Rumänien – Traumjob Burghüter

Habe ich nicht schon einmal erwähnt, dass ich gerne an irgendetwas vorbei brause und wenn Nadja nicht wäre, das Beste im Urlaub verpassen würde? So wie im Schloss Peles?
So auch heute.
Ohne Nadja wäre ich einfach an Honigberg vorbei gefahren.

Wir sind auf der Landstraße, wollen zum Sankt Anna See (Lacul Sfânta Ana).
Ab in die Natur.
Gestern hatte ich schon wieder genug Stadt für einen ganzen Urlaub. Ich stehe wohl doch eher auf Grün und Wald und See.

An einer der wenigen Ampeln auf der Landstraße meint Nadja plötzlich: „Fahr nach links, da gibt es auch eine Kirchenburg – die soll sehr schön sein“
„Noch eine!„, denke ich. „Die Beste haben wir doch gestern erst gesehen. Was soll da noch kommen.“
Aber ich denke das nur und bin fast am Weiterfahren, lege aber dann doch den Blinker ein und fahre in die kleinere Straße ein.
Ist ja nicht weit. Und Nadjas Instinkte in solchen Sachen sind sagenhaft.

Und dann kommt wieder dieser Moment, wo ich sagen darf:

„Danke Nadja“

Kirchenburg Honigberg / Hărman


Wir stehen vor der Kirchenburg von Honigberg. Zumindest ich habe von ihr in keinem Buch gelesen oder Bilder im Internet gesehen. Und das ist ein Fehler und das wollen wir mit diesem Blog nun ändern.
Denn warum auch immer ist Prejmer Weltkulturerbe, aber die Kirchenburg von Honigberg ist schöner, heimeliger liebevoller.
Mit viel Handarbeit und Mühe und noch mehr Engagement kämpft diese Kirchengemeinde für den Erhalt ihrer mittelalterlichen Anlage.
Mit den spärlichen eigenen Mitteln und vielen Helferinnen und Helfern.



Und im Gegensatz zu Prejmer ist diese Kirchenburg NIE erobert worden.
Und wehrhaft sieht sie aus. Ein Juwel im Burzenland!
Schaut euch bitte mal meinen Clip an: Ist das nicht eine Schönheit?

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Kurzer Clip über die Kirchenburg in Honigberg


Wir treten durch den Eingang und auch hier gibt es einen Tunnel, der die Verteidigung einfach macht. Am Ende ein Kassenraum und noch bevor wir unser Portemonnaie zücken können, spricht uns jemand von hinten an: „Ach die Offebächer“ sagt er im breitesten Hessisch. „Ne, wir kommen aus Elschbach“ kontern wir auch in hessisch. Der junge Mann, lächelt uns an und meint „Mir komme aus Obertshause“
Mittlerweile hat sich eine Frau dazu gesellt.
Es stellt sich heraus, dass die beiden die Kirchen-Manager sind. Hier heißt das Burghüter, was wir viel schöner finden!

frisch restauriert erstrahlt die Burg in neuem Glanz


Dan und Isa kommen ursprünglich aus Rumänen, Isa ist gebürtige Honigbergerin.
Als Lehrerin und Computerspezialist haben sie 26 Jahre in Deutschland gelebt und sind vor einigen Jahren zurück nach Honigberg gegangen, um die Kirchenburg zu betreuen, managen, erhalten. Burghüter!
Das muss Liebe sein!

Schon jetzt sind wir von den beiden beeindruckt, aber es soll noch besser werden.
Wir haben gerade unsere Eintrittskarten bezahlt und Isa erzählt uns noch im noch im kühlen Durchgang stehend über die Burg, als der nächste Tourist sich an uns und dem Kassenraum vorbeidrängelt, den Fotoapparat zückt und ein Bild machen will.
Isa spricht ihn an, er ist Franzose und Isa wechselt fließend ins Französische.


Das er erst den Eintritt bezahle müsse, sagt sie ihm. Und als er sagt „Ich will nur ein Foto machen“ fällt mir wirklich alles aus dem Gesicht.
Er will den Eintritt prellen! Nur ein Foto machen!
Da fährt jemand tausende Kilometer und will sich zwei, drei Euro sparen?
Aber daheim dann die schönen Bilder zeigen „Da war ich auch.“
Das kann doch nicht sein.
„Doch.“, sagt uns Isa, „das passiert sehr, sehr oft.“
Den Franzosen sagt sie dann immer: „Wenn ich an eure Schlösser an die Loire komme, muss ich doch auch zahlen und mit Sicherheit viel mehr, wie in unserer Kirchenburg!“
Die Frau imponiert mir.
Wir nehmen gerade unser Gespräch über ihren Werdegang und wie es kommt, dass sie nun die Burghüter in Honigberg sind wieder auf, als zwei Holländer herein kommen. Isa wechselt wieder fließend ins holländische und erzählt wohl über die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten der Burg.
Das geht dann noch mit ein, zwei weiteren Sprachen.
„Ja,“ meint Isa, „ich hab wohl einen Faible für Sprachen.“ Sie hat das nicht gelernt. Sie kann es einfach.

Dan ist der Handwerker und Organisator: Er engagiert sich für den Erhalt der Burg . Er erzählt von den Schwierigkeiten. Die alten Gemäuer mussten saniert werden. Geld musste besorgt werden und staatliche Mittel kamen keine. Also musste die Kirchengemeinde alles selbst finanzieren und organisieren. Und nach und nach konnten Dan und Isa den Kirchenoberen klar machen, dass es dazu alternative Möglichkeiten gibt.
Im Pfarrhaus gibt es nun Zimmer, die vermietet werden, im Pfarrhof und seiner schönen Wiese, dürfen Wohnmobile stehen. Ein eigener Stellplatz entsteht dort und alle Einnahmen gehen wieder in den Erhalt der Kirchenburg.

Kirchenburg Honigberg unterstützen:
Wenn euch das Engagement gefällt, spendet doch etwas:


Evangelische Kirchenburg Honigberg
ING Bank N.V. Amsterdam, Filiale Bukarest
IBAN: RO51INGB0000999902368248

Oder noch besser: Hinfahren und selbst erleben.
Gästehaus und Stellplatz vorhanden!


Je länger wir hier sind, desto begeisterter sind wir.
Manchmal nennt man solche Menschen ja „rührig“, aber Dan und Isa sind mehr als das. Das ist oder wird ein Lebenswerk für sie. Die Kirchenburg erstrahlt in hellem weiß, die Dächer sind neu gedeckt, überall wachsen bunte Blumen, im Burggraben um die Burg grasen Kühe. Die Bauern mussten überredet werden sie hierher zu bringen, so sparen sich Isa und Dan das Mähen der Wiese. Tausend Kleinigkeiten, die zusammen ein Gesamtkunstwerk ergeben.


Dazu haben sie ein kleines Museum und sammeln von den Einheimischen Alltagsgegenstände ein. Wir erleben es selbst, als zwei ältere Damen mit einem großen Korb uns auf der Straße entgegen kommen. Nadja spricht sie auf Deutsch an: „Was für ein schöner Korb!“ Und die alte Frau lacht und meint, dass sie als Baby darin gelegen hat. Und jetzt räume sie auf und der Babykorb, in dem wohl schon viele Babys lagen, kommt jetzt in die Burg ins Museum.

Stolz sind sie auf ihre Kirchenburg. Wir kommen ins Gespräch und sie laden uns sogar ein, mal an ihrer Haustür zu klingeln, wenn wir vorbei gehen. So sind die Menschen hier. Einfach nett und offen.
Die Frau erzählt uns noch, dass sie ihr Leben lang in Bukarest gearbeitet hat, aber im Alter doch wieder heim nach Honigberg wollte.

Zurück in der Burg zeigt uns Isa das Museum und die Räume in der Burg, die alle offen stehen. In einem der Räume laufen Aufnahmen, wo Frauen und Kinder im hiesigen Sächsich Märchen erzählen. Wenn man ganz ganz aufmerksam zuhört und das Märchen kennt, kann man es verstehen. Aber im ersten Video habt ihr ja vielleicht schon Isa gehört, die auf Siebenbürger-Sächsich über die Kirchenburg erzählt.
(Wenn nicht noch einmal nach oben scrollen und unbedingt angucken)

Und man merkt, dass Isa und Dan touristisches Feingefühl haben:
Ein Raum in der Burg ist mit Tischen und Bänken ausgestattet und für die Besucher gedacht. Hier ist es kühl und man kann sich ausruhen und darf auch seine mitgebrachten Speisen essen.
Ein Ruheraum.
Zur Ruhe kommen.

tausend nette Details finden sich in der Burg


Überhaupt ist die Welt innerhalb der Kirchenburg eine andere.
Als würden die Mauern die Welt da draußen ausschließen.
Es ist ruhiger und sogar kühler wie außerhalb der Mauern.
Wir sitzen mit Isa auf einer Bank und sie erzählt uns von den Jahrhunderten, die die Burg schon gesehen hat.
Von vielen Belagerungen und das die Burg nie erobert wurde.
Vom Leben der Bauern.
Das jede Familie einen eigenen Raum in der Burg hatte, und sei er noch so klein, hier wurden die Wertsachen aufbewahrt.
Und das wichtigste für einen Bauern war das Saatgut.
Als kein Platz mehr an der Ringmauer frei war, baute man kurzerhand auf den Grundmauern der Kirche, neben den großen Fenstern, noch Räume an, die nur durch steile Treppen erreicht werden können. Auch die gibt es heute noch.
Je länger sie erzählt, desto mehr verlieben wir uns in diese Kirchenburg.
Wir nehmen uns viel, viel Zeit um alle Räume zu besuchen. Und das lohnt sich.


Wir kommen in den Raum mit den Musikinstrumenten, zufällig spielt auf dem nahe gelegenen Friedhof eine Blaskapelle. Ein alter Notenpult auf dem noch ältere Notenblätter liegen. Ein befreundeter Kirchenmusiker, dem ich das Bild mit den Noten schickte, war begeistert.


Dann der Kirchturm, von dem wir einen Blick bis hin zu den fernen Bergen hatten. Von hier aus konnte man wohl schon sehr früh anrückende Feinde ausmachen und die Bevölkerung zusammenrufen.
Und die Kirche selbst, die natürlich immer noch genutzt wird und auch hier spürt man die Liebe, die hier in allen Details liegt. Die Bänke ohne Rückenlehne für die jungen Frauen, so sind die Bänder und der Sonntagsstaat für die Burschen, die oben sitzen, gut zu sehen.


Auch in dieser Kirche hängen Orientteppiche an den Sitzbänken. Man zeigte, was man hatte und sich leisten konnte.
In einer komplett ausgemalten Kapelle an der Ringmauer finden sich wertvolle Fresken, die durchaus interessante Details enthalten. Zumindest für den, der sie entdeckt.

Der Tag geht wie im Flug vorbei. Immer wieder kommen wir mit Isa und Dan ins Gespräch. Und die beiden nehmen sich auch die Zeit für uns – wofür wir noch heute sehr dankbar sind.

Dan erlaubt mir, mit der Drohne aus der Kirchenburg zu starten und so gelingen mir ein paar sehenswerte Aufnahmen der Burg und der Umgebung. Und erst von oben können wir Laien erkennen, wie einfallsreich die Erbauer waren. Erst von hier kann man die zusätzlichen Zimmer an der Kirchenwand richtig erfassen. Und natürlich wirken der trutzige Turm und die Wehrmauer aus der Vogelperspektive noch größer und trutziger.


Irgendwann fragt Dan, ob wir nicht die Nacht mit dem Wohnmobil im Kirchhof verbringen wollen.
WAS FÜR EINE FRAGE!
Natürlich wollen wir.

Im Kirchhof entsteht ein Stellplatz für Wohnmobile. Mit Ent- und Versorgung, mit Duschen und Toiletten. Schon jetzt kann man dort Zimmer mieten und so liegt es nahe, auch für Wohnmobile eine sichere Möglichkeit zur Übernachtung anzubieten.



So stehen wir die Nacht im Pfarrhof von Honigberg und sind geflasht von all den Erlebnissen des Tages.
Ein toller Tag. Mit tollen Menschen, die wir kennen lernen durften.
Vielleicht sind es diese Tage, die am Ende einen Urlaub ausmachen; ewig im Gedächtnis bleiben.
Mit Rumänien werde ich jetzt immer sofort die freundlichen Menschen von Honigberg verbinden. Und die schönste Kirchenburg – auch ohne UNESCO-Siegel.


Und den schönsten Stellplatz: Im Pfarrhof von Honigberg.
Einfach außergewöhnlich.
Alles.
Jeder!
Danke für diesen tollen Tag!

In Teil 17 geht es weit ins Land und in die Berge: Wir wollen zu den Bären am Sankt Anna See

Teil 1 : Temeswar
Teil 2 : Die Burg von Eisenmarkt und die mystischen Daker
Teil 3 : In Karlsburg eine orthodoxe Taufe
Teil 4 : Im Freilichtmuseum Rumänien 
Teil 5 : Hermannstadt
Teil 6 : Verschneite Pässe und Hobbits
Teil 7 : Lustig ist das Zigeunerleben
Teil 8 : Biertan und Malmkrog, erste Kirchenburgen
Teil 9 : Schäßburg ohne Dracula
Teil 10: Die mutigen Frauen von Deutsch-Weißkirch
Teil 11: BESUCH BEI KÖNIGIN MARIA
Teil 12:  SO SCHÖN IST KEIN ANDERES SCHLOSS
Teil 13: AKTIVE VULKANE
Teil 14: ich schick dich in die Walachei!
Teil 15: Prejmer und das Weltkulturerbe
Teil 16: Traumberuf Burghüter
Teil 17: Die Bären sind los
Teil 18: Absturz in der Bicaz Schlucht
Teil 19: Voronet in der Bukowina 
Teil 20: Sucovita, Moldovita und die längste Seilbahn Rumäniens
Teil 21: Alt und Neu in Maramures
Teil 22: Kann ein Friedhof fröhlich sein?
Teil 23: Fakten und Fazit: Lohnt eine Reise nach Rumänien?

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1 Gedanke zu „Rumänien – Traumjob Burghüter“

  1. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn ihr nicht hingefahren wärt.
    So einen Drohne ist schon ein feines Spielzeug, sie bietet schöne überblicke.

    Ach ja und sas bild aus dem Museum – nun weiß ich woher der Spruch-“ nun aber ab in die Kiste“ herkommt

    lg gabi

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