Fährenchaos – und ein letzter Blick zurück – Baltikum Roadtrip 19

Die Fähre in Liepāja – Chaos auf Lettisch

Wir warten. Und warten. Und warten.

Was dann folgt, ist die chaotischste Fähreinschiffung, die wir je erlebt haben. Keiner weiß so recht, wo man hinfahren soll. Die Beschilderung ist spärlich, die Einweisung noch spärlicher. Irgendwann bildet sich eine endlose Schlange vor dem Schiff – und während wir brav warten, drängeln sich andere einfach vor. So kennen wir das von keiner Fähre, nicht in Irland, nicht in Norwegen, nicht in Schweden.

Aber am Ende sind wir an Bord.

Kabine bezogen. Gasversorgung am Wohnmobil ausgeschaltet – das Wichtigste. Und dann: rauf aufs Oberdeck. In der Hand ein lettisches Bier, vor uns die Ostsee. Die Sonne schenkt uns noch einen letzten Abschied. Orange, rot, violett. Die Lichter von Liepāja verschwinden hinter dem Horizont.

Wir stehen an der Reling, und wir reden. Über alles. Über die Dünen und die Wildpferde, über den Sturm, den wir verschlafen haben, über Saaremaa und die Kurische Nehrung. Wir schwärmen uns gegenseitig vor, was wir erlebt haben – als müssten wir es festhalten, bevor es verblasst. Andere Reisende auf Deck hören zu, nicken, fangen an zu erzählen. Es ist einer dieser Abende, an denen man nicht aufhören will.

Vier Wochen Baltikum. 5.420 Kilometer. 68 Stunden reine Fahrzeit.

Die komplette Reise:

Was bleibt – die Highlights einer unvergesslichen Reise

Vilnius und Užupis

Eine Stadt, die man so nicht erwartet. Barock, Jugendstil, Straßenkunst – und mittendrin die Republik Užupis, der selbsternannte Stadtstaat der Künstler. Eine Verfassung an der Wand, 41 Artikel, übersetzt in Dutzende Sprachen.

Artikel 1: Jeder Mensch hat das Recht zu wohnen, wo er möchte.
Artikel 41: Jeder Mensch hat das Recht, nichts zu tun.
Wir waren sofort verliebt.

Und dann natürlich Trakai – wunderschön in der Abendsonne.

Diese Bücher begleiten uns:
Bruckmann

Der Berg der Kreuze bei Kaunas

Hunderttausende Kreuze, Rosenkränze, Madonnenfiguren – auf einem schlichten Hügel in der litauischen Ebene. Niemand hat diesen Ort gebaut. Er ist gewachsen, Jahr für Jahr, als stiller Widerstand gegen die sowjetische Besatzung. Dreimal wurde er zerstört, dreimal entstand er neu. Heute ist er Wallfahrtsort und Welterbe. Wir haben lange dort gestanden.

Schloss Rundāle

Mitten in der lettischen Provinz – ein Barockpalast wie aus einem anderen Jahrhundert. Versailles in Klein, mit Parterres, Orangerie und vergoldeten Sälen. Wir haben diesen Ort nicht erwartet. Er hat uns überwältigt.

Riga

Die Jugendstilhäuser, die Altstadt, die Parks, der Markt in den alten Zeppelin-Hangars. Riga ist eine Stadt, die man zweimal besuchen muss – einmal im Regen und einmal bei Sonne. Wir haben beides erlebt. Beim zweiten Mal sind wir einfach noch einmal durchgefahren, weil wir uns nicht davon trennen konnten.

Der Gauja Nationalpark und Cēsis

Lettlands grünes Herz. Paddeln auf der Gauja, Radfahren durch Nadelwald, und dann Cēsis: eine mittelalterliche Ordensstadt, in der 1577 die Frauen und Kinder der Besatzung sich mit der Pulverkammer in die Luft sprengten, lieber als in die Hände Iwans des Schrecklichen zu fallen. Geschichte, die sich ins Gedächtnis brennt.

Tallinn

Das Mittelalter lebt. Kopfsteinpflaster, Türme, Rathausplatz, Gilden und Kaufmannshäuser – und das alles in einem Zustand, der einen glauben lässt, man sei durch eine Zeitmaschine getreten. Von der Stadtmauer aus schaut man über rote Dächer bis zum Meer. Ein Bild, das bleibt.

Die estnischen Inseln – Muhu und Saaremaa

Muhu: klein, ruhig, unterschätzt. Steinmauern, alte Höfe, eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Saaremaa: Estlands größte Insel, die sonnigste, die schönste. Meteoritenkrater, mittelalterliche Burgen, ein Opernfestival in einer Festung, das wir vom Wohnmobil aus hörten. Und Vilsandi, wo man barfuß durch die flache Ostsee waten kann. Saaremaa haben wir mit Tränen in den Augen verlassen.

Kap Kolka

Der Strand der zwei Meere. Wo die offene Ostsee auf den Rigaer Meerbusen trifft, kämpfen die Wellen gegeneinander, das Baden ist verboten und das Meer frisst den Wald. Ein Mann am Strand zeigte uns Fotos, aufgenommen immer aus derselben Perspektive, Jahr für Jahr. Der Wald wird weniger. Wir haben Eichenbalken aus dem Wasser gesägt – sie stehen heute bei uns im Wohnzimmer. Wir nennen sie Cap Colka.

Und dann Sturmtief KIRSTI, das wir im Wald verschliefen – und erst Tage später erfuhren, was es in der Region angerichtet hatte.

Die Kurische Nehrung

Der Grund für die ganze Reise. Ein Sandstreifen zwischen Ostsee und Haff, 100 Kilometer lang, UNESCO-Weltkulturerbe, Wanderdünen, Fischerhäuser in Braun und Tiefblau, Kurenwimpel im Wind. Thomas Mann war hier glücklich. Wir auch. Am Ende der Straße steht ein Zaun. Dahinter: Russland. Die Route, auf der man früher einfach nach Polen weiterfahren konnte, gibt es nicht mehr. Das Gefühl, das einen dort überkommt, lässt sich schwer in Worte fassen.

Das Naturschutzgebiet Pape

Ein Holländer, der die Natur zurückbringt. Wildpferde und Heckrinder ohne menschliche Betreuung, auf brach gefallenen Sowjet-Ländereien. Kraniche auf der Wiese neben dem Wohnmobil beim Frühstück. Hengste, die aufeinander losgehen, während die Stuten faul in der Sonne liegen. Der letzte Morgen der Reise – und einer der besten.

Was uns bleibt

Der Fährpreis von Liepāja nach Deutschland erschien uns zu Beginn der Reise happig. Am Ende waren wir froh um jede Stunde auf dem Wasser. Keine Autobahn, kein Stau, kein Stress. Die Ostsee zieht vorbei, ein Offshore-Windpark taucht am Horizont auf, irgendwo liegt die dänische Küste im Dunst. Wir sitzen an Deck, frühstücken, lesen, dösen. Die Fähre hat die Reise nicht beendet. Sie hat ihr einen letzten ruhigen Abschluss gegeben.

Und dann: zuhause. Der Garten. Das Wohnmobil auf dem Stellplatz. Alles wie immer.

Nur wir sind nicht mehr ganz dieselben.

Wir denken fast jeden Tag an diese Reise zurück. An die Menschen, die uns überall freundlich empfangen haben. An Orte, die wir so nicht erwartet hatten. An die Weite und die Ruhe und die Einsamkeit, die man in Mitteleuropa so nicht mehr findet.

Das Baltikum hat uns erwischt.

Wir kommen wieder.

VERSPROCHEN.

Bild von Jürgen Rode

Jürgen Rode

schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.

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7 Kommentare

  1. Danke für Euren Reisebericht. Ja das Baltikum hat uns auch verzauber. Drei wunderbare, unterschiedliche Länder, die wir auch wieder besuchen werden.
    M & M

  2. Vielen Dank für den Reisebericht. Viele Orte sind wir in unserer Erinnerung mitgefahren, wir haben aber auch viele Anregungen bekommen, obwohl wir schon zweimal im Baltikum waren. Es ist immer wieder eine Reise wert.

  3. Lieber Jürgen,
    wir haben selten einen Reisebericht mit so viel Begeisterung verfolgt.
    Dankeschön für die herrlichen Bilder und die anschaulich begleitenden Texte.
    Ihr habt uns an euren Impressionen teilhaben lassen, als wären wir dabei gewesen.
    Herzlichen Dank und wir hoffen auf weiterhin so viel Energie für ausgefallene Reiserouten.
    Harald & Elke aus Gütersloh

    1. Hallo Elke und Harald!
      Das freut Nadja und mich jetzt wirklich sehr. Denn eigentlich schreiben wir die Reiseberichte nur für uns. Laut den Aufrufzahlen liest das kaum jemand, hab ich zu Nadja gesagt, also schreiben wir es eigentlich für uns selbst. Wenn wir irgendwann mal nicht mehr unterwegs sein können, werden wir uns an unseren eigenen Berichten erfreuen können.
      Um so schöner, wenn sich andere darüber freuen, was wir erlebt und niedergeschrieben haben!

  4. Lieber Jürgen.
    Auch wir haben mit großer Freude eure Berichte mitverfolgt. Unsere Baltikumreisen liegen schon ein paar Jährchen zurück (2005 und 2013), aber durch eure Berichte ist alles wieder sehr lebendig geworden. Auch wir haben in unseren Womos regelmäßig Tagebuch geführt, so dass nichts in Vergessenheit gerät. Die Fotos tun ihr Übriges.
    Im vergangenen Jahr waren wir in Rumänien, wo wir uns theoretisch hätten treffen können. Eine echte Entdeckung!
    In den kommenden Sommerferien geht’s nach langer Pause (40 Jahre) mal wieder in die Bretagne. Auch hier werden wir von unseren fast antiken Bordbuchaufzeichnungen zehren.
    Wir freuen uns auf weitere Reiseberichte von euch und natürlich auf die Womoblogbeiträge auf Youtube.
    Herzliche Grüße von Conni und Reinhard

    1. Bretagne stand die letzten zwei Jahre auf unserem Programm und immer ging es Muttern nicht gut. Da müssen wir also noch hin. Dieses Jahr sind es die äußeren Hebriden und nächstes Jahr ist noch einmal eine Karpartentour angedacht.

      Wir wünschen euch viel Spaß

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