Rumänien – Die Bären sind los

Am Sankt Anna See gibt es Bären.
Das weiß hier jeder.
Auch sonst kann einem in Rumänien überall mal ein Bär über den Weg laufen. Aber das ist eher selten.
Hier am Sankt Anna See ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch. Zurzeit sind elf Bären im Gebiet um den Vulkansee und dem Moor. Und mindestens fünf haben bis zu drei Junge.
Das macht die Lage prekär. Denn eine Bärin mit Jungen kann schnell aggressiv werden.

Aber das wissen wir alles noch gar nicht, als wir von der Landstraße abbiegen und kleine Wege den Hang hinauf und in die Wälder fahren.
Am See angekommen, endet die Straße auf einem Parkplatz. Ein junger Mann macht uns schnell mit den Gepflogenheiten vertraut: Die Wiese, auf der man auch früher stehen durfte, ist gesperrt. Zu viele Bären und zu gefährlich. Vor einigen Wochen wurde eine Touristin angegriffen. Seit dem heißt es: Übernachtung nur hinter Gittern und Elektrozaun. Für 11 Euro die Nacht bekommen wir noch eine Ladung Brennholz für ein Lagerfeuer und 5 Liter Trinkwasser in einer großen Flasche, denn Trinkwasser und Strom gibt es auch nicht.


Die Toiletten sind einfach und die Duschen kalt. Gut, dass wir unser eigenes Bad haben.
Schon am Eingang spricht uns ein Mann an und erklärt mir, wie ich das Tor verriegle.
Wir kommen ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass er Tierfilmer und Hundetrainer ist.
Binnen kurzer Zeit lernen wir die Bären-Basics:

  • Am besten ein Bärenabwehrspray dabei haben. Hat man das nicht und es kommt ein Bär, laut „PSSSSSSST“ machen, wie es die Tränengasflasche auch machen würde. Die Bären reagieren schon allein auf das Geräusch. Die haben wohl schon Erfahrung!
Bärensee Lacul Sfânta Ana Rumänien – Sankt Anna See
  • Auf dem Weg zum See und um den See herum, immer laut sein. Laut reden, singen, sich bemerkbar machen. So weiß der Bär, wo man ist und geht dem Menschen aus dem Weg. Auf keinen Fall leise sein. Dann steht aus Versehen vielleicht ein Bär vor einem.
  • Am besten immer einer Gruppe oder anderen Menschen anschließen. Nicht alleine gehen.
  • Immer das Tor schließen
  • NIE nachts außerhalb des Tors herumlaufen. Der Parkplatz ist Bärengebiet und nachts kommen sie und schauen, ob es nicht etwas zu fressen gibt.
  • Die Bärin mit den drei Jungen ist die aggressivste im ganzen Bezirk

Wir bedanken uns brav, packen unsere Rucksäcke und machen uns auf, die steile Straße hinunter zum See zu laufen. Alle Stunde fährt ein Bus, aber es ist Mittag, die Sonne scheint, wir saßen lange im Auto. Wir laufen.

Nadja ist nervös.

Also singen wir, lachen laut und albern herum.
„Guck mal ein Bär“ rufe ich und zeige in den Wald. Natürlich ist da keiner.
Hey, es ist strahlender Sonnenschein und heiß. Die liegen sicher irgendwo faul herum.

immer der Straße entlang zum See laufen – oder besser mit dem Bus?

Ist doch alles nur Panikmache


„Ist bestimmt eh alles etwas übertrieben.“ denke ich noch, als wir am unteren Parkplatz ankommen.
Dort steht am Rand des Waldes ein Mann und ein paar Touristen gehen achtlos vorbei, die mit dem Bus nach oben fahren wollen.
Ich steh hinter dem Mann, der offenbar ein Wildhüter oder Guide ist. Er hat ein Bärenabwehrspray in einer Pistolentasche an der Hüfte hängen und ein langes Beil in der Hand. Er zeigt stumm in den Wald und ich will es kaum glauben.
20, vielleicht 25 Meter von uns entfernt steht eine Bärin und drei Junge spielen vor ihr am Boden.

Eine Bärin, mit drei Jungen. Was hatte nicht der Tierfilmer erzählt?
An dieser Stelle hätte ich das Weite gesucht, aber mit dem Guide an meiner Seite hole ich das große Tele aus dem Rucksack und das Stativ und knipse, was das Zeug hält.
Durch die Kamera angelockt kommen noch einige Touristen hinzu und der Bär wird aufmerksam.
Aber er bleibt wo er ist.
So können wir eine ganze Weile die vier Bären beobachten.
Irgendwann erhebt sich Mama Bär und jetzt sieht man auch, dass sie richtig groß ist. So groß hatte ich es nicht erwartet!
Sie trottet mit ihren Kindern weiter in den Wald hinein und ist schnell nicht mehr zu sehen.

War bislang Nadja nervös, bin ich es ab jetzt.
Auf den Wegen um den See, laufe ich in der Mitte des Weges und nicht mehr am Rand und schaue mir ganz genau an, wo Leute in der Nähe sind.

Und auch ganz klar: Wir wandern nicht mehr zurück zum Campingplatz, sondern nehmen den Bus.
Mein Gott. Auf dem Weg nach unten waren WIRKLICH Bären um uns im Wald!
Und denen ist es offenbar egal, ob die Sonne heiß vom Himmel knallt oder nicht.
Brrrrr. Erst einmal schütteln. An blaue Elefanten denken oder irgendetwas Nettes.
Plötzlich ist das hier alles viel aufregender.

Lacul Sfânta Ana

Wir bleiben einige Zeit am schönen See und fahren nachmittags mit dem Bus zurück zum Wohnmobil.
Immer zur vollen Stunde gibt es eine Führung zum Moor. Dorthin darf man nur mit Guide – und nun wissen wir auch warum.
Brav warten wir und glücklicherweise spricht eine der anderen Touristen deutsch und rumänisch. Sie übersetzt uns in der Folge viel von dem, was gesprochen wird.


Das Moor ist wirklich sehenswert.
Die Flora und Fauna überrascht uns.
Fleischfressende Pflanzen, Moose, Flechten, abgestorbene Bäume. Jetzt noch Nebel dazu und der Gruselfilm wäre perfekt.
Wir denken nicht daran, dass auch im Moor Bären sein könnten, als aber der Guide übers Walkie-Talkie Informationen bekommt, wird uns klar, dass ‚dem‘ Bär auch das Moor nicht unbekannt ist.
Vor Sonnenuntergang sehen wir tatsächlich dann noch einen großen Bären nicht unweit des Weges, den wir gerade entlang wandern.

Am Abend kommen die Bären aus dem Wald


Am Nachmittag ist der Tierfilmer Gerd Schuster mit seiner Freundin Franzi zurück.
Wir kommen ins Gespräch und die beiden nehmen mich am später noch einmal mit zum See.
Ein gutes Gefühl. Denn diesmal haben wir ihren Hund dabei und der erkennt schon sehr frühzeitig wo ein Bär ist. Stellt der Hund die Ohren auf, richtet sein Nase in eine bestimmte Richtung, wissen wir: Da kommt jetzt ein Bär.

Tierfilmer Gerd Schuster hat den Bär schon gesehen.


Und tatsächlich: Im Unterholz sehen wir dann einen Bären, aber es ist schon zu dunkel, um im Wald noch zu fotografieren. Erst zurück am Campingplatz gelingt noch ein Bild von einem Bär.
Als ich mit der Drohne zu ihm fliege, gibt er Fersengeld und auf dem Video sieht man sehr schön, wie schnell der kapitale Brocken werden kann.
Weglaufen hätte keinen Sinn. Auf einer Lichtung sehen wir durch die Drohne dann noch eine Bärin mit zwei Jungen, die munter fangen spielen und sich im Sand wälzen. Hier sind wirklich Bären überall!

Es wird dunkel und wir zünden ein Lagerfeuer an. Gerd Schuster wurde vom Chefranger angefunkt, ob er nicht mitkommen wolle, ein Bär hätte zwei Schafe gerissen.
So sitzen Nadja und ich noch lange am Lagerfeuer und schauen nach draußen über den Zaun. Natürlich sehen wir nichts, aber das Gefühl, beobachtet zu werden, bleibt.
Irgendwie sitzen wir hier im Zoogehege und die Bären stehen außen herum und schauen hinein. Ein komisches Gefühl.
Wir sind schon im Wohnmobil, als wir einen oder mehrere Bären brüllen hören. Ich kann das Brüllen sogar mit meinem Richtmikro aufnehmen. Heftig, laut, ein anderer Bär brüllt zurück. Die Bären sind nicht weit weg von uns.
Im dunklen gehe ich bis nah an den Zaun heran, kann aber nichts erkennen.
Ein ganz blödes Gefühl habe ich im Bauch, als ich da so stehe.
Am nächsten Morgen berichtet der Tierfilmer, dass wohl ein Bärenjunges von einem männlichen Bär getötet wurde. Dann wird die Mutter sofort wieder rollig und der Bär kann seinen Nachwuchs einpflanzen.
Die Natur ist ganz schön grausam.
Zumindest wissen wir nun, dass es im Zoo sicherer ist, wie draußen.

In Teil 18 wollen wir nur gemütlich durch die Karpaten fahren und enden mit einer gefährlichen Kletterpartie.

Teil 1 : Temeswar
Teil 2 : Die Burg von Eisenmarkt und die mystischen Daker
Teil 3 : In Karlsburg eine orthodoxe Taufe
Teil 4 : Im Freilichtmuseum Rumänien 
Teil 5 : Hermannstadt
Teil 6 : Verschneite Pässe und Hobbits
Teil 7 : Lustig ist das Zigeunerleben
Teil 8 : Biertan und Malmkrog, erste Kirchenburgen
Teil 9 : Schäßburg ohne Dracula
Teil 10: Die mutigen Frauen von Deutsch-Weißkirch
Teil 11: BESUCH BEI KÖNIGIN MARIA
Teil 12:  SO SCHÖN IST KEIN ANDERES SCHLOSS
Teil 13: AKTIVE VULKANE
Teil 14: ich schick dich in die Walachei!
Teil 15: Prejmer und das Weltkulturerbe
Teil 16: Traumberuf Burghüter
Teil 17: Die Bären sind los
Teil 18: Absturz in der Bicaz Schlucht
Teil 19: Voronet in der Bukowina 
Teil 20: Sucovita, Moldovita und die längste Seilbahn Rumäniens
Teil 21: Alt und Neu in Maramures
Teil 22: Kann ein Friedhof fröhlich sein?
Teil 23: Fakten und Fazit: Lohnt eine Reise nach Rumänien?

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2 Gedanken zu „Rumänien – Die Bären sind los“

  1. Auf diese Folge habe ich mich schon lange gefreut – was für ein Erlebnis, das wird euch ewig in Erinnerung bleiben.
    … und ja auch ich hätte mich hinter dem Zaun wohler gefühlt.

    Die Natur dort ist wirklich großartig. Der See von oben – Klasse…. und der Sonnentau, so was von schön ❤

    lg gabi

    1. Das bleibt in Erinnerung, ganz sicher. Jedes Mal, wenn wir zwischen Bäumen stehen fragt einer von uns: Gibts hier Bären? Oder Wölfe?

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