Das Bild, das ich mit Haapsalu verband, noch bevor wir je dort waren: ein alter hölzerner Bahnhof und riesige Dampflokomotiven. Mehr wussten wir nicht. Aber das sollte sich schnell ändern.
Der Bahnhof – gebaut für den Zaren, der nie kam
Auf Betreiben von Zar Nikolaus II. wurde 1905 die Eisenbahnlinie von Tallinn nach Haapsalu gebaut. Haapsalu war damals einer der beliebtesten Kurorte des russischen Adels – Zarenfamilie, Generäle, Dichter, Komponisten. Alle kamen hierher. Und alle sollten standesgemäß ankommen.
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Der Bahnhof entstand 1907 in Erwartung eines Zarbesuches, der jedoch nie stattfand. Das Gebäude aus Creme- und Brauntönen trägt eine reiche Verzierung aus Schmuckkacheln und Mosaiken. Der 214 Meter lange Bahnsteig beansprucht, der längste in ganz Europa zu sein – seine Überdachung ziert vergoldete Schnitzereien.
Gut zu wissen: Haapsalu
Haapsalu liegt rund 100 Kilometer westlich von Tallinn, etwa eine Autostunde. Haapsalu ist ähnlich wie Pärnu ein Kurort mit mildem Klima. Wegen ihrer vielen Wasserläufe wird die Stadt in Estland auch das „Venedig des Nordens“ oder „Venedig an der Ostsee“ genannt. Im Sommer finden mehrere Festivals statt, darunter das Streetfood Festival und das Festival der Weißen Dame im August. Wohnmobilstellplatz direkt an der Promenade möglich, Entsorgung vorhanden.
Man muss sich das vorstellen: 214 Meter überdachter Bahnsteig, reich verziert, vergoldet – für einen Zug, der einmal täglich fuhr. Für einen Zaren, der nie ankam. Das ist Haapsalu in einem Satz: großartig, etwas melancholisch, und trotzdem wunderbar.
Der Streckenabschnitt Riisipere–Haapsalu wurde 1995 für den Personenverkehr unter Protesten aus der Bevölkerung geschlossen und 2004 demontiert. Heute steht der Bahnhof als Museum da. Draußen rosten die Lokomotiven in der Sonne vor sich hin – mächtige Dampfmaschinen aus russischer und deutscher Produktion, die Jahrzehnte durch Estland ratterten. Eine von ihnen, eine Dampflokomotive von 1943, wurde in der Krauss-Maffei-Fabrik in München gebaut, lief über Umwege durch Ungarn und Rumänien und landete schließlich hier. Geschichte in Eisen gegossen.
Im Gebäude und Außenbereich des Museums fand ein Teil der Dreharbeiten zum Film „Die Kinder des Fechters“ statt. Vom Bahnsteig aus verläuft heute ein etwa 50 Kilometer langer Radweg auf der ehemaligen Bahntrasse bis Riisipere, wo wieder Bahnanschluss nach Tallinn besteht.
Gut zu wissen: Estnisches Eisenbahnmuseum Haapsalu
Das Museum ist im historischen Bahnhofsgebäude von 1907 untergebracht. Außen: Dampf- und Diesellokomotiven, Güter- und Personenwaggons. Innen: drei Ausstellungsräume zur estnischen Eisenbahngeschichte. Die Sammlung umfasst eine Reihe von Diesel- und Dampflokomotiven sowie verschiedene Personen- und Güterwaggons. Geöffnet von Mai bis Oktober. Informationen unter haapsa.ee
Mitten ins Streetfood Festival
Wir parken das Wohnmobil und gehen in die Stadt – und stehen plötzlich mitten in einem Streetfood Festival. Der Park vor dem Kursaal ist voll mit Foodtrucks aus einem Dutzend Ländern. Hier riecht es nach Thai-Curry, dort nach geräuchertem Fisch, drei Meter weiter nach frisch gebackenem Brot. Eine ältere Dame steht vor einem türkischen Süßigkeitenstand und betrachtet die Halva-Platten mit einer Ernsthaftigkeit, als wäre es eine wichtige Entscheidung. Ist es vielleicht auch.
Die Bischofsburg und die Weiße Dame
Die Stadt wurde zwischen 1260 und 1270 gegründet. Sie geht auf den hier gegründeten Sitz des Bistums Ösel-Wiek zurück. Die beeindruckende, auf einer künstlichen Anhöhe liegende Bischofsburg, die von einer 803 Meter langen Mauer umgeben und als Ruine erhalten ist, erinnert noch heute an diese Zeit.
Die Domkirche innerhalb der Burgmauern gilt als eine der größten einschiffigen Kirchen im nordischen und baltischen Raum. Die einzigartige Akustik macht die Kirche zu einem beliebten Ort für Konzerte.
Und dann die Legende der Weißen Dame. Der Legende nach verliebte sich einst der Domherr in ein estnisches Mädchen und brachte es als Chorknaben verkleidet in die Burg. Als man es entdeckte, wurde das Mädchen lebendig in die Kapellenmauer eingemauert. Seit Jahrhunderten erscheint dort in Vollmondnächten im August ein Schatten, der Ähnlichkeit mit den Umrissen einer Frauenfigur hat. Jährlich findet zu diesem Zeitpunkt das Festival „Zeit der Weißen Dame“ statt. Wir sind nicht im August dort – aber die Geschichte hängt in der Luft.
Der Kursaal und die Schokoladenpromenade
Das Kurhaus von Haapsalu – gebaut 1898, weiß und verschnörkelt, fast schwebend über dem Wasser – ist eines der schönsten Gebäude der ganzen Reise. Es steht auf Pfählen direkt in der Bucht, das Wasser unter seinen Böden, die Promenade drum herum. Der Kursaal samt Musikpavillon war ein Lieblingsort des russischen Zarenhofes und der gehobenen Gesellschaft von Sankt Petersburg.
Auf der sogenannten Schokoladenpromenade befindet sich die Bank des weltberühmten russischen Komponisten Pjotr Tschaikowski, wo der Maestro gern den Sonnenaufgang beobachtet und Schwäne bewundert haben soll. In Haapsalu hat Tschaikowski 1867 die Arbeit an der Oper „Woiwode“ fortgesetzt und den Klavierzyklus „Souvenir de Hapsal“ geschrieben. Er hörte hier das estnische Volkslied „Kallis Mari“ – dieselbe Melodie nutzte er später in seiner berühmten VI. Symphonie. Die Anfangsnoten der Melodie wurden auf die Gedenkbank aus Dolomit gemeißelt. Wenn man sich setzt, beginnt die Bank Tschaikowskis Musik zu spielen. Das ist kein Witz. Das ist Haapsalu.
Weiter entlang der Promenade: der Allikapaviljon, ein achteckiger blauer Pavillon direkt über dem Wasser auf Stelzen. Drinnen eine Skulptur, die Bucht drumherum, alles sehr still und sehr schön. Und irgendwo draußen auf der Bucht: ein weißer Eisbär auf einer Plattform. Eine Skulptur, die so selbstverständlich im Wasser liegt, dass man zweimal hinschauen muss.
Iloni Imedemaa – Ilons Wunderwelt
Auf dem Rückweg zum Wohnmobil biegen wir in eine Seitenstraße ab. An der Hauswand eines alten hellgrünen Holzhauses laufen tanzende Käfer entlang – bunt, comichaft, mit Persönlichkeit. Das Schild darüber: Iloni Imedemaa. Ilons Wunderwelt.
Maire-Ilon Wikland, die Illustratorin von Astrid Lindgren, wuchs in Hapsal auf. Als sie später die Abbildungen für die Geschichten über Bullerbü zeichnete, hat sie mehrere Gebäude Hapsals als Vorbild benutzt. Sie schenkte 300 Illustrationen der Stadt, die im Museum „Ilons Wunderwelt“ ausgestellt werden.
Dort gibt es neben dem Hafen und dem Strand einen kleinen Stellplatz, Rannakula. Entsorgung am Hafen, auf dem Platz Wasser und Strom. Wir schauen dem Sonnenuntergang zu und genießen das einmal mehr grandiose Wetter. Bislang hatten wir nur eine Nacht ein Gewitter gehabt und am Tag immer Sonnenschein. So kann es weitergehen.
Kleiner Stellplatz direkt am Meer, bezahlt wird im Hafen, dort auch Entsorgung.
Nettes Restaurant. Strom und Wasser am Platz
Unser Stellplatz:
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Mehr InformationenBaltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05 Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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