Es regnet. Wieder.
Gut, dass wir Riga schon bei Sonne gesehen haben. Wir halten uns nicht auf, fahren weiter Richtung Kurische Nehrung. Das ist der Plan.
Aber wir können es nicht lassen.
Statt außen herumzufahren, fahren wir noch einmal mitten durch die Stadt. Noch einmal an den Parks vorbei, noch einmal diese Jugendstilhäuser, diese Pracht, die man in keiner anderen Stadt so geballt findet. Ein Schnelldurchgang. Aber er macht uns glücklich.
Jūrmala – die lettische Riviera
Unweit von Riga liegt Jūrmala, auf Lettisch: der Meeresstrand. Die Stadt erstreckt sich über rund 40 Kilometer nordwestlich von Riga entlang der Küste und setzt sich aus 15 Teilorten zusammen. Was heute eine Stadt ist, war jahrhundertelang eine Aneinanderreihung von Fischerdörfern und Badeorten. Zur Zarenzeit entstanden hier üppig verzierte Holzvillen im Stil der Bäderarchitektur, bald kamen steinerne Jugendstilvillen dazu – über 4.000 historische Villen und Datschen stehen heute noch, 414 davon unter Denkmalschutz.
Jūrmala galt einst als „Badewanne der Sowjetunion“ – bei kommunistischen Größen als Urlaubsort begehrt, nur Sotschi und Jalta waren wichtiger. Das sieht man heute noch: die Flaniermeile Jomas iela, Wellnesshotels, schicke Restaurants, gepflegte Promenaden.
Wir fahren durch. Bei strömendem Regen haben wir keine Lust auszusteigen.
Diese Bücher begleiten uns:
Reiseführer
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Baltikum mit dem Wohnmobil: Die schönsten Routen...
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Gut zu wissen: Jūrmala
Jūrmala liegt rund 25 Kilometer westlich von Riga und ist mit der Vororteisenbahn in etwa 30 Minuten erreichbar. Der Hauptstrand ist 33 Kilometer lang, der Sand weiß und fein. Das Zentrum des Badeorts ist der Ortsteil Majori mit der Fußgängerzone Jomas iela. Wer Natur sucht: Der Nationalpark Ķemeri grenzt direkt an das westliche Ende der Stadt und bietet ausgedehnte Moorlandschaften, Lagunen und Wälder. Im Sommer ist Jūrmala gut besucht – wer Ruhe sucht, kommt in den ruhigeren Ortsteilen wie Dubulti oder Bulduri auf seine Kosten.
Nationalpark Ķemeri
Die Landschaft ändert sich. Wird waldreicher, weiter, stiller. Am Nationalpark Ķemeri vorbei, auf dem Weg zum Kap Kolka.
Gut zu wissen: Nationalpark Ķemeri
Der Nationalpark Ķemeri liegt rund 50 Kilometer westlich von Riga und ist seit 1997 unter Schutz. Er umfasst etwa 40.000 Hektar Feuchtgebiete, Lagunen, Hochmoore und Wälder. Herzstück für Besucher ist das Große Ķemeri-Moor mit seinem ausgeschilderten Bohlenweg: ein flacher Holzpfad, der trocken durch eine Landschaft führt, die einem sonst die Schuhe ausziehen würde. Bis zum hölzernen Aussichtsturm in der Mitte des Moores sind es rund 1,5 Kilometer, der Weg kann auch als Rundweg mit insgesamt 5,5 Kilometern begangen werden. Der Nationalpark ist bekannt für seinen Vogelreichtum – Zugvögel, Kraniche, seltene Wat- und Wasservögel rasten hier. Der Eintritt ist frei.
Kap Kolka – wo das Meer den Wald frisst
Am Kap Kolka wird es wieder touristischer. Ein Parkplatz, ein kleines Besucherzentrum, ein Café, einige andere Wohnmobile. Aber man merkt sofort: hier ist etwas anders.
Die Ostsee ist aufgepeitscht. Noch bevor wir das Meer sehen, hören wir es.
Wir schauen uns erst vom Aussichtsturm aus um. Unter uns: graugrüne Wellen, weiße Schaumkronen, und mittendrin, weit draußen auf dem Wasser, der rote Leuchtturm von Kolka. Er scheint in den Wellen zu verschwinden. Ein unglaubliches Bild.
Wir steigen hinunter zum Strand. Bis wir am Wasser sind, sind wir durchnässt. Aber das macht uns nichts. Wir wissen, im Wohnmobil wartet eine warme Dusche.
Kap Kolka ist der Punkt, an dem die offene Ostsee und der Rigaer Meerbusen direkt aufeinandertreffen. Die Einheimischen nennen es den Strand der zwei Meere. Man sieht es deutlich: auf der einen Seite rollen die Wellen von links heran, auf der anderen von rechts. Dazwischen trifft sich das Wasser in einem unruhigen, unberechenbaren Durcheinander. Baden ist am Kap strengstens verboten – die Strömungen sind lebensgefährlich.
Je näher wir der eigentlichen Landspitze kommen, desto höher die Wellen. Der Wind wird immer stärker und wir hoffen, dass dort draußen niemand mit einem Boot unterwegs ist.
Und dann kommen wir zu der Stelle, an der das Meer den Wald frisst.
Umgestürzte Bäume. Dutzende davon. Eichen, Kiefern, Birken – sie liegen im Sand, halb im Wasser, die Wurzeln in die Luft gestreckt. Ein Mann, dem wir am Strand begegnen, zeigt uns Fotos, die er regelmäßig aus derselben Perspektive macht: man sieht, wie der Wald Schritt für Schritt verschwindet. In den vergangenen 130 Jahren hat das Meer rund 130 Meter Land auf beiden Seiten des Kaps abgetragen. Ein Meter pro Jahr. Unaufhörlich.
Ein Mann der immer wieder hier her kommt, erzählt uns davon und zeigt und auf seinem Handy Bilder. Bilder aus der gleichen Perspektive, die eindrucksvoll zeigen, wie der Wald verschwindet. Immer mehr.
Wir steigen über die Stämme, ahnen, was hier für Kräfte wirken.
Und dann finde ich etwas.
Ein Floß oder Teile eines Schiffs oder was davon übrig ist. Balken aus Eichenholz, seit Jahren im Meer gelegen – das sieht man am Holz, das nach dem Sägen tiefschwarz ist. Mit einer kleinen Säge trenne ich zwei Stücke ab. Die Balken sind schwer, das Holz dicht und hart vom Salzwasser.
Wir schleppen sie tatsächlich bis nach Hause. Heute stehen sie bei uns im Wohnzimmer – eine Stele, eine Lampe. Wir nennen sie Cap Colka.
Unser Stellplatz:
Kostenloser Parkplatz mitten im Wald, unweit des Kaps.
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Mehr Informationen
Die Nacht im Wald – und das Glück der Ahnungslosen
Wir übernachten auf dem Parkplatz im Wald, zusammen mit einigen anderen Wohnmobilen.
In dieser Nacht zieht Sturmtief KIRSTI über das Baltikum. Das wissen wir damals nicht.
Wir erfahren erst einige Tage später, was in der Nacht um uns herum passiert ist: abgedeckte Dächer, entwurzelte Bäume, überschwemmte Straßen. Sturmtief KIRSTI hatte das Baltikum getroffen. In Riga waren in einer einzigen Nacht fast 100 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen – die normale Regenmenge des gesamten Juli. 200.000 Haushalte ohne Strom.
Wir hatten das alles schlafend im Wald verschlafen.
Nadja übernimmt – und die Straße macht ernst
Am nächsten Morgen übernimmt Nadja das Steuer.
Kaum sitzt sie auf dem Fahrersitz, wird die Straße zur Schotterpiste. Kilometerlange Baustellen. Schotter, Matsch, Regen. Nadja sagt nichts. Sie fährt. Nach etlichen Kilometern sieht unser Wohnmobil aus wie ein Expeditionsfahrzeug. An einer Tankstelle versuche ich, den festgebackenen Sand abzubekommen. Ohne Erfolg.
Und dann erfahren wir, dass sie gerade wenige Kilometer von unserer Route entfernt stehen. Mitten im Wald.
Kaum haben wir beschlossen, uns zu treffen, reißt der Himmel auf. Die Sonne kommt heraus, als wäre nichts gewesen. Nach einer dreißig Kilometer langen Fahrt über echte lettische Pisten kommen wir tatsächlich zueinander.
Mitten im Wald. Kein Haus weit und breit. Kein Dorf, keine Menschen.
Hinter ihnen steht ihr gelbes Expeditionsmobil auf einem Iveco-Fahrgestell, daneben unser weißes Eura Mobil – ein schönes Bild.
Ulrike und Wolfgang sind seit mehr als 15 Jahren unterwegs. Neun Jahre in Südamerika. Jetzt wieder in Europa. Sie erzählen, wie das ist, wenn das Wohnmobil kein Reisefahrzeug mehr ist, sondern das Zuhause. Was man braucht und was man nicht braucht. Wie man denkt, wenn man keinen festen Rückweg mehr hat.
Wolfgang macht fantastische Naturbilder. Ulrike schreibt auf ihrem Blog – nicht für die breite Öffentlichkeit, sondern für Familie und Freunde. Ganz unaufgeregt. Damit die wissen, wo sie gerade sind.
Wir verbringen einen langen Abend mit den beiden, in der Stille des lettischen Waldes, nach einem Sturm, den wir verschlafen haben.
Danke, Ulrike und Wolfgang.
Baltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
05 Kaunas, ein Lost Place und der Berg der Kreuze
06 Schloss Rundāle – und der Sturm danach
07 Riga – Bernstein, Backstein und Jugendstil
08 Gauja Nationalpark
09 Estland – Tartu, Zwiebelrussen und der Lahemaa
10 Tallinn – Das Mittelalter lebt
11 Rummu – TikTok Schönheit über dem Abgrund
12 Saaremaa – Insel mit Vergangenheit und Tiefgang
14 Haapsalu – das Venedig des Nordens
15 Irgendwo zwischen Pärnu und Riga
16 Kap Kolka – gefährliches Meer, ein Sturm und wir mittendrin
17 Die Kurische Nehrung – ein Traum wird wahr
18 Klaipėda, Ännchen von Tharau und das Naturschutzgebiet Pape
19 Heimwärts – und ein letzter Blick zurück
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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