Nach der unvergesslichen Nacht des Sängerfests schliefen wir tief und fest auf unserem Stellplatz am T. Kosciuškos g. 1a – ruhig, mitten in der Stadt, und direkt am Fuß des Burgbergs. Besser kann man in einer Hauptstadt mit dem Wohnmobil kaum stehen: Wer morgens die Tür aufmacht, blickt auf grüne Hügel, und nach fünf Minuten zu Fuß steht man bereits auf dem Kathedralenplatz.
Wir blieben noch einen weiteren Tag. Vilnius war einfach zu schön, um gleich weiterzufahren.
Die Stadt wird auch das „Rom des Ostens“ genannt, und tatsächlich ist sie eine der größten Barockstädte nördlich der Alpen. Beim Spaziergang durch die Altstadt mit ihren kopfsteingepflasterten Gassen verschmelzen Gotik, Renaissance und Barock zu einer harmonischen Kulisse. Seit 1994 gehört die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe – aber das klingt in Reiseführern immer so trocken. Wenn man dann wirklich durch diese Gassen schlendert, versteht man es. Der Sommer tut sein Übriges: Es war angenehm warm, aus jedem Café und Bistro duftete es verführerisch nach Kaffee und frisch Gebackenem, und die Terrassen quollen über vor fröhlichen Menschen.
Die Pilies-Straße – und immer der Turm im Blick
Die Hauptachse der Altstadt, die Pilies-Straße, ist eine der schönsten Flaniermeilen, die ich kenne. Oben, am Ende der Häuserzeile, thront der rote Backsteinturm von Gediminas auf seinem Hügel – er begleitet einen auf dem ganzen Weg wie ein alter Freund. Der Legende nach träumte Großfürst Gediminas im 14. Jahrhundert von einem eisernen Wolf, der auf einem Hügel heulte. Ein Priester deutete es als Zeichen: Hier sollte eine große Stadt entstehen. Ich war schon früh am Morgen dort oben. Den Blick über die Stadt und die Landschaft solltet ihr euch nicht entgehen lassen.
Diese Bücher begleiten uns:
Reiseführer
Bruckmann
Baltikum mit dem Wohnmobil: Die schönsten Routen...
17,99 EUR
Unser Stellplatz:
Einfahren und später am Automat bezahlen. Wie fast immer im Baltikum ist Kartenzahlung möglich.
In der Nähe ist eine Disco, unter der Woche war es ruhig und auch in der Nacht war es für einen Platz mitten in einer Großstadt, erstaunlich ruhig.
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Der Kathedralenplatz – tagsüber und nachts
Die Kathedrale St. Stanislaus war die Krönungskirche der litauischen Großfürsten und ist ihre letzte Ruhestätte. Tagsüber bevölkert, abends illuminiert – wir sahen sie zu beiden Tageszeiten, und nachts leuchtete sie in einem satten Goldgelb gegen den tiefblauen Sommerhimmel. Wir standen lange einfach da und schauten. Manchmal braucht man keine Worte.
Innen war es das Kuppelgewölbe, das mich atemlos machte: Ein ovales Oberlicht lässt das Tageslicht in weichen Bahnen auf die Statuen fallen, die ringsum in ihren Nischen stehen. Es herrscht eine Stille, die man kaum erwartet, wenn draußen tausend Menschen über den Platz schlendern.
Vom Kathedralenplatz kann man eine schöne Wanderung zum Drei-Kreuz-Denkmal machen, das auf einem bewaldeten Hügel über der Stadt steht. Aus der Luft – ich ließ kurz die Drohne steigen – sieht man es eingebettet in ein Meer aus grünen Baumkronen, mitten über der Stadt, fast unwirklich still.
St. Anna – die Kirche, die Napoleon nicht vergessen konnte
Ein paar Gassen weiter standen wir plötzlich davor: die Kirche St. Anna, und ich war sofort sprachlos. Sie ist ein im Baltikum seltenes Beispiel für den Stil der Flamboyantgotik, wie man ihn vor allem aus Frankreich und Belgien kennt. Aber es ist vor allem der Backstein – dieses tiefe, warme Rot, das in der Sommersonne fast zu glühen scheint –, der mich fasziniert hat. Die Fassade ist von einer Filigranität, die man Backstein eigentlich nicht zutraut: geschwungene Türmchen, spitze Bögen, Hunderte von Details, die man immer neu entdeckt.
Napoleon soll beim Anblick dieser Kirche gesagt haben, er würde sie am liebsten auf der Handfläche nach Paris tragen. Ich kann es ihm nachfühlen.
Die Universitätsbibliothek – eine der ältesten und schönsten Europas – war leider geschlossen. Das bleibt ein Grund, zurückzukommen.
Die Geschichte der Meerjungfrau
Bevor wir die Brücke überquerten, blieb ich noch eine Weile einfach stehen – genauer gesagt: sitzen. Unter der alten Eisenbrücke, die seit 1881 über die Vilnia führt und deren verrostetes Schmiedeeisen-Geländer aussieht wie eine vergessene Skulptur, hängt eine Schaukel über dem Fluss. Ich setzte mich, ließ die Beine baumeln und schaute den Kajaks zu, die lautlos im klaren Wasser dahinglitten. Niemand fragte, ob man darf. Niemand schaute komisch. In Užupis schaukelt man eben. Die Legende sagt, wem der Fluss Vilnia wohlgesonnen ist, den lässt die Schaukel schaukeln – wem nicht, bleibt sie still. Meine schaukelte.
Direkt daneben, in einer Nische der alten Mauer, sitzt die Nixe von Užupis – offiziell Undinėlė, die kleine Undine. Eine Bronzeskulptur des Bildhauers Romas Vilčiauskas, 2002 geschaffen, mit zerzaustem Haar, Fischschwanz und einem Blick, der die Altstadt hinter sich lässt und nur auf das andere Ufer schaut – nach Užupis. Der Legende nach wird, wer ihr in die Augen schaut, verzaubert und findet nie mehr den Weg heraus. 2004 schwemmte ein Hochwasser sie fort; Taucher holten sie zurück. Ohne sie, so munkelt man, käme eine traurige Zeit über Užupis.
Und natürlich schaute ich ihr in die Augen.
Vielleicht erklärt das, warum ich mich hier so wohl fühlte.
In ein neues Land: Über die Brücke – nach Užupis
Von der Kirche St. Anna sind es nur wenige Schritte bis zu einer kleinen Brücke über das Flüsschen Vilnia. Und wer diese Brücke überquert, betritt ein anderes Land.
Užupis bedeutet „jenseits des Flusses“ – ein nur 0,6 km² kleiner Stadtteil, der an drei Seiten vom Fluss umflossen und an der vierten von steilen Hügeln abgeschirmt wird. Einst war es das ärmste und heruntergekommenste Viertel von Vilnius. Nach dem Holocaust, in dem die jüdische Bevölkerung des Viertels nahezu vollständig ermordet worden war, blieb Leere zurück. In der Sowjetzeit fanden hier Obdachlose Unterschlupf. Die Nähe zur Kunstakademie brachte in den frühen 1990er Jahren die ersten Künstler, und an einem Abend im Jahr 1998 saßen Romas Lileikis und Tomas Čepaitis zusammen, wollten dem Viertel eine eigene Identität geben – und gründeten kurzerhand die Republik Užupis.
Mitunter wird Užupis mit dem Künstlerviertel Montmartre in Paris verglichen, mit dem es auch eine offizielle Partnerschaft verbindet. Aber Užupis hat etwas, das Montmartre nicht hat: echte Absurdität mit Herz. Die Republik hat einen Präsidenten, Minister, Botschafter, eine Flagge – eine Hand mit einem Loch in der Mitte, Symbol der Offenheit –, und eine Verfassung, die heute auf Spiegel gedruckt in mehr als 30 Sprachen an den Wänden einer Straße hängt, sodass man sich beim Lesen selbst in ihr widerspiegelt.
Eigene Verfassung
Und was für eine Verfassung das ist. Wir lasen sie Artikel für Artikel, und mussten immer wieder lachen – und dann doch wieder innehalten, weil hinter dem Witz oft ein sehr ernsthafter Gedanke steckt.
§ 3: „Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, aber das ist keine Pflicht.“
§ 6: „Eine Katze ist nicht verpflichtet, ihren Besitzer zu lieben, aber in Notzeiten muss sie ihm helfen.“
Und dann ist da noch die dicke Bronzekatze, die auf einem Gartenzaun thront und mit unbewegter Miene auf uns herabschaut – würdevoll, ein bisschen hochnäsig, vollkommen unbeeindruckt vom Treiben um sie herum. Wir standen lange vor ihr. Sie würdigte uns keines Blickes. Volle Verfassungskonformität.
Und dann ist da noch die dicke Bronzekatze, die auf einem Gartenzaun thront und mit unbewegter Miene auf uns herabschaut – würdevoll, ein bisschen hochnäsig, vollkommen unbeeindruckt vom Treiben um sie herum. Wir standen lange vor ihr. Sie würdigte uns keines Blickes. Volle Verfassungskonformität.
§ 20 erklärt: „Kein Mensch hat das Recht, Gewalt auszuüben“ – weshalb die einst gegründete Armee wieder aufgelöst wurde, weil sie ja ihrer eigenen Verfassung widersprach. Noch nie wurde ein Staat aus so ehrlichen Gründen entwaffnet.
Wir schlenderten durch die Gassen, entdeckten an jeder Ecke etwas Neues. Auf einem Sockel zwischen Weidenzweigen steht eine weiße Skulptur – ein Mensch mit ausgebreiteten Armen, der Kopf leicht gehoben, am Rücken das Gepäck eines Reisenden.
Es ist der berühmte Jesus mit Rucksack – eine der vielen skurrilen und liebevollen Kunstwerke, die Užupis bevölkern. Daneben: ein rostiges Eisenschwein auf Rädern. Nebenan: „Herr Katt – Barbershop“. Natürlich.
Der Dalai Lama besuchte Užupis mehrfach und wurde zu einem von 200 Botschaftern ernannt. Die Cafés hatten kreative Terrassen – in einem saßen die Gäste auf Schaukeln statt auf Stühlen, was dem Kaffeetrinken eine vollkommen neue Dimension gibt.
Man schlendert, man entdeckt, man lächelt – und irgendwo zwischen dem zweiten Kaffee und der dritten Skulptur im Hinterhof denkt man: Diese kleine Republik mit ihrer leicht verrückten Verfassung nimmt die Welt ernster als viele große Staaten.
Das Recht auf Glück. Das Recht, Fehler zu machen. Das Recht, einzigartig zu sein. Das Recht zu sterben – aber keine Pflicht dazu.
Eigentlich kein schlechtes Grundgesetz.
Baltikum – Reisebericht
Inhaltsverzeichnis:
01 Baltikum – Ankunft mit Paukenschlag
02 Vilnius und Užupis, der Staat in der Stadt
03 Trokai
04 Litauisches Freilichtmuseum in Rumšiškės
Jürgen Rode
schreibt seit 2012 für Womo.blog und hat das Camping-Gen quasi mit der Muttermilch bekommen.
Im Wohnwagen seit 1968, später mit dem eigenen Zelt, im Auto durch Norwegen mit viel Regen, musste anschließend ein Kastenwagen her, der 1990 selbst ausgebaut wurde, mit den Kindern kam der Wohnwagen und als die fast aus dem Haus waren, 2012 die erste Weißware.
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6 Kommentare
11 Sterne von 10
wir starten im Mai zu einer zweimonatigen Rundreise durch das Baltikum.
Das sind tolle Informationen für uns,
Grüße Bernd
Vielen Dank, dann kommen noch viele Tipps von uns für dich.
Ich muss nur endlich dazu kommen, die Reiseberichte fertig zu stellen 🙈
Lieber Jürgen Rhode!
Ich bin ganz begeistert von Eurer detailreichen und mit viel Begeisterung für das Land und die Leute geschriebene Reiseerzählung aus Litauen. Selbst werde ich mit dem WoMo sicher nicht dahin fahren, das wäre mir zu anstrengend – das Alter … – aber Euer Bericht ist so lebendig geschrieben, dass es fast die Reise ersetzt. Und die Bilder! Einfach herrlich.
Grüße von Karl aus Heusenstamm
Freut uns, dass es dir gefällt.
Und da kommen noch viele Erlebnisse
Hallo Jürgen, vielen Dank für diesen wunderbaren Bericht, der uns zeigt, wie friedlich Menschen miteinander ihre Traditionen pflegen und stolz sein dürfen auf ihre Heimat. Du hast dazu ein Talent, das so bildhaft zu beschreiben, dass man fast keine Fotos bräuchte.
Mir ist noch ein Satz in Erinnerung, wo Du schreibst, dass nachdem sich die Feier mit zehntausenden Menschen aufgelöst hatte, kein Krümchen Müll auf den Flächen zurück blieb. Das haben wir in Schweden zum Midsommerfest genauso erlebt. Hier könnten wir uns ein Beispiel nehmen, was unser Land auch schöner machen würde.
Aber wir Camper, ich meine die Echten, lassen eh nichts liegen, wenn wir einen Platz verlassen.
Danke für diesen wunderbaren Bericht.
Grüße Henriko
Hallo Henriko!
Danke, dass es dir gefallen hat!
Bei unseren Reiseberichten kommen leider wenig Rückmeldungen und im Grunde schreiben wir sie, damit wir im Alter mal zurückschauen können und uns an unseren eigenen Reisen erfreuen werden.
Daher ist eine so nette Antwort, wie deine, hoch willkommen!