Rumänien – Von Gebirgspässen, einem Unfall und der Planänderung

Um es kurz zu machen: Heute war ein Katastrophentag.
Unfall mit Schaden am Wohnmobil und dann löst sich unsere Reiseroute in Luft auf.
Wir müssen komplett umplanen. Und das kam so:

Abschied von Michelsberg

Zwei Tage am selben Platz – da fühlt man sich doch gleich ganz anders.
Früh am Morgen fahren wir los, heute ist ein „Fahrtag“ eingeplant.
Zur Transfăgărășan, einem Alpenpass – ach quatsch, einem Kartpatenpass. Wir wissen nicht genau, ob er schon geöffnet ist. Anca sagt nein, am Campingplatz sagen sie: Geht schon.
Also fahren wir hin.


Warum eine Passstraße fahren, wenn wir gar nicht bis auf die andere Seite der Karpaten wollen?
Weil die kurvige Straße so schön sein soll.
Irgendwo oben würde ich dann gerne die Nacht verbringen. Vielleicht wandern gehen.

Wir starten in Michelsberg und Nadja möchte noch einmal durchs Dorf fahren. Das Navi sagt irgendwann: „Nach Links“ – ein ganz kleiner Weg. Erst fahre ich weiter, erkenne schnell, dass die Straße endet, fahre zurück und wende in der Kreuzung. Es ist eng hier. Sehr eng.
Dank meiner Birdview habe ich einen Rundumblick und sehe den Strommast hinter mir. Fahre ganz knapp heran, schalte vom Rückwärts- in den Vorwärtsgang und beim Anfahren knallen wir mit dem Heck gegen den Strommast. Shit, ich hab den falschen Gang erwischt: erneut den Rückwärtsgang … Nur ganz kurz, aber das reicht.


Der Heckträger mit den Fahrrädern hängt verbeult am Wohnmobil
Ich will es kurz machen: wir mussten den Urlaub nicht abbrechen. Auf dem nahe gelegenen Dorfplatz, montiere ich den Träger ab, schaffe es mit Hilfe eines Stahlgerüsts in der Nähe die Aluteile vorsichtig gerade zu biegen. Das Loch, dass der verbeulte Träger in die Heckwand gedrückt hat, kann ich mit einer Tube Sikaflex (immer für Notfälle an Bord) sofort abdichten. Es ist nur die äußere GFK-Haut beschädigt. Glück gehabt.
Nach einer Stunde kann ich zwar das zweite Mal duschen gehen, aber alles ist wieder an Ort und Stelle und wird auch den Urlaub über halten. Die Alustangen des Trägers konnte ich wieder in Form biegen, ohne dass sie brachen, das wäre ansonsten der GAU gewesen. Wir versuchen, das ganz schnell zu vergessen.

Wir verabschieden uns von Hermannstadt und fahren über gepflegte und neu gemachte Straßen in Richtung Osten.

Aber schnell empfängt uns die rumänische Wirklichkeit. Die gute Autobahn wird von einer miserablen Landstraße abgelöst. An die Geschwindigkeitsbegrenzungen hält sich außer uns absolut niemand und in einem der vielen Dörfer, die wir durchfahren, überholt uns ein fetter Laster mit überhöhter Geschwindigkeit, dass die Gläser in unserem Schrank scheppern.

Und wie schon mehrfach geschrieben: fast jeder hat sein Handy beim Auto fahren in der Hand.
Irgendwann wird die Straße besser, als wir zu unserem Mittagsziel die Hauptstraße verlassen:
Auf einem Schild prangt schon der Name:

Castelul de Lut Valea Zanelor

Ein Bild im Internet hat uns hierher gebracht.
Ein Hotel(?), dass sich seit vielen Jahren im Bau befindet. Aus Lehm. Mittlerweile Touristenziel und seit kurzem wird auch eine Gebühr erhoben. Ein Kiosk, eine Sitzgelegenheit – gegenüber ein Grill mit Bar.

Und trotzdem ist die Fahrt die vielen Kilometer wert. Schon in den kleinen Dörfern auf dem Weg, haben wir viel gesehen. Wieder war es wie eine kleine Zeitreise.

So sah unser heimisches Dorf in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts auch aus. Ein paar Alte sitzen auf einer Bank an einer Mauer und winken uns zu als wir vorbei fahren. Meist gibt es nur eine Straße, an der sich die Häuser dicht an dicht aufreihen. Alles ist gepflegt, nur ganz selten sehen wir ein Haus verfallen.
Die Wiesen stehen hoch, überall Blumen. Ein paar kleine Jungs spielen im Matsch.
HIER SPIELEN NOCH KINDER AUF DER STRAßE!!!
Zwei Jungs, um die 14 schätzen wir, haben sich untergehakt. Kumpels fürs Leben. Wie wir früher. So etwas sieht man bei uns nicht mehr. Nicht in diesem Alter.

Wunderbar!
Die Häuser schön dekoriert und überall Blumen und Blumenkästen und Hängeampeln mit Geranien.
Nadja ist ganz verliebt.

Castelul de Lut Valea Zanelor

Das Castelul de Lut Valea Zanelor ist dann in natura nicht ganz so groß, aber aufgrund seiner Bauart wirklich einzigartig.
Aus Lehm gebaut und alles in Handarbeit. Fleißige Arbeiter bauen schon an einer Erweiterung, aber so wie es aussieht, wird es noch lange dauern, bis man es tatsächlich nutzen kann. Aber vielleicht ist ja auch der Weg das Ziel und es wird nie fertig. Schon jetzt kommen viele Touristen. Der Eintritt kostet übrigens 1 Euro (!) und sogar darüber regen sich Menschen im Internet auf. Manchmal verstehe ich diese Welt einfach nicht.


Wir trinken Kaffee, machen unser Mittagsschläfchen und dann geht es wieder auf die Piste, diesmal in die Berge.
Die hängen dick in den Wolken und so verabschieden wir uns von der Sonne. Als wir den Wald erreichen und die ersten Serpentinen durchfahren, beginnt es zu regnen.
Die Straße führt uns höher und höher und irgendwann kommen wir an eine Bergbahn.
Der Himmel reißt auf und plötzlich hüpfen aus vielen Autos Menschen und stürmen in Richtung Talstation.


Was ist denn hier los?
Wir überlegen, spontan mitzufahren, haben aber weder vernünftige Klamotten für eine Bergtour an, noch unseren obligatorischen Rucksack dabei (in dem immer mein Notfallpack und Verbandszeug ist).
Also wandern wir nur einen Weg nach oben, bis wir zu einem schönen Bergbach kommen.
Alles ist satt grün, die Vögel feiern mittlerweile wieder die Sonne. Die Gondel fährt über uns zu einem Wasserfall. Von dort aus kann man wohl wandern oder den Weg ins Tal zu Fuß in Angriff nehmen.
Die Gondel ist voll und ich beneide die Menschen.

Jedoch nicht lang. Denn aus heiterem Himmel fängt es an zu donnern und kurz danach entlädt sich der nächste Regenguss. Heftig, mit unglaublich dicken Tropfen!
Ganz ehrlich! Davon war fünf Minuten vorher überhaupt nichts zu sehen. Im Sinne des Wortes: Aus heiterem Himmel!
Wir sind im hiesigen Hochgebirge und genau wie in unseren Alpen schlägt das Wetter schnell einmal um.
Jetzt beneide ich die Menschen in der Gondel schon nicht mehr.
Wir kommen noch halbwegs trocken am Wohnmobil an. Es ist wieder kalt geworden und wir sind froh, weiter fahren zu können.

Doch wir kommen nicht weit: An der nächsten Kurve ist schon Schluss.
Und schnell wird klar warum: Oben in den Berge herrscht noch Winter und hier unten gab es einen Steinschlag – da ist kein Durchkommen.

Hier ist Schluss mit unseren Plänen!

Kurzes Diskutieren. Komplette Planänderung. Wir stecken die Köpfe über der Landkarte zusammen und überlegen, wie wir weiter fahren wollen. Direkt nach Braşov oder doch erst nach Biertan und dann wieder zurück. Die Entscheidung fällt uns nicht leicht, denn wir haben das Gefühl, als könnten wir in allen Richtungen etwas verpassen.
Aber spätestens am Abend wissen wir, wir haben die richtige Wahl getroffen.
Unser nächstes Ziel wird Biertan sein.
Auf dem Weg ins Tal nutze ich die Gelegenheit und fliege eine Runde über die grünen Täler und Berge.

Alles hier ist gewaltig: Die Ruhe, die Bäche, das Rauschen der Wälder.

Alles hier ist gewaltig.
Die Ruhe, die Bäche, das Rauschen der Wälder. Ewig zieht sich der Wald die Berge hinauf. Ganz ohne Straßen und nur die Einheimischen kennen wahrscheinlich Wege hindurch.
Als wir wieder in der Ebene angekommen sind, kommt tatsächlich auch die Sonne zurück.
Noch ein Grund mehr nach Biertan zu fahren.
Das Navi findet für uns einen Weg, doch glücklicherweise hatte mir Anca (ihr erinnert euch: Burgreisen.eu) den Link zu einer Internetseite gegeben, auf der die QUALITÄT der Straße regelmäßig beurteilt und veröffentlicht wird!
So kann man schnell erkennen, ob man sich die Strecke antun will oder lieber einen Umweg fährt.
Kilometermäßig ist die vom Navi gewählte Strecke in 45 Minuten zu fahren.
In Wirklichkeit kommen wir wahrscheinlich völlig gestresst und durchgeschüttelt in drei bis vier Stunden an. Schon nach wenigen hundert Metern wende ich und wir fahren über Hermannstadt zurück. Das ist zwar viel, viel weiter, aber auch viel, viel entspannter.
Und am Ende auch landschaftlich sehr schön.

Also schaut euch genau an, welche Straßen ihr nehmen wollt und lasst die kleinen Straßen lieber einmal aus, auch wenn die größere Straße (zu erkennen an den wenigen Ziffern – also lieber 17 statt 173 oder gar 1745. Je mehr Ziffern, desto kleiner) eine längere Strecke bedeutet.

An dieser Stelle noch eines: Wir haben ja eine Luftfederung an der Hinterachse einbauen lassen.
Und die ist hier in Rumänien Gold wert! Wird die Straße schlechter, nehme ich noch während der Fahrt Luft aus den Bälgen und die Schläge werden sanft abgefedert. Wirklich klasse!
Man kommt nicht schneller voran, wird aber nicht so durchgeschüttelt und die Teller und Tassen fliegen einem nachher nicht aus den Schränken entgegen.

Bis Biertan ist es dann doch ziemlich weit und der „Fahrtag“ hat sich bewahrheitet.
Die letzten Kilometer sind im Abendlicht zwar wunderschön, führen uns durch grüne Hügel, auf denen immer wieder kilometerlange Terrassen zu sehen sind. Wir wundern uns, denn außer Schafen sehen wir keine Bewirtschaftung. Ist das natürlich oder von Menschenhand geschaffen?
Kilometerweit fahren wir durch Wiesen mit Millionen von Blumen.
So sollte es in Deutschland auch aussehen. So bunt, so grün, so natürlich. Danach sehnen sich doch eigentlich alle.

Es ist schon spät bis wir in Biertan ankommen. Park4night hat uns nur einen Freistell-Platz in der Nähe ausgewiesen, noch etliche Kilometer entfernt. Einen Campingplatz gibt es nicht.
Lust noch weiter zu fahren, nur um am Morgen wieder zurück zu kommen, haben wir nicht und mitten in dem kleinen Ort auf dem Parkplatz zu stehen, auch nicht.
So fahren wir aus der Stadt hinaus und finden eine großzügige Einfahrt. Der dahinter liegende Betrieb liegt verlassen da. Abgeschlossen und verriegelt. Wir beschließen, einfach hier stehen zu bleiben.

Soweit so gut. Nach zehn Minuten sitzen zwei wirklich große Straßenhunde vor unserer Tür und uns geht schon ein wenig der Allerwerteste auf Grundeis.
„Rausgehen?“ „Och nö.“ „Feigling.“ „Stimmt.“

Wir essen zu Abend und genießen die Stille. Eine Eule beginnt zu „schuhuen“.
Wir sind eigentlich schon fast im Bett, als es heftig an unsere Tür pocht.
Shit. War wohl doch keine so gute Idee, hier zu stehen.
Ich öffne das Fenster und ein ziemlich hektischer Mann blafft mich an. Ich verstehe kein Wort, nur Polizia verstehe auch ich.
Ich versuche ihn anzusprechen und mit meinem Handy-Rumänisch irgendwie zu beruhigen, was aber nicht gelingt.
Plötzlich ist er weg und Nadja und ich sind aufgeregt und beschließen, den Platz rasch zu verlassen.
Kaum habe ich das Licht am Wohnmobil eingeschaltet und das Front-Rollo heruntergelassen, steht er wieder am Fenster und es hört sich an wie: „Ich war verwirrt, ihr seid ja Deutsche, ihr könnt bleiben“.
Wirklich so war es! Wobei ich heute nicht sagen kann, ob es Deutsch, Englisch oder was auch immer war.
Er dreht sich um, winkt und wankt in seinen Verschlag auf dem Firmengelände. Mittlerweile wissen wir: Es ist eine Kelterei. Nur wenige Minuten später hören wir den Mann in seinem Kabuff laut schnarchen.

Aufgewühlt kommen wir erst einmal nicht zu Ruhe.

Die Hunde verlassen uns auch irgendwann, als seien sie aus weiter Ferne gerufen worden.
Es wird dunkel und ganz, ganz still und so verbringen wir doch noch eine wirklich ruhige Nacht.

Und obwohl wir am nächsten Morgen wirklich früh aufstehen: der Mann ist schon verschwunden, vielleicht arbeiten, vielleicht bei den Schafen, die gegenüber auf dem Hang stehen. Wir hätten uns gerne bedankt.

In Teil 7 erzählen wir euch von den Zigeunern, bevor wir uns Biertan und Malmkrog anschauen.

Teil 1 : Temeswar
Teil 2 : Die Burg von Eisenmarkt und die mystischen Daker
Teil 3 : In Karlsburg eine orthodoxe Taufe
Teil 4 : Im Freilichtmuseum Rumänien 
Teil 5 : Hermannstadt
Teil 6 : Verschneite Pässe und Hobbits
Teil 7 : Lustig ist das Zigeunerleben
Teil 8 : Biertan und Malmkrog, erste Kirchenburgen
Teil 9 : Schäßburg ohne Dracula
Teil 10: Die mutigen Frauen von Deutsch-Weißkirch
Teil 11: BESUCH BEI KÖNIGIN MARIA
Teil 12:  SO SCHÖN IST KEIN ANDERES SCHLOSS
Teil 13: AKTIVE VULKANE
Teil 14: ich schick dich in die Walachei!
Teil 15: Prejmer und das Weltkulturerbe
Teil 16: Traumberuf Burghüter
Teil 17: Die Bären sind los
Teil 18: Absturz in der Bicaz Schlucht
Teil 19: Voronet in der Bukowina 
Teil 20: Sucovita, Moldovita und die längste Seilbahn Rumäniens
Teil 21: Alt und Neu in Maramures
Teil 22: Kann ein Friedhof fröhlich sein?
Teil 23: Fakten und Fazit: Lohnt eine Reise nach Rumänien?

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3 Gedanken zu „Rumänien – Von Gebirgspässen, einem Unfall und der Planänderung“

  1. Hallo,
    nochmals vielen Dank für euren schönen Reisebericht. Ich freue mich jeden Morgen auf den neuen Teil. Es ist eine schöne Reisevorbereitung für mich. Die Vorfreude steigt täglich:-)
    Mich würde die internetseite interessieren, auf der man sich über die Straßenverhältnisse informieren kann. Könnt ihr mir die mal verraten?
    Lieber Grüße aus Hamburg,
    Sabine

  2. Das mit dem Pass ist mir dort auch schon passiert, mitten im Juli!!
    Unten waren es knapp 30 Grad und oben 3 Meter hoch Schnee, so das wir 200 m vor dem Pass wieder umdrehen mussten.

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