Rumänien – Biertan, Malmkrog und die Kirchenburg

Wie erkläre ich euch am besten, was eine Kirchenburg ist?
Und warum es sie es in dieser Form nur in Siebenbürgen gibt?

Wenn keine Ritter oder Adeligen mit einer Burg in der Nähe waren, musste sich die Landbevölkerung selbst helfen. Und so hat man wohl erst das einzige Steinhaus, die Kirche befestigt und nach und nach mit einer dicken Schutzmauer versehen.
Im Angriffsfall konnte man sich so in einen sicheren Ort zurückziehen.
Innen an der Mauer und manchmal auch an der Kirche wurde dann nach und nach Räume angebaut. In jedem bewahrte eine Familie ihre wertvollsten Sachen auf: Zum Beispiel das Saatgut und wichtige Gerätschaften und Lebensmittel, selten Geld oder Dinge die uns heute wertvoll erscheinen.


Am Sonntag, wenn eh alle zur Kirche kommen, nimmt man aus seinem Raum alles mit, was man für die Woche braucht.
Manche Kirchenburgen wurden mehrfach im Jahr belagert. Manche nur ein paar Tage, selten blieben die Angreifer wochenlang.

Biertan ist unsere erste Kirchenburg.
Viel haben wir darüber gelesen. Weltkulturerbe!

Und Anca empfahl uns, mit der Frau in der Kirche ins Gespräch zu kommen.
Aber erst einmal müssen wir an den Bushorden vorbei und die Zeit abwarten, denn das imposante Gebäude öffnet seine Pforten erst um 10 Uhr.

Hier werden wir auf Deutsch begrüßt, zahlen unseren Obolus und machen uns durch den überdachten Wehrgang hinauf in die Burg.
Das gute am Wohnmobilreisen ist, dass man bleiben kann, solange man will. Und wenn uns etwas gefällt, können wir ganz schön lange aushalten.
Die Bushorden sind irgendwann weiter gefahren und so kommen wir tatsächlich mit der netten Frau in der Kirche ins Gespräch. Auf Deutsch erzählt sie uns die Geschichte des Dorfes und der Kirche. Dass das Schloss der Tür der Sakristei schon bei der Weltausstellung in Paris 1900 einen Preis bekommen hat. Oder die aufgehängten Fahnen von den einzelnen Gilden des Dorfs gestiftet wurden. Damals, als das Dorf noch groß war. Und das der große Flügelaltar aus 28 Tafeln besteht, die man aufklappen kann. Ganz interessant ist, dass die Frauen in der Kirche in der Mitte saßen und die Männer außen herum auf Bänken, damit im Angriffsfalle, die Männer die Frauen beschützen können.
Die Bänke der jungen Frauen haben keine Rücklehnen. Muss ziemlich unbequem und anstrengend sein, den ganzen Gottesdienst dort zu sitzen.
Der Grund ist einfach:
Die Schönen Kleider und fein gestickten Schleifer Bänder werden ansonsten von der Rückenlehne verdeckt. Und zum einen sollten die jungen Burschen sehen, wie fleißig ein Mädchen sticken kann, zum anderen konnte man erkennen, wie reich eine Familie war.
Und da ist so eine Rückenlehne natürlich völlig unbrauchbar und schlecht für die Brautschau.

So geht es weiter und wir erfahren, wie die Sachsen heute noch in Biertan leben.
Nur wenige sind geblieben. War die Gemeinde früher groß, sind sie nun nur noch ein kleiner Haufen, der aber fest zusammensteht.
Und dass das Leben heute hart ist:
„Konnten wir unter Ceausescu vom Gehalt des Mannes leben, müssen heute beide arbeiten und es reicht kaum.“ Die Aussage schockiert uns! Hat die Frau die Verfolgung und Unterdrückung vergessen?
„Ohne den eigenen kleinen Garten geht es nicht.“
Das wiederum sehen wir überall. Jeder im Dorf scheint einen Garten und Gemüse und Kartoffeln anzubauen.

Malmkrog

Am Nachmittag fahren wir nach Malmkrog, einer weiteren, aber nicht so bekannten Kirchenburg. Hier sind die Wege noch enger, ungepflastert und erst finden wir den Aufgang zur Kirchenburg gar nicht. Und oben steht ein Schild „Wenn geschlossen, bei Hausnummer XY den Schlüssel holen“, was bedeutet, dass man wieder zurück muss. Aber die Tür öffnet sich und eine Frau begrüßt uns auf Deutsch. Auch mit ihr kommen wir schnell ins Gespräch und sie erzählt uns über ihre Kirchengemeinde, die Kirchenburg und das Leben im Dorf. Auch hier sind die meisten Sachsen ausgewandert und viele Rumänen und Zigeuner haben die Häuser übernommen.
Wehmut klingt in ihrer Stimme.
Diese Kirchenburg ist wieder ein wenig anders. Die Kirche aus dem 14. Jahrhundert hat gut erhaltene vorreformatorische Fresken (sie sollen die größten in ganz Siebenbürgen sein) und einen außergewöhnlichen Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert.
Der Turm ist mächtig und von oben hat man einen großartigen Ausblick auf die Umgebung. Doch erst einmal muss man dort hinauf kommen.

Und das ist wirklich abenteuerlich. Denn die Treppe endet schnell in einer Leiter.
So etwas habe ich noch nie gesehen. Zusammengezimmert aus Knüppeln und teilweise mit Draht gesichert. Nadja winkt ab. Ich klettere nach oben und genieße die Aussicht, die ich mir mit dem Aufstieg redlich verdient habe.

Treppe in Malmkrog
Augen zu und durch!



Ein ungarisches Adelsschloss, eher ein Herrenhaus, steht nebenan. Schon Prince Charles soll hier gewohnt haben.

Schloss der Apafis

Von hier oben hat man auch einen guten Blick auf das Dorf.
Die meisten Dörfer liegen an nur einer Straße, vielleicht zwei. Und das kann man von oben gut sehen.
Haus und Hof liegen hintereinander, an der Frontseite ein großes Tor und direkt daneben schließt sich das nächste Haus an. Keine Straßennamen, dafür haben alle Häuser Nummern. Das genügt.

Man darf das hier nicht als Museum sehen, die Gemeinde lebt und die alten Feste und Bräuche werden weiterhin gelebt und gefeiert und die Kirche ist am Sonntag gut besucht.
Am Telefon höre ich die Frau mit jemanden Siebenbürger Sächsisch sprechen. Es hört sich interessant an, aber ich verstehe nur jedes dritte Wort.

Uns zieht es weiter. Leider. Mit mehr Zeit wären wir gerne in Biertan oder Malmkrog ein paar Tage geblieben.

In Schäßburg – Sighișoara fahren wir den Campingplatz im Tal an und ergattern einen der wenigen Plätze. Abends wird das große Rolltor vorgezogen. Der Hunde wegen sagt der Besitzer. Wir hoffen es ist nur wegen der Hunde.
Die große Stadt ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. Altes und neues bewahren. Noch gelingt das in Rumänien recht gut. Bausünden gibt es auch. So wollte Ceausescu ein ganzes Stadtviertel abreisen und der Neubau seiner Stararchitektin ist sogar fertig, doch die Revolution 1989 hat diesen Plänen ein Ende gesetzt, bevor viele alte Häuser abgerissen wurden.

Wir besuchen noch die orthodoxe Kirche direkt am Fluss und werfen einen ersten Blick auf den Hügel mit der Altstadt, bevor wir auf dem kleinen Campingplatz den Abend genießen.

Teil 1 : Temeswar
Teil 2 : Die Burg von Eisenmarkt und die mystischen Daker
Teil 3 : In Karlsburg eine orthodoxe Taufe
Teil 4 : Im Freilichtmuseum Rumänien 
Teil 5 : Hermannstadt
Teil 6 : Verschneite Pässe und Hobbits
Teil 7 : Lustig ist das Zigeunerleben
Teil 8 : Biertan und Malmkrog, erste Kirchenburgen
Teil 9 : Schäßburg ohne Dracula
Teil 10: Die mutigen Frauen von Deutsch-Weißkirch
Teil 11: BESUCH BEI KÖNIGIN MARIA
Teil 12:  SO SCHÖN IST KEIN ANDERES SCHLOSS
Teil 13: AKTIVE VULKANE
Teil 14: ich schick dich in die Walachei!
Teil 15: Prejmer und das Weltkulturerbe
Teil 16: Traumberuf Burghüter
Teil 17: Die Bären sind los
Teil 18: Absturz in der Bicaz Schlucht
Teil 19: Voronet in der Bukowina 
Teil 20: Sucovita, Moldovita und die längste Seilbahn Rumäniens
Teil 21: Alt und Neu in Maramures
Teil 22: Kann ein Friedhof fröhlich sein?
Teil 23: Fakten und Fazit: Lohnt eine Reise nach Rumänien?

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