Zu Besuch bei Astrid Lindgren

Ihr kennt sicher Astrid Lindgren.
Jeder kennt schließlich Astrid Lindgren.
Oder zumindest Pipi Langstrumpf.
Und natürlich Michel aus Lönneberga. Der hier in Schweden in Wirklichkeit Emil heißt. Aber dazu später mehr.
In Deutschland kennen wir Astrid Lindgren nur als Kinderbuchautorin.
In Schweden aber ist Astrid Lindgren eine Ikone.
Eine moralische Instanz, die man hörte, bevor man Gesetze auf den Weg brachte.
Sie wurde politisch, als sie feststellte, dass sie mehr Steuern zahlen musste, als sie einnahm, beeinflusste mit ihrer Geschichte „Pomperipossa in Monismanien wahrscheinlich die Abwahlen der Regierung und setzte sich zeitlebens für Kinder- und Tierschutzrechte ein.

Astrid Lindgren: Skulptur auf dem Marktplatz in Vimmerby

Als ihr 1997 der Preis ‚Schwedin des Jahres‘ verliehen wurde, entgegnete sie: „Ihr verleiht den Preis an eine Person, die uralt, halb blind, halb taub und total verrückt ist. Wir müssen aufpassen, dass sich das nicht rumspricht.“
Kein Wunder, dass diese Frau heute noch so beliebt ist. Auf Katthult hängt ein Bild, in der sie im hohen Alter noch auf einem Baum klettert. Warum sie das mache? Weil es ihr Spaß macht.
So war sie.

Wir wandern auf ihren Spuren. Und Sören führt uns nach Vimmerby.
Heute geht es nach Näs. Zum Geburtshaus von Astrid Lindgren. In dem berühmten roten Haus hat sie ihre frühe Kindheit verbracht und später, im gelben Haus, die Jugendjahre.
Noch immer gehört das Anwesen der Familie. Und auch hier zeigt Astrid Lindgren ihr untrügliches Gespür: Nicht ihre Tochter erbte das Haus, nein, die Nichten.
Diese hatten ihre Kindheit dort verbracht. Die Tochter lebte in Stockholm. Astrid Lindgren wollte, dass jemand in den Häusern lebt, der einen Bezug zu ihnen und immer dort gespielt hatte.
Und so verbringen die Nachkommen noch immer ihre Sommer in Näs und halten das Andenken der Urahnin Ehren.

Das Museum, das im weitläufigen, parkähnlichen Areal gebaut wurde ist es wert, mit viel Zeit hierher zu kommen. Wer meint, er könne in ein, zwei Stunden das Thema Lindgren abhaken, der irrt.
Einen ganzen Tag kann man bequem hier verbringen, ohne sich zu langweilen.
Aufgepasst: Wie fasst überall in Schweden sind Museen am Montag geschlossen. Zwar ist das Museum hier in Näs geöffnet, aber zum Beispiel die Scheune mit seiner Ausstellung und dem kleinen Verkaufsraum für Aquarelle, bleibt geschlossen.

Und für die Führung durch das rote Haus sollte man sich Wochen (!) vorher anmelden.
Wir haben Glück: Am Morgen sagt ein Pärchen ab und wir ergattern die begehrten Karten für die Nachmittagsführung. Also einfach mal am Empfang fragen. Manchmal hat man Glück!



Bis dahin genießen wir noch einmal das Museum (unbedingt die Audioguides nutzen). Allein die Schaukästen und Sammlungen sind wunderbar anzusehen, wenn man die Geschichten dahinter noch erzählt bekommt, wird alles noch großartiger.
Echt erstaunlich, was diese Frau erlebt und bewegt hat!

Im Garten und Park angekommen, nehmen wir uns erst einmal Zeit, genießen die Mittagssonne und sitzen am Spielplatz.
Der eben nicht nur für Kinder gemacht ist!
Natürlich spielen wir „Nicht den Boden berühren“ und hüpfen von Stamm zu Stamm und von Zaun zur Schaukel. Und natürlich schaukeln wir, klettern, spielen wie die Kinder.
Warum braucht es erst Astrid Lindgren, um sich daran zu erinnern?

Den neuen Gartenteil hatten wir vor vier Jahren, bei unserem letzten Besuch, noch im Rohzustand erlebt. Nun ist der Garten fertig und eingewachsen und sieht aus, als sei er schon immer so. Überall stehen Bänke oder Schaukeln und ein nettes Cafe bietet sogar die leckeren Zimtschnecken.

Und dann stehen wir vor dem roten Haus!
Noch dürfen wir nicht hinein.


Aber in die Werkstatt, die wohl Vorbild stand für Michels Fluchthütte, in der er die Männchen machte.
Wobei: hier in Schweden heißt Michel ja Emil. Erst der deutsche Verlag machte aus Emil unseren Michel. Kästners ‚Emil und die Detektive‘ war unter Kinderbüchern in Deutschland sehr erfolgreich und so wollte man nicht einen weiteren Emil auf den Markt bringen. Zudem klang für die deutschen Ohren ein ‚Michel‘ viel schwedischer

Michel heißt in Schweden Emil!

In der Scheune nebenan gibt es eine Ausstellung über die Geschwister Astrid Lindgrens. Und erstaunlicherweise erfahren wir, dass alle Geschwister irgendeinen Beruf hatten, der mit Büchern oder der Schriftstellerei zu tun hatte.
Kommt man über die kleine Treppe hinauf zur Ausstellung, wartet unscheinbar ein kopiertes Heft auf einem Stuhl, der einen durch die Ausstellung begleiten kann. Erstaunlicherweise gehen die meisten (Deutschen) daran vorbei, schauen sich die vielen Bilder im Raum an und gehen wieder. Denn die schwedischen Texte können sie nicht lesen und verstehen.
Wer sich aber das Heft nimmt und liest, der kommt aus dem Lachen und Staunen nicht mehr heraus. Und dann dauert allein der Besuch der Scheine schon einmal eine Stunde.

Selten haben wir so gelacht oder uns mit anderen über das Leben in der Jugendzeit der Geschwister unterhalten. Ganz ohne Fernsehen, Internet und Smartphone erfanden die Kinder ihre Spiele und wir sind tief beeindruckt, über Geschichten wie diese:

Unbedingt die Ausstellung zusammen mit der Übersetzung besuchen – Unbezahlbar!

Denn noch Jahre später wird diese Anekdote die Bücher von Astrid Lindgren prägen.

Im Untergeschoß gibt es einen kleinen Laden und dort verliebt sich dann Nadja in ein Aquarell.
Nicht die Kopie wird es sein, nein, das Original leuchtet viel schöner.
Der Mann einer Nichte malt heute diese kleinen Kunstwerke und so bekommen wir unser Dauerandenken an diesen Tag, das nun in unserem Wohnzimmer einen Ehrenplatz bekommen wird.

Im Museum lässt es sich übrigens gut essen und Kaffee trinken und so überbrücken wir die Zeit bis zur Führung im roten Haus.
Diese erweist sich dann tatsächlich als weiteres Highlight. Eine junge Deutsche, die in der Umgebung viele Jahre ihren Urlaub verbrachte und Land und Leute kennt, führt uns durch das Untergeschoss und die Räume.

Hier haben die Eltern von Astrid Lindgren gelebt und offenbar – für die damalige Zeit – ihren Kindern viele Freiheiten gegeben. Im Schlafzimmer durfte man ‚Nicht den Boden berühren spielen‘. Vom Bett, über die Tür, zum Schrank, auf den Schreibtisch, wieder eine Tür, ein Bett usw. Täglich musste deswegen dort geputzt werden und die Mutter hat es trotzdem erlaubt.
Da der große Hof immer auch Landstreicher anzog und sich unter diesen herum gesprochen hatte, dass man hier willkommen ist, waren zum Abendessen oft Landstreicher zu Gast.
Kein Wunder, dass Astrid Lindgren ein Buch wie ‚Rasmus und der Landstreicher‘ schreiben konnte, in dem es viel Geheimwissen gab.

Überhaupt finden sich viele kleine Hinweise, die man in den Büchern wiederfindet.
So gab es Türen aus der Küche in die Räume rundherum, so dass man immer im Kreis rennen konnte. Einer läuft linksherum, der andere rechtsherum und immer wenn man sich trifft, piekst man sich und ruft.
Diese Spiele finden sich bei Michel und natürlich auch in Bullerbü.

Der Limonadenbaum

Die Sonne steht schon tief, als wir Näs verlassen. Hatten ich anfangs gedacht, wir könnten uns noch ein wenig Vimmerby anschauen, fahren wir nun geradewegs zum Campingplatz zurück und beschließen, mindestens zwei Tage länger in Vimmerby zu bleiben.

Denn morgen wollen wir die im Reiseführer „Astrids Lindgrens Schweden“ hochgelobte Radtour machen: Von Vimmerby nach Bullerbü.“ Und vielleicht auch noch zum Katthult.


Jetzt aber müssen die Füße erst einmal hochgelegt werden und die tiefstehende schwedische Sonne lässt das satte Grün am See so richtig strahlen.

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