Insel Muhu – völlig unterschätzt – Baltikum Roadtrip 12

Wir verlassen das Festland bei Virtsu. Die Fähre legt ab, die Küste wird kleiner, das Wasser breiter. Die Überfahrt von Virtsu nach Kuivastu dauert rund dreißig Minuten und die Fähre legt etwa sieben Kilometer zurück. Kurz. Entspannt. Und irgendwie aufregend – weil man weiß, dass man gleich auf einer Insel steht.

Kaum hat die Fähre angelegt, beginnt das Rennen. Die meisten Fahrzeuge biegen auf die Hauptstraße 10 und beschleunigen Richtung Damm, Richtung Saaremaa. Muhu ist für sie nichts als Durchfahrtsland. Wir biegen ab.

Diese Bücher begleiten uns:
Bruckmann

Wir stehen direkt am Meer. Die Ostsee ist warm und leise, das Wasser klar bis auf den Grund. Wir schwimmen, paddeln, sitzen auf Findlingen und schauen auf das Wasser. Keine Musik aus Lautsprechern, kein Betrieb, kein Strandverkäufer. Nur Möwen, Seeschwalben, irgendwo das Knarren einer Windmühle im Wind.

Abends das erste Lagerfeuer direkt am Meer. Die Sonne geht in einem Orangerot unter, das keiner Beschreibung standhält. Und Schmetterlinge in einer Menge, die uns verblüfft – über den Wiesen, an den Büschen, auf jedem warmen Stein. Als hätte jemand sie über die ganze Insel ausgeschüttet.

Die Radtour – ein Traum in Zeitlupe

Am nächsten Morgen machen wir eine Radtour über Insel.

Eine kleine, unscheinbare Beschilderung zeigt auf einen Waldpfad. Wir biegen ein – und stehen plötzlich vor einer Szene, die uns festhält: ein3 Gruppe junger Leut, mit Spaten und Rechen und zwei junge Frauen, die zwischen großen moosbedeckten Steinen knien und mit Pinseln und kleinen Kellen arbeiten. Archäologiestudenten.

Die Ausgrabung – 2.500 Jahre unter unseren Füßen

 

Die Stelle heißt Mäla Burial Site – auf Estnisch Ussimätta, „Schlangenmatte“. Das Gräberfeld im Dorf Mäla auf Muhu ist besonders faszinierend, weil es über verschiedene Kulturepochen hinweg genutzt wurde. Die ältesten Teile datieren auf etwa 500 vor Christus. Im Zentrum der Anlage steht ein etwa 1,5 Meter hoher Granitfindling, umgeben von zwei konzentrischen Steinkreisen – der äußere aus größeren Steinen als der innere. In den ältesten Teilen wurden unverbrannte Überreste mit Tonscherben gefunden. Später, als sich die Bestattungssitten wandelten, wurde die Anlage zu rechteckigen Gräbern mit verbrannten menschlichen Überresten umgebaut. Aus dieser Zeit stammen auch Schmuckstücke und ein zerbrochenes Messer.

Die Studentinnen erklären uns das mit Geduld und echter Begeisterung. Zweieinhalb Jahrtausende Geschichte unter unseren Füßen, auf einer kleinen Insel in der Ostsee, an der die meisten Touristen einfach vorbeifahren. Wir stehen dabei und sind stolz auf die jungen Leute, die das erhalten. Der Wald ist still. Irgendwo singt ein Vogel.

Gut zu wissen: Die Insel Muhu

Muhu gehört zusammen mit Saaremaa, Hiiumaa und Vormsi zu einem UNESCO-Biosphärenreservat. Das Juwel von Muhu ist das Dorf Koguva an der Westküste – ein Paradebeispiel für estnische Bauernarchitektur, in dem einst freie Bauern lebten, die niemals Leibeigene waren. Die Insel lässt sich hervorragend mit dem Fahrrad erkunden. Im Hauptort Liiva gibt es Läden und einen kleinen Markt. Muhu lohnt mindestens einen vollen Reisetag, besser zwei.

Muhu ist für Radfahrer gemacht: Die Wege sind ruhig, die Landschaft wechselt im Minutentakt. Kiefernwälder, Wacholderhaine, Wiesen mit Margeriten und Kornblumen, Steinmauern aus alten Zeiten.

Dann die Straße Suuremõisa Laheküla tee. Wir fahren langsamer, weil wir nicht aufhören können, die Häuser zu betrachten. Alte Holzgebäude mit frisch gestrichenen Fenstern. Steinmauern mit Moos. Türen in tiefem Rot, dunklem Grün, manchmal mit Schutzsymbolen eingeritzt, die man beim zweiten Blick erkennt. Gärten voller Blumen, gepflegt wie Vorgärten irgendwo in Schweden. Ein Mann sitzt auf seiner Bank und hebt grüßend die Hand, als wir vorbeifahren.

Die Bushaltestelle als Bibliothek

Und dann stoßen wir auf etwas, das uns sofort anhalten lässt. Eine Bushaltestelle – aber keine normale. Ein kleines Betongebäude, das aussieht wie ein miniaturisiertes Feuerwehrhaus: bunte Tür in Gelb und Rot, ein Vogelhaus am Giebel, ein Sternsymbol oben am Kamin. Wir schieben die Tür auf. Drinnen: ein alter Holztisch mit zwei Stühlen, und an der Wand ein ganzes Regal voller Bücher. Eine kleine öffentliche Bibliothek, die gleichzeitig Wartehäuschen ist. Man setzt sich, blättert, schaut. Schön, dass es so etwas gibt.

Die Bushaltestellen auf den estnischen Inseln sind mancherorts wie kleine Wohnzimmer eingerichtet – mit Sitzkissen, Zeitschriften, Pinnwänden zum Austausch mit den Nachbarn und Briefkästen für den Postboten. Wer damit angefangen hat, weiß man nicht genau. Irgendwann hat jemand einen Stuhl reingestellt. Dann eine Bank. Dann Bücher. Die Idee hat sich weiterverbreitet, still und ohne Programm. Auf Saaremaa dann noch mal eine Stufe weiter – aber dazu mehr im nächsten Artikel.

Ranna Mesila Meemaja – der Imker

Wir finden den kleinen Laden der Imkerei Ranna Mesila Meemaja fast zufällig. Drinnen ein außergewöhnliches Regal in Wabenform: Honiggläser aus acht verschiedenen Standorten der Insel, jedes nummeriert, jeder Honig mit leicht anderem Geschmack, weil die Bienen an verschiedenen Stellen der Insel grasen. Der Imker erklärt das mit echter Freude. Er lebt hier. Das ist sein Zuhause.

Und dann erzählt er, wie das Leben auf der Insel wirklich ist. Viele junge Muhuaner arbeiten in Tallinn oder sogar im Ausland – aber sie kommen zurück. Im Sommer, zu den Festen, für immer irgendwann. Die Insel lässt einen nicht ganz los.

Wir kaufen drei Gläser.

Mittagessen im Garten von Pädaste Manor

Für das Mittagessen biegen wir in die Auffahrt von Pädaste Manor ein. Das Herrenhaus liegt in einem alten Gutspark, von großen Bäumen umgeben, ruhig und großzügig. Wir entscheiden uns für den Garten – dort gibt es einen Mittagstisch, deutlich günstiger als das große Abendmenü, und genauso gut.

Das Alexander Restaurant befindet sich im Erdgeschoss des Herrenhauses und öffnet sich zu einem spektakulären Wintergarten mit Blick über den alten Gutspark. Zum dritten Mal in Folge wurde es 2025 im Michelin Guide gelistet – als bestes Mittagsrestaurant Estlands und drittbestes Restaurant insgesamt. Das Essen ist saisonal, nah an der Insel, außergewöhnlich gut. Wir sitzen unter alten Bäumen. Es ist warm, aber nicht zu heiß. Der Park ist still. Wir essen sehr gut und sehr langsam.

Gut zu wissen: Restoran Alexander bei Pädaste Manor

Mittagsmenü: zwei Gänge für 59 €, drei Gänge für 67 €. Abendmenü: vier Gänge für 141 €, neun Gänge für 176 €. Im Sommer empfiehlt sich der Mittagstisch im Garten. Reservierung für das Abendmenü unbedingt erforderlich. Das zugehörige Hotel ist Estlands einziges Fünf-Sterne-Hotel außerhalb Tallinns. padaste.ee

Das Muhu Museum in Koguva

Am westlichen Ende der Insel liegt das Dorf Koguva. Schon die Zufahrt ist anders: enger, stiller, als würde man von der Welt abgebogen. Koguva ist ein langgestrecktes, von Steinmauern umgebenes Dorf – ein Paradebeispiel für estnische Bauernarchitektur. Hier lebten einst freie Bauern, die niemals Leibeigene waren.

Im Museum gibt es bäuerliche Architektur, Volkstrachten der Insel, die alte Dorfschule, verschiedene Ausstellungen über die Geschichte der Insel sowie Kunstausstellungen und einen Museumsladen. Die erste Ausstellung wurde 1973 im Geburtshaus des Schriftstellers Juhan Smuul eröffnet. Eintrittskarten und einen Dorfplan erhält man im Bauernhof Tooma.

 

Wir lassen uns Zeit. Die Reetdachhäuser, die alten Gerätschaften, die Stille zwischen den Gehöften. Muhu hat etwas Unberührtes. Einen Geist des alten Estlands, der sich bewahrt hat, weil ihn die Touristenströme nie wirklich erreicht haben – weil alle durchgefahren sind.

Abends nochmals Lagerfeuer. Das Meer rauscht. Die Schmetterlinge sind verschwunden. Aber die Stille ist noch da. Wir würden gerne länger bleiben. Morgen geht es weiter…

Baltikum – Reisebericht

Inhaltsverzeichnis:

01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05
Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück

 

 
 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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5 Kommentare

  1. Informativ, anschaulich, nett geschrieben und dabei immer stets leicht zu lesen – so wünscht man sich Reise-beschreibungen! Bitte weiter so, Jürgen! Wir werden Deiner Route in diesem Sommer für drei Monate folgen und sie noch etwas erweitern! Alles Gute und herzliche Grüße …

  2. Pädaste ist insolvent.

    Ansonsten ist Muhu nicht sooo unbekannt wie Sie schreiben und bei weitem fahren nicht alle nur durch nach Saaremaa. Gerade in den letzten Jahren hat Muhu an Beliebtheit und Besucheransturm deutlich zugelegt.

    Zu Koguva. Das Besondere an Koguva ist, dass es noch ganz normal als Dorf bewohnt ist von ganz normalen Est*innen. Deshalb sollte man die Grundstücke auch nicht einfach betreten. Nur der das ‚Tooma Talu‘, der Geburtsort des estnischen Schriftstellers Juhan Smuul ist das ‚Museum‘ zusammen mit der alten Dorfschule.

    ‚Frei‘ waren alle Inselbewohner*innen von Hiiumaa, Saaremaa und Muhu, Kihnu und Ruhnu bis zur Okkupationszeit. Ab da waren ihre Inseln Sperrzone und selbst Familienangehörige durften nur mit speziellen Visa zu Besuch kommen. Viele Inselbewohner*innen flohen noch in letzter Sekunde vor dem Eintreffen der sowjetischen Truppen.

    1. Hallo Anne!
      Und natürlich gehen wir nur irgendwo rein, wo wir auch dazu eingeladen werden. Aber von außen zu schauen ist so schön und reicht doch auch völlig aus.
      Schade, dass das Hotel geschlossen wurde. Wir fanden es so schön dort.

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