Rumänien – Hermannstadt

Wir lassen uns vom Campingplatzbetreiber ein Taxi kommen und fahren für gerade einmal 8 Euro in die Innenstadt.
Hermannstadt war schon 2011 Kulturhauptstadt und auch wenn in den deutschen Medien nur von Sibiu gesprochen wird, die hiesigen Sachsen nennen ihre Stadt nach wie vor Hermannstadt.
Wie schon gesagt, in Siebenbürgen benutzt jeder die deutschen Namen, ohne dass jemand annimmt, die Deutschen würden Ansprüche auf das Land erheben, nur, weil man deutsch spricht oder die Städte deutsche Namen besitzen. Manchmal ist unsere ‚political correctness‘ einfach nur absurd!

Warum auch immer wird in der deutschen Presse nur der rumänische Namen benutzt. Für die Sachsen ist das unverständlich.
Wir treffen unseren heutigen Stadtführer direkt auf dem Hauptplatz. Der junge Mann mit einer extrem tiefen Stimme ist uns sofort sympathisch.
Solltet ihr einmal nach Hermannstadt kommen, dann kann ich euch nur empfehlen, euch von Christian Puscas führen zu lassen.
Ein wandelndes Lexikon!


Er kennt seine Stadt und kann spannend erzählen. Jahreszahlen, Zusammenhänge, Menschen. Zu jedem Haus, zu jedem Platz, jeder Epoche.
Schade, dass es heftig regnet, als er seine Privatführung beginnt.
Normalerweise führt er die Wohnmobilfahrer, die mit Burgreisen in die Stadt kommen und daher kennt er natürlich viele Antworten, die speziell Wohnmobilfahrer interessiert: Wo ist eine Entsorgung, wo bekomme ich in Rumänien Wasser und welche Straßen sollte ich besser meiden. Wo sind schöne Routen.
Wir merken an diesem Vormittag, dass uns in vielen Städten ein solcher Experte fehlen wird. Vorteil einer Gruppenreise. Sich um nichts kümmern und bestens informiert werden. Ok, dafür zahlt man ja auch.
So nebenbei höre ich einer Busgruppe zu, die auch einen Stadtführer dabei hat.
Und merke schnell zwischen Spreu und Weizen zu unterscheiden. Zum Teil erzählt dieser Stadtführer echten Müll, gerade so, wie die Touristen das hören wollen, zum anderen total oberflächlich. Dafür ist er aber auch nach 20 Minuten mit der gesamten Geschichte Hermannstadts durch, denn der Bus fährt bald weiter.

Uns geht es besser. „Bei der Buchhandlung Schiller bekommt ihr Bücher und Landkarten und alles in Deutsch, schaut doch mal rein“ sagt Christian. Dort hole ich mir ein altes Postkartenheft, mit dem wir die alten Stadtansichten mit den neuen vergleichen. Dieses Heft hat auch Christian in der Tasche und zeigt uns immer wieder, wie die Häuser und Straßen vor hundert und mehr Jahren ausgesehen haben.

Alte Postkarten zeigen, wie gut Hermannstadt seine historischen Gebäude bewahrt hat!


Hermannstadt ist in Siebenbürgen schon immer eine befestigte Großstadt gewesen. Mehrere Ringmauern schützen die Stadt. Ring um Ring, Mauer um Mauer. Und die Angriffe kamen oft und regelmäßig. Die Namen finden sich noch heute in den Straßennamen.
Irgendwann quartierten sich die Ungarn und später die Österreicher in der Stadt ein und prägten das moderne Stadtbild.

Manchmal fühlt man sich in einem Freilichtmuseum.

Manchmal fühlt man sich in einem Freilichtmuseum. Das Bild in Schwarzweiß umgewandelt, ein paar Bildfehler hinzufügen und es würde als alte Postkarte durchgehen. Doch die Stadtansicht ist nicht etwa alt:

Schön sieht sie aus, diese Stadt.

Eine Einkaufsmeile mit vielen schönen Läden. Kaufhäuser, Boutiquen, Restaurants. Es herrscht emsige Betriebsamkeit, aber keine Hektik. Viele kommen zum shoppen nach Hermannstadt, auch aus dem weiteren Umland. Und wer sich für Kunst interessiert, der kennt das berühmte Brukenthal-Museum. Dort wollen wir unbedingt noch hin. Nur leider hat es montags geschlossen und so können wir nur die reich verzierte Fassade bewundern.

Einkaufsmeile

Als Christian von der Revolution 1989 erzählt, die hier auf dem Hauptplatz am großen Ring den ersten Toten gefordert hatte, spürt man den Stolz auf Hermannstadt und Siebenbürgen. In Temeswar begann bekanntlich 1989 die Revolution und zog schnell auch Proteste in Hermannstadt nach sich.
„Auch heute demonstrieren wir jeden Tag um viertel vor 12 vor der Parteizentrale der Soziallisten“ erzählt uns ein Einwohner. Noch immer denken die Siebenbürger fortschrittlicher, wie der Rest Rumäniens. Noch immer sind sie aufmüpfig und lassen sich von ihrer Regierung nicht alles gefallen.

Der Kampf geht weiter

Der Kampf gegen Korruption wird hier ernst genommen, auch wenn es nicht immer gelingt. Dafür werden dann von der Regierung auch einmal Mittel für das örtliche Krankenhaus gekürzt, ohne Angabe von Gründen. Aber jeder denkt sich seinen Teil. Ein zähes Ringen ist es. Und doch, so sagt Christian, sind gerade viele junge Leute bereit, für ihre Ideale auf die Straße zu gehen. Und die letzte Europawahl gibt ihnen Recht und macht allen rechtschaffenen Menschen im Land Mut. Gesetze, die die Strafverfolgung von korrupten Politikern verhindern sollten, wurden verhindert, namhafte Politiker kamen kurz danach in Haft. Dieser erste Erfolg lässt hoffen.

Christian erzählt uns nicht nur die Geschichte Siebenbürgens, sondern auch, wie man früher und heute lebte. Dass die deutschen Schulen immer noch oder gerade wieder hoch im Kurs stehen.
Auch viele Rumänen, die gar nicht deutsch sprechen oder deutsche Wurzeln haben, schicken ihre Kinder in die „deutsche Schule“. Und im Gymnasium in Hermannstadt wird in der Schule ausschließlich Deutsch gesprochen.
Ein Fenster im Untergeschoss der Schule steht offen und ich stelle mich still davor und lausche. Tatsächlich. Es geht um Literatur und man diskutiert auf Deutsch.


Ich kann und will jetzt keine Abhandlung über die Geschichte von Hermannstadt schreiben: Kommt am besten in die Stadt, bucht Christian und lernt und staunt, wie wir es auch gemacht haben.

Nur eins will ich noch erzählen: Erst durch Christian haben wir die besondere Verbindung zwischen Luxemburg und Hermannstadt verstanden. Die fürstliche Familie hat vor einigen Jahren ein Haus in der Stadt instand setzen lassen und es der Stadt vermacht. Denn als vor vielen Jahrhunderten Siedler in die Stadt kamen, kamen diese wohl auch aus der Region um Luxemburg. So etwas verpflichtet offenbar und schmiedete eine Freundschaft, die bis heute anhält.

Casa Luxemburg

Am Nachmittag scheint die Sonne wieder und wir machen quasi einen zweiten Stadtrundgang. Denn nun sehen die Häuser, Türme und Kirchen noch schöner aus. In einer guten Gaststätte essen wir und lassen es uns gut gehen. 20 Euro, für uns beide, mit Vor-, Hauptspeise und dem doppelten Espresso. Unglaublich gut und günstig.

Wir besuchen noch den Markt mit seinen vielen Obst- und Gemüseständen, bevor uns einfach die Füße weh tun und wir uns mit einem Taxi zum Campingplatz zurück fahren lassen.

Den Rest des Abends verbringen wir mit Gesprächen mit den wenigen anderen Wohnmobilreisenden.
Alle haben ähnliche, positive Erfahrungen und auch die Ziele sind oft gleich. Einzig, dass wir viel freistehen unterscheidet uns. Dabei ist das in Rumänien sehr einfach.
Die allermeisten ziehen von Campingplatz zu Campingplatz.
So genießen wir die warme Sonne – endlich scheint sie einmal länger.

In Teil 6 besuchen wir die Hobbits und werden jäh gestoppt

Teil 1 : Temeswar
Teil 2 : Die Burg von Eisenmarkt und die mystischen Daker
Teil 3 : In Karlsburg eine orthodoxe Taufe
Teil 4 : Im Freilichtmuseum Rumänien 
Teil 5 : Hermannstadt
Teil 6 : Verschneite Pässe und Hobbits
Teil 7 : Lustig ist das Zigeunerleben
Teil 8 : Biertan und Malmkrog, erste Kirchenburgen
Teil 9 : Schäßburg ohne Dracula
Teil 10: Die mutigen Frauen von Deutsch-Weißkirch
Teil 11: BESUCH BEI KÖNIGIN MARIA
Teil 12:  SO SCHÖN IST KEIN ANDERES SCHLOSS
Teil 13: AKTIVE VULKANE
Teil 14: ich schick dich in die Walachei!
Teil 15: Prejmer und das Weltkulturerbe
Teil 16: Traumberuf Burghüter
Teil 17: Die Bären sind los
Teil 18: Absturz in der Bicaz Schlucht
Teil 19: Voronet in der Bukowina 
Teil 20: Sucovita, Moldovita und die längste Seilbahn Rumäniens
Teil 21: Alt und Neu in Maramures
Teil 22: Kann ein Friedhof fröhlich sein?
Teil 23: Fakten und Fazit: Lohnt eine Reise nach Rumänien?

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