude. Das ist ein anderes Erleben. Vom Wasser aus, nah an den Mauern, sieht man, was die Fotos von oben nur andeuten: die Fenster ohne Glas, die Türen ohne Türen, die Treppenhäuser, die ins Nichts führen. Algengrün schimmert es durch das Wasser, wo früher Boden war. Etwas in mir will nicht glauben, dass das wirklich real ist.

Das Betreten der Gebäude ist verboten. Schwimmen und Springen machen die Touristen – wir nicht. Unter Wasser ragen aus den alten Betonfundamenten noch immer Stahlstangen empor. Auch Stacheldraht und scharfe, rostige Metallteile sind unter der Wasseroberfläche verborgen. Wer da hineinspringt, verlässt sich auf sein Glück.

Gut zu wissen: Eintritt und Aktivitäten Rummu

Eintrittspreise Steinbruch (Hauptsaison): Erwachsene 7 €, Kinder 7–17 Jahre 4 €, Senioren 4 €, Familie (2 Erwachsene + 3 Kinder) 20 €. Kinder bis 6 Jahre haben freien Eintritt. Kombinationsticket Steinbruch + Gefängnismuseum: Erwachsene 10 €, Familie 25 €.

Aktivitäten vor Ort (saisonal, gegen Aufpreis): Aufblasbarer Wasserpark 10 €/Stunde, SUP-Board 15 €/Stunde, Tretboot 20 €/Stunde, Ruderboot, Sonnenliege 5 €/Tag, Sauna, Tauchen (buchbar über rummudiving.ee), Off-Road-Safari-Bustouren, Disc Golf kostenlos (eigene Scheiben mitbringen), Besteigung des Abraumbergs mit Panoramablick.

Preise 2026: Alle aktuellen Preise: rummu.ee

Die Frage, die bleibt

Es ist makaber. Das ist das einzige Wort, das passt. Hier haben Menschen gelitten – schwer, lang, ohne Ausweg. Die Häftlinge sprengten diesen Berg aus dem Boden, Schicht für Schicht, Stunde für Stunde. Die Betongebäude, die jetzt so fotogen aus dem türkisfarbenen Wasser ragen, waren ihre Zellen. Und jetzt fahren Tretboote darum herum. Jetzt springt jemand von einem aufblasbaren Parcours ins Wasser, Kinderlachen, Ballermanmusik.

Ich sage das nicht als Vorwurf. Es ist einfach ein Gedanke, der sich nicht abschütteln lässt. Die Vergänglichkeit hat hier etwas Einzigartiges hinterlassen – das ist wahr. Die Ruinen im türkisblauen Wasser, der erodierte Abraumberg dahinter, die Stille auf dem See früh morgens, bevor die Touristen kommen – das ist wirklich beeindruckend. Aber es bleibt eine Stille, die etwas trügt.

Am Ende sind wir hier für ein paar Bilder und für die Entsorgung. Und um es klar zu sagen:
Wer einsam und ruhig in der Ostsee baden möchte, findet dafür im Baltikum hundert bessere Orte. Wer Ballermann am Betongebäude will, ist hier genau richtig.

Wir fahren weiter. Richtung Westen. Auf die Inseln.

Baltikum – Reisebericht

Inhaltsverzeichnis:

01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05
Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück

 

 
 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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Ein Kommentar

  1. Ja, ich verstehe dich mit deinen Gedanken zu diesem Ort. Wir waren an einem trüben, kalten Tag dort und fast die Einzigen im Wasser.
    Viel mehr als dieses See hat uns aber das Gefängnismuseum beeindruckt. Der Audioguide ist sehr gut und informiert ausführlich über die Geschichte des Gefängnisses und die Haftbedingungen. Nach mehr als 2 1/2 h Rundgang waren wir genügend „durchgegart“ für das sehr frische Baden im See – es war eine Wohltat.

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