zwischen Pärnu und Riga – Baltikum Roadtrip 15

Die großartige Idee

Wir stehen spät auf. Sehr spät. Werfen mal wieder alle Pläne über den Haufen und entschließen uns, noch einen Tag irgendwo am Meer frei zu stehen. Das Wetter ist noch schön, morgen soll das Tief kommen – also noch einmal genießen.

Das geht fast schief.

Wir sind in einer Gegend unterwegs, wo viele estnische Camper mit kleinen Wohnwagen direkt am Straßenrand am Meer stehen. Angeln ist hier Volkssport. Die Menschen sind tiefenentspannt. Wir finden keinen vernünftigen Platz. Und dann komme ich auf die grandiose Idee, rückwärts in einen kleinen, schräg abfallenden Weg direkt ans Meer zu fahren.

Hier sind wir:

Soweit alles gut – bis ich mit dem linken Hinterrad in ein tiefes, weiches Loch fahre. Nichts geht mehr.

Ich suche Holz, Steine, unterbaue, versuche mich mit den Hubstützen zu befreien. Bevor ich weit damit komme, stehen plötzlich einige kräftige Männer neben dem Wohnmobil. Keine Worte, keine Diskussion. Sie fassen an und schieben. Kurze Zeit später habe ich festen Boden unter den Rädern. Wir fahren bis an die Straße zurück und bleiben lieber dort stehen.

Das war genug Stress für einen Tag.

Und dann stellt sich heraus: Der Weg, in den ich gefahren bin, ist die Badestelle der Einheimischen. Im Minutentakt kommen gegen Mittag Menschen vorbei – mit Kindern, Hunden, Handtüchern. Immer freundlich, immer grüßend. Mit manchen halten wir einen kurzen Schwatz. Sie freuen sich, dass wir hier sind.

Der Abend wird traumhaft. Wieder ein toller Sonnenuntergang, die Sonne versinkt im Meer. In der Nacht funkeln Millionen Sterne über uns. Und dann, am Morgen: noch trocken, aber das Tief ist unterwegs. Also losfahren.

Gut zu wissen: Wildcampen an der estnischen Westküste

An der Küste zwischen Pärnu und der Grenze nach Lettland gibt es viele informelle Stellplätze direkt am Meer – auf Schotterstraßen, an Fischersteegen, an kleinen Buchten. Die meisten sind keine offiziellen Plätze. Entsorgung gibt es nicht. Rücksicht auf die Einheimischen ist Pflicht. Wer einen der RMK-Plätze bevorzugt, findet alle auf rmk.ee.

Tolkuse raba – der unerwartete Halt

Kaum losgefahren, halten wir spontan wieder an. Warum stehen hier so viele Autos an der Straße?

Wir steigen aus. Und stehen im Tolkuse raba.

Das Tiefdruckgebiet ist angekündigt, aber noch nicht da. Die Wolken ziehen, ab und zu bricht die Sonne durch – genau das richtige Licht für ein Moor. Das Naturschutzgebiet Luitemaa mit dem Tolkuse-Moor gehört zu den außergewöhnlichsten Naturjuwelen im Landkreis Pärnu. In diesem Moor, das über 5.000 Jahre alt ist, stehen die höchsten Dünenkiefern Estlands. Wir wussten nichts davon. Wir haben einfach abgebogen.

Der Weg durch den Wald

Der Lehrpfad beginnt im Wald. Hohe Kiefern, der Boden bedeckt mit Flechten und weißem Torfmoos, das in der feuchten Luft fast leuchtet. Es ist still – aber nicht wirklich still. Schon auf den ersten hundert Metern hören wir Spechte. Erst das trockene, schnelle Hämmern eines Buntspechts irgendwo tief im Wald. Dann, näher, ein Schwarzspecht – langsamer, lauter, fast wie ein Holzschlegel. Kurz darauf hält ein Baumläufer an einem Kiefernstamm direkt neben dem Weg inne, sein gebogener Schnabel arbeitet sich spiralförmig am Stamm hoch. Er schaut uns nicht an. Er hat Wichtigeres zu tun.

Die Waldvögel gehören zu diesem Dünenkieferwald wie die Flechten am Boden. In den Randbereichen von Hochmooren leben Uferschnepfe, Rotschenkel, Feldlerche, Braunkehlchen und viele weitere Arten. Wir sehen Meisen, die sich durch die Zweige arbeiten, und irgendwo ganz oben in einer Kiefer sitzt ein Vogel, den wir nicht identifizieren können, der aber in kurzen, scharfen Rufen kommentiert, dass wir hier eindringen.

Dann der Übergang: Der Wald öffnet sich, die Bäume werden kleiner und knorriger, der Boden weicher. Wir betreten das Moor.

Das Hochmoor – und wie es entstanden ist

Ein Hochmoor entsteht nicht schnell. Die Entstehung begann nach der letzten Eiszeit vor zirka 12.000 Jahren. Nur rund einen Millimeter pro Jahr legt die Torfschicht zu. Das bedeutet: Ein Meter Torf entspricht tausend Jahren. Das Tolkuse-Moor ist über 5.000 Jahre alt – unter unseren Füßen liegen also mindestens fünf Meter Geschichte.

Moorwachstum ist nur bei permanent hohem Wasserstand möglich. Abgestorbene Pflanzenreste können durch den Sauerstoffmangel nicht vollständig abgebaut werden und lagern sich als Torf ab. Die Anhäufung von Torf lässt die Oberfläche von Mooren an manchen Stellen mehrere Meter in die Höhe wachsen – man spricht hier von lebenden Mooren.

Das Torfmoos wächst oben ständig weiter, die unteren Teile sterben ab. Durch die saure Umgebung und Sauerstoffarmut verrotten diese abgestorbenen Pflanzenteile jedoch nicht – sie stapeln sich als Torf immer höher auf. So arbeitet sich das Moor langsam aus dem Grundwasser heraus, wölbt sich auf, und wird irgendwann nur noch vom Regen ernährt. Arm an Nährstoffen, sauer, kalt – und trotzdem voller Leben.

Der Bohlenweg führt uns trockenen Fußes durch diese Welt. Rechts und links dunkle Moorseen, deren Oberfläche kaum Licht reflektiert. Das Wasser ist braun von der Huminsäure – klar, aber gefärbt wie starker Tee. Wollgras nickt im Wind. Moosbeeren liegen rötlich im weißen Torfmoos. Rosmarinheide in kleinen Büschen, Sumpfporst mit seinen leicht betäubend riechenden Blättern. Alles ist kleiner hier, alles sparsamer als im Wald dahinter.

Diese Bücher begleiten uns:
Bruckmann

Der Aussichtsturm

Am Pfad liegt die höchste Düne Estlands, Tornimäe. Auf dem Kamm der Düne befindet sich ein 18 Meter hoher Aussichtsturm, von wo aus sich ein wunderschöner Ausblick auf das Moor Tolkuse und die Bucht von Pärnu eröffnet.

Der Turm ist neu, aus warmem Holz, mit mehreren übereinandergestapelten Aussichtsplattformen – fast wie ein offenes Gerüst, durch das der Wind fährt. Wir steigen hinauf. Von oben: Moor in alle Richtungen, dazwischen die dunklen Spiegel der Moorseen. Am Horizont, zwischen Kiefernkronen, ein schmaler Streifen Ostsee. Die Wolken ziehen dramatisch, ein Lichtspalt bricht durch und fällt genau auf die Wasseroberfläche unter uns.

Gut zu wissen: Warum Moore wichtig sind

Hochmoore sind wichtige Kohlenstoffspeicher und tragen auf diese Weise zum Klimaschutz bei. Obwohl Moore weltweit nur rund drei Prozent der Landfläche bedecken, speichern sie doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Erde zusammen. Wenn ein Moor entwässert wird – für Landwirtschaft, Torfabbau, Bebauung – gibt es diesen gespeicherten Kohlenstoff als CO₂ frei. Ein zerstörtes Moor wird zur Kohlenstoffquelle statt zur Kohlenstoffsenke.

Estland hat den Vorteil, dass viele seiner Moore nie entwässert wurden – weil das Land dünn besiedelt ist, weil die Sowjetzeit hier wenig intensiviert hat, weil der Boden für Landwirtschaft ohnehin ungeeignet ist. Das Tolkuse-Moor ist intakt. Es wächst noch. Jedes Jahr einen Millimeter höher.

Die fleischfressenden Pflanzen

Das eigentliche Highlight des Tages entdecken wir nicht vom Turm, nicht im Panorama – sondern auf dem Rückweg, auf dem Boden, direkt neben dem Bohlenweg.

Ich lege mich mit dem Bauch auf die Planken und schaue.

Sonnentau. Tausende davon, direkt am Wegrand. Der Sonnentau ist eine Hochmoorpflanze, die schlicht zum „Fleischfresser“ geworden ist. Er heißt so, weil seine Drüsenhaare Klebtröpfchen abgeben, die in der Sonne glitzern. An diesen „Tentakeln“ bleiben Insekten haften, die der Sonnentau verdaut – pro Saison verspeist jede Pflanze an die 2.000 Insekten.

Im Makro wirkt das wie ein fremdes Universum: rubinrote Stängel, jedes Blättchen besetzt mit feinen Härchen, jedes Härchen gekrönt von einem glasklaren Tropfen. Auf dem Foto sieht man bei einer der größeren Pflanzen bereits ein Insekt, das gefangen ist. Es sitzt da, eingeschlossen in Kleber – und wartet, ohne zu wissen, dass es schon verloren hat.

Dann passiert etwas Schönes. Ein Paar geht an uns vorbei. Schaut kurz. Geht weiter. Wir rufen sie zurück und zeigen das Foto auf dem Handy. Sie kommen, schauen, legen sich hin. Dann kommen die Nächsten. Immer wieder, an verschiedenen Stellen des Weges, das gleiche Spiel: Wir zeigen, und plötzlich liegt jemand mit dem Bauch auf dem Bohlenweg und starrt in eine Welt, an der er gerade noch achtlos vorbeigegangen wäre.

Ein Moor ist nie einfach Moor. Man muss nur wissen, wo man hinschauen soll.

Als wir zurück am Wohnmobil sind, fängt es an zu regnen. Das Tief ist pünktlich eingetroffen.

Der Storch

Auf der Weiterfahrt Richtung lettische Grenze fahren wir eine ruhige Landstraße entlang. Weit entfernt, in einem Graben neben der Straße, steht ein Storch. Groß, weiß, unbeeindruckt.

 

Und dann fliegt er los.

Im Tiefflug. Von der Seite. Direkt auf uns zu, genau auf Höhe des Alkovens. Er kommt näher. Wir verlangsamen. Er verlangsamt auch – bleibt auf gleicher Höhe, auf gleicher Distanz. Als würde er uns eskortieren. Wir bremsen weiter. Er hält die Höhe, hält den Abstand, die großen Flügel schlagen ruhig und breit. Nadja und ich schauen uns an. Das kann nicht sein.

Endlich, in letzter Sekunde, dreht er ab. Knapp vor der Windschutzscheibe, mit einem langen, gemächlichen Schwenk.

Das hätte gerade noch gefehlt.

Baltikum – Reisebericht

Inhaltsverzeichnis:

01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05
Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück

 

 
 
Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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